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Unsterbliche Seegurken stellen die Biologie infrage


In Kürze:

  • Seegurken sind bereits dafür bekannt, dass sie sehr alt werden und Körperteile nachwachsen lassen können.
  • Kanadische Forscher haben nun nachgewiesen, dass ihre abgetrennten Gewebeteile weiterleben, wachsen und vollkommen funktionstüchtig sind.
  • Welchen Nutzen dies für Stachelhäuter hat, ist unklar – die Forscher sehen dagegen Anwendungsmöglichkeiten für die Biomedizin und das Ingenieurwesen.

 
Vom wiederbelebten Leichnam von Frankensteins Monster bis hin zur körperlosen Hand „Thing“ aus der „Addams Family“ – zum Leben erwecktes Gewebe ist eines der beständigsten Motive der Science-Fiction. Nun stellte sich heraus, dass dieses Bild eine gewisse Grundlage in der Natur hat. Den Hinweis darauf lieferte ein mysteriöses Lebewesen am Meeresboden, das Wissenschaftler als „echten Zombie“ bezeichnen.

Biologie widerlegt

Bisher gab es eine biologische Annahme, die unantastbar war: Stirbt ein Organismus, beginnt er, sich in seine unsichtbaren chemischen Bausteine zu zerlegen. Fleisch, Muskeln, Haut und Haare gehen, sofern keine konservatorischen Ausnahmebedingungen vorliegen, unwiderruflich verloren. Sogar die härtesten Elemente eines Körper – Zähne, Knochen und Horn – werden vom Zahn der Zeit irgendwann aufgelöst.
Von dieser vom Menschen aufgestellten Annahme scheinen Seegurken und ihr Gewebe nichts zu wissen. So haben kanadische Forscher der Memorial University of Newfoundland entdeckt, das Gewebe mehr als drei Jahre nach der Entnahme aus dem ursprünglichen Tier überleben, heilen und eigenständig funktionieren kann.
Seegurken sind die Hausmeister der Meere

Seegurken sind wirbellose Meerestiere, die es in allen möglichen Größen, Farben und Formen gibt.

Foto: treetstreet/iStock

Sara Jobson, Doktorandin der Meereswissenschaften, und ihre Kollegen dokumentierten damit den möglicherweise ersten bekannten Fall eines langfristigen Überlebens und Wachstums von Gewebe außerhalb eines lebenden Organismus. Und nicht nur das: Dies gelang den Forschern in natürlichem Meerwasser statt wie gewöhnlich in einer streng kontrollierten, sterilisierten Umgebung.
„Wir beobachten etwas, das in einer solchen Umgebung bisher noch nicht dokumentiert wurde. Die Gewebestücke entwickeln sich zwar nicht zu neuen Seegurken, aber sie funktionieren weiterhin als sich selbst erhaltende biologische Einheiten“, so Jobson.
Mitautorin Rachel Sipler vom US-amerikanischen Bigelow Laboratory for Ocean Sciences veranschaulicht dies an einem anderen Lebewesen: „Es ist wie bei einer Eidechse, die ihren Schwanz verliert. Wir wissen, dass manche Eidechsen neue Schwänze nachwachsen lassen können. Nun diskutieren wir, ob aus dem Schwanz eine neue Eidechse wachsen kann“.

Seegurken schreiben die Forschungsgeschichte neu

Seit 200 Jahren bemüht sich die Wissenschaft darum, das Überleben von Zellen und Geweben außerhalb lebender Wirte zu erreichen. Doch diese Bemühungen waren nur von begrenztem Erfolg gekrönt.
Zu den größten Erfolgen gehören bislang die sogenannten HeLa-Zellen. Diese wurden in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Krebspatientin entnommen lassen sich für die Langzeitforschung unbegrenzt vermehren.
In bisherigen Studien wurden Gewebekulturen jedoch nur unter reinen, sogenannten axenischen Bedingungen aufrechterhalten. Dies bedeutet, das strengste Kontrollen dafür sorgen, dass keinerlei Bakterien oder andere Organismen vorkommen. Doch selbst dann zeigten sie weder Anzeichen tatsächlicher Heilung und des Wachstums noch die Fähigkeit zur selbstständigen Fortbewegung.
Viele Stachelhäuter, zu denen auch Seegurken gehören, sind dafür bekannt, kaum Zellalterung aufzuweisen und verlorene Körperteile regenerieren zu können. Man ging jedoch stets davon aus, dass sich auch ihr abgetrenntes Gewebe irgendwann zersetzt. Diese Annahme konnten die Meereswissenschaftler nun widerlegen und bezeichneten ihr Versuchsobjekt als „Zombie“-Gewebe.

Nicht steriles Wasser geht auch

Ihre Untersuchung führten die Forscher an Gewebezellen durch, die aus den Füßchen, dem Hauptkörper und den Tentakeln dreier vor Neufundland gesammelter Seegurken stammen. Die Stachelhäuter der Art Psolus fabricii leben in den kalten Gewässern der Arktis und werden bis zu 20 Zentimeter lang. Getreu ihrem Lebensraum wurden die Gewebestücke jahrelang in strömendem Meerwasser aufbewahrt.
Psolus fabricii aus der Klasse der Seegurken

Eine Seegurke der Art Psolus fabricii aus den Gewässern der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador.

Dabei entdeckten die Forscher Hinweise auf Zelldiversifizierung, Immunaktivität und Gewebeumgestaltung. Obwohl kein Mund vorhanden war, schienen die Zellen dennoch Nährstoffe aufzunehmen – und das, indem sie im Meerwasser gelöste Aminosäuren absorbierten. Selbst nach Ablauf des Untersuchungszeitraums war das Gewebe noch immer aktiv. Laut den Forschern machte die Fähigkeit der Zellen, in einer komplexen, stressreichen Umgebung zu überleben, sie im Vergleich zu anderen Gewebekulturen einzigartig.
„Natürliches Meerwasser ist so ziemlich der mikrobiell vielfältigste und am wenigsten saubere Ansatz, den wir experimentell wählen könnten“, erklärte Sipler. „Dennoch versorgte diese reichhaltige Umgebung voller Bakterien und all dieser organischen Substanzen die Zellen mit Nährstoffen und ermöglichte es diesem Gewebe, zu heilen und zu wachsen.“
Welchem Zweck diese Fähigkeit für die Seegurke selbst dient, ist unklar. „Möglicherweise handelt es sich um ein Opfer für Raubtiere oder einfach um ein evolutionäres Relikt“, spekulieren die Forscher.

Wie profitieren wir davon?

In den Augen der Autoren könnte diese Entdeckung tiefgreifende Auswirkungen auf die Biomedizin und das Ingenieurwesen haben. So biete sie potenzielle Anwendungsmöglichkeiten in allen Bereichen, von der Geweberegeneration bis hin zur antimikrobiellen Wundheilung.
Und auch für die biologische Forschung und Lehre im weiteren Sinne sei dies von Bedeutung. Laut den Forschern seien auf diese Weise Untersuchungen an lebendem Gewebe mitsamt seinen Prozessen frei von ethischen Bedenken möglich, da kein vollständiges, lebensfähiges Wesen zur Verfügung stehen müsse. Auf diese Weise bestünden weniger Forschungsbeschränkungen und Herausforderungen hinsichtlich der Biosicherheit.
Die Entdeckung eröffne damit nicht nur spannende Perspektiven im biomedizinischen Bereich, sondern stelle auch bisherige Annahmen darüber infrage, was hinsichtlich der Unsterblichkeit von Gewebe möglich ist.
Die Studie erschien am 27. Mai 2026 in der Fachzeitschrift „Science Advances“.