In Kürze:
- Am 4. November 2001 erschien „Harry Potter und der Stein der Weisen“ auf den Kinoleinwänden – wenige Jahre nach der Veröffentlichung des gleichnamigen Romans.
- Obwohl die Geschichte des Zauberers fiktiv ist, bieten die lebensnahen Herausforderungen der Hauptfiguren den jungen Lesern die Möglichkeit, sich mit ihnen zu identifizieren.
- Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Jung und Alt gleichermaßen von der Magie von Hogwarts profitieren.
- So zeigt eine Studie, dass die Harry-Potter-Romane Kinder allgemein zum Lesen anregte und sie motivierte, auch schwieriger Bücher in die Hände zu nehmen.
Ich erinnere mich an jenen Tag, als unsere Deutschlehrerin mit einem dicken Stapel Papier in unser Klassenzimmer kam. Was folgte, waren keine Klausuren, sondern das Lesen eines frisch erschienenen Romans: „Harry Potter und der Stein der Weisen“ von J. K. Rowling.
Unsere Lehrerin war so begeistert von der Fantasy-Geschichte mit dem Brille tragenden und Zauberstab schwingenden Jungen, dass sie weder Kosten noch Mühen scheute und kapitelweise ihr gekauftes Exemplar kopierte. Für die meisten aus meiner Klasse waren Hogwarts und die Welt der Zauberei völlig fremd – und dennoch zogen sie einige von uns in ihren Bann.
Fast 30 Jahre später ist Harry Potter ein fester Bestandteil der Literatur und der Gesellschaft geworden. Auch vielfache Kritik an der Autorin und am Thema Hexerei konnte die Magie anscheinend nicht brechen. Noch immer begegnet mir diese Zauberwelt im Alltag – sei es durch begeisterte Fans mit Tätowierungen, Notizbüchern und T-Shirts oder dem berühmten Quidditch als Sportart an Universitäten.
Eines hat sich jedoch in all der Zeit nicht verändert: Menschen allen Alters lesen bis heute in ihrer Freizeit die in zahlreichen Neuauflagen erschienenen Romane. Doch warum ist das so und warum ziehen die Geschichten vor allem junge Leser reihenweise magisch an?
Die Magie in den Augen der Kinder
Aussagen wie „Potters Zauberspruch verwandelt Kinder in Bücherwürmer“ sorgten bereits 2005 für Schlagzeilen. Ob das wirklich stimmt, wollten britische Forscher elf Jahre später im Rahmen einer Studie herausfinden¹. Dafür befragten sie über 600 Kinder aus englischen Grund- und Sekundarschulen zu ihrer Begeisterung für Harry Potter.
Mehr als die Hälfte der Kinder gab dabei an, mindestens eines der Bücher gelesen zu haben. In persönlichen Gesprächen mit den eifrigsten Lesern untersuchten die Forscher weiter, ob die Harry-Potter-Romane die Einstellung der Kinder zum Lesen positiv veränderten. Dies ist angesichts der deutschlandweiten Kritik an der mangelnden Lese- und Schreibkompetenz von Kindern und Jugendlichen noch immer ein brandaktuelles Thema.
Die Befragung ergab, dass Harry Potter tatsächlich über alle Klassenstufen hinweg einen Großteil der Kinder dazu inspirierte, mehr zu lesen. „Vorher habe ich das Lesen gehasst. Aber nach Harry Potter habe ich dann angefangen, auch andere Sachen zu lesen“, gab eine Siebtklässlerin an.
Während für die meisten Kinder die Bücher leicht lesbar waren, erweiterten andere durch das Nachschlagen unbekannter Begriffe ihren Wortschatz. Ein Aspekt fiel den Forschern jedoch besonders positiv auf: Ein Teil der Kinder erlangte mehr Selbstvertrauen und Motivation. So spornte Harry Potter einen Teil der Kinder an, auch andere, teils dickere und anspruchsvollere Bücher dieses Genres zu lesen, in deren Mittelpunkt Fantasie, Magie und Abenteuer standen.
Ob Harry Potter im Speziellen die Lesekompetenz der Kinder verbesserte, ist offen. Für viele Eltern und Pädagogen ist der vermehrte Griff des Nachwuchses zu Büchern dennoch ein kleiner Erfolg.
Eine fremde, bekannte Welt
Auch wenn Alraunen, Basilisken und Phönixe zunächst vielleicht unbekannt sind, finden die jungen Leser schnell einen Zugang zur Zauberwelt. Denn übernatürliche oder magische Geschichten wie Märchen verzaubern die Leser schon von klein auf, was nachweislich mit der Förderung ihrer Kreativität einhergeht².
Doch vor allem ist die Geschichte des jungen Zauberers eine fantasievolle Spiegelwelt für junge Schüler. Wie im echten Leben gibt es in der Zauberschule von Hogwarts den Klassenrüpel und seine Verbündeten sowie die Besserwisser, Klassenclowns und (un-)sympathischen Lehrer.
Die jungen Leser werden eines Tages neben Klausuren auch mit größeren Prüfungen wie Trauer, Einsamkeit und Mobbing konfrontiert. Harry Potter und seine Freunde Hermine Granger und Ron Weasley gehen aufgrund ihres Charakters auf ganz eigene Weise mit diesen Herausforderungen des Lebens um, wodurch ihre persönliche Entwicklung zu einem Vorbild für die jungen Leser wird.
Außerdem stellen die Romane das klassische Bild von Gut und Böse infrage. So stellen sich böse und übellaunige Charaktere im Laufe der Geschichte als gutherzige Beschützer heraus, wodurch die Kinder lernen, Annahmen zu hinterfragen und Meinungen zu revidieren. Verpackt werden diese auch im realen Leben existierenden Erlebnisse mit Humor und Abenteuern mit leichtem Gruseleffekt durch riesige Spinnen, dreiköpfige Hunde und den geisterhaften, bösen Lord, dessen Name nicht genannt werden darf.
Geschichten für Körper und Seele
Dass besonders Bücher bei der Entwicklung und Verfeinerung des Charakters gut sind, zeigen immer wieder Untersuchungen. So hilft regelmäßiges Lesen, Menschen mehr Empathie entgegenzubringen oder ihnen zu verzeihen – zwei wichtige Eigenschaften für ein friedliches Miteinander³.
Welchen Einfluss das Lesen von magischen Geschichten auf das Gehirn hat, zeigt auch eine deutsche Studie aus dem Jahr 2015⁴. Forscher der Freien Universität Berlin um Ulrike Altmann ließen hierfür ihre erwachsenen Probanden verschiedene Textstellen aus den Harry-Potter-Büchern lesen.

Der jüngste Roman „Harry Potter und das verwunschene Kind“ erschien 2016 in Deutschland und spielt 19 Jahre nach dem Ende der Haupthandlung des letzten Buchs.
Foto: Anthony Wallace/AFP via Getty Images
Bei Passagen, in denen magische Ereignisse beschrieben wurden, entdeckten die Forscher eine stärkere neuronale Aktivierung bei den Testpersonen. Dabei waren vor allem jene Bereiche des Gehirns betroffen, die mit gesteigerter Aufmerksamkeit und der Verarbeitung von Emotionen verbunden sind. Die Forscher kamen daher zu dem Ergebnis, dass fantasievolle Texte die Leser besonders fesseln.
Vielleicht ergriff unsere Lehrerin vor fast 30 Jahren eine ähnliche Begeisterung, weshalb sie ihren Schülern die Zauberer-Geschichte weitergab. Damit ist sie nicht die Einzige, denn viele der frühen Harry-Potter-Fans haben inzwischen dieses Interesse auch bei ihren Kindern geweckt. Harry Potter hat damit wie die Hobbits aus „Der Herr der Ringe“ die Grenzen der Generationen überschritten und zieht noch heute groß und klein in seinen Bann.
Quellen:
[1] Dempster et al. (2016), doi.org/10.1007/s10583-015-9267-x
[2] Subbotsky et al. (2010), doi.org/10.2466/04.09.11.PMS.111.4.261-27
[3] Eekhof et al. (2021), doi.org/10.3389/fpsyg.2021.698986; Fletcher et al. (2026), doi.org/10.3389/fpsyg.2026.1968457
[4] Hsu et al. (2015), doi.org/10.1371/journal.pone.0118179














