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ifo-Geschäftsklima steigt: Wie stabil ist Deutschlands wirtschaftliche Erholung?


In Kürze:

  • Geschäftsklima verbessert: Der ifo-Index steigt im Oktober auf 90,2 Punkte. Die Unternehmen blicken zuversichtlicher auf die kommenden Monate, bewerten ihre aktuelle Lage aber schlechter.
  • Industrie mit Hoffnungssignalen: Erstmals seit mehr als drei Jahren fallen Lagebeurteilung und Erwartungen im Verarbeitenden Gewerbe wieder positiv aus.
  • Arbeitsmarkt profitiert kaum: Trotz des Wirtschaftswachstums rechnet die Bundesregierung mit sinkenden Beschäftigtenzahlen. Besonders deutlich zeigt sich der Stellenabbau in der Automobilindustrie.

 
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Oktober erneut verbessert. Der Geschäftsklimaindex des ifo Instituts stieg von 89,9 Punkten im September auf 90,2 Punkte. Besonders deutlich hellte sich die Stimmung in der Industrie auf. Allerdings beurteilen die befragten Betriebe ihre gegenwärtige Geschäftslage insgesamt etwas schlechter als im Vormonat.
Die neuen Zahlen von Montag, 26. Oktober, deuten darauf hin, dass die wirtschaftliche Erholung an Breite gewinnen könnte. Zugleich zeigen sie, wie unterschiedlich sich die einzelnen Wirtschaftsbereiche entwickeln. Während die Industrie zuversichtlicher wird, hat sich die Stimmung bei den Dienstleistern eingetrübt. Auch im Handel bleibt die Lage angespannt.
Die Umfrageergebnisse passen damit grundsätzlich zur Herbstprojektion der Bundesregierung, die für 2026 inzwischen ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent erwartet. Noch im Frühjahr hatte sie lediglich 0,5 Prozent prognostiziert. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht darin eine Bestätigung des wirtschaftlichen Erholungskurses. Die deutsche Wirtschaft befinde sich auf „Wachstumskurs“ und habe sich „als widerstandsfähiger erwiesen als erwartet“, heißt es in der Mitteilung ihres Ministeriums.

Der im Oktober veröffentlichte Konjunkturbericht des Wirtschaftsministeriums zeigt allerdings auch, dass die Erholung bislang nicht überall angekommen ist. Zwar stützen die staatlichen Ausgaben die Wirtschaft, jedoch ist das Exportgeschäft nach einem starken ersten Halbjahr im August den zweiten Monat in Folge rückläufig. Unternehmen halten sich zudem weiterhin mit größeren Investitionen zurück. Auch die Verbraucher geben ihr Geld eher vorsichtig aus.

Industrie meldet erstmals seit Jahren wieder positive Stimmung

Besonders auffällig ist die Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe. Dort stieg der ifo-Geschäftsklima-Saldo von minus 2,7 Punkten im September auf plus 1,2 Punkte im Oktober. Nach Angaben des Instituts mit Sitz in München drehten sowohl die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage als auch die Geschäftserwartungen erstmals seit mehr als drei Jahren wieder ins Plus.
Die befragten Industrieunternehmen meldeten zudem steigende Neuaufträge und planen, ihre Produktion auszuweiten. Damit gibt es neue Hinweise auf eine Belebung der Industriekonjunktur. Ob daraus ein dauerhafter Aufschwung entsteht, lässt sich aus den Stimmungsdaten allein jedoch noch nicht ableiten.
Wie unterschiedlich die Entwicklung bislang verlaufen ist, zeigen die jüngsten verfügbaren amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Demnach erhielten deutsche Industriebetriebe im August 10,6 Prozent weniger neue Aufträge als im Juli. Der starke Rückgang hat allerdings einen besonderen Grund: Im Juli hatten einzelne Unternehmen außergewöhnlich große Bestellungen erhalten, die im August ausblieben. Ohne solche Großaufträge gingen die Bestellungen lediglich um 0,1 Prozent zurück. Gleichzeitig stellten die Industriebetriebe laut Destatis im August 0,6 Prozent mehr Waren her als im Vormonat.
Das ist kein Widerspruch. Unternehmen arbeiten häufig noch Aufträge ab, die sie bereits Wochen oder Monate zuvor erhalten haben. Deshalb kann die Produktion steigen, obwohl weniger neue Bestellungen eingehen. Ob sich die wirtschaftliche Erholung verstetigt, hängt daher auch davon ab, ob Unternehmen regelmäßig neue Aufträge erhalten und wieder stärker investieren.

Großaufträge verzerren die Industriezahlen

Besonders deutlich zeigte sich dieser Effekt im sonstigen Fahrzeugbau. Nach außergewöhnlich hohen Bestellungen im Juli brachen die Auftragseingänge im August um 61,5 Prozent ein. Zum sonstigen Fahrzeugbau gehört unter anderem die Herstellung von Flugzeugen, Schiffen und Schienenfahrzeugen.
Aufschlussreicher ist deshalb der Dreimonatsvergleich, den Destatis ebenfalls in seiner August-Auswertung berücksichtigt. Von Juni bis August lagen die Industrieaufträge, einschließlich der Großbestellungen, um 1,3 Prozent über dem Niveau der vorangegangenen drei Monate. Ohne diese Aufträge ergibt sich dagegen ein Rückgang um 2,6 Prozent. Die laufende Nachfrage entwickelte sich somit schwächer, als es der Gesamtindex vermuten lässt.
Großaufträge können Betriebe und ihre Zulieferer über längere Zeit auslasten. Ein Auftrag für Schienenfahrzeuge oder Flugzeuge sichert beispielsweise nicht nur Arbeit beim Hersteller, sondern kann auch Unternehmen zugutekommen, die elektronische Bauteile, Maschinen oder technische Dienstleistungen liefern. Wie stark die deutsche Wirtschaft davon profitiert, hängt allerdings davon ab, welcher Teil der Produktion im Inland stattfindet. Werden zahlreiche Komponenten importiert, fällt die zusätzliche heimische Wertschöpfung geringer aus als der gesamte Auftragswert.
Zudem lässt sich aus der Statistik nicht durchgehend erkennen, ob die Bestellungen von staatlichen oder privaten Auftraggebern stammen. Aus den Zahlen kann daher nicht abgeleitet werden, in welchem Umfang öffentliche Beschaffungsprogramme die Industrieentwicklung tragen.

Auch das Baugewerbe beeinflusst die Produktion

Neben der Industrie sorgte im August eine ungewöhnliche Entwicklung im Baugewerbe für einen Anstieg der Produktionszahlen, so das Wirtschaftsministerium in einer Pressemitteilung vom 14. Oktober. Etwa die Hälfte des zweiprozentigen Zuwachses im Verarbeitenden Gewerbe im August entfiel auf das Ausbaugewerbe. Dazu gehören etwa Elektroinstallationen, Heizungs- und Sanitärarbeiten sowie andere Tätigkeiten beim Innenausbau von Gebäuden.
Das Ministerium hält diesen Anstieg teilweise für vorübergehend und rechnet mit einem möglichen Gegeneffekt im September. In seinem Bericht zur wirtschaftlichen Lage von Mitte Oktober heißt es dazu:
„Produktionsseitig ist für September mit einem Rückprall der Sonderentwicklung im Ausbaugewerbe zu rechnen.“
Der Produktionsanstieg im August lässt noch keinen Rückschluss auf eine dauerhaft steigende Bautätigkeit zu. Die jüngste ifo-Umfrage liefert allerdings ein positives Signal: Im Bauhauptgewerbe verbesserte sich das Geschäftsklima im Oktober von minus 17,0 auf minus 15,5 Punkte. Die Unternehmen waren zufriedener mit ihren laufenden Geschäften und blickten etwas zuversichtlicher in die Zukunft. Das Geschäftsklima bleibt dennoch negativ.
Gerade im Wohnungsbau spielen außerdem die Finanzierungskosten eine wesentliche Rolle. Höhere Kreditzinsen verteuern Bauvorhaben sowohl für private Haushalte als auch für Investoren. Selbst bei bestehendem Wohnraumbedarf können Projekte deshalb verschoben werden, wenn sich ihre Finanzierung nicht mehr wirtschaftlich darstellen lässt.
In der Industrie wird der Jobabbau nicht mehr so stark vorangetrieben wie zuletzt. (Archivbild)

In der Industrie wird der Jobabbau nicht mehr so stark vorangetrieben wie zuletzt. (Archivbild).

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Internationale Nachfrage bleibt unsicher

Für die deutsche Industrie ist das Geschäft mit dem Ausland besonders wichtig. Viele Unternehmen verkaufen ihre Maschinen, Fahrzeuge und chemischen Produkte weltweit. Gehen die Bestellungen aus anderen Ländern zurück, bekommen das auch deutsche Betriebe und ihre Beschäftigten zu spüren.
Die jüngsten Zahlen zeigen, dass die Nachfrage aus allen Regionen zurückgegangen ist. Nach Angaben von Destatis gingen die Bestellungen aus dem Ausland im August gegenüber Juli um 5,4 Prozent zurück. Aus den Ländern der Eurozone kamen ebenfalls 5,4 Prozent weniger Aufträge, aus anderen Ländern 5,5 Prozent weniger. Noch deutlicher fiel mit 17,3 Prozent der Rückgang der Bestellungen aus Deutschland aus. Allerdings beeinflussten außergewöhnlich große Einzelaufträge diese Monatszahlen erheblich.
Hinzu kommen wirtschaftliche Belastungen, die sich nicht allein durch eine steigende Nachfrage beheben lassen. Das Wirtschaftsministerium bezeichnet in seinem Konjunkturbericht Mitte Oktober von  Aussichten für eine „breit angelegte Belebung der Industriekonjunktur“ als „nach wie vor verhalten“. Die Schwierigkeiten betreffen damit nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Industrie insgesamt.

Zusätzlich belasten gestiegene Energiepreise die Unternehmen. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums waren Energieimporte im August 43 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Besonders für Industriebetriebe, die viel Energie benötigen, können solche Preissteigerungen zum Problem werden. Höhere Herstellungskosten lassen sich nicht immer an die Kunden weitergeben, ohne Aufträge an günstigere Wettbewerber zu verlieren.

Eine stärkere Nachfrage aus dem Ausland könnte der deutschen Industrie helfen. Ob die Unternehmen davon profitieren, hängt jedoch auch davon ab, ob sie ihre Waren zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten können.

Beschäftigung geht trotz Wachstum zurück

Auf dem Arbeitsmarkt dürfte von der wirtschaftlichen Erholung zunächst wenig zu spüren sein. Laut der Herbstprojektion soll die Zahl der Erwerbstätigen 2026 um 0,5 Prozent sinken. Auch für 2027 und 2028 rechnet die Regierung mit einem weiteren Beschäftigungsrückgang. Die Arbeitslosenquote soll laut Ministerium 2026 und 2027 bei jeweils 6,4 Prozent liegen.
Wie angespannt die Lage in Teilen der Industrie ist, zeigen die Zahlen der Automobilbranche. Nach Angaben von Destatis arbeiteten dort Ende Juni 2026 rund 691.500 Menschen. Das waren 42.300 Beschäftigte beziehungsweise 5,8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Im gesamten Verarbeitenden Gewerbe ging die Beschäftigung im selben Zeitraum um 2,7 Prozent zurück.
Der Stellenabbau kann auch Unternehmen treffen, die selbst keine Autos herstellen. Wenn Automobilkonzerne weniger Teile bestellen oder Arbeitsplätze streichen, bekommen dies etwa Zulieferer, Handwerksbetriebe und Dienstleister in den betroffenen Regionen zu spüren. Auch wenn die Industrie wieder mehr produziert, entstehen deshalb nicht zwangsläufig neue Arbeitsplätze. Betriebe können zunächst ihre vorhandenen Maschinen und Mitarbeiter stärker auslasten.
Für die Verbraucher erwartet die Regierung ebenfalls nur eine langsame Verbesserung. In ihrer Herbstprojektion heißt es, der private Konsum dürfte sich „trotz anhaltender Reallohnzuwächse“ zunächst „noch verhalten entwickeln“.
Als Grund nennt das Wirtschaftsministerium die gestiegenen Verbraucherpreise infolge höherer Energiekosten. Zwar bleibt vielen Beschäftigten nach Abzug der Inflation wieder etwas mehr von ihrem Einkommen. Die höheren Lebenshaltungskosten begrenzen jedoch weiterhin den Spielraum für größere Anschaffungen.

ifo-Zahlen machen Hoffnung – entscheidend bleibt die tatsächliche Entwicklung

Die weitere wirtschaftliche Entwicklung hängt auch davon ab, wie sich die internationalen Konflikte verlaufen. Reiches Ministerium wies bei der Vorstellung der Herbstprojektion ausdrücklich auf die Lage im Nahen Osten und in der Ukraine hin. Eine dauerhafte Lösung dieser Krisen, die auch niedrigere Energiepreise zur Folge haben könnte, würde „die Erholung beschleunigen“. Anhaltend hohe Rohstoff- und Energiepreise könnten dagegen Unternehmen und Verbraucher zusätzlich belasten.

Die Deutsche Bundesbank erwartet nach einer Stagnation im dritten Quartal wieder eine stärkere wirtschaftliche Entwicklung. In ihrem Monatsbericht vom Oktober geht sie davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal wieder „spürbar wachsen“ wird. Die schwächere Entwicklung im dritten Quartal führt sie vorwiegend auf vorübergehende Belastungen zurück, darunter das Niedrigwasser am Rhein, das Industrieproduktion und Warentransporte beeinträchtigte.

Die Oktober-Zahlen des ifo Instituts liefern neue Hinweise auf eine wirtschaftliche Erholung. Besonders die Industrie blickt wieder zuversichtlicher in die Zukunft. Ob daraus ein dauerhafter Aufschwung wird, muss sich allerdings erst in den tatsächlichen Auftragseingängen, der Produktion und den Investitionen zeigen. Für den Arbeitsmarkt bleibt entscheidend, ob die Unternehmen künftig nicht nur mit besseren Geschäften rechnen, sondern auch wieder zusätzliche Beschäftigte benötigen.

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