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Eine einstige Ruine im Einklang mit Stein, Wasser und einer frischen Brise

An den sonnigen Ufern des Flusses Guadiana in Andalusien, wo Spanien und Portugal aufeinandertreffen, steht ein außergewöhnliches Haus – das „Piedra y Agua“, was wörtlich übersetzt „Stein und Wasser“ bedeutet. Dieses kompakte, markante Refugium ohne Innentüren schafft eine meisterhafte Balance zwischen lebendig gewordener Geschichte, den klaren Linien des zeitgenössischen iberischen Designs und einer vom Fluss geprägten Lebensweise.
Das Haus befindet sich in Sanlúcar de Guadiana, einem Dorf mit etwas mehr als 400 Einwohnern, dessen Geschichte seit jeher vom Wasser geprägt ist. Als erster geschützter Ankerplatz landeinwärts des Atlantiks diente Sanlúcar als wichtiger Treffpunkt für Seeleute und Reisende. Über Generationen hinweg entschieden sich viele von ihnen, hier dauerhaft anzulegen und sich niederzulassen. Dadurch schufen sie nicht nur eine einzigartige Kultur, sondern auch eine tiefe Verbindung mit dem Fluss.
Für Olga, die Eigentümerin der Immobilie, ist das Projekt der Höhepunkt einer jahrzehntelangen Liebesbeziehung zum Fluss. Nachdem sie jahrelang mit dem Boot den Guadiana bereist und an seinen Ufern übernachtet hatte, sehnte sie sich nach einem dauerhaften Rückzugsort. Der perfekte Platz dafür schien ihr in den verfallenen Steinruinen eines alten Grenzpostens der Guardia Civil aus dem 19. Jahrhundert, der einst zur Überwachung des Flussverkehrs und zur Bekämpfung lokaler Schmuggler diente.
Für ihr Projekt beauftragte die Besitzerin zwei Architekturbüros: das in Sevilla ansässige Zurita Studio sowie das in Madrid und Padua tätige Kalibra Arquitectura. Statt das Gebäude historisch zu restaurieren, wurde die 150 Jahre alte Steinruine als strukturelles Gerüst genutzt. Die Steinmauern bilden das tragende Element und definieren die Grundfläche des Hauses. Das nicht nur optisch raue Mauerwerk des historischen Wachturms prägt Licht, Raum und den Charakter der zeitgenössischen Sanierung im Inneren des Gebäudes.
Dieses Zusammenspiel aus rauer, historischer Fassade und stilvoller Innenausstattung folgt einer konsequenten „Ökonomie der Mittel“. Trotz des begrenzten Budgets entstand so eine überzeugende Verbindung von historischer Bausubstanz und zeitgenössischer Gestaltung. Mit poetischem Pragmatismus haben sich die Architekten dem Kreislaufprinzip verschrieben: Wiederverwertung, Zurückhaltung und kreative Neuerfindung.
Die Materialpalette ist sorgfältig aufeinander abgestimmt. Aus der ursprünglichen Ruine wurden verwitterte Dachbalken aus Kiefernholz ausgebaut und zu einer schwebenden Treppe sowie minimalistischen Küchenelementen verarbeitet. Ein weicher, sandfarbener Mikrozement fließt nahtlos über die Böden und erhebt sich zu Arbeitsplatten, integrierten Spülbecken und offenen Duschwannen, wodurch eine ruhige, einheitliche Fläche entsteht.
Vor diesen sauberen, durchgehenden Flächen kommt die Struktur lokaler Handwerkskunst besonders gut zur Geltung. Eine großformatige, geflochtene Lampe aus Espartogras hängt eindrucksvoll von der hohen Kiefernholzdecke herab. Neben dem alten, freiliegenden Mauerwerk schaffen ein antiker Holzschrank und zeitgenössische Werke eines argentinischen Malers einen stillen Dialog zwischen der Geschichte der Grenzregion und modernem kreativem Ausdruck.
Die vielleicht radikalste gestalterische Entscheidung bei „Piedra y Agua“ ist jedoch das, was fehlt: Das Haus verfügt über keine Klimaanlage. Im Süden Andalusiens, wo die Sommertemperaturen regelmäßig in die Höhe schnellen, wird stattdessen auf eine alte Methode der Raumkühlung gesetzt.
Die fast einen Meter dicken Steinmauern wirken wie ein Wärmespeicher, die tagsüber die Sonnenwärme aufnehmen und nachts langsam wieder abgeben. Eine schräge Dachlinie erhebt sich eindrucksvoll zum Fluss hin und bildet einen doppelt so hohen Raum im Inneren, wo warme Luft auf natürliche Weise verteilt und nach oben abgeleitet wird, weg von den Wohnräumen. Strategisch platzierte Querlüftung, versenkte Westfenster, die als struktureller Sonnenschutz dienen, sowie eine kühlende Brise vom Guadiana runden das Konzept ab.
Durch den Verzicht auf Innentüren und Wände entfaltet das Haus seinen Charme als fließende Abfolge von Gemeinschaftsräumen. Diese gehen nahtlos ineinander über und laden zu einem Leben in ständiger Verbundenheit mit dem Wasser, der Brise und dem wechselnden Licht der Grenzregion ein.
Letztendlich liefert die „Piedra y Agua“ ein überzeugendes Beispiel für folgende Erkenntnis: Die luxuriösesten Häuser der Zukunft sind vielleicht nicht solche, die mit Technologie vollgestopft sind. Vielleicht sind es eher jene, die das uralte Wissen dieser Gegend respektieren.
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Juanca Lagares und Ulrich Stockhaus
Dieser Artikel erschien im Original auf magnifissance.com unter dem Titel „A House Without Doors: Embracing Stone, Water and River Breeze“. (redaktionelle Bearbeitung: sua)
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