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Von der Kindheit bis ins hohe Alter – wie unsere Träume mit uns reisen


In Kürze:

  • Aktiver Prozess: Träume sind keine Zufallsprodukte, sondern ein geordneter Vorgang, bei dem Logik und Vernunft pausieren.
  • Lebensbegleiter: Von kindlichen Urängsten über den Stress der Jugend bis zur Ruhe des Alters spiegeln Träume unsere psychische Entwicklung wider.
  • Wandel der Erinnerung: Häufigkeit und Vielfalt von Träumen erreichen ihren Höhepunkt im frühen Erwachsenenalter.

 
Früh am Morgen reiben wir uns die Augen. Eben noch war er gefühlt ganz nah, dieser Traum. Doch kaum sind wir vollständig aus dem Schlaf erwacht, beginnt er, sich zu verflüchtigen. Und bald, nach dem Aufstehen, ist er fast nicht mehr greifbar. Was wir soeben noch bildhaft und emotional nachhallend im Kopf hatten, entzieht sich nach kürzester Zeit unserer Erinnerung.
„Träume sind Schäume“, lautet ein volkstümliches Sprichwort, das bis zu den Brüdern Grimm zurückverfolgt werden kann. Doch gerade ihre flüchtige und schwer greifbare Natur macht sie seit Jahrhunderten zu einem Gegenstand besonderer Faszination. Auch die Wissenschaft versucht weiterhin, herauszufinden, was im schlafenden Gehirn geschieht und wie sich das Träumen im Kielwasser des Lebensflusses fortentwickelt.
So verändern sich die flüchtigen Nachtbilder im Laufe eines Lebens auf bemerkenswerte Weise. Was ein Kind träumt, unterscheidet sich grundlegend von dem, was einen älteren Menschen nachts „beschäftigt“. Die Wissenschaft bezeichnet dies als Kontinuitätshypothese. Erstmals 1971 formuliert, besagt sie, dass unsere Träume das widerspiegeln, was wir im Wachleben wahrnehmen und empfinden. Wer im Urlaub entspannt, sieht Sonne und Sand. Wer sich im Berufsleben sorgt, wird im Schlaf ins Büro versetzt. Was uns tagsüber bewegt, taucht nachts wieder auf – und so wandelt sich das Traumleben mit jedem Lebensabschnitt.

Das schlafende Gehirn ist hoch aktiv

Rund ein Drittel des Lebens verbringen wir schlafend, einen großen Teil davon träumend. Jede Nacht durchläuft unser Gehirn mehrere Schlafzyklen. Dazu gehören vier bis sechs REM-Phasen, die sogenannten „Rapid Eye Movements“, in denen sich die Augen im Schlaf schnell hin und her bewegen, die übrigen Muskeln aber zum Schutz wie gelähmt sind, während das Gehirn auf Hochtouren arbeitet.
In erster Linie bietet der REM-Schlaf die Bühne für lebhafte, emotionale und bisweilen bizarre Träume. Forscher vermuten, dass die geschlossenen Augen den visuellen Szenen im Traum „folgen“. Doch auch im Nicht-REM-Schlaf träumen wir, nur dass es dann nicht von außen beobachtbar ist.
Was beide Zustände gemeinsam haben: Träume entstehen, wenn hintere Bereiche der Großhirnrinde aktiv bleiben, während der präfrontale Kortex, zuständig für rationales Denken und Selbstkontrolle, heruntergefahren ist. Das erklärt, warum Träume so selten logisch sind – und warum sich darin sogar konkrete Inhalte ablesen lassen.
Die Aktivierung ähnlicher Netzwerke wie im Wachzustand erklärt außerdem, warum geträumte Gesichter, Räume oder Bewegungen oft täuschend real erscheinen. Sicher ist: Träumen ist ein aktiver, geordneter Prozess, den die Forschung heute in Hirnscans sichtbar machen kann.

Unterschiedliche Schlafphasen werden in einem sogenannten Hypnogramm dargestellt. Hier folgt auf die Wachphase (W) etwas Leichtschlaf (N1), unterbrochen von erneutem Wachwerden, schließlich Tiefschlaf (N3) sowie REM-Schlaf (R).

Die Schlafphasen sind von charakteristischen Hirnwellenmustern geprägt (v.o.l.n.u.r). Leichter Schlaf (N1): Kurz nach dem Einschlafen geht das Gehirn zu Theta-Wellen (4–7 Hz) über; Übergangsphase (N2): Zu Theta-Wellen gesellen sich sogenannte Schlafspindeln (rot unterstrichen) und K-Komplexe; Tiefschlaf (N3): Delta-Wellen (0,1–4 Hz) mit hoher Amplitude treten in den Vordergrund; REM-Schlaf (R): Gehirnwellen ähneln dem Leichtschlaf, ergänzt durch schnelle willkürliche Bewegungen der Augäpfel (1–4 Hz, rot unterstrichen). Die Diagramme umfassen jeweils 30 Sekunden, EEG-Daten durch roten Kasten hervorgehoben.

Foto: ts/Epoch Times nach MrSandman/Wikimedia Commons/gemeinfrei

Eine traumhafte Reise durchs Leben

Die Grundlagenforschung zum kindlichen Träumen geht auf den Schlafforscher David Foulkes zurück, der von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre systematisch untersuchte, wie Kinder träumen. Seinen Erkenntnissen zufolge sind die Träume der Kleinsten vergleichsweise schlicht. In ihnen kommen Tiere, statische Objekte und einfache Handlungen vor. Auch sorgen Monster und dunkle Gänge häufig für bedrohliche Szenarien. Doch das ändert sich im Laufe der Entwicklung rasch. Kinder träumen anders als Erwachsene – intensiver, ängstlicher und oft in Wiederholungen.
Michael Schredl, wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim, vermutet, dass Kinder im Verlauf ihrer psychischen Entwicklung den Umgang mit Furcht erst lernen müssen. „Das kleine Kind schreit, wenn es Angst hat und schon sprechen kann, nach der Mutter oder dem Vater.“
Je älter das Kind werde, desto mehr sei es selbst beim Umgang mit Angstgefühlen gefordert. „Diese Fähigkeiten zur Selbstständigkeit treten dann natürlich auch im Traum auf. Die Studienlage zeigt, dass im Mittel die Alptraumhäufigkeit ab dem 10. Lebensjahr abnimmt. Welche Bilder für Ängste gewählt werden, ist sehr variabel. Träume sind sehr kreativ, besonders wenn es um die Erzeugung von Angstgefühlen beim Traum-Ich geht.“
Mit der Pubertät verändern sich diese Muster erneut. In dieser Zeit passiere natürlich viel im Körper, aber auch in der Psyche. Hormonelle Einflüsse und körperliche Veränderungen, Beziehungen zum anderen Geschlecht und auch Leistungsanforderungen beeinflussen die allgemeine Befindlichkeit – und auch die Traumwahrnehmung. So durchleben Teenager im Traum beispielsweise Stresssituationen aus dem Schulalltag, familiäre Konflikte oder den ersten Liebeskummer.

Was die Forschung misst

Auch der kanadische Schlafforscher Tore Nielsen untersuchte diese Auswirkungen, unter anderem dokumentiert in einer der größten Studien auf diesem Gebiet. Knapp 29.000 Teilnehmer im Alter von 10 bis 79 Jahren füllten einen detaillierten Fragebogen aus. Das Ergebnis war eindeutig: Die Häufigkeit des detaillierten Traumerlebens und die Erinnerung daran steigen von der Jugend bis ins frühe Erwachsenenalter und nehmen danach kontinuierlich ab.
Ebenso schwindet die Vielfalt der Traumthemen linear mit dem Alter, wie die Forschungsergebnisse zeigten, bei Männern früher als bei Frauen. Die gewonnenen Erkenntnisse basierten allerdings ausschließlich auf der Selbstauskunft der Probanden, ohne Schlaflabormessungen. Nielsen selbst wies darauf hin, dass der Rückgang der Traumerinnerung stärker ausfällt, als es die biologischen Veränderungen des REM-Schlafs allein erklären könnten. Offenbar spielen neben dem Schlaf auch psychologische und lebensstilbedingte Faktoren eine Rolle.
Im Erwachsenenleben werden Träume in der Regel etwas alltäglicher. So neigen Erwachsene dazu, häufiger vom Zuspätkommen zu träumen, oder sie suchen vergeblich etwas, das sie dringend brauchen. Dabei handelt es sich um klassische Alltagsfrustrationen, die sich, entsprechend der Kontinuitätshypothese, direkt aus dem Wachleben speisen. Im hohen Alter berichten viele Menschen dann von sogenannten weißen Träumen. Sie erinnern sich zwar daran, geträumt zu haben, können aber, unabhängig von dem, was sie geträumt haben, kaum noch Inhalte benennen.

Träume bewusst erleben

Grundsätzlich ist es jedoch möglich, Träume vollständig zu erinnern und ins menschliche Bewusstsein zu integrieren. Schlafmediziner empfehlen dafür einfache Rituale. Schon wenige Stichworte in einem Traumtagebuch, direkt nach dem Aufwachen, können ausreichen, um Muster sichtbar zu machen, wie zum Beispiel das Benennen wiederkehrender Orte oder Situationen aus dem Alltag. So werde es möglich, sich mit den Träumen auseinanderzusetzen und ihnen, im Falle eines Albtraums, vielleicht den Schrecken zu nehmen.
Es lässt sich zudem direkt in den Ablauf und Inhalt von Träumen eingreifen. Bei diesem Phänomen handelt es sich um luzides Träumen. Der Schlafende macht sich durch ein wenig Übung gezielt bewusst, dass er träumt, indem er sich jeweils am Tage wiederholt fragt, ob er wach ist oder träumt. Diese Strategie geht nach einer Weile automatisch ins Traumerleben über. Schredl empfehle das luzide Träumen gerne Menschen, die ausloten wollen, was das eigene Bewusstsein leisten und wie man es vertiefen kann.

Vom vergangenen und geträumten Abschied

Im Alter werden die Träume der meisten Menschen entspannter. „Das hängt mit der Lebensqualität zusammen: Wenn das Älterwerden im Wachzustand entspannt ist, sind es die Träume auch.“ Aber es gebe auch Ausnahmen. So können sich auch 20 Jahre nach der Pensionierung noch vereinzelt stressige Berufsträume einstellen. Hier rät Schredl: „Es empfiehlt sich, von vorneherein in jungen Jahren einen Job zu suchen, der Spaß macht und nicht mit einer Dauerbelastung verbunden ist.“
Zum Ende des Lebens nimmt das Träumen wiederum noch einmal eine besondere Qualität an. So träumen Menschen im Hospiz häufig vom Abschied, von Reisen oder von Begegnungen mit längst Verstorbenen.
Der Schlafforscher der Universität Mannheim sieht darin weder Zufall noch bloße Romantik. „Auch hier gilt, dass die Träume alles aufgreifen, sowohl den konstruktiven Umgang mit der Begrenztheit des Lebens als auch die Ängste im Alltag. Das kann ein wichtiger Hinweis sein: Die Qualität der Träume kann anzeigen, ob ein Mensch vermehrt emotionale Unterstützung für seinen Weg braucht.“ So bleibt das Träumen ein lebenslanger und bedeutungsvoller Begleiter, mit viel Raum für eine bewusste und begleitende Gestaltung, bis zuletzt.

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