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Fachjournal zieht Studie zur Übersterblichkeit während Corona zurück


In Kürze:

    • Das BMJ hat eine Studie zur Übersterblichkeit in 47 westlichen Ländern zurückgezogen.
    • Die rund 3,1 Millionen zusätzlichen Todesfälle werden als Befund nicht infrage gestellt.
    • Kritisiert wurde vor allem eine einseitige Diskussion möglicher Ursachen wie Impfungen und Eindämmungsmaßnahmen.
    • Autorin sagte im Juni vor dem US-Kongress aus.

Das wissenschaftliche Fachjournal „BMJ Public Health“ hat eine Studie zur Entwicklung von Übersterblichkeit in der Zeit der Corona-Pandemie zurückgezogen. Dies vermerkte das Journal am Dienstag, 11. August, an der Stelle, an der sich der ursprüngliche Beitrag befunden hatte.
Bei diesem handelte sich um die Studie eines Forscherteams um Saskia Mostert. Die vorwiegend auf Kinderheilkunde und Gesundheitsmanagement spezialisierte niederländische Forscherin ist mittlerweile am VU University Medical Center in Amsterdam tätig. Eine ursprüngliche Fassung des zurückgezogenen Artikels ist nach wie vor online verfügbar.

Übersterblichkeit in den Corona-Jahren

Zur Begründung für die Zurückziehung erklärte die Publikation, der Artikel enthalte „irreführende Informationen in der Diskussion über die möglichen Ursachen der Übersterblichkeit“. Zudem habe die korrespondierende Autorin den „begrenzten Umfang der eigenen Forschungsleistung nicht ausreichend beschrieben“.
Die Studie unter Leitung Mosterts befasste sich mit der Entwicklung der Übersterblichkeit in den Corona-Jahren 2020 bis 2022 in 47 Ländern der westlichen Welt. Dabei gingen die Autoren von einer errechneten Übersterblichkeit von rund 3,1 Millionen Todesfällen aus. Der deskriptive Befund, nämlich, dass es in der Zeit der Pandemie eine erhebliche Übersterblichkeit gab, stellt „BMJ Public Health“ (BMJ) nicht infrage.
Die Studie wertete vorhandene Sterblichkeitsdaten aus und berechnete deren Abweichung von einer modellierten erwartbaren Sterblichkeit. Dabei bezog man sich unter anderem auf das sogenannte Schätzungsmodell von Karlinsky und Kobak für das World Mortality Dataset. Zudem griff man auf Daten von „Our World In Data“ zurück. Diese setzte man in Relation zu Daten eines Vergleichszeitraums der Jahre 2015 bis 2019.

Auffallend starke Betonung von Impfung und Maßnahmen

Im eigenen Diskussionsteil räumt das Forschungsteam mögliche Unschärfen und Unklarheiten hinsichtlich denkbarer Ursachen für die Entwicklung ein. Auch gab man zu bedenken, dass die Aktualität des Rohdatenbestandes nicht für jede Quelle zu jedem Zeitpunkt gleich sei. Zudem seien die Bevölkerungsstruktur und deren Entwicklung nicht in jedem der untersuchten Länder gleich.
In der Studie heißt es auch, ein nächster Forschungsschritt müsse darin bestehen, zwischen verschiedenen möglichen Ursachen zu unterscheiden. In diesem Kontext erwähnten die Autoren COVID-19-Infektionen, aber auch indirekte Folgen von Eindämmungsmaßnahmen und Impfungen.
In diesem Kontext wurden möglichen Schäden durch Eindämmungsmaßnahmen oder möglichen Impfnebenwirkungen ein aus Sicht mehrerer Kollegen auffallend breiter Raum gewidmet. Insbesondere führte das Papier zahlreiche Studien zu möglichen Impfnebenwirkungen an.

Kritik und Distanzierung als Folge

Bereits im Abstract hieß es, die Übersterblichkeit sei „trotz“ der Einführung von Eindämmungsmaßnahmen und COVID-19-Impfungen hoch geblieben. Dies gebe „ernsten Anlass zur Sorge“. Diese starke Betonung einer zeitlichen Koinzidenz erweckte vielfach den Eindruck, diese Faktoren seien eine wesentliche Erklärung für die beobachtete Übersterblichkeit.
Schon zeitnah nach der Veröffentlichung des Textes sah sich das BMJ dazu veranlasst, vor möglichen Fehlinterpretationen zu warnen. In einer „Expression of Concern“ hieß es, die Autoren der Studie hätten lediglich Trends im Bereich der Übersterblichkeit untersucht. Eine Ursachenanalyse hätte explizit nicht stattgefunden und deshalb belege die Arbeit auch keinen kausalen Zusammenhang zwischen Impfungen, Maßnahmen und Mortalität.
Wissenschaftler kritisierten bereits im Juni 2024 die Arbeit. So veröffentlichten Lone Simonsen und Rasmus Kristoffer Pedersen bei „CIDRAP“ einen Kommentar. Darin bemängelten sie eine aus ihrer Sicht einseitige Diskussion möglicher Impf- oder Maßnahmenfolgen. Aus ihrer Sicht habe die Mostert-Studie COVID-19 als Ursache der Übersterblichkeit in unzureichender Weise berücksichtigt.

Institutionelle Untersuchung der Studie

Außerdem sei die wissenschaftliche Eigenleistung gering. Ferner habe die Studie Literatur, die der eigenen Argumentation zupassgekommen sei, in irreführender Weise verwendet. Relevante Arbeiten zu alternativen Erklärungen habe man hingegen nicht ausreichend berücksichtigt. Simonsen und Pedersen argwöhnten, Studien wie diese sollten als „Trojanische Pferde“ in Fachjournalen untergebracht werden, um Desinformation zu normalisieren.
Eine institutionelle Untersuchung durch das Princess-Máxima-Zentrum in den Niederlanden, wo drei der vier Autoren der Studie arbeiteten, kam bezüglich der Eigenleistung zu ähnlichen Ergebnissen. So stammten die verwendeten Daten weitgehend aus bereits bestehenden Datenbanken und dem Karlinsky-Kobak-Modell. Auch hätten die Autoren das Ausmaß der Wiederverwendung von Daten nicht ausreichend transparent gemacht. Das Forscherteam räumte im Zuge der Untersuchung selbst ein, dass große Teile der Arbeit auf der Vorarbeit von Dritten beruhten. Plagiate oder Datenfälschungen habe es jedoch nicht gegeben.
Das BMJ kam am Ende zu dem Schluss, die Studie sei „unausgewogen, nicht hinreichend rigoros und teilweise irreführend“. Während einige Autoren der Zurückziehung zustimmten, gleichzeitig jedoch bestritten, dass die Arbeit Desinformation enthalte, lehnte Saskia Mostert sowohl die Entscheidung als auch deren Begründung ab.

Autorin sagte im Juni vor dem US-Kongress aus

Im Juni sagte sie vor einem Komitee des US-Senats aus zum Thema „Plausible Mechanismen von COVID-19-Injektionen als Ursache von Krebs sowie Angriffe auf wissenschaftliche Veröffentlichungen und Forschung“. Sie beklagte dabei einen angeblichen „Tunnelblick“ und „Zensurmaßnahmen“, um die „Toleranz für Vernunft und abweichende Stimmen“ zu verringern. Diese hätten die Debatte in Politik und Wissenschaft während der Corona-Pandemie geprägt.
Ihre Studie zur Übersterblichkeit habe „blinden und irrationalen Zorn” nach sich gezogen und eine behauptete Unterscheidung in „würdige und unwürdige Opfer“.
Institutionelle Reaktionen würden „zunehmend als Taktiken ‚offizieller Kanäle‘ genutzt werden, um diejenigen zu diskreditieren, zu intimidieren, zu isolieren und mundtot zu machen, die unwillkommene wissenschaftliche Fragen aufwerfen“. Dies habe zu ihrem Rücktritt vom Princess-Máxima-Zentrum in Utrecht geführt.