Nach dem Zugunglück mit mindestens 69 Toten herrschen in Spanien Trauer und Fassungslosigkeit angesichts vieler offener Fragen zur Unglücksursache. Regierungschef Pedro Sánchez sagte am Donnerstag bei einem Besuch am Unglücksort südlich von Madrid, die Behörden arbeiteten „Tag und Nacht“ daran, „jedes noch so kleine Detail dieser Tragödie aufzuklären“. Zum Auftakt einer dreitägigen Staatstrauer wurden die Flaggen im ganzen Land auf Halbmast gesetzt.
Ministerpräsident Sánchez nannte die Aufklärung der Unfallursache als oberste Priorität nach dem Zugunglück vom Vortag. Mit Blick auf die „Familien der Opfer dieser schrecklichen Tragödie“ sagte Sánchez, für sie müsse es „eine Wiedergutmachung zumindest auf materieller Ebene“ geben.
Der Regierungschef kündigte zudem eine Verstärkung der Sicherheitsvorkehrungen an, „um sicherzustellen, dass so etwas nie wieder geschieht“.

Alberto Núñez Feijóo (Mitte), Vorsitzender der spanischen Volkspartei (Partido Popular), besucht am 29. Oktober 2026 die Einsatzzentrale der Rettungskräfte nahe der Unglücksstelle eines Zugunglücks bei Yebens in der Provinz Toledo.
Foto: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images
Der Bergungseinsatz nahe der Gemeinde Urda wurde die Nacht hindurch fortgesetzt. Dabei kamen unter anderem riesige Kräne, Spürhunde und Wärmebilddrohnen zum Einsatz.
Die Opferzahl stieg auf 69 Tote. Der Regionalpräsident von Kastilien-La Mancha, Emiliano García-Page, teilte am Donnerstag mit, von den 110 am Mittwoch ins Krankenhaus eingelieferten Menschen würden mittlerweile noch etwa 50 weiterhin stationär behandelt.
Unfallhergang
Die Zugkollision hatte sich am Mittwochmorgen rund 110 Kilometer Luftlinie südlich von Madrid ereignet. Auf gerader Strecke prallte ein Hochgeschwindigkeitszug der spanischen Staatsbahn Renfe mit 397 Passagieren in schneller Fahrt auf einen Hochgeschwindigkeitszug des privaten Betreibers Iryo mit 147 Passagieren, der auf demselben Gleis stand. Mehrere Waggons entgleisten und stürzten den Bahndamm herunter.
Beide Züge waren auf dem Weg von Madrid in die andalusische Großstadt Sevilla gewesen, als ein automatisches Kontrollsystem mit der Abkürzung LZB ausfiel. Ein Siemens-Sprecher teilte auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP mit, der deutsche Konzern habe keine Signaltechnik für die Strecke in Spanien geliefert und sei auch nicht für deren Wartung zuständig. Allerdings stamme einer der betroffenen Züge von Siemens.

Am 28. Oktober 2026 kam es in der Provinz Toledo, etwa 150 km südlich von Madrid, zu einem schweren Zugunglück zwischen einem Renfe AVE und einem Iryo. Bei der Kollision starben 69 Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt. Die Behörden gehen davon aus, dass die Zahl der Opfer noch steigen wird.
Foto: Javier SORIANO / AFP via Getty Images
Verkehrsminister Oscar Puente sprach am Mittwoch von menschlichem Versagen und sagte, es sei „unerklärlich“, warum die Leitstelle den Renfe-Zug habe weiterfahren lassen. Die Leitstelle habe „mehr als genug Zeit“ gehabt, „den Fehler zu überprüfen, und sie haben ihn nicht behoben“.
Der Grünen-Bahnexperte Matthias Gastel sagte der „Rheinischen Post“, „dass nach aktuellem Kenntnisstand ein vergleichbarer Unfall in Deutschland mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“ sei. Es müsse dennoch geprüft werden, welche Konsequenzen aus dem Unglück hierzulande womöglich zu ziehen seien.
Dreitägige Staatstrauer
In Spanien begann unterdessen eine dreitägige Staatstrauer, dort sowie vor dem EU-Parlament und der EU-Kommission in Brüssel wehten die Flaggen auf Halbmast. Zahlreiche Veranstaltungen in Spanien wurden abgesagt oder in kleinerem Rahmen abgehalten. Der spanische König Felipe VI. traf am Nachmittag zu einen Besuch bei Opfern des Zugunglücks in einem Krankenhaus in Toledo ein.
Eine Schule nahe der Unglücksstelle im der Gemeinde Urda etwa 130 Kilometer südlich von Madrid diente derweil als Anlaufstelle für Angehörige, die nach Informationen über den Verbleib ihrer Liebsten suchten. Mitarbeiter des Roten Kreuzes boten den weinenden Menschen Unterstützung an. Der an der Betreuung der Opferangehörigen beteiligte Pfarrer José Miguel Fernández schilderte, einige der Angehörigen seien „nervös und verzweifelt“ und wollten endlich Klarheit haben.
Die Polizei richtete in Madrid, Toledo, Córdoba und Sevilla vier Anlaufstellen ein, bei denen Angehörige DNA-Proben abgeben können, um bei der Identifizierung der Opfer zu helfen.
Noch nicht alle Identitäten geklärt
Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte zu möglichen Deutschen unter den Opfern, die „Lage nach diesem schrecklichen Zugunglück“ sei teils „noch unübersichtlich“, so dass noch nicht alle Identitäten der Passagiere zweifelsfrei geklärt seien. Die deutsche Botschaft in Madrid stehe dazu „eng mit den örtlichen Behörden in Kontakt“.
Das nun zweite verheerende Zugunglück in Spanien in diesem Jahr wirft drängende Fragen zur Schienensicherheit auf und setzt die Regierung einen Monat vor der vorgezogenen Parlamentswahl unter Druck. Bereits im Januar waren auf derselben Trasse zwischen Madrid und Sevilla nahe der südspanischen Stadt Adamuz 46 Menschen bei der Kollision zweier Hochgeschwindigkeitszüge ums Leben gekommen.
Am Donnerstag fand ein Lokführer-Streik für mehr Sicherheit im Schienenverkehr statt, der bereits vor dem Unglück am Mittwoch angekündigt worden war. Der Zugverkehr zwischen Madrid und der südspanischen Region Andalusien wurde wegen des Zugunglücks weiter ausgesetzt. (afp/red)