Vor sechs Jahren durchquerte der Spitzensportler Jonas Böhlmark die Ostsee mit dem Stand-Up-Paddleboard (SUP). Eine 280 Kilometer lange Reise, die ihn 43 schlaflose Stunden kostete. Alle seine Fingernägel verfärbten sich blau, einer fiel ihm sogar aus. Im darauffolgenden Jahr beschloss er, mit seinem Freund Axel Bergsten bis zur russischen Grenze Ski zu fahren.
Die Reise verlief jedoch nicht ganz so, wie sie es geplant hatten. Aufgrund von Pandemie-Beschränkungen mussten sie nach 43 Tagen umkehren. Es war eine Reise von fast 1.200 Kilometern, von Grövelsjön im Westen Schwedens nahe der norwegischen Grenze bis nach Karesuando im Norden in den schwedischen Bergen, nahe der Grenze zu Finnland.
Der Hintergrund seiner Reisen
Die Reise war nicht in erster Linie eine körperliche Herausforderung, sondern diente dazu, das Bewusstsein für psychische Erkrankungen zu schärfen und das Stigma rund um die bipolare Störung abzubauen. Die Krankheit wurde bei ihm im Alter von 19 Jahren diagnostiziert.
Bei einer bipolaren Störung können Betroffene zwischen manischen und depressiven Phasen wechseln. In manischen Phasen fühlen sie sich oft ungewöhnlich energiegeladen, stark und leistungsfähig – manchmal sogar so, als könnten sie alles bewältigen. In depressiven Phasen hingegen können Energie, Antrieb und Ausdauer nahezu vollständig verschwinden.
Nach seinem Abenteuer in Richtung russischer Grenze begann er, an seinem Buch zu schreiben. Er nannte es „Die bipolare Bibel“ – ein ehrliches und offenes Buch darüber, wie es sein kann, an einer bipolaren Störung zu erkranken und damit zu leben. Das Buch ist eine autobiografische Erzählung über sein Leben, seine bipolare Störung und seinen Weg ins Abenteuer.
Ein Buch wie ein Weg
Anhand seiner eigenen Erfahrungen möchte er zeigen, dass die Krankheit nicht das Leben eines Menschen bestimmen muss. In dem Buch verwebt sich die Geschichte seiner Krankheit mit seinen sportlichen Leistungen und Abenteuern. Manie, Depression, Psychosen, Training, Medikamente und Selbstbeherrschung werden Teil derselben Erzählung. Für Jonas ist körperliche Aktivität nicht nur eine Freizeitbeschäftigung – sie ist auch zu einem Weg geworden, sich besser zu fühlen und die Kontrolle zurückzugewinnen.
Das Buch nahm Gestalt an, als Jonas sich selbst in einer intensiven Lebensphase befand. Seitdem ist es gemeinsam mit seinen Abenteuern gewachsen. Das Ziel ist es, Menschen zu erreichen, die selbst mit einer bipolaren Störung leben, sondern auch Angehörige und andere, die verstehen möchten, wie es ist, mit dieser Erkrankung zu leben.
Er erklärt:
„Viele Menschen, die mit einer bipolaren Störung leben, haben ein sehr schweres Leben. Ich möchte zeigen, dass es trotzdem möglich ist, ein erfülltes und aktives Leben zu führen. Viele sagen, sie seien bipolar, aber ich halte das für eine falsche Ausdrucksweise. Man sollte sich nicht mit seiner Krankheit identifizieren. Ich habe eine bipolare Störung, aber ich bin nicht meine Krankheit.“
Das Buch entstand in den Jahren 2021 und 2022 und wurde auch ins Englische und Spanische übersetzt. Nach seinem jüngsten Abenteuer, welches internationale Aufmerksamkeit erregte, sollte dies relevant werden.
Sein längstes Abenteuer
Im September 2022, noch bevor sein Buch einen Verlag gefunden hatte, begab sich Jonas zusammen mit seinem Freund Axel auf das, was sein längstes Abenteuer werden sollte. Die Reise begann in Lyngen, hoch im Norden von Norwegen. Der Plan war, nach Süden in Richtung Treriksröset zu laufen, am Dreiländereck zu Schweden und Finnland. Der Plan war, nach Süden in Richtung Treriksröset zu laufen und dann den Torne-Fluss mit dem Stand-Up-Paddleboard bis nach Haparanda zu befahren.
Nach einiger Zeit nimmt die Reise eine Wende: Axel kehrte nach Hause zu seiner Familie und seiner Arbeit zurück. Was als gemeinsames Abenteuer begann, setzte Jonas nun alleine fort. Seine Reise führte ihn weiter nach Helsinki, der Hauptstadt Finnlands, weiter nach Tallinn, der Hauptstadt von Estland, dann nach Malmö, ganz im Süden von Schweden und wieder nach Norden, nach Mora, in Mittelschweden und Kiruna in Nordschweden, bis nach Narvik, einer Hafenstadt an der norwegischen Nordatlantikküste. Er lief, er radelte und er paddelte.
Danach entstand die Idee, mit dem SUP die Küste Europas entlang bis nach Gibralter zu paddeln, dem Tor zu Afrika, der einen Seite der Säulen des Herakles, wie man die europäischen und afrikanischen Felsen beidseits der Meerenge in der Antike nannte. Die Reise dauerte gut drei Jahre. Es gab nur leichtes Gepäck und geschlafen wurde unter freiem Himmel.
„Dieses Abenteuer hat mir sehr gutgetan. Es hat mir geholfen, meine bipolare Störung unter Kontrolle zu halten. Die tägliche körperliche Aktivität, der Aufenthalt im Freien und die klaren Routinen waren für mich wie Medizin. Ich musste in diesen Jahren keine Schlaftabletten einnehmen.“
Doch Jonas wollte noch weiter, weiter in Richtung Afrika, immer weiter nach Süden paddeln, an der Westküste Marokkos entlang.
Die Frage der Frau in Sagres
Jonas hatte sich schon vorbereitet und das meiste besorgt, was man für so eine Reise braucht. Er sah ein weiteres langes Abenteuer vor sich. Doch dann, irgendwo unterwegs, begann er sich zu fragen, warum er eigentlich weitermachte. Es ging schon nicht mehr nur um die Freude am Paddeln, sondern immer mehr darum, etwas zu tun, was noch niemand zuvor getan hatte.
Schließlich beschloss er, eine Pause einzulegen. Er erkannte, dass er nicht wollte, dass es nur noch darum ging, anderen etwas zu beweisen. Er wollte es doch um seiner selbst willen tun.
Diese Erkenntnis hängt mit einer Frage zusammen, die ihm eine Frau in Sagres in Portugal gestellt hatte: „Was würdest du tun, wenn du niemandem etwas beweisen müsstest?“
Die Frage ließ ihn nicht mehr los. Jonas liebt es nach wie vor, auf seinem SUP zu stehen und zu paddeln. Aber das muss nicht bedeuten, dass jede Reise länger, schwieriger oder extremer sein muss als die vorherige.

Jonas Böhlmark möchte das Stigma rund um die bipolare Störung abbauen. In „Die Bipolar-Bibel“ teilt er seine persönlichen Erfahrungen und zeigt Wege aus der Krise auf.
Foto: Privat
Die Magie der Natur erleben
Es gibt andere Dinge, die ihm wichtig sind.
„Die Morgenstunden haben etwas Besonderes an sich. Man wacht auf, baut sein Lager ab und weiß, dass der ganze Tag noch vor einem liegt. Dann schnappt man sich sein SUP, geht hinunter zum Wasser und stellt sich auf das Brett. Wenn ich auf das SUP steige, passiert etwas in meinem Körper. Alles wird ruhig, und ein fast schon magisches Gefühl stellt sich ein. Das erlebe ich nun schon seit mehreren Jahren.“
Für Jonas ist körperliche Aktivität einer der wichtigsten Faktoren für sein Wohlbefinden. Er beschreibt die letzten Jahre als eine Zeit, in der es ihm sehr gut ging und er keine schwerwiegenden Episoden hatte. Das Training wird zu einer zusätzlichen Medizin und zu einem Weg, sich von schlechten Phasen zu erholen und mehr Kontrolle über sein Befinden zu erlangen.
„Bewegung tut jedem gut, aber für Menschen mit einer bipolaren Störung ist sie besonders wichtig. Ich würde mir wünschen, dass Ärzte den Betroffenen körperliche Aktivität verschreiben – und zwar nicht nur einmal pro Woche. Wenn es einem schlecht geht, muss man sich anstrengen und jeden Tag trainieren. Als Angehöriger ist es gut, wenn man dabei hilft, da es schwierig sein kann, aus eigener Kraft den ersten Schritt zu machen.“
Doch das Training ist nicht das Einzige, was Jonas als entscheidend hervorhebt.
Die eigenen Schwächen meistern
Mindestens ebenso wichtig ist die Selbstkontrolle. In seinem Buch beschreibt er, wie sich der manische Zustand als enorme Freude – als brennender Energieschub – anfühlen kann, aber dass er letztendlich zu nichts Gutem führt. Wie eine Droge, die einen dazu bringt, verheerende Entscheidungen zu treffen, mit denen man dann leben muss.
„Bei der Selbstbeherrschung geht es darum, das zu tun, von dem man weiß, dass man es tun muss, auch wenn man keine Lust dazu hat. Egal, wie müde ich bin, ich nehme jeden Abend meine Medikamente ein. Das ist in etwa so wie Zähneputzen. Man tut es, weil man weiß, dass es wichtig ist. Ich weiß, dass Alkohol nicht gut für mich ist, und deshalb trinke ich nicht.“
Sowohl das Buch als auch die Abenteuer sind für Jonas eine Möglichkeit, die bipolare Störung zu normalisieren. Ein bisschen so, wie Diabetes sich von einem Stigma zu einer Krankheit gewandelt hat, die jeder kennt.
„Die Menschheit ist wirklich wunderbar“
Als ich ihn frage, was die wichtigsten Erkenntnisse sind, die er während seiner Abenteuer gewonnen hat, bekomme ich eine unerwartete Antwort. Es geht nicht um körperliche Leistungen oder tiefe Einsichten über sich selbst – sondern um die innewohnende Güte anderer Menschen.
„Die Menschheit ist wirklich wunderbar. Ich habe ganz Westeuropa bereist. Ich bin langsamer unterwegs gewesen als die meisten anderen. Überall begegne ich freundlichen, guten und hilfsbereiten Menschen.“
Jonas stand in den letzten Jahren durchschnittlich vier bis sechs Stunden täglich auf seinem SUP. Sein Gepäck passt in einen wasserdichten Beutel, den er auf dem Brett mitnimmt. Kein Neoprenanzug, kein Notruftelefon, kein Begleitboot, das überprüft, ob es ihm gut geht – und keine Sponsoren.
Keine sichtbaren Sponsoren zu haben, ist eine bewusste Entscheidung von Jonas. Das erschwert seine finanzielle Situation erheblich und verschafft ihm weniger Medienpräsenz. Aber gleichzeitig schafft es Freiheit. Er muss weder Bilder noch Ergebnisse liefern noch sich danach richten, was andere von ihm erwarten.
Ohne Netz und doppelten Boden
In erster Linie geht es bei dieser Entscheidung um Jonas’ Beziehung zur Natur. Während seiner Abenteuer hat er Jahre damit zugebracht, Tag und Nacht im Freien zu verbringen. Die Natur ist ihm mittlerweile so nah, dass sie sich fast lebendig anfühlt. Wenn er sich um die Natur kümmert, wird sich die Natur auch um ihn kümmern. Er reagiert sehr empfindlich auf Müll und findet es widersprüchlich, die Natur zu nutzen, um Marken zu stärken, die eine Konsumgesellschaft unterstützen.
Jonas’ Abenteuer ist in vielerlei Hinsicht gefährlich. Ohne Begleitboot ist er alleine auf seinem SUP. Sollte etwas passieren, gibt es niemanden, der schnell zu Hilfe eilen könnte. Es gibt nur ihn selbst und die Natur.
Die Ausrüstung muss solange durchhalten, wie es nur geht. Das Board wurde schon so oft repariert, dass die Flicken mittlerweile ein Teil davon geworden sind. Derzeit schläft er in zwei kaputten Schlafsäcken, die einander ergänzen müssen. Ein Zelt besitzt er nicht. Stattdessen schläft er unter freiem Himmel, oft an Stränden oder in Waldgebieten.
Es ist ein spartanisches Leben ohne Dinge, die sonst selbstverständlich sind. Die Beschaffung von Essen, Wasser, Schlaf und einem Platz zum Schlafen wird Teil der Tagesplanung.
„Vier Jahre auf Reisen haben mir eine Perspektive auf Menschen eröffnet, denen man in den Nachrichten nicht so oft begegnet.“
Er hat oft Hilfe von fremden Menschen erhalten, und wenn er krank wurde, ging diese Hilfe manchmal über einen Teller Essen oder ein repariertes Brett hinaus. Zweimal, als er im Krankenhaus operiert wurde, sind Menschen, die er kaum kannte, zu seinen Freunden geworden und haben ihm ihr Zuhause geöffnet. In Frankreich wohnte er etwa zwei Monate lang bei einer 63-jährigen Frau und ihren Freunden. Für Jonas sind solche Begegnungen ein Beweis dafür, dass das Bild vom Menschen, das in den Nachrichten oft vermittelt wird, nicht die ganze Wahrheit ist.
Dieser Eindruck verstärkte sich noch in Gegenden, in denen die Menschen selbst echten Hunger erlebt haben und aus eigener, körperlicher Erfahrung wissen, wie es ist, in einer prekären Lage zu sein.
Eine wichtige Sache, die man beachten sollte, wenn man an einer bipolaren Störung leidet ist – und das gilt auch für alle Menschen –, sich um seine Beziehungen zu kümmern. Während meines Abenteuers habe ich sehr viele nette Menschen kennengelernt.
Diese Beziehungen sind zu einem großen Teil des Abenteuers geworden. Als er sich auf den Weg machte, ging es anfangs vor allem um die eigene Leistung, doch nach mehreren Jahren auf den Straßen haben die Menschen, denen er begegnet ist, für ihn eine immer größere Bedeutung erlangt.
Vier Jahre auf Reisen haben Jonas Böhlmarks Lebenseinstellung verändert. Jetzt sind es Beziehungen, Natur und Freiheit, die ihm am wichtigsten sind.
Foto: Privat
Eine neue Sicht auf die Zukunft
Das ist auch etwas, das offenbar seine Vorstellung von dem verändert hat, was er in der Zukunft erreichen möchte. Bei einem Abenteuer geht es also nicht unbedingt darum, ständig den nächsten Schritt zu machen, weiter zu paddeln oder etwas zu tun, was noch niemand zuvor getan hat. Stattdessen sind es die Beziehungen, die wichtig geworden sind, und die Natur und die Möglichkeit, selbst über den eigenen Alltag zu bestimmen.
Nun bleibt die Frage, was er mit all dem anfangen soll, was er erlebt hat, und wie ein Leben nach dem Abenteuer aussehen soll.
Das Buch ist auch ein Teil davon. Doch es ist nicht sicher, dass Jonas’ „Bipolare Bibel“ zuerst auf Schwedisch erscheinen wird. Während seiner Reise entlang des europäischen Kontinents hat er große mediale Aufmerksamkeit erhalten. In Schweden wird er jedoch selten erwähnt. Jonas beschreibt, wie er heute auf dem Rückweg als Held empfangen wird, jetzt, wo er in Portugal paddelt und weiter nach Norden fährt.
Eigentlich möchte er nach Grövelsjön in Dalarna, Westschweden, zurückkehren und als Naturführer arbeiten oder Wildniscamps organisieren. Aber er hat Angst, dass er von seiner Leidenschaft nicht leben kann. Dank der öffentlichen Aufmerksamkeit rund um sein Rekordabenteuer wäre ein entsprechender Lebensunterhalt in Südeuropa möglich.
Nach vier Jahren des Reisens zu Land und Wasser hat er jedoch bisher nicht genug. Jonas spricht davon, so lange weiter zu paddeln, bis er einen Grund findet, sich niederzulassen. Vielleicht eine Frau, mit der er eine Familie gründen kann, oder etwas so Einfaches wie eine friedliche Arbeit an einem von Europas Stränden.
Es geht nicht mehr darum, etwas zu tun, was noch niemand zuvor getan hat, sondern darum, zu verstehen, was er eigentlich will.
Gleichzeitig hat das Abenteuer ihn grundlegend verändert. Nach über vier Jahren unter freiem Himmel ist das einfache Leben zur neuen Normalität geworden. Als wir miteinander sprechen, hat Jonas einen Schlafplatz unter einem Sonnenschirm an einem Strand in Südeuropa gefunden. Es ist spät am Abend, und ich höre, wie der Wind heult. Er hat keine Wohnung, in die er nach Hause gehen kann, und keinen Arbeitstag, der am nächsten Morgen auf ihn wartet. Nur das SUP, sein Gepäck und den morgigen Tag.
Der Artikel erschien im Original auf epochtimes.se unter dem Titel „Hans största upptäckt var människan“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)

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