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Wendepunkt beim Gas: Preis bei 103 Euro – und Frost in Kürze?


In Kürze:

  • Die Füllstände der Gasspeicher sind in Deutschland und im EU-Schnitt kurz vor November so niedrig wie nie zu diesem Zeitpunkt.
  • Der europäische Gaspreis ist inzwischen dreistellig und steigt weiter.
  • Niedrige Füllstände verringern die tägliche Entnahmemenge – und schon vor Mitte November könnte die erste Frostwelle Deutschland erreichen.

 
Der durchschnittliche Füllstand der deutschen Erdgasspeicher liegt bei 61,35 Prozent (Stand: 30.10.2026). Das ist so wenig wie noch nie zu diesem Zeitpunkt im Jahr seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen im Jahr 2011. Gleichzeitig verzeichnete das Gasdatenportal AGSI einen Rückgang von 0,26 Prozentpunkten im Vergleich zum Vortag.
Auch die Gasspeicher aller EU-Staaten sind mit aktuell 74,77 Prozent im Schnitt so gering gefüllt wie noch nie zu dieser Zeit. Neben Deutschland haben zuletzt auch Frankreich, Österreich, Tschechien, Dänemark, Ungarn, Polen und die Slowakei mehr Gas aus ihren Speichern entnommen als in sie hineingefüllt.

In mehreren EU-Ländern sinken die Füllstände der Gasspeicher bereits wieder.

Foto: Bildschirmfoto/AGSI

Der Trend wechselt in diesen Tagen sichtbar vom Nettoeinspeichern hin zum Nettoausspeichern. Im EU-Schnitt ergab sich zuletzt ein Rückgang von 0,13 Prozentpunkten zum Vortag. Das liegt unter anderem daran, dass mit sinkenden Außentemperaturen in immer mehr Haushalten der Heizbedarf steigt.

Gaspreis steigt weiter

Die knappe Situation spiegelt sich am niederländischen virtuellen Handelspunkt TTF wider. Am Freitagabend, 30. Oktober, lag der Preis für Erdgas mit Lieferung im Dezember bei rund 103 Euro je Megawattstunde. Das ist so viel wie seit der Energiekrise 2022 nicht mehr. Der TTF gilt als wichtigster Handelsplatz für den europäischen Erdgashandel.
In den vergangenen Wochen kletterte der Gaspreis von einem Höchststand zum nächsten. Bereits mit dem Beginn des Irankrieges im März war er kräftig gestiegen. Nach einer Beruhigung im Frühsommer zog er ab Juli erneut an. Am 22. Oktober überschritt der Dezember-Kontrakt die 90-Euro-Marke.
Die niedrigen Speicherfüllstände in der EU zum aktuellen Zeitpunkt sind ein Grund für den stetig steigenden Gaspreis. Doch wie kam es zu dieser Situation? Über die Sommermonate haben die Speicherbetreiber nur zögerlich Gas aufgekauft. Das lag an den durch den Irankrieg erhöhten Gaspreisen. Normalerweise sind die Gaspreise im Sommer niedrig, wodurch die Betreiber viel Erdgas einkaufen, um es in den Wintermonaten zu höheren Preisen wieder abzugeben.
Ebenso stieg die Stromerzeugung aus Gas in diesem Sommer trotz mehr Solar- und Windkraftanlagen um knapp 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das geht aus einem Bericht der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden hervor. Grund dafür waren die Hitzewellen und der damit zusammenhängende vermehrte Einsatz von stromintensiven Klimaanlagen sowie geringere Erträge aus Kernkraft und Wasserkraft. Dadurch wurden vermehrt Gaskraftwerke hochgefahren.
Hinzu kommt der Verlust von Flüssiggaslieferungen im marktlichen Konkurrenzkampf zwischen Europa und Asien. Das sorgt für eine Verknappung des Angebots. Das und die steigende Nachfrage zum Winter hin treiben den Preis hoch.

Verlauf des vergangenen Winters

Bereits im vergangenen Winter waren die Speicher zu Beginn der Heizsaison nicht so voll wie in den Jahren zuvor, als deren Füllstände meist deutlich über der 90-Prozent-Marke lagen. Der Hochpunkt war am 28. September 2025 mit 76,7 Prozent erreicht – gut 15 Prozentpunkte mehr als heute.
Bis zum 25. Februar 2026 wurde ausgespeichert. Der Tiefpunkt lag an jenem Tag bei knapp 20,5 Prozent. Aufgrund plötzlich gestiegener Tageshöchsttemperaturen von deutlich über 10 Grad Celsius Ende Februar 2026 sank der Gasverbrauch deutlich und die Betreiber konnten im Schnitt wieder einspeichern.
Die Entnahme über die vergangene Heizsaison hinweg lag somit bei rund 56 Prozentpunkten. Damit waren die Verbraucher in der Bundesrepublik allerdings vergleichsweise sparsam. Das zeigt der Blick auf den Winter 2024/25, in dem die Entleerung bei knapp 70 Prozentpunkten lag.
Bei einer vergleichbaren Entnahme wie im Winter 2024/25 würden die deutschen Speicher rechnerisch noch vor dem Frühling leerlaufen. Selbst bei einem Verbrauch wie im vergangenen Winter blieben nur gut fünf Prozentpunkte Reserve. Ob daraus tatsächlich eine Versorgungslücke entsteht, hängt jedoch auch von Importen, Verbrauch und Wetter ab. Die Reichweitenprognose des Portals gasspeicherstand.de sieht den Tiefpunkt am 7. April 2027 bei nur 3,9 Prozent.

Reichweitenprognose der Gasspeicher-Füllstände in Deutschland. Ist-Werte vom 30. Juni bis 29. Oktober 2026, Prognose vom 30. Oktober 2026 bis 29. Oktober 2027.

Foto: Bildschirmfoto/gasspeicherstand.de

Die darauffolgende Befüllung im Sommer 2027 wird bei einem solch niedrigen Füllstand noch schwieriger. Laut der Prognose steigt der Füllstand bis Ende Oktober 2027 auf nur rund 40 Prozent. Hierbei sind jedoch noch keine möglichen Notfallmaßnahmen oder weitere staatliche Sondereinkäufe berücksichtigt.

Wann die Speicher weniger Gas abgeben

Somit ist es in diesem Winter nicht auszuschließen, dass die deutschen Speicher die 20-Prozent-Marke unterschreiten. Eine Gasmangellage bedeutet das allerdings nicht automatisch. Sie liegt erst vor, wenn die Versorgung nicht mehr ausreichend gesichert werden kann. Maßgeblich dafür ist der Notfallplan Gas, von dem seit dem 1. Juli 2025 die Frühwarnstufe gilt.
Zwar ist bei einem Füllstand von 10 bis 20 Prozent noch Gas im Speicher vorhanden. Allerdings sinkt mit abnehmendem Füllstand in der Regel auch die mögliche Entnahmerate – also die Gasmenge, die täglich ausgespeichert werden kann. Grund dafür ist der sinkende Druck im Speicher.
Bei vollen Gasspeichern liegt die maximale Ausspeicherleistung aller deutschen Speicher laut dem Gasdatenportal AGSI bei insgesamt 7.087 Gigawattstunden (GWh) pro Tag. Das ist rechnerisch mehr, als Deutschland im Winter durchschnittlich pro Tag an Gas verbraucht.
Wie stark die Ausspeicherleistung bei sinkendem Füllstand zurückgeht, hängt von der Bauart und den technischen Eigenschaften der einzelnen Speicher ab. Eine einheitliche Kennlinie für alle deutschen Speicher gibt es nicht. Bei niedrigen Füllständen steht jedoch nicht mehr die maximale Ausspeicherleistung von 7.087 GWh pro Tag zur Verfügung.
Läge der Füllstand in Deutschland bei 20 Prozent und wäre es gleichzeitig so eisig wie Anfang Januar 2026, könnte die verfügbare Ausspeicherleistung möglicherweise nicht ausreichen. Am 8. Januar 2026 wurden mehr als 3.500 GWh an einem Tag aus den Gasspeichern entnommen, wie aus einem Informationspapier des Energieunternehmens EWE hervorgeht. Ob die Speicher bei einem Füllstand von 20 Prozent eine vergleichbare Tagesmenge liefern könnten, lässt sich ohne eine belastbare Berechnung ihrer jeweiligen Ausspeicherleistung nicht sagen. Fehlende Mengen müssten über zusätzliche Importe ausgeglichen werden.

Erste Frostwelle schon im November?

Das Wetter beziehungsweise die Temperatur ist somit entscheidend für den Gasverbrauch und den Verlauf der Gasspeicher-Füllstände. Wie hoch der Gasverbrauch in diesem Winter sein wird, hängt also erneut maßgeblich von diesem Faktor ab.
Aktuelle Prognosen sehen den ersten meteorologischen Wintereinbruch bereits um den 10. und 11. November. Laut „BILD“ sieht das Modell des europäischen Wetterzentrums ECMWF für diese Tage ein kräftiges Hoch über der Nordsee und ein Tief über der Ostsee.
Der Diplom-Meteorologe Dominik Jung sagte gegenüber „BILD“: „Zwischen diesen beiden Druckgebilden entsteht eine nordöstliche Strömung, mit der kalte, kontinentale Luft aus Skandinavien und Nordosteuropa direkt nach Deutschland gelangt.“
In rund 1.500 Metern Höhe rechnet das Modell demnach mit –6 bis –10 Grad Celsius. Ob die Polarluft tatsächlich so nach Deutschland kommt, ist allerdings noch nicht sicher. Ein wiederkehrendes Signal in den Modellen sei zwar ernst zu nehmen, aber keine Garantie für einen Wintereinbruch, so Jung.
Auch das Wetterportal „Ventusky“ sagt für den genannten Zeitraum vielerorts bis ins Flachland Temperaturen von 0 bis –5 Grad voraus. Schon in der kommenden Woche sollen die Tiefsttemperaturen – und im Süden Deutschlands auch die Höchsttemperaturen – vielerorts in den niedrigen einstelligen Bereich sinken.
Trotz der niedrigen Speicherfüllstände hält die Bundesnetzagentur die Gasversorgung in Deutschland weiterhin für stabil und die Versorgungssicherheit für gewährleistet. Die Gefahr einer angespannten Gasversorgung schätzt sie nach aktuellem Erkenntnisstand weiterhin als gering ein. Ob diese Einschätzung über den gesamten Winter Bestand hat, bleibt abzuwarten.

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