Während meiner langjährigen Tätigkeit als Dozent für Schreibkurse ließ ich die Schüler mehrmals ihre Metallklappstühle auf den kaum genutzten hinteren Parkplatz des Gebäudes tragen.
Dort ließ ich sie in einem großen Kreis Platz nehmen, mit dem Rücken zueinander und weit genug voneinander entfernt, um Flüstern zu verhindern. Gemäß meinen Anweisungen saßen sie 20 Minuten lang schweigend da und schauten geradeaus, ohne Augenkontakt zu den Klassenkameraden, ohne Handys, ohne Bücher und ohne Stifte und Papier. Sie betrachteten einfach nur den Wald rund um den Parkplatz oder das Gebäude. Wenn die Zeit um war, gingen wir wieder hinein, wo sie weitere 20 Minuten lang aufschrieben, was sie erlebt hatten.
Einige von ihnen verbrachten die Zeit mit Beten. Einige andere schmiedeten Pläne für das Wochenende oder blickten in die Zukunft und fragten sich, was der Schulabschluss wohl für sie bereithalten würde.
Jedes Mal gaben mindestens 50 Prozent der Schüler an, sich immens zu langweilen.
Das Dilemma: startklar für nichts
Leo Tolstoi definierte Langeweile in „Anna Karenina“ so: „Bald fühlte er, dass sich in seiner Brust der Wunsch der Wünsche regte – die Langeweile.“
Ein anonymer Autor fügte diese Wendung hinzu, um Langeweile zu veranschaulichen: „Es ist nicht langweilig, wochenlang am Stück zu Hause zu bleiben. Aber wie kommt es, dass der eine Sack Reis 48.356 Körner enthält und der andere 47.998?“
Das Wort „boredom“ entstand im Englischen erst im 19. Jahrhundert. Der früheste bekannte Beleg stammt aus dem Jahr 1829; Charles Dickens machte das Wort mit seinem Roman „Bleak House“ in den 1850er-Jahren literarisch bekannt. Doch der Zustand an sich ist uralt. Die Römer litten unter „taedium“ (lateinisch für: Überdruss, Verdrossenheit, Ekel), woraus sich das englische Wort „Tedium“ ableitet. Die frühen Christen gaben dem „taedium“ mit „acedia“ (altgriechisch für: „Sorglosigkeit“, „Teilnahmslosigkeit“) eine religiöse Wendung, die Langeweile mit Trägheit verbindet, einer der sieben Todsünden. Die Franzosen schenkten uns das Wort „ennui“, das die alltägliche Langeweile mit Müdigkeit verbindet.

Viele Menschen greifen bei Langeweile schnell zum Handy – und verpassen die Chance, hinter der Leere Neues zu entdecken.
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Wenn Hunde sich langweilen, schlafen sie oft ein. Wenn Menschen sich langweilen, beschweren sie sich. Der Sechsjährige, der jammert: „Mir ist langweilig“, ist nicht gerade glücklich, aber das gilt auch für den Teenager oder den alten Mann, denen es genauso geht.
Die Flucht ins Digitale
G.K. Chesterton schrieb in seinem Werk „Heretics“ dereinst: „Es gibt auf der Welt kein uninteressantes Thema; das Einzige, was existieren kann, ist ein uninteressierter Mensch.“
Trotz dieser grandiosen Fülle an interessanten Dingen ist ein gelangweilter Mensch blind für all das.
In unserem Zeitalter der Ablenkung durch Bildschirme hat die Langeweile etwas von ihrer Wucht verloren. Amerikaner checken ihre Handys durchschnittlich 186 Mal pro Tag. Rechnet man Computer zu dieser Statistik hinzu, verbringt der durchschnittliche Amerikaner täglich sechs Stunden und zwölf Minuten damit, sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit auf einen Bildschirm zu schauen – und in Deutschland sieht es nicht besser aus. Wenn uns die Langeweile lustlos und niedergeschlagen macht, können wir unser Handy zücken und mit einem Tastendruck dem Alltag entfliehen, um die Nachrichten zu verfolgen, ein Spiel zu spielen oder die neuesten Katzenvideos in den sozialen Medien anzuschauen.
Aber ist diese moderne Fähigkeit, Langeweile mit Bildschirmen zu vertreiben, zwangsläufig eine gute Sache?
Langeweile nach draußen zu verlagern
Die meisten Eltern kennen die Kindheitsbeschwerde „Mir ist langweilig“, besonders im Sommer, wenn die Schulen geschlossen sind. Heutzutage reagieren manche darauf, indem sie den Fernseher einschalten oder das Kind ein paar Spiele auf Mamas Handy spielen lassen. Dies löst zwar das unmittelbare Problem, ist aber laut Expertenmeinung bei häufiger und langfristiger Anwendung wahrscheinlich eine verheerende Lösung.
Andere Eltern reagieren auf „Es gibt nichts zu tun“ mit der traditionellen Drohung: „Oh, ich finde schon etwas, das du tun kannst“, was so viel bedeutet wie Unkraut im Garten jäten oder das Spielzeug im Wohnzimmer aufräumen. Diese Warnung mag hart erscheinen, kommt aber dem Kind zugute, das klug genug ist, den Hinweis seiner Mutter zu verstehen. Es findet etwas anderes zu tun, was kreatives Denken erfordert.
Jeff Gardner, Autor des kürzlich erschienenen Buches „Landscapes of Grace: Hiking, Faith, and Finding Yourself in the Wild“ (deutsch etwa: Pfade der Gnade: Vom Wandern, dem Glauben und dem Weg zu sich selbst in der Wildnis), betont, wie wichtig es ist, dass Eltern vorausschauend auf den Sommerblues eines Kindes reagieren. Gardner, selbst Vater von vier erwachsenen Kindern, ist seit Jahren Verfechter des freien und unbeaufsichtigten Spielens der Kinder draußen – sei es im Wald und auf Feldern oder auf einem kleinen Rasen im städtischen Hinterhof.
Struktur, Führung und viel Freiraum
Im Gespräch mit der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times sagte Gardner: „Langeweile braucht Struktur und Führung. Wenn wir passive Ablenkungen beseitigen, schaffen wir für unsere Kinder den Freiraum für aktive, bewegungsbezogene Tätigkeiten.“
Mit seinem Hinweis auf motorische Aktivitäten meint Gardner fantasievolles Spielen im Freien oder bei schlechtem Wetter, mit Spielzeug statt vor Bildschirmen im Haus.
„Die Langeweile sollte so strukturiert werden, dass Kinder einen Ausweg sehen, etwas zu tun“, sagte er. „Das ist – wie wir aus der Entwicklungspsychologie wissen – absolut entscheidend für ihre gesunde Entwicklung als Kinder und später als Erwachsene. Der größte unbeabsichtigte Schaden, den Helikopter-Eltern anrichten, ist die Unterhaltung. Schaffen Sie ihnen jene Struktur, die ihnen den Weg zu Aktivitäten ebnet, bei denen das Kind sich selbst oder mit anderen beschäftigt.“
Bewegungsreiche Aktivitäten im Freien – Spazierengehen, Gärtnern, Rasenpflege und so weiter – bieten auch Erwachsenen gesunde Möglichkeiten, Langeweile zu vertreiben. Ob sie jedoch die Fantasie beflügeln, wie manche glauben, ist weniger sicher.

„Mir ist so langweilig.“ – Der Impuls vieler Eltern ist meist Beschäftigung. Doch wer diesen leeren Moment aushält, gibt dem Kind Raum für eigene Kreativität.
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Langeweile als Geschenk erkennen
Langeweile wird oft als Nährboden für Kreativität bezeichnet, und das kann durchaus zutreffen, insbesondere in der Kindheit. Wenn Kinder wenig zu tun haben, ihnen aber Möglichkeiten geboten werden, können sie einfallsreich sein: Sie bauen sich Festungen im Wald, lernen neue Fußballtricks oder helfen sogar beim Plätzchenbacken oder bei der Zubereitung des Abendessens. Diese Erfahrungen fördern ihre Fantasie und ihre Fähigkeiten.
Für gelangweilte Erwachsene sind die Fluchtmöglichkeiten vielfältiger, aber nicht immer ebenso wirksam. In einer Flaute festzustecken kann dazu führen, dass aus zwei Gläsern Wein am Abend eine ganze Flasche wird, dass man sich dem Online-Glücksspiel zuwendet oder noch mehr Stunden als bildschirmabhängiger Stubenhocker verbringt. Ein langweiliger, mühsamer Job mag bei manchen Menschen kreatives Denken anregen, während andere sich dadurch geistig ausgelaugt und lethargisch fühlen.
Dennoch kann Langeweile, wenn man sich ihr bewusst stellt, unser geistiges und seelisches Wohlbefinden steigern. Arthur C. Brooks, Autor, Professor an der Harvard University und langjähriger Forscher zum Thema Glück, preist den Wert der Langeweile, wenn man ihr mit der richtigen Einstellung begegnet. Sie kann zu einem Weg der Besinnung werden, zu einer Reise ins eigene Ich, das so oft unter unseren digitalen Geräten und der Hektik des modernen Lebens begraben liegt.
Auf seiner Website schrieb Brooks: „Ich spreche oft von der Falle, Unbehagen aus unserem Leben verbannen zu wollen. Bei Langeweile ist das nicht anders. Wenn wir uns ständig ablenken, entgeht uns genau jener geistige Raum, in dem Einsicht und Reflexion entstehen. Die Wahrheit ist, dass Langeweile ein Geschenk sein kann. Eines, das die Tür zu tieferen Gedanken und einem klareren Sinnempfinden öffnet.“
Der Sinn im Unscheinbaren
Viele Menschen, die wie Brooks bereits Meditation oder Gebet praktizieren, brauchen keine Langeweile, um in Kontemplation zu gelangen. Sein Punkt ist, dass wir, wenn wir „in der Schlange stehen, im Stau sitzen oder auf einen verspäteten Flug warten“, dem, was sonst ein ärgerliches Ärgernis ist, Wert und Sinn verleihen können.
Funktioniert Brooks’ Mittel gegen Langeweile? Warum probieren Sie es nicht einfach aus und finden es heraus? Wenn Ihre Kinder das nächste Mal von Langeweile befallen sind, schicken Sie sie in den Garten, damit sie durch freies Spielen ihre Fantasie entfalten können. Nehmen Sie auch Ihre eigene Langeweile mit nach draußen und beobachten Sie, wie sie bei einem Abendspaziergang verschwindet. Wenn Sie in einer langen Schlange bei der Post festsitzen, denken Sie über Ihr Leben nach und über die Menschen, die Ihnen auf Ihrem Weg geholfen haben.
Sobald wir anfangen, nach Chestertons interessanten Themen zu suchen – sowohl in uns selbst als auch außerhalb von uns –, werden wir sie überall entdecken.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Got the Blahs? Boredom Can Be a Gift“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)





