Ich denke oft darüber nach, in welch außerordentlichem Komfort wir leben und wie sehr wir dazu neigen, genau die Dinge zu verachten, die diesen Komfort erst ermöglichen.
Wir verabscheuen Öl- und Gasunternehmen, während wir unsere Häuser heizen, Auto fahren und quer durchs Land fliegen. Wir empören uns über Lebensmittelhersteller, weil sie die Supermärkte mit Produkten füllen, die uns krank machen, doch wir unterstützen weiterhin die Systeme, die diese produzieren.
Der vielleicht eklatanteste Widerspruch ist jedoch unsere zunehmende Geringschätzung traditioneller Männlichkeit, obwohl wir in einer Zivilisation leben, die größtenteils von Männern aufgebaut und aufrechterhalten wird, die traditionell männliche Tätigkeiten ausüben.
Vor Kurzem las ich im „Guardian“ einen Artikel mit dem Titel „Muscles, metrosexuals and male tears: the 39 pictures that changed the way we see men“ (auf Deutsch: Muskeln, Metrosexuelle und Männertränen: 39 Bilder, die unser Männerbild verändert haben). Anhand von Fotografien von Politikern, Prominenten und Kulturikonen untersucht der Beitrag den Wandel der Vorstellungen von Männlichkeit.
Dabei fiel mir auf, dass traditionelle Ausdrucksformen von Männlichkeit häufig kritisch hinterfragt wurden, während Männer, die traditionell weiblich konnotierte Rollen einnahmen, als fortschrittlich gefeiert wurden. Wo blieb die Würdigung der ganz normalen Männer, deren Stärke, Mut, Opferbereitschaft und Bereitschaft, gefährliche Arbeit zu verrichten, unser komfortables Leben erst ermöglichen?
Ich habe nichts dagegen, wenn Männer Kinderwagen schieben, Windeln wechseln, weinen oder Zärtlichkeit zeigen. Mein Mann hat Hunderte Windeln gewechselt, den Kinderwagen geschoben und weinende Kinder getröstet.
Doch das sind nicht die Bilder, die mir in den Sinn kommen, wenn ich darüber nachdenke, was ihn für mich zu einem Mann macht.
Männlichkeit zeigt sich im Alltag
Während ich dies schreibe, sitze ich in meinem Schaukelstuhl vor dem Kamin. Mein Mann ist um 5 Uhr morgens aufgebrochen, um Getreide für unsere Tiere zu holen. Für die Hin- und Rückfahrt muss er insgesamt 3 Stunden einplanen. Er ist so früh losgefahren, damit er rechtzeitig zum Mittagsansturm in unserem Restaurant zurück sein kann.
Gestern war er ebenfalls um 5 Uhr morgens auf den Beinen. Er lud Rinder auf, um sie zur Fleischverarbeitung zu bringen, legte die lange Strecke zurück und kam rechtzeitig zum Mittagsservice wieder. Als er eintraf, funktionierte unser Ofen nicht. Er baute ihn auseinander, tauschte elektrische Bauteile aus und fand heraus, wie er ihn wieder zum Laufen bringen konnte – und das, während das Restaurant bereits geöffnet war.
Das ist die Männlichkeit, die ich jeden Tag erlebe: keine Inszenierung, keine politische Stellungnahme, sondern ein Mann, der Verantwortung für das übernimmt, was getan werden muss.
Dafür bin ich zutiefst dankbar.
Unabhängigkeit bedeutet nicht, alles selbst machen zu müssen
Früher hätte ich auf eine solche Aussage anders reagiert.
Jahrelang war ich eine herrische Chefin und überzeugt davon, alles genauso gut wie ein Mann, wahrscheinlich sogar besser, erledigen zu können. Ich baute Unternehmen auf, führte Mitarbeiter, reparierte Geräte und war enorm stolz auf meine Unabhängigkeit.
Vieles davon kann ich nach wie vor. Ich bin eine durchaus fähige Hobbyschrauberin und komme auch mit Klempnerarbeiten ganz gut zurecht – solange es nicht um Kupferrohre geht. Wenn etwas kaputtgeht und mein Mann nicht da ist, sitze ich nicht hilflos herum und warte auf Hilfe. Doch nur weil ich etwas tun kann, muss ich nicht unbedingt darauf bestehen, es selbst zu tun.
An den kältesten Wintertagen, wenn der Boden vereist ist und die Tiere gefüttert werden müssen, bleibe ich durchaus gern mit meinen Kindern am warmen Kamin, während mein Mann in die eisige Kälte hinausgeht. Ich muss ihm nicht mehr hinterherlaufen, um mir selbst etwas zu beweisen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ich die Prägungen meiner Kindheit vollständig hinter mir gelassen hätte. Manchmal spricht mein Mann in einem bestimmten Tonfall mit mir oder bittet mich, etwas zu erledigen, und ich spüre, wie sich Widerstand in mir regt.
„Sag mir nicht, was ich zu tun habe.“ Diese Reaktion kommt fast automatisch.
Ich bin damit aufgewachsen, mich männlicher Autorität zu widersetzen, traditionelle Rollenbilder zu hinterfragen und Unabhängigkeit als höchsten Ausdruck weiblicher Selbstbestimmung zu betrachten. Selbst in meiner Ehe, die mir sehr viel bedeutet, widersetze ich mich manchmal einer vernünftigen Bitte allein deshalb, weil sie von meinem Mann kommt. Ich musste mich fragen, ob dieser Reflex mir oder meiner Familie dient.
Worauf beruht unser Wohlstand?
Schauen wir uns doch einmal um!
Unsere Häuser, Straßen, Stromnetze, Fabriken, Rohrleitungen, Lieferwagen und Maschinen werden überwiegend von Männern gebaut, betrieben und instand gehalten. Zwar arbeiten auch Frauen in diesen Branchen, doch in vielen Handwerksberufen und bei körperlich gefährlichen Tätigkeiten stellen Männer die große Mehrheit der Beschäftigten.
Wir leben in einem Kokon des Komforts, der maßgeblich dadurch ermöglicht wird, dass Männer harte, schmutzige und gefährliche Arbeit verrichten. Und irgendwie haben wir uns dazu gebracht, traditioneller Männlichkeit misstrauisch gegenüberzustehen.
Ich habe noch keine Frau getroffen, die behauptet, keine Männer zu brauchen, und gleichzeitig sagen kann, dass ihr Haus ausschließlich von Frauen gebaut wurde, ihre Straßen von Frauen instand gehalten werden, ihr Fahrzeug von Frauen repariert und ihr Strom über eine vollständig von Frauen errichtete Infrastruktur geliefert wird.
Selbst Frauen, die ihre völlige Unabhängigkeit betonen, bezahlen andere dafür, traditionell männlich konnotierte Arbeiten zu übernehmen. Daran ist nichts auszusetzen. So funktioniert eine Wirtschaft nun einmal. Aber vielleicht sollten wir unsere gegenseitige Abhängigkeit anerkennen.
Manchmal, wenn ich meine verschwörungstheoretische Brille aufsetze, frage ich mich, ob es einen Grund dafür gibt, dass unsere Kultur Männlichkeit so sehr zu unterdrücken scheint. Eine Gesellschaft aus starken, fähigen Männern, die bereit sind, ihre Familien zu beschützen und Autoritäten infrage zu stellen, wäre möglicherweise schwerer zu kontrollieren. Doch diese Überlegung stelle ich vorerst zurück.
Was bringen wir unseren Söhnen bei?
Was mir mehr Sorgen bereitet, ist, was wir unseren Jungen vermitteln.
Wenn Stärke als verdächtig gilt, Wettbewerbsgeist als problematisch, Durchsetzungsvermögen als Aggression und der Wunsch, andere zu beschützen oder sie zu versorgen, als überholtes Rollenklischee – wonach sollen Jungen dann streben?
Mein elfjähriger Sohn wird wahrscheinlich schon bald körperlich stärker sein als ich. Darin sehe ich weder eine Bedrohung noch ein Problem, das korrigiert werden müsste. Ich sehe darin etwas Wunderbares. Ich möchte, dass er stark und kompetent wird. Ich möchte, dass er Dinge reparieren und bauen, andere beschützen und Verantwortung übernehmen kann. Zugleich wünsche ich mir, dass er freundlich und mitfühlend ist, emotionale Intelligenz entwickelt und zu tiefer Liebe fähig ist.
Warum haben wir beschlossen, dass diese Eigenschaften im Widerspruch zueinander stehen?
Mein Mann ist körperlich stärker als ich. Dafür bringe ich andere Stärken in unsere Ehe ein. Ich habe eine hohe Schmerztoleranz. Ich kann emotionale Belastungen ertragen, in unsicheren Zeiten an etwas festhalten und weitermachen, wenn alles unmöglich erscheint. Unsere Familie profitiert von uns beiden.
Männliche und weibliche Stärken stellen keinen Widerspruch dar
In New-Age-Kreisen ist oft von der göttlich-männlichen und der göttlich-weiblichen Energie die Rede. Ich muss innerlich die Augen verdrehen. Ich bin mit genügend Hippies aufgewachsen, um Formulierungen skeptisch gegenüberzustehen, die auch auf einer Grußkarte aus einem Edelsteinladen stehen könnten.
Aber vielleicht ist mein Widerstand nur eine weitere Folge meiner Prägung.
Vielleicht liegt etwas Göttliches im Männlichen und Weiblichen. Vielleicht hat Gott Männer und Frauen mit sich ergänzenden Stärken geschaffen und diese Schöpfung ist außergewöhnlicher als alles, was wir durch gesellschaftliche Umgestaltung erfinden könnten.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mann und jede Frau dieselbe Rolle übernehmen muss. Wir können Unterschiede würdigen, ohne sie als Mängel zu betrachten.
Der Artikel im „Guardian“ ist nur ein kleines Beispiel für eine umfassendere gesellschaftliche Debatte. Anstatt endlos zu untersuchen, wie Männer weniger traditionell männlich werden könnten, sollten wir uns vielleicht die Frage stellen, was passiert, wenn Männer nicht mehr danach streben, stark, mutig, beschützend, kompetent und verantwortungsbewusst zu sein.
Wer baut die Häuser? Wer repariert bei winterlichen Stürmen Stromleitungen? Wer klettert in gefährliche Maschinen, arbeitet die ganze Nacht durch oder übernimmt Verantwortung, wenn alle anderen bereits nach Hause gegangen sind?
Frauen können diese Arbeiten verrichten und tun es auch. Das schmälert jedoch nicht die enormen Leistungen der Männer und bedeutet auch nicht, dass wir aufhören sollten, jene männlich konnotierten Eigenschaften anzuerkennen, die so viele Männer dazu motiviert haben, diese Arbeit zu leisten.
Kein Interesse mehr, sich selbst zu beweisen
Ich habe kein Interesse mehr daran, zu beweisen, dass ich keinen Mann brauche. Ich weiß, wozu ich fähig bin. Den größten Teil meines Erwachsenenlebens habe ich damit verbracht, genau das unter Beweis zu stellen.
Heute ist es mir wichtiger, wertzuschätzen, was mein Mann in unsere Familie einbringt, was Männer für unsere Gemeinschaften leisten und was Männlichkeit zu unserer Zivilisation beiträgt.
Während ich diese Zeilen zu Ende schreibe, sitze ich immer noch am Kamin. Mein Mann ist gerade irgendwo auf einem texanischen Highway unterwegs und transportiert Futter für die Tiere, die unsere Familie und unseren Betrieb ernähren.
Ich könnte diese Fahrt übernehmen. Ich könnte den Ofen reparieren. Ich könnte die Rinder verladen.
Aber heute muss ich das nicht. Und dafür bin ich dankbar.
Männlichkeit ist nicht toxisch. Sie ist notwendig. Ich bin es leid, immer wieder zu hören, dass sie es nicht sei.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Masculinity Isn’t the Problem. Forgetting Its Value Is“. (deutsche Bearbeitung: vm)




