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Wasserstoff für Deutschland: Zwischen Milliardenförderung und wirtschaftlicher Realität


In Kürze:

  • Zehn-Punkte-Plan: Mit Fördermilliarden will das Wirtschaftsministerium den Wasserstoffausbau anschieben. Hohe Produktionskosten und fehlende Abnehmer bremsen bislang den Markt.
  • Ausbauziele in weiter Ferne: Im September 2026 waren Elektrolyseure mit einer Leistung von 0,18 Gigawatt in Betrieb – gegenüber dem bisherigen Ziel von mindestens 10 Gigawatt bis 2030.
  • Finanzielle Risiken: Der Bundesrechnungshof beziffert das mögliche Verlustrisiko des Bundes beim Wasserstoffkernnetz in einem ungünstigen Szenario auf mindestens 18 Milliarden Euro.

 
Die Bundesregierung will den stockenden Aufbau der Wasserstoffwirtschaft beschleunigen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) stellte im Oktober 2026 ein Paket mit zehn Maßnahmen vor. Vorgesehen sind Milliardenhilfen für die Industrie, bessere Produktionsbedingungen und Anreize für Unternehmen, Wasserstoff einzusetzen.
Dass die bisherigen Pläne nicht wie erhofft vorankommen, räumt das Ministerium selbst ein. „Der Aufbau des Wasserstoffmarktes steht vor großen Herausforderungen und verzögert sich gegenüber bisherigen Erwartungen“, heißt es im Maßnahmenpapier.
Wasserstoff kann Kohle und Erdgas etwa bei der Stahlherstellung ersetzen und den Ausstoß von Treibhausgasen verringern. Wird er mithilfe von Wind- oder Solarstrom hergestellt, spricht man von grünem Wasserstoff. Auch Kraftwerke sollen ihn künftig nutzen, wenn Wind und Sonne nicht genügend Strom liefern.
Bislang ist grüner Wasserstoff allerdings teuer. Die Herstellungskosten lägen „noch deutlich über den Preisen für fossile Alternativen“ und damit über der Zahlungsbereitschaft zahlreicher potentieller Anwender, stellt das Wirtschaftsministerium fest. Viele Unternehmen warten mit Investitionen. Hersteller wiederum benötigen langfristige Abnehmer, bevor sie neue Anlagen bauen.

Milliardenhilfen sollen Investitionen ermöglichen

Die Bundesregierung plant, einen Teil der Mehrkosten zu übernehmen, wenn Betriebe auf klimafreundlichere Produktionsverfahren umstellen. Dafür sind bis zu 8,7 Milliarden Euro vorgesehen. Das umfasst neben Wasserstoff auch andere Verfahren zur Verringerung des CO₂-Ausstoßes. Mindestens 1,5 Milliarden Euro davon sind speziell dafür vorgesehen, um Unternehmen beim Umstieg auf Wasserstoff zu unterstützen.
Außerdem will die Bundesregierung den Absatz klimafreundlich hergestellten Stahls fördern. Geplant ist auch, Gaskraftwerke mit einer Gesamtleistung von 4 Gigawatt für eine spätere Umstellung auf Wasserstoff zu unterstützen. Dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) gehen die Pläne nicht weit genug. „Damit Wasserstoff günstiger wird, müssen wir ihn in deutlich größeren Mengen erzeugen und nutzen“, erklärte Hauptgeschäftsführerin Kerstin Andreae in einer Pressemitteilung. Die Vorschläge seien „zu zaghaft“.

Weit hinter den Zielen zurück

Bei der heimischen Wasserstoffproduktion fällt eine Änderung auf. In der „Fortschreibung der Nationalen Wasserstoffstrategie“ von 2023 hatte die damalige Bundesregierung angekündigt: „Das Ziel für heimische Elektrolysekapazität in 2030 wird von 5 GW auf mind. 10 GW erhöht.“
Elektrolyseure stellen Wasserstoff her, indem sie Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen. Im neuen Maßnahmenpapier taucht das Zehn-Gigawatt-Ziel nicht mehr ausdrücklich auf.
Wie weit Deutschland davon entfernt ist, zeigen Zahlen des BDEW vom September 2026. Von 169 erfassten Projekten waren erst 44 in Betrieb. Ihre Gesamtleistung betrug 0,18 Gigawatt – weniger als 2 Prozent des zuletzt für 2030 gesetzten Ziels. Weitere 27 Projekte mit insgesamt 1,27 Gigawatt befanden sich im Bau oder verfügten über eine finale Investitionszusage.
Bereits im Herbst 2025 hatte die Bundesregierung eine Anpassung ihrer Ausbauziele angekündigt. Im Februar 2026 bekräftigte Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel dies in einer Antwort auf eine Bundestagsanfrage des Abgeordneten Steffen Kotré (AfD). Demnach sollten die „bisherigen Ausbauziele für Elektrolyseure flexibilisiert werden und sich an konkreten Nachfrage-Projekten orientieren“.
Der Ausbau soll sich damit stärker nach der tatsächlichen Nachfrage richten. Ob die Bundesregierung weiterhin mindestens 10 Gigawatt bis 2030 anstrebt, bleibt unklar.

Leitungen entstehen – doch wo bleibt der Wasserstoff?

Parallel baut Deutschland ein eigenes Wasserstoffkernnetz auf, das künftig Fabriken, Kraftwerke und andere Großverbraucher versorgen soll. Nach Angaben der Bundesnetzagentur soll das ursprünglich genehmigte Netz 9.040 Kilometer umfassen. Rund 60 Prozent sollen durch den Umbau vorhandener Erdgasleitungen entstehen. Die zunächst veranschlagten Kosten betragen 18,9 Milliarden Euro.
Während erste Leitungen entstehen, gewährleisten diese keine Versorgung. Wasserstoff muss in ausreichenden Mengen produziert oder importiert werden. Außerdem sind Speicher nötig, denn grüner Wasserstoff wird mit erneuerbarem Strom hergestellt, dessen Verfügbarkeit vom Wetter abhängt. Industrieunternehmen benötigen dagegen eine möglichst gleichmäßige Versorgung. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums sollen Speicher deshalb Schwankungen bei Produktion und Importen ausgleichen. „Wasserstoffspeicher sichern hier gegen etwaige Ausfälle oder Verzögerungen ab“, heißt es dort.
Eine Möglichkeit sind unterirdische Hohlräume in Salzschichten, sogenannte Salzkavernen. Solche Speicher werden bereits für Erdgas genutzt. Nach einer Untersuchung des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) eignen sie sich grundsätzlich auch für Wasserstoff. „Was die technische Umstellbarkeit betrifft, gehen Studien davon aus, dass Kavernen aufgrund ihrer geologischen Voraussetzungen für die Speicherung von Wasserstoff grundsätzlich geeignet sind“, schreibt der Verband.
Die Umstellung wird derzeit praktisch erprobt. Bei anderen unterirdischen Speichern, etwa ehemaligen Erdgaslagerstätten, muss die Eignung standortbezogen geprüft werden. Auch technische Umbauten können erforderlich sein.

Das halbe Rückgrat fehlt

Die Bundesregierung bezeichnet das Wasserstoffnetz und die Speicher als „das infrastrukturelle Rückgrat des künftigen Wasserstoffmarktes“.
Wie viele zusätzliche Speicher Deutschland benötigt, ist aber nicht abschließend geklärt. Konkrete Ausbauziele nennt die Bundesregierung nicht. Stattdessen heißt es im Maßnahmenpapier: „Erforderliche Speicherkapazitäten und mögliche Förderbedarfe analysieren wir im Rahmen eines Gutachtens.“
Damit bleibt offen, in welchem Umfang der Bund den Bau neuer Speicher finanziell unterstützen wird. Der BDEW warnt vor Verzögerungen. „Wir riskieren, dass Netze, Nachfrage und Erzeugung zeitlich auseinanderlaufen“, sagte Andreae im September.
Für Unternehmen ist deshalb nicht allein der Anschluss an das Leitungsnetz entscheidend. Sie benötigen auch die Gewissheit, langfristig ausreichend Wasserstoff beziehen zu können.

Deutschland setzt auf Importe

Die Bundesregierung möchte einen großen Teil des künftig benötigten Wasserstoffs aus dem Ausland beziehen. Im Maßnahmenpapier heißt es: „Wir werden Wasserstoff in großen Mengen importieren.“ Dafür sollen Pipelines aus europäischen Nachbarstaaten und Schiffstransporte aus weiter entfernten Regionen genutzt werden. Ziel seien „kostengünstige und mengenmäßig große Importvolumina“.
Ob Importe tatsächlich günstiger sind als die heimische Produktion, hängt vom Transportweg ab. Das zeigt eine Untersuchung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) vom Oktober 2025.
Demnach könnte grüner Wasserstoff 2030 in Deutschland rund 200 Euro je Megawattstunde kosten. Für Pipelineimporte aus Europa oder Nordafrika errechneten die Forscher etwa 150 bis 170 Euro. Bei Schiffstransporten könnten die Kosten dagegen 250 bis 300 Euro erreichen.
Ursache sind unter anderem Energieverluste und zusätzliche Kosten, wenn Wasserstoff für den Schiffstransport umgewandelt und anschließend zurückgewonnen werden muss. Es handelt sich um Modellrechnungen, nicht um feststehende Preise.
Eines der ersten Importprojekt ist die Lieferung von Ammoniak aus Indien nach Deutschland ab 2029. Der aus Wasserstoff herstellbare Stoff kann unter anderem in der chemischen Industrie eingesetzt werden. Die Bundesregierung sichert die Vereinbarung nach eigenen Angaben mit 585 Millionen Euro staatlich ab.
Gleichzeitig will das Wirtschaftsministerium die heimische Produktion erleichtern. Dazu strebt es Änderungen europäischer Vorschriften für grünen Wasserstoff sowie günstigere Bedingungen bei den Stromnetzentgelten an. Letztere beeinflussen die Herstellungskosten erheblich.

Was bedeutet das für die Industrie?

Die Bundesregierung verbindet mit dem Wasserstoffausbau industriepolitische Ziele. Sie will die „Zukunftsfähigkeit ganzer Wertschöpfungsketten und die Wettbewerbsfähigkeit des industriellen Kerns in Deutschland“ sichern. Ob die Förderungen dafür ausreichen, bleibt abzuwarten.
Für Unternehmen ist entscheidend, zu welchen Preisen Wasserstoff langfristig verfügbar sein wird. Der Fraunhofer-Exzellenzcluster CINES hat dazu Berechnungen vorgelegt. In einer Studie vom Juli 2026 ermittelten die Forscher für 2035 Bezugskosten von 4,41 bis 8,43 Euro je Kilogramm für industrielle Abnehmer. Darin enthalten sind Herstellung, Transport und Speicherung.
Für Kraftwerke liegen die berechneten Kosten mit 8,77 bis 15,16 Euro je Kilogramm höher. Ein Grund ist ihre möglicherweise unregelmäßige Wasserstoffabnahme, wodurch sich Infrastrukturkosten auf geringere Mengen verteilen. Auch diese Ergebnisse sind Modellrechnungen. Die Auswirkungen des jetzt angekündigten Maßnahmenpakets wurden darin nicht untersucht.

Milliardenrisiko für den Bund und den Bürger?

Auch die Finanzierung des Wasserstoffnetzes birgt Risiken. Nach dem Finanzierungskonzept der Bundesnetzagentur sollen Netzbetreiber ihre Kosten grundsätzlich über Gebühren der Nutzer decken.
Damit diese für die ersten Abnehmer nicht zu hoch ausfallen, hat die Bundesnetzagentur ein begrenztes Hochlaufentgelt festgelegt. Was fehlt, finanziert die staatliche Förderbank KfW per Darlehen vor. Dieses soll später ausgeglichen werden, wenn mehr Unternehmen das Netz nutzen.
Geht diese Rechnung nicht auf, könnte der Bund finanziell belastet werden. Der Bundesrechnungshof beziffert das staatliche Risiko auf mindestens 18 Milliarden Euro, falls der Wasserstoffmarkt scheitert, das KfW-Darlehen von 24 Milliarden Euro vollständig abgerufen wurde und noch keine Rückzahlungen erfolgt sind. Es handelt sich um ein mögliches Verlustszenario, nicht um bereits entstandene Kosten.
Welche Folgen hat das für private Haushalte? Das Maßnahmenpapier enthält keine Berechnungen zu möglichen Auswirkungen auf Strom- oder Gasrechnungen. Ein Fraunhofer-Kurzgutachten vom Oktober 2025 beziffert die Kosten für die Nutzung des Wasserstoff-Fernleitungsnetzes auf einem untersuchten Transportweg ohne Zwischenspeicherung auf rund 1,59 Cent je Kilowattstunde. Hinzu kommen Kosten für Herstellung und Verteilung.
Aus diesem Einzelwert lässt sich allerdings keine künftige Gasrechnung für Privathaushalte ableiten. Auch die finanziellen Folgen des Maßnahmenpakets für Verbraucher bleiben damit offen.
Am Ende bleibt festzuhalten: Die Bundesregierung will Milliardenhilfen bereitstellen. Ob damit der Durchbruch gelingt, ist ungewiss. Die bisherigen Ausbauzahlen zeigen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Entscheidend wird sein, ob Wasserstoff künftig in ausreichenden Mengen, zuverlässig und zu wirtschaftlich tragbaren Preisen verfügbar ist. Daran muss sich das neue Maßnahmenpaket messen lassen.