Categories
ausland ticker

Dokumente: Spanischer Geheimdienst warnte vor Massenandrang von Migranten in Ceuta

Einen Tag vor dem Massenandrang von Migranten aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta hat es nun freigegebenen Berichten zufolge entsprechende Warnungen des spanischen Geheimdienstes und der Sicherheitsbehörden gegeben.
Wie aus den am 9. September von der spanischen Regierung freigegebenen 40 Dokumenten hervorging, informierte das Nationale Zentrum für Einwanderung und Grenzen (CENIF) der spanischen Polizei die Behörden am Vorabend der Ankunft von mehr als 70.000 Migranten über entsprechende Aufrufe von Migrantengruppen in Onlinenetzwerken.
Demnach wurde versucht, in der Nacht zum 29. Juli „Masseneinwanderungen zu organisieren“.

CENIF widerspricht Sánchez

Dem CENIF-Bericht zufolge reisten zwischen dem 1. und 28. Juli fast 1.000 Menschen aus Marokko an – nach den Worten der Behörde „ein drastischer Anstieg im Vergleich zum Vorjahr“ und „eine konsolidierte und vorrangige Bedrohung“.
In einer dringenden Mitteilung warnte den Unterlagen zufolge zudem der Geheimdienst CNI am Nachmittag des 29. Juli vor „mehreren Aufrufen zur Ausführung von Einreisen nach Ceuta“ in Facebook-Gruppen. Eine davon zählte demnach mehr als 160.000 Mitglieder.

Migranten warten am 2. September 2026 im Industriegebiet El Tajaral in Ceuta auf Lebensmittel, die von Freiwilligen der NGO „Luna Blanca“ verteilt werden. 5.000 bis 10.000 Menschen halten sich weiterhin in dem kleinen Gebiet mit einer Fläche von 18,5 Quadratkilometern und 80.000 Einwohnern auf, streifen auf der Suche nach Essen durch die Straßen und schlafen auf den Straßen und an den Stränden.

Foto: Antonio Sempere/AFP via Getty Images

Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte am Mittwoch, dass „angesichts der damals vorliegenden Informationen niemand die Migrationskrise hätte vorhersehen können“, die sich am 30. und 31. Juli ereignet habe.
„Keine zuständige Stelle hat dies getan – weder in Spanien noch in der EU“, schrieb Sánchez im Onlinedienst X. Auch habe er kein Dokument erhalten, das „handfeste Beweise dafür lieferte, dass Marokko den Vorfall geplant oder herbeigeführt hat“.

Opposition: „Regierung wusste über alles Bescheid“

Zweifel an Rabats Rolle hatten sich verstärkt, nachdem in der vergangenen Woche ein Polizeibericht an die Öffentlichkeit gelangt war.
Darin wurde auf die „Nachsicht“ der marokkanischen Sicherheitskräfte während der Krise hingewiesen. Die Beamten unternahmen demnach keinen ernsthaften Versuch, „die Menschenmenge im Grenzbereich zu verringern, aufzulösen oder wegzuschicken“.
Die Opposition wirft der Regierung nun vor, trotz Warnungen nicht gehandelt zu haben. Sie kritisiert sie zudem dafür, Marokko als mutmaßlichen Drahtzieher zu entlasten. „Die Regierung wusste über alles Bescheid, was geschah“, sagte Ester Muñoz von der konservativen Volkspartei (PP) Journalisten.
Sánchez‘ Regierung warf sie vor, über die Informationen verfügt zu haben. „Sie trägt die direkte Verantwortung für den Ansturm in Ceuta“, sagte sie.

Marokko, Algerien, Spanien – ein schwieriges Vehältnis

Am 30. und 31. Juli waren mehr als 72.000 Menschen zu Fuß oder schwimmend aus Marokko nach Ceuta gelangt. Die meisten kehrten kurz darauf zurück oder wurden zurückgebracht. Mindestens 91 Menschen kamen nach offiziellen spanischen Angaben ums Leben. Tausende Migranten harren weiterhin in Ceuta aus.
Nach den Vorfällen hatte es Spekulationen gegeben, dass Marokko die Menschen möglicherweise absichtlich durchgelassen habe – etwa aus Verärgerung über einen Besuch von Sánchez in Algerien im Juli.

Am 1. September 2026 entzünden Migranten ein Lagerfeuer zwischen ihren provisorischen Unterkünften, um die Nacht am Strand „El Trampolin“ in Ceuta zu verbringen.

Foto: Antonio Sempere/AFP via Getty Images

Marokko und Algerien liegen seit Jahrzehnten im Streit um die Westsahara. Marokko beansprucht die Region für sich und erhielt für diesen Anspruch im vergangenen Jahr auch die Rückendeckung des UN-Sicherheitsrats, während Algerien die Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario unterstützt.
2022 hatte Spanien seine langjährige Neutralität in der Westsahara-Frage aufgeben und sich bei dem Thema hinter Marokko gestellt. Deshalb könnte der kürzliche Besuch von Sánchez in Algerien nach Einschätzung von Beobachtern der marokkanischen Regierung aufgestoßen sein.
Die EU hatte Spanien am Mittwoch Nothilfe in Höhe von 114,7 Millionen Euro gewährt. Das Geld solle der Verbesserung der Grenzüberwachung sowie der Rückführung illegaler Einwanderer dienen und gleichzeitig die Aufnahmekapazitäten in Ceuta stärken, erklärte die EU-Kommission. Zudem sollen die Grenzschutzagentur Frontex, Europol und die Asylagentur der EU den Behörden vor Ort verstärkt helfen. (afp/red)

Leave a Reply

Your email address will not be published.