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Vorhersagekultur: Oxford-Philosophin warnt vor der Macht von Zukunftsprognosen


In Kürze:

  • Wer Entscheidungen über die eigene Zukunft von Vorhersagen abhängig macht, handelt womöglich unklug.
  • Wer nach den Vorhersagen anderer handele, gehorche ihnen, meint eine Professorin an der Universität Oxford.
  • Prognosemärkte sind ein Milliardengeschäft.
  • Manchmal ist es im Leben entscheidend, für die richtige Sache einzustehen – selbst dann, wenn man weiß, dass man verlieren wird.

 
Glücksspieler wetten auf gewinnorientierten Vorhersagemärkten inzwischen auf fast alles – von Wahlergebnissen bis hin zu alltäglichen Ereignissen. Nun warnt eine Philosophin der Universität Oxford davor, dass viele öffentliche Prognosen für Menschen, die Entscheidungen über ihre Zukunft treffen, verheerende Folgen haben könnten.
Carissa Véliz ist außerordentliche Professorin an der Philosophischen Fakultät und am Institut für KI-Ethik der Universität Oxford und Herausgeberin des „Oxford Handbook of Digital Ethics“. Am 11. August veröffentlichte EpochTV ein Interview mit ihr, in dem die Oxford-Professorin über die Risiken sprach, öffentlichen Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit Beachtung zu schenken. Véliz erklärte, wie diese Aussagen den Lebensweg einzelner Menschen lenken oder aber aus der Bahn werfen können.
„Wenn Sie meine Vorhersage für bare Münze nehmen und einfach so handeln, als wäre sie wahr, dann gehorchen Sie. Und das wird noch heikler, wenn es um Vorhersagen über gesellschaftliche Entwicklungen geht“, sagte Véliz zu Jan Jekielek, dem Moderator der EpochTV-Sendung „American Thought Leaders“ (auf Deutsch etwa: „Amerikanische Vordenker“).
„Wenn ich Ihnen sage: ‚Morgen wird Sie die KI ersetzen‘, und Sie kündigen Ihre Stelle, weil sie sich nicht mehr lohnt, dann gehorchen Sie. Und wenn ich eine Führungskraft in der Tech-Branche bin, die dieses Produkt verkauft, nun, dann tun Sie mir einen Gefallen.“
In einem Gespräch über ihr neues Buch „Prophecy: Prediction, Power, and the Fight for the Future, from Ancient Oracles to AI“ – auf Deutsch erscheint es am 24. November im
Insel Verlag unter dem Titel „Die Macht der Prophezeiung“ – sagte Véliz, dass öffentliche Vorhersagen nicht nur unethische Triebkräfte menschlichen Verhaltens seien, sondern dass viele der am weitesten verbreiteten Prognosen niemals einträten.
„Es herrschte der sehr, sehr starke Glaube, dass es unvermeidlich sei, dass es zu einer massiven Überbevölkerung und Hungersnot kommen würde und dass dies eine Katastrophe wäre. Und das ist nie passiert“, sagte sie.
„Ein paar Jahrzehnte später galt es als unvermeidlich, dass wir bis ins Nichts schrumpfen würden und dass die Bevölkerung immer weiter zurückgehen würde. Und das ist [ebenfalls] nicht passiert.“
Am 16. September 2025 wurde in San Francisco eine Werbetafel für ein Unternehmen im Bereich künstliche Intelligenz aufgestellt. Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Werbetafel eines KI-Unternehmens in San Francisco am 16. September 2025. Die Oxford-Professorin Carissa Véliz meint, es könne riskant sein, auf der Grundlage von Prognosen über die Zukunft der Menschheit zu handeln – insbesondere nach düsteren Vorhersagen zur Künstlichen Intelligenz.

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Die Wirtschaft der Prognosemärkte

Zu den beliebtesten Formen öffentlicher Prognosen zählen heute Prognosemärkte.
Prognosemärkte ermöglichen es Nutzern [Anm. d. Red.: ähnlich wie bei Wettbüros oder Wettbörsen], auf den Ausgang von Sportereignissen, Wahlen und Fernsehsendungen sowie zunehmend auch auf alltägliche Ereignisse zu wetten – etwa darauf, wie oft Elon Musk, der Eigentümer von X, in einer bestimmten Woche Beiträge auf der Plattform veröffentlichen wird.
Die beiden größten Anbieter auf diesem Markt, Polymarket und Kalshi, verzeichneten laut „Gambling Insider“ im Jahr 2025 ein kumuliertes nominales Handelsvolumen von rund 21,5 Milliarden US-Dollar (19,1 Milliarden Euro) beziehungsweise 17,1 Milliarden Dollar (15,2 Milliarden Euro).
Das monatliche Handelsvolumen ist in weniger als einem Jahr deutlich gestiegen.
Eine Analyse des Pew Research Centers, die auf Daten des Medien- und Informationsanbieters für digitale Vermögenswerte The Block beruht, zeigt, dass das weltweite monatliche Handelsvolumen von Kalshi und Polymarket zusammengenommen von weniger als 5 Milliarden Dollar (4,4 Milliarden Euro) im September 2025 auf rund 24 Milliarden Dollar (21,3 Milliarden Euro) im April 2026 gestiegen ist.
Mit der zunehmenden Beliebtheit der Prognosemärkte wachsen auch die Bedenken: wegen mutmaßlicher Fälle von Insiderhandel, wegen der steigenden Spielsucht in den USA und weil inzwischen auf nahezu jeden Lebensbereich gewettet wird – bis hin zum Wetter.
Eine Mehrheit der Amerikaner (61 Prozent) betrachtet Wetten auf Prognosemärkten eher als Glücksspiel denn als Investition. Das geht aus einer Umfrage des American Institute for Boys and Men und des Marktforschungsunternehmens Ipsos vom März hervor.
Laut einer „Politico“-Umfrage vom Juni sind 44 Prozent der Befragten der Meinung, dass Wetten auf Wahlergebnisse illegal sein sollten. 57 Prozent sprechen sich dafür aus, Nutzern das Wetten auf den Ausgang von Kriegen zu untersagen.
Unterdessen greifen immer mehr Medien bei ihrer Berichterstattung über Wahlen, Umfragen und Maßnahmen der US-Regierung auf Prognosemärkte wie Kalshi und Polymarket zurück.
Wähler, die nach Informationen und Hintergründen zu wichtigen Wahlkämpfen suchen, beschäftigen sich zunehmend mit dieser Berichterstattung, bevor sie ihre Stimme abgeben.
Doch diese öffentlich zugänglichen Prognosen, die von Glücksspiel und gewinnorientierten Geschäftsmodellen angetrieben werden, seien möglicherweise weniger präzise, als den Amerikanern bewusst sei, argumentierte Véliz.
„Unternehmen wollen Gewinn machen. Gewinn und Wahrheit, Präzision oder Wissenschaft lassen sich nicht immer gut miteinander vereinbaren. Es handelt sich also nicht um ein wissenschaftliches Umfeld, in dem wir versuchen, die Genauigkeit zu maximieren“, sagte sie.
Diese Fotomontage, aufgenommen am 1. November 2023 in Washington, zeigt den Bildschirm eines Smartphones mit der Online-Wahlprognoseplattform PredictIt und einem Bild der zweiten Vorwahldebatte der Republikaner in Simi Valley, Kalifornien, am 27. September 2023. Wähler, die sich über wichtige Wahlen informieren und den Kontext verstehen möchten, nutzen zunehmend die Prognosen von Wahlprognoseplattformen, bevor sie ihre Stimme abgeben. Foto: Olivier Douliery/AFP via Getty Images

Diese am 1. November 2023 in Washington, D.C., erstellte Fotomontage zeigt den Bildschirm eines Smartphones mit der Online-Wahlprognoseplattform PredictIt sowie ein Bild der zweiten Vorwahldebatte der Republikaner in Simi Valley, Kalifornien, vom 27. September 2023. Wähler, die sich über wichtige Wahlen informieren und den Kontext verstehen möchten, nutzen zunehmend die Prognosen von Wahlprognoseplattformen, bevor sie ihre Stimme abgeben.

Foto: Olivier Douliery/AFP via Getty Images

Ethik und Prognosen

Laut Véliz gibt es jedoch noch weitreichendere öffentliche Prognosen, die tiefgreifendere Auswirkungen auf das menschliche Verhalten und die Zukunftsplanung einer Person haben könnten.
Als KI-Magnaten mit dreisten Prognosen behauptet hätten, ihre Technologie werde Menschen bald in einer schwindelerregenden Anzahl von Arbeitsplätzen über zahlreiche Branchen hinweg ersetzen, sei dies nicht nur irreführend gewesen, sondern auch Marketing, „Wunschdenken“ oder „versteckte Machtspiele“, sagte sie.
„Wenn wir einfach davon ausgehen, dass die vorhergesagte Zukunft die Zukunft ist, und entsprechend handeln, gehorchen wir damit im Grunde schon im Voraus, denn sehr oft enthalten Vorhersagen einen versteckten Befehl“, so Véliz.
Dies könnte beispielsweise dazu führen, dass jemand einen Job kündigt, von dem er glaubt, dass er bald durch KI ersetzt wird – einfach, weil er davon ausgegangen ist, dass die Vorhersagen der Unternehmen, die das Produkt verkaufen, richtig sind.
Was aber, wenn präzise Vorhersagen lediglich eine Frage von mehr oder besseren Daten wären? Véliz hält diese Hoffnung für etwas fehlgeleitet.
„Wir sammeln all diese Daten mit dem Versprechen, dass mehr Daten auch besser sind, aber das ist nicht immer der Fall“, sagte sie.
„Denn oft ist die Suche nach etwas in den Daten wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Und den Heuhaufen noch größer zu machen, hilft dabei nicht weiter.“
Daten seien nur dann hilfreich, wenn sie relevant sind. Als Beispiel nannte sie die Erfassung menschlichen Verhaltens: Man sammele vielleicht Daten darüber, was eine Person tut, nachdem sie einen Kredit von einem Kreditinstitut erhalten hat, aber selten finde man Daten zum umgekehrten Fall.
„Wenn ich jemand anderem keinen Kredit gewähre, werde ich nie herausfinden können, wie gut es dieser Person ergangen wäre, hätte ich den Kredit gewährt“, sagte sie.
Menschen entscheiden sich möglicherweise sogar für Untätigkeit, wenn sie glauben, dass eine Prognose die Zukunft genau vorhersagt, was erhebliche Auswirkungen auf ihr Leben haben könnte.
„Das Paradoxe ist: Je mehr wir daran glauben, dass wir [etwas] schaffen können, desto besser sind unsere Chancen. Wenn man nicht glaubt, dass man es schaffen kann, und zu Hause bleibt, liegen die Erfolgschancen bei null“, sagte Véliz.
Eine Anzeige des KI-Unternehmens Artisan wurde am 5. Dezember 2024 in San Francisco geschaltet. Die Vorhersagen von KI-Größen, dass die Technologie den Menschen bald ersetzen wird, könnten sich als verkapptes Marketing erweisen, wenn sie sich selbst erfüllen. Foto: Justin Sullivan/Getty Images

Werbung des KI-Unternehmens Artisan in San Frncisco am 5. Dezember 2024. Die Vorhersagen von KI-Größen, dass die Technologie den Menschen bald ersetzen werde, könnten sich als verkapptes Marketing erweisen, wenn sie sich selbst erfüllten.

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

„Manchmal sind im Leben bestimmte Kämpfe so wichtig, dass ich aufrichtig der Meinung bin, es sei besser, sie zu führen und auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, selbst wenn man davon überzeugt ist, dass man verlieren wird.“
Dies gelte insbesondere bei der Kindererziehung, argumentierte Véliz. Wir mögen die Kinder ermutigen, in Situationen weiterzumachen, in denen sie vom Scheitern überzeugt seien, doch Beharrlichkeit sei für Erfolg und persönliches Wachstum unerlässlich.
„Bei den ganz wichtigen Kämpfen im Leben, bei denen es entscheidend ist, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, ist es irgendwie unangebracht, abzuwägen, ob man gewinnen oder verlieren wird. Das spielt keine Rolle. So wichtig ist es“, sagte sie.

Gute versus schlechte Vorhersagen

Allerdings seien nicht alle öffentlichen Vorhersagen zwangsläufig schlecht, wie zum Beispiel Wettervorhersagen oder medizinische Prognosen, so Véliz.
„Es gibt Situationen, in denen es heikel ist. Man kann das nicht pauschal sagen, denn manchmal braucht man ein Gespür für die Diagnose, und die Diagnose beinhaltet eine gewisse Prognose, um jemanden behandeln zu können“, erklärte sie.
Véliz, die in England lebt, sagte, sie überprüfe ihre Wetter-App mehrmals täglich, um die Vorhersagen zu verfolgen.
Eine Frau hält in diesem Archivfoto ein Apple iPhone 11 Pro in der Hand. Dank mobiler Apps können Millionen Amerikaner unkompliziert auf Politik, Sport und andere Themen wetten. Foto: grinvalds/Getty Images

Eine Frau hält ein Apple iPhone 11 Pro in der Hand. Dank mobiler Apps können Millionen Amerikaner unkompliziert auf Politik, Sport und andere Themen wetten. (Archivbild) 

Foto: grinvalds/Getty Images

Amerikaner, die im Mittleren Westen leben, verlassen sich möglicherweise auf diese Vorhersagen, um bei einer Tornado-Warnung Schutz zu suchen und zu überleben. Und diejenigen an der Golfküste überprüfen während der Hurrikansaison möglicherweise die Wetterprognosen für die nächsten ein oder zwei Wochen, um ihre Häuser auf ein potenziell katastrophales Ereignis vorzubereiten.
„Wofür ich plädiere, ist ein aufgeklärterer Umgang mit Vorhersagen – klarer zu unterscheiden zwischen den Dingen, die wir vorhersagen können, und denen, die wir nicht vorhersagen können – und dass die Illusion, wir könnten alles vorhersagen, uns in die Irre führen wird“, sagte Véliz.
Die Geschichte ist voll von Vorhersagen, an die man damals allgemein glaubte, die sich aber nie bewahrheitet haben.
„Ein paar Monate, bevor es den Gebrüdern Wright gelang, ein Flugzeug zum Fliegen zu bringen, veröffentlichte die ‚New York Times‘ diesen vernichtenden Artikel, in dem es hieß, es würde 1 Million bis 10 Millionen Jahre dauern, bis Menschen in Flugzeugen fliegen könnten“, sagte sie.
„Sie lagen völlig falsch.“
 
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Oxford Philosopher Warns of the Dangers Lurking Behind Prediction Culture“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)

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