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Kreißsaal-Schließung im Krankenhaus – vier Hebammen finden neue Wege


In Kürze

  • Zum 30.September 2026 hat das Krankenhaus Heinsberg den Kreißsaal dicht gemacht.
  • Einige Hebammen haben sich mit einem innovativen Konzept neu ausgerichtet.
  • Sie bieten jetzt eine individuelle Begleitung von Beginn der Schwangerschaft.
  • Doch die bürokratischen und finanziellen Hürden wachsen für Hebammen.
  • Fast jede zweite Hebamme denkt ans Aufhören.

Es war ein trauriger Moment, als sich am 30. September 2026 die Tür der Geburtsstation des Städtischen Krankenhauses Heinsberg für immer schloss.
Am Zaun versammelten sich Familien mit ihren Kindern, um sich von den Hebammen zu verabschieden. Darunter waren nicht nur Mütter, die ihre Kinder erst kürzlich in Heinsberg zur Welt gebracht hatten. Es waren auch jene gekommen, die bereits vor vielen Jahren in Heinsberg das Licht der Welt erblickten – einige vor mehr als 40 Jahren.
Sie alle hatten selbstgebastelte bunte Herzen dabei, die mit ihrem Namen und dem Geburtsdatum beschriftet waren und befestigten diese am Zaun unterhalb der Geburtsstation. Dem emotionalen Abschied waren Proteste vorausgegangenen.

Herzen für die Hebammen am letzten Tag vor der Schließung der Geburtsstaion im Städtischen Krankenhaus Heinsberg.

Foto: Simone Maria Vossen

Versorgung sichergestellt

Die Klinik hat erklärt, dass die stationäre Versorgung im Kreis Heinsberg auch nach der Schließung der Geburtsstation sichergestellt bleibt. Das Hermann-Josef-Krankenhaus in Erkelenz soll als alternative Anlaufstelle dienen und über ausreichende Kapazitäten für zusätzliche Geburten verfügen.
Drei der bisherigen Heinsberger Beleghebammen kooperieren ab Januar 2027 mit dem Krankenhaus in Erkelenz. Julia Jansen, Laura Hahn und Brigitte Hülden bilden das neue Begleit-Beleghebammen-Team.
Das neue und innovative Konzept ist im Gegensatz zum früheren Dienstsystem im Heinsberger Krankenhaus auf Ganzheitlichkeit ausgerichtet.
Bislang mussten die Hebammen im Schichtdienst und in zugewiesenen Kreissälen freiberuflich arbeiten.  Jetzt setzt das Team auf eine ganzheitliche und individuelle Begleitung der Schwangeren.
Die werdenden Mütter können von Beginn der Schwangerschaft, über die Geburt bis zur Nachsorge im Wochenbett kontinuierlich von derselben Hebamme betreut werden. Die intensive 1:1-Betreuung schafft ein besonderes Vertrauen, erklärt Hebamme Julia Jansen. Und Hebamme Laura Hahn ergänzt:
„Es ist nicht egal, wie wir geboren werden.“
Bislang kam es im Krankenhaus Heinsberg je nach Dauer der Geburt und dem Takt des Dienstplans immer wieder zu stetigen Wechseln der Hebammen. Das soll mit dem neuen Konzept anders werden.
Besonders bei der Geburt, die für viele Frauen eine äußerst intime Erfahrung bedeutet, möchte das Team Geborgenheit spenden. Julia Jansen macht die Essenz des neuen Konzepts deutlich:
„Wir wollen die Frauen wieder in ihre eigene Kraft und Stärke bringen.“

Resilienten Kraft durch eine sanfte Geburt

Viele werdende Mütter sind oft verunsichert und trauen sich nur wenig zu, erklärt Jansen. Die Kraft, die während der Geburt von Mutter und Kind aufgebracht wird, kann bei späteren Herausforderungen zur resilienten Kraft werden, so das Hebammen-Team.
Monika Boylan, die zukünftig zwar nicht mehr in der aktiven Geburtshilfe arbeitet, stattdessen aber mit ihrer Erfahrung in der Hebammen-Praxis unterstützt sagt: „Der Schichtdienst hat mir irgendwann mehr zugesetzt“. Deshalb begrüßt sie das neu entwickelte Konzept der Begleit-Beleghebammen sehr.
Für Boylan ist die „sanfte Geburt“ nach Michel Odent einer der besten Wege in einer Klinik Geburtshilfe anzubieten. Das Konzept beschreibt, wie Natürlichkeit und Freiheit auch im Krankenhaus möglich sind. Es bewirkt zum Beispiel, dass Geburtsräume eine natürliche Atmosphäre ausstrahlten. Für Odent war es wichtig, ein Minimum an Eingriffen in den natürlichen Geburtsprozess anzustreben.

Vier Hebammen mit neuem Konzept (von l.): Julia Jansen, Monika Boylan, Brigitte Hülden und Laura Hahn.

Foto: Simone Maria Vossen

Krise als Chancen nutzen

Allerdings bringt das neue System der Begleit-Beleghebammen auch Kapazitätsgrenzen mit sich. Maximal können zwölf Schwangere Frauen pro Monat für die Geburtsbegleitung aufgenommen werden.
Die Kosten für die Rufbereitschaft müssen in Eigenleistung erbracht werden. Allerdings werden von einigen Krankenkassen die Kosten anteilig übernommen.
Wie das Städtische Krankenhaus Heinsberg blickt auch das Hermann-Josef-Krankenhaus Erkelenz auf eine lange Tradition in der Geburtshilfe zurück. Nun wird Erkelenz zum zentralen Ort der neuen Begleit-Beleghebammen. Laut Julia Jansen sei das erste Treffen mit dem bestehenden Hebammen-Team sehr freundlich und offen gewesen.
Die ehemaligen Heinsberger Hebammen kümmern sich auch um die ambulante und präventive Versorgung. Mit ihrer bereits seit vielen Jahren bestehenden Hebammenpraxis „Hebammen von Anfang an“, die Julia Jansen gemeinsam mit Monika Boylan gegründet haben, decken sie ein breites Portfolio an Unterstützung für die werdenden Mütter ab. Neben Akupunktur, Low-Level-Laser-Therapie und Kinesio-Taping ist die Praxis auch Treffpunkt für Austausch und Begegnung.

Der schwere Stand der Hebammen

Trotz der nervenraubenden gesundheitspolitischen Entwicklungen blickt das Team mutig und mit Tatendrang in die Zukunft. Mit ihrem neuen Weg wollen die Hebammen zeigen, dass Krisen auch als Chancen genutzt werden können.
Die vier Frauen setzen sich auch politisch für ihre Belange ein. Julia Jansen und ihr Team suchen kontinuierlich den Austausch mit den lokalen Parteiverbänden im Kreisgebiet. Ihr Anliegen ist es auch überregional auf die Missstände aufmerksam zu machen und aufzuklären. Dabei blicken sie auf eine langjährige Berufserfahrung zurück. Laura Hahn betont:
„Ich bin froh, überhaupt noch Geburtshilfe machen zu können.“
Hebammen hatten in Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder mit vielen Hürden zu kämpfen, wie beispielsweise stark ansteigende Haftpflichtversicherungen. Julia Jansen sagt: „Wir sind fast täglich mit bürokratischen Herausforderungen beschäftigt.“
Viele Hebammen hören wegen den wachsenden bürokratischen Hürden mit ihrer Arbeit auf und kehren der Geburtshilfe dauerhaft den Rücken, erklärt Julia Jansen. Eine bundesweite Studie der open data-Zukunftsstiftung in Essen und dem Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement an der Berliner Sigmund Freud Privatuniversität vom Oktober 2025 unterstreicht die Aussage. Sie zeigt, dass fast jede zweite der etwa 26.000 Hebammen in Deutschland ans Aufhören denkt.
Die dafür verantwortlichen Faktoren sind:
  • Kritische Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel der neue Hebammenhilfevertrag
  • Der schwierige Spagat zwischen Berufung und Belastung. 83 Prozent üben ihre Tätigkeit gerne aus; 51 Prozent klagen über zu viel Bürokratie und 35 Prozent bemängeln die hohen laufenden Kosten.
  • Schlechte Bezahlung: Das Durchschnittsbruttogehalt liegt bei rund 4.380 Euro monatlich.
Der Studienleiter Prof. Dr. Thomas Druyen erklärt:
„Ohne Hebammen keine Zukunft.“
Für Monika Boylan steckt hinter den verschlechterten Bedingungen eine Methode, den Berufsstand der Hebammen abzuschaffen. Für viele ist ihre Existenz bedroht. Der seit dem 1. November 2025 in Kraft getretene Hebammenhilfevertrag (HHV) sorgt für Unsicherheiten bei den Hebammen. In der klinischen Geburtshilfe und auch bei Beleghebammen drohen demnach Verdiensteinbußen von bis zu 30 Prozent.
Michelle Rump, Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen NRW erklärt: „Mit dem neuen Vertrag gehen viele freiberuflich tätige Hebammen in die Ungewissheit, ob sie weiterhin von ihrem Beruf leben können.“

Beruf ist Berufung

Für die Frauen aus dem Team ist ihr Beruf auch ihre Berufung. Doch das System macht es vielen jungen Hebammen zunehmend schwer, ihre Berufung leben zu können.
Julia Jansen wünscht sich, dass werdende Mütter zu Beginn der Schwangerschaft den Erstkontakt mit ihrer Hebamme haben. Weiterhin wünscht sie sich, dass sich niedergelassene Gynäkologen auch mehr öffnen und den Hebammen mehr Raum, Gewichtung und Mitgestaltung schenken.
Vielleicht kann das Beispiel der Heinsberger Hebammen für andere Kommunen eine nachhaltige Antwort auf die gesundheitspolitischen Veränderungen liefern – damit Versorgung kein Auslaufmodell wird.
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Zwischen Geburt und Sparzwang: Warum Hebammen Alarm schlagen


In Kürze:

  • Hebammen warnen, dass die neue Gesundheitsreform Personalmangel, Überlastung und überfüllte Kreißsäle zurückbringen könnte.
  • Dank besserer Finanzierung und zusätzlicher Stellen hatte sich die Lage in der Geburtshilfe zuletzt deutlich entspannt.
  • Nun drohen Sparmaßnahmen, ausgerechnet die zeitintensive Geburtshilfe zu treffen – mit Folgen für Hebammen und werdende Mütter.

 
Wenn bei einer Geburt etwas schiefläuft, denken viele an medizinische Komplikationen. Hebammen wie Maren Clausen denken vor allem daran, wie schnell Kreißsäle wieder an ihre Belastungsgrenzen geraten könnten.
Dabei hatte sich die Situation zuletzt spürbar entspannt. Nach Jahren des Personalmangels kamen mehr Hebammen in die Kliniken, Stellen wurden besser finanziert und viele Geburtsstationen konnten erstmals aufatmen. Auch Maren Clausen, die seit fast 20 Jahren in Schleswig-Holstein arbeitet, erlebte diese Entwicklung.
Mit der neuen Gesundheitsreform wächst nun jedoch die Sorge, dass die alten Probleme in der Geburtshilfe zurückkehren.

Effiziente Geburt: Die Logik der Reform

Denn während die Bundesregierung ihre erste große Sozialreform auf den Weg gebracht hat, befürchten Hebammen erneut Zustände, die sie längst überwunden glaubten: überfüllte Kreißsäle, fehlendes Personal und Frauen in den Wehen auf der Suche nach freien Betten. Die neue Gesundheitsreform soll die gesetzliche Krankenversicherung stabilisieren und Milliarden einsparen. Doch gerade in der Geburtshilfe wächst die Sorge, dass ausgerechnet dort gespart wird, wo Zeit und menschliche Präsenz lebensentscheidend sind.
Die Bundesregierung rechnet für das kommende Jahr mit einem Defizit von mehr als 15 Milliarden Euro in der gesetzlichen Krankenversicherung. Nina Warken will mit ihrem Beitragssatzstabilisierungsgesetz gegensteuern. Vorgesehen sind unter anderem höhere Medikamentenpreise, Einschränkungen bei der kostenlosen Familienversicherung, der Wegfall der Homöopathieerstattung und gedeckelte Vergütungen im Gesundheitswesen. Krankenhäuser, Arztpraxen und andere Leistungserbringer sollen finanziell künftig nur noch so stark wachsen dürfen wie die Einnahmen der Krankenkassen. Epoch Times berichtete.
Warken betont, dass alle Beteiligten zur Stabilisierung beitragen sollen – Ärzte und Krankenhäuser ebenso wie Pharmaunternehmen, Krankenkassen, Versicherte und Patienten. Im Gesetzentwurf heißt es, die Herausforderungen könnten nur in einer gemeinsamen Kraftanstrengung bewältigt werden. Kritiker, darunter auch Stimmen aus der SPD, sehen jedoch eine unausgewogene Lastenverteilung zulasten der Versicherten.

Sparpolitik im Kreißsaal

Doch die Sparlogik betrifft auch einen Bereich der Medizin, der sich nur begrenzt rationalisieren lässt. Geburten halten sich nicht an Dienstpläne, und Kinder kommen nicht nach Wirtschaftlichkeitsberechnungen zur Welt. Eine Geburtsstation muss rund um die Uhr Personal, Räume und Technik bereithalten – auch dann, wenn gerade wenig passiert. Deshalb galt die Geburtshilfe im stark ökonomisierten deutschen Gesundheitssystem lange als Problemfall: hohe Kosten, geringe Planbarkeit und vergleichsweise niedrige Erlöse.
Die Folgen waren über Jahre sichtbar. Kreißsäle wurden geschlossen. Vor allem auf dem Land verschwanden kleine Geburtsstationen. Hebammen arbeiteten unter Bedingungen, die viele heute nur noch mit bitterem Sarkasmus beschreiben.
„Es war nicht nur chaotisch und unberechenbar, wir gingen durch den hohen Arbeitsanfall ständig über unsere Kräfte“, sagt Maren Clausen über die Zeit vor rund zehn Jahren. Sie erinnert sich an Nächte, in denen eine Hebamme gleichzeitig drei oder vier Frauen betreute, an Schichten ohne Pause und an Frauen, die unter Wehen in andere Kliniken geschickt wurden, weil keine Kapazitäten mehr frei waren. Ein Gutachten des IGES-Instituts von 2022 bestätigte diese Zustände: Mehr als jedes dritte Krankenhaus musste zeitweise Schwangere abweisen. Dabei fordern Fachverbände seit Jahren eine Eins-zu-eins-Betreuung unter der Geburt.
Als zu Beginn der Corona-Pandemie die Geburtenrate stieg, verschärfte sich die Lage zusätzlich. Geburtsstationen arbeiteten teilweise „wie im Feldlazarett“, berichtete eine Ärztin der „Berliner Zeitung“. Krankenwagen fuhren mit Hochschwangeren von Klinik zu Klinik, weil Betten und Personal fehlten. Viele Hebammen verließen daraufhin den Beruf. Andere blieben, reduzierten jedoch ihre Arbeitszeit. Rund drei Viertel der Klinikhebammen arbeiten heute in Teilzeit.

Ein kurzer Aufschwung – und neue Unsicherheit

Erst in den vergangenen Jahren entspannte sich die Situation langsam. Der Hebammenberuf wurde akademisiert, die Zahl der Studienplätze deutlich erhöht. Vor allem aber änderte sich die Finanzierung. Hebammenstellen in Kliniken wurden aus einem Pflegebudget bezahlt, das unabhängig von Fallpauschalen funktionierte und damit nicht von der Zahl der Geburten abhängig war. Für viele Häuser bedeutete das erstmals verlässlich finanzierte Stellen statt permanenter Improvisation.
Die Wirkung war unmittelbar: mehr Bewerbungen, mehr fest angestellte Hebammen, weniger teure Leasingkräfte und höhere Gehälter. Viele Geburtsstationen konnten sich erstmals seit Jahren stabilisieren. Und genau diese Entwicklung steht nun wieder zur Disposition.
Denn das neue Spargesetz koppelt die Budgets enger an die Einnahmen der Krankenkassen. Wachsen diese nur begrenzt, wachsen auch die Mittel für Kliniken und Personal nur begrenzt. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) warnt deshalb vor einem Rückfall in alte Zustände. Die geplanten Kürzungen seien für DHV-Präsidentin Annika Wanierke „schlicht skandalös“. Sie gefährdeten die Existenz von Hebammen und damit auch die geburtshilfliche Versorgung. Bei freiberuflichen Hebammen sieht der Entwurf vor, Vergütungssteigerungen künftig an die Grundlohnrate zu koppeln und bis 2029 zu begrenzen – ein Einfrieren, das für viele ein Berufs-Aus bedeuten könnte.
Besonders heikel ist das, weil viele Hebammen den aktuellen Moment eigentlich als Wendepunkt erlebt hatten. Nach Jahren der Überlastung schien der Beruf wieder attraktiver zu werden. In einigen Kliniken wurden erstmals wieder Stellen ausgeschrieben, die Zahl der Angestellten stieg und nach einem Geburtenpeak in der Corona-Zeit sank die Geburtenrate 2025 im vierten Jahr in Folge auf den niedrigsten Stand seit 1946, was die Lage in vielen Kreißsälen kurzfristig entspannte.
Doch mit der geplanten Reform wächst erneut die Sorge vor einer Abwanderung aus dem Beruf.

Hebammen unter Effizienzdruck

„Die Politik sagt ständig, sie brauche mehr Fachkräfte“, sagt Clausen. „Aber gleichzeitig werden die Bedingungen so gedeckelt, dass viele irgendwann nicht mehr können.“ Maren Clausen kennt inzwischen viele junge Kolleginnen, die Konsequenzen ziehen: Einige wechseln in Teilzeit, andere wollen den Beruf ganz verlassen. Viele erinnern sich noch gut an die Jahre der Dauerüberlastung und wollen dorthin nicht zurück.
Das ist ein Widerspruch, der weit über die Geburtshilfe hinausweist. Denn die Gesundheitsreform folgt einer Logik, die viele Bereiche des Sozialstaats prägt: Stabilität soll über Effizienz erreicht werden. Leistungen müssen messbar, planbar und finanzierbar sein. Doch genau hier kollidiert die politische Logik mit der Realität der Geburt. Die Arbeit einer Hebamme besteht zu großen Teilen aus etwas, das in keiner Bilanz auftaucht, nämlich Anwesenheit.
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem, findet Clausen.
Für sie behandelt die moderne Gesundheitspolitik Versorgung zunehmend wie ein steuerbares System. Geburt sei jedoch kein industrieller Vorgang, sagt die erfahrene Hebamme. „Sie ist unberechenbar, körperlich, chaotisch. Sie folgt keiner Taktung.“ Gerade deshalb geraten Hebammen unter Druck. Ihre Arbeit lässt sich nur schwer in ökonomische Modelle pressen. In politischen Debatten taucht dieser Konflikt kaum auf. Dort geht es um Milliarden, Beitragssätze und Finanzierungsmodelle, während die Geburtshilfe oft zur Randnotiz wird.
Vor wenigen Wochen begleitete Maren Clausen eine Geburt in einem kleinen Krankenhaus an der Küste. Draußen peitschte Regen gegen die Fenster, drinnen lag eine Frau seit Stunden in den Wehen – keine Komplikationen, keine Notoperation, nur eine lange, intensive Geburt. Clausen blieb die ganze Nacht an ihrer Seite.
Für viele Hebammen ist genau diese Zeit der Kern ihrer Arbeit. Und genau sie könnte im Gesundheitssystem erneut knapper werden.