Blick durch den neuen Klostergarten auf die Ruine der Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. - Foto: anpoe3 , CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4939502
Auch in diesem Sommer waren sie wieder hier: die Mönche aus dem fränkischen Kloster Münsterschwarzach. Für eine Woche im August wandelten sie – wie schon seit 15 Jahren – im ehemaligen Kloster Memleben auf den Spuren ihrer benediktinischen Vorgänger.
Durch das Stundengebet des Heiligen Benedikt, geistliche Gesänge und die Gespräche mit Besuchern und Gläubigen bringen sie etwas vom mönchischen Geist zurück, der hier für weit über 500 Jahre bis zum Jahr 1548 beheimatet war.
Mimelebo
Erstmals erwähnt wird die Abtei Memleben unter dem Namen Mimelebo im Jahr 979 in einer Urkunde ihres Stifters, Kaiser Otto II. Schon vorher war der Ort jedoch von großer Bedeutung für das Herrschergeschlecht der Ottonen.
Hierher, in die Königspfalz, reist bereits der Großvater des Klostergründers, der ostfränkische König Heinrich I., mit seinem höfischen Gefolge. So auch im Jahr 936, nachdem er, gesundheitlich sehr geschwächt, seine Thronfolge bei einem Hoftag in Erfurt geregelt hatte. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft stirbt er am 2. Juli im Alter von 60 Jahren und wird, so besagen es alte Chroniken, in einer Marienkirche aufgebahrt, die vermutlich der sakrale Mittelpunkt der Königspfalz war.
Zum Nachfolger ruft man – dem Wunsch des Verstorbenen getreu – seinen ältesten Sohn aus.
Otto I., genannt der Große, in der Kaiserchronik Heinrichs V. um 1112/14.
Foto: gemeinfrei
Als Otto I., auch Otto der Große genannt, wird er das Ostfrankenreich 37 Jahre lang regieren, entschlossen verteidigen, nachhaltig prägen und weiter vergrößern. 962 krönt ihn Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser. Ein historischer Moment, der als Geburtsstunde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gilt.
Herz des Kaisers
Doch auch Kaiser gehen den Weg aller Sterblichen. Im Jahr 973 hält Otto der Große in Quedlinburg, wohin der Leichnam seines Vaters vier Jahrzehnte zuvor aus der Pfalz in Memleben überführt worden war, einen erfolgreichen Hoftag ab. Otto befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Bei guter Gesundheit reist er in seine 80 Kilometer entfernte Pfalz. Wahrscheinlich, um hier das Pfingstfest feierlich zu begehen. Aber es kommt anders als erwartet.
Während der abendlichen Vesper überfällt den 60-jährigen Kaiser ein plötzliches Fieber. Getreue können ihn gerade noch stützen und auf einen Stuhl setzen. Mit dem Trost des Sterbesakraments und der heiligen Kommunion versehen, stirbt er nur wenig später.
Im selben Ort und im gleichen Lebensalter wie sein Vater Jahrzehnte zuvor. Und auch er wird in der Marienkirche aufgebahrt. Bevor der Körper des Kaisers jedoch einbalsamiert und ins über 120 Kilometer entfernte Magdeburg, Ottos Machtzentrum und Lieblingsstadt, überführt werden kann, werden ihm Herz und Eingeweide entnommen und in Memleben bestattet.
Ob oder wo Herz und Eingeweide hier noch ruhen, wird vielleicht nie mehr mit Sicherheit zu klären sein. Archäologen haben die Fundamente der Marienkirche zutage gebracht. In ihr wiederum stießen sie auf ein ungewöhnliches steinernes Fundament, das als Basis eines Sanktuariums oder Schreins gedeutet werden könnte. Wurde hier das Herz des Kaisers verwahrt und seiner besonders gedacht?
Gebete für das Seelenheil
Die Kaiserpfalz Memleben verändert sich nach dem Tod Ottos des Großen jedenfalls nachhaltig. Vom Sterbeort des Großvaters und Vaters wird es vom Enkel, Sohn und Nachfolger, Otto II., zum klösterlichen Gedenk- und Gebetsort gewandelt.
Kaiser Otto II., Ausschnitt aus einem Einzelblatt aus dem Registrum Gregorii, entstanden in Trier nach 983.
Foto: gemeinfrei
Von nun an beten hier die Mönche des Benediktinerklosters, das Otto II. stiftet, für das Seelenheil der Verstorbenen und für die Herrscherdynastie der Ottonen.
Die Marienkirche wird abgetragen. Stattdessen lässt der neue Kaiser eine dreischiffige Klosterkirche im frühromanisch-ottonischen Stil errichten. Mit wahrhaft monumentalen, kaiserlichen Dimensionen.
Kloster Memleben entwickelt sich zur bedeutenden Reichsabtei.
Grundriss der monumentalen frühromanischen Klosterkirche aus dem 10. Jahrhundert.
Bedeutung und Größe, die erst dann langsam verblassen, als der Enkel des Klostergründers, Heinrich I., das Bistum Bamberg gründet und sich von da an vor allem dessen Förderung widmet.
Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum die monumentale Klosterkirche verwaist und die Memlebener Mönche im 13. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft dazu ein wesentlich kleineres, frühgotisches Gotteshaus errichten. Nur einzelne Bauteile der Vorgängerkirche überdauern. Das mönchische Leben im Kloster Memleben bleibt jedoch noch Jahrhunderte bestehen.
Ende einer Ära
1525 wird das Kloster jedoch von den Wirren des Bauernkrieges erreicht. Es wird geplündert und verwüstet. Schließlich wird es infolge der Reformation im Jahr 1548 endgültig aufgelöst. Bereits drei Jahre später überträgt Kurfürst Moritz von Sachsen Ländereien und Gebäude an die nur kurz zuvor gegründete Stiftung Landesschule Pforta.
Klosterkirche von Norden, links der Eingang zur Krypta.
Fast 400 Jahre fließen die Pachterlöse des ehemaligen Klosterguts an die berühmte Landesschule. Die spirituelle Strahlkraft Memlebens ist und bleibt jedoch verloren.
Die spätromanische Krypta dient zeitweilig als Kartoffelkeller, die Klosterkirche des 13. Jahrhunderts steht leer und ungenutzt. Ein verheerender Blitzschlag im Jahr 1722 zerstört ihr Dach und gibt das frühere Gotteshaus der Mönche noch mehr dem Verfall preis.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der sowjetischen Bodenreform und ihren Enteignungen gehen Bauwerke und Landbesitz in einen sogenannten volkseigenen Landwirtschaftsbetrieb über, der das Gut in intensiver, fast industrieller Weise bewirtschaftet.
Hoffnung am Horizont
Erst mit der politischen Wende Anfang der 1990er-Jahre erscheint ein Hoffnungsschimmer für die vernachlässigte und verfallende Klosteranlage. Der Gemeinde Memleben und einigen engagierten Bürgern gelingt es, das Gelände aus der Verwaltung der Treuhand herauszulösen.
1999 wird der Verein Kloster und Kaiserpfalz Memleben gegründet. 2008 folgt die kommunale gemeinnützige Stiftung. Heute führen spannende Ausstellungen und Veranstaltungen die Besucher dieses ganz besonderen Ortes in die bewegte Geschichte von Kaiserpfalz und Kloster ein.
Am schönsten und bewegendsten ist es jedoch, durch Ruinen und Bauwerke sowie über Fundamente zu wandern und die Steine selbst von ihrer Vergangenheit sprechen zu lassen.
In der Stille der Krypta, die alle Höhen und Tiefen des Klosters Memleben fast unbeschadet überdauert hat, meint man die Gebete und Gesänge aus vergangenen Jahrhunderten erahnen zu können.
Im nächsten Sommer werden sie wieder erklingen, wenn die Benediktiner aus Münsterschwarzach wiederkehren und das Stundengebet des Heiligen Benedikt anstimmen.
Informationen zur Klosteranlage Memleben und ihren Veranstaltungen finden Sie unter: kloster-memleben.de
Mont-Saint-Michel, bei Ebbe von der Bucht umgeben. Die Abteianlage, die ab dem 11. Jahrhundert auf einer Granitinsel erbaut wurde, benötigte mehrere Jahrhunderte, um ihre heutige Form anzunehmen. - Foto: JEFFREYRHOADS/iStock
In Kürze:
Der Überlieferung zufolge begann alles im Jahr 708. Mehrfach erschien der Erzengel Michael dem Bischof von Avranches.
Der Bau des Klosterkomplexes von Mont-Saint-Michel zog sich über mehrere Generationen von Baumeistern hinweg.
Sie hatten mit großen Herausforderungen zu kämpfen, was die außergewöhnliche Lage und die einwirkenden Kräfte der Natur betraf.
Doch schließlich erschufen die Menschen ein Denkmal, dass die Jahrhunderte überdauern sollte – und nicht immer nur als Kloster diente.
Der Mont-Saint-Michel vor der Küste der Normandie in Frankreich ist eine architektonische Meisterleistung des Mittelalters. Dahinter verbirgt sich ein menschliches Abenteuer aus Glauben, Einfallsreichtum und Geduld, das sich über mehrere Jahrhunderte erstreckt.
Warum eine Abtei auf einem abgelegenen Felsen inmitten einer weitläufigen Bucht errichten, wo es an Platz mangelt, wo die Gezeiten die Fortbewegung erschweren und wo jeder Stein unter enormem Aufwand herangeschafft werden muss?
Über mehrere Jahrhunderte hinweg stellten sich Generationen von Baumeistern, Steinmetzen, Zimmerleuten und Handwerkern dieser Herausforderung. Nach und nach verwandelten sie eine einfache Granitinsel in einen der größten Klosterkomplexe des mittelalterlichen Abendlandes.
Doch eine Frage steht über allen anderen: Warum wurde gerade dieser Felsen gewählt?
Mont-Saint-Michel bei Flut. Zweimal täglich weicht das Meer und kehrt dann wieder zurück, um den Felsen zu umspülen. Ein Rhythmus, dem sich die Baumeister des Mittelalters ständig anpassen mussten.
Foto: samael334/iStock
Die Geschichte des Mont-Saint-Michel beginnt nicht mit den Bauherren. Sie hat ihren Ursprung in einer Überzeugung. Der Überlieferung zufolge begann alles im Jahr 708.
Der Text Revelatio ecclesiae sancti Michaelis archangeli in Monte Tumba, der zu Beginn oder im Laufe des 9. Jahrhunderts verfasst wurde, berichtet, dass der Erzengel Michael dreimal dem Bischof Aubert von Avranches erschien, um ihn zu bitten, auf dem Mont Tombe eine Wallfahrtsstätte zu errichten.
In den Augen der Menschen des Mittelalters war dieser Felsen kein gewöhnlicher Ort. Dem Heiligen Michael geweiht, entwickelte er sich allmählich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Männer und Frauen legten manchmal Hunderte Kilometer zurück, um hier zu beten, überzeugt davon, dass dieser Ort einen besonderen Platz zwischen Himmel und Erde einnahm.
Im Jahr 966 ließ Richard I., Herzog der Normandie, dort eine Gemeinschaft von Benediktinermönchen ansiedeln. Ihre Anwesenheit verlieh der Wallfahrtsstätte neuen Aufschwung. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Abtei nicht nur zu einem Ort des Gebets, sondern auch zu einem intellektuellen Zentrum, in dem Handschriften kopiert, Pilger aufgenommen wurden und eine bedeutende religiöse Gemeinschaft unterhalten wurde.
Diese Bestimmung erklärt, warum der Mont-Saint-Michel immer weiter wuchs.
Doch es galt noch herauszufinden, wie man auf einem Gipfel bauen sollte, auf dem fast kein Platz vorhanden schien.
Im französischen Wattenmeer in der Normandie liegt einen Kilometer vom Festland entfernt eine Insel, die nach dem Erzengel Michael benannt ist. Auf ihr ruht die Abtei Mont-Saint-Michel.
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Wie baut man auf einem so schmalen Gipfel?
Als im 11. Jahrhundert die ersten großen Bauarbeiten begannen, zeigte sich sofort das größte Hindernis: Es gab fast keinen Platz.
Der Gipfel des Berges ist schmal, unregelmäßig und stark geneigt. Man kann dort nicht einfach eine große Kirche errichten, wie man es in einem Tal oder auf einer weitläufigen Esplanade tun würde. Noch bevor die Mauern hochgezogen werden, muss man sich mit der Form des Felsens arrangieren.
Die Baumeister versuchen nicht, den Felsen abzutragen. Sie beschließen, mit ihm zu arbeiten. Das Querschiff der Abteikirche stützt sich auf den höchsten Punkt, während Krypten und Gebäude an den Hängen angelegt werden, um Flächen zu schaffen, die die Bauwerke tragen können. So schmiegt sich die Architektur an die Konturen des Granits an, anstatt gegen sie anzukämpfen.
Diese Anordnung erfordert bemerkenswerte Fachkenntnis. Jeder neue Bau hängt von denjenigen ab, die ihn stützen. Die Räume fügen sich ineinander, überlagern sich und sind trotz der Höhenunterschiede miteinander verbunden. Der Felsen wird so zum unsichtbaren Gerüst des Ganzen.
Was zunächst jeden Bau unmöglich erscheinen ließ, wird nach und nach zum Schlüssel für dessen Gleichgewicht.
Wie sollten die Baumaterialien herangeschafft werden?
Ein Teil des für den Bau der Abtei verwendeten Granits stammt vom Chausey-Archipel vor der normannischen Küste. Bei klarem Wetter sind diese Inseln vom Mont-Saint-Michel aus zu sehen.
Mittelalterliche Texte berichten nur wenig über den Transportalltag. Sie beschreiben weder jede einzelne Überfahrt noch die Männer, die die Blöcke entluden, noch die Mittel, mit denen diese zur Baustelle gehoben wurden. Dennoch lassen sie das Wesentliche erahnen: Es galt, beträchtliche Mengen an Baumaterialien zu diesem abgelegenen Felsen zu befördern und sie dann auf Bauwerke zu heben, die immer höher wurden.
Die Baumeister des Mittelalters kannten Winden, Flaschenzüge, Gerüste und verschiedene Hebevorrichtungen. Die erhaltenen Dokumente lassen nicht immer erkennen, welche davon zu welcher Zeit am Mont-Saint-Michel zum Einsatz kamen, doch am handwerklichen Können besteht kein Zweifel.
Hinter jeder Mauer der Abtei verbirgt sich eine Vielzahl von Arbeitsschritten: den Stein abbauen, ihn behauen, transportieren und präzise einpassen. Die Namen derer, die diese Arbeit verrichteten, sind fast alle in Vergessenheit geraten. Doch die Abtei überdauert noch immer die Jahrhunderte.
Welche Rolle spielten die Gezeiten?
Die Bucht des Mont-Saint-Michel ist berühmt für ihre starken Gezeiten. Zweimal am Tag verändert sich das Gesicht der Landschaft. Mal zieht sich das Wasser weit zurück, mal kehrt es zurück und umgibt den Felsen.
Für die Menschen des Mittelalters gehörte diese Realität zum Alltag. Fortbewegung, Versorgung und die Verbindungen zum Festland hingen zwangsläufig von dieser sich ständig verändernden Umgebung ab.
Es gibt keine Berichte, die es ermöglichen, den Bau stundenweise nachzuvollziehen. Eines ist jedoch sicher: Die Natur zwang den Erbauern der Abtei ihren Rhythmus auf.
Wie baut man, wenn kein Platz mehr da ist?
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts stellte sich eine neue Herausforderung.
Die Klostergemeinschaft war gewachsen. Es kamen zahlreiche Pilger. Es mussten neue Räume geschaffen werden, ohne die Felskante erweitern zu können.
Die Antwort darauf war ein außergewöhnliches Bauwerk: das „Merveille“ – das Gebäude trägt das französische Wort für „Wunder“.
Nach dem Brand von 1204 beschlossen, wurde es zwischen 1211 und 1228 an der Nordflanke des Mont errichtet und vereint zwei Gebäudekomplexe, die sich über drei Ebenen erstrecken. Dort befinden sich insbesondere die Almosenkammer, der Gästesaal, der sogenannte Rittersaal, das Refektorium und der Kreuzgang. Jeder dieser Räume erfüllt eine bestimmte Funktion im Klosterleben.
Auch hier versuchen die Baumeister nicht, die Einschränkungen des Geländes zu überwinden. Sie verwandeln sie in ein Gestaltungsprinzip. Da sie nicht in die Breite bauen können, bauen sie in die Höhe. Die Räume reihen sich mit bemerkenswerter Kohärenz übereinander an, wobei jede Ebene auf der darunterliegenden aufbaut.
Wenn man heute dieses Wunderwerk entdeckt, ist man beeindruckt vom Gefühl der Leichtigkeit, das es vermittelt. Der Kreuzgang scheint fast über der Bucht zu schweben. Doch diese Eleganz beruht auf einem Ensemble mächtiger Mauerwerke, die über mehrere Jahrzehnte hinweg geduldig übereinander errichtet wurden.
Diese Verbindung zwischen der Solidität der Fundamente und der filigranen Formensprache macht das „Wunder“ zu einem der Meisterwerke der mittelalterlichen Gotik.
Mont-Saint-Michel in der Dämmerung, Frankreich, Normandie.
Foto: bluejayphoto/iStock
Ein Bauprojekt, das Generationen überspannt
Wenn man heute den Mont-Saint-Michel betrachtet, kann man sich leicht vorstellen, dass er aus einem einzigen Impuls heraus entworfen wurde, als hätte ein Architekt das Gesamtwerk gezeichnet, bevor er die Ausführung seinen Handwerkern anvertraute.
Die Geschichte erzählt jedoch etwas ganz anderes.
Die Abtei ist das Ergebnis aufeinanderfolgender Bauphasen, die sich vom 11. bis zum 16. Jahrhundert erstreckten. Die romanischen Gebäude wurden durch gotische Bauten ergänzt, einige Teile wurden im Laufe der Jahrhunderte wieder aufgebaut, andere umgestaltet. Nach dem Einsturz des romanischen Chors im Jahr 1421 wurde ab 1446 mit dem Bau eines neuen Chors im Stil der Spätgotik begonnen.
Die Baumeister finden bereits errichtete Mauern, alte Fundamente und Räume vor, die es zu erhalten oder anzupassen gilt. Ihre Arbeit bestand ebenso darin, zu verstehen, was ihre Vorgänger erbaut hatten, als auch darin, sich die Gebäude von morgen vorzustellen.
Diese Kontinuität verleiht dem Mont-Saint-Michel seinen einzigartigen Charakter. Die Abtei ist nicht das Werk eines einzelnen Menschen, sondern das einer langen Kette von Baumeistern, von denen die meisten anonym geblieben sind.
Kreuzgang der Abtei Mont-Saint-Michel.
Foto: JoseIgnacioSoto/ iStock
Viele von ihnen wussten, dass sie das fertige Bauwerk niemals sehen würden. Sie bearbeiteten einen Stein, errichteten eine Mauer oder befestigten ein Gewölbe für Menschen, die sie niemals kennenlernen würden. Ihr Ziel war nicht die Fertigstellung des Bauwerks, sondern die Weitergabe eines Werks, das solide genug war, damit andere es fortsetzen konnten.
Bauen bedeutete auch, denen zu vertrauen, die nach einem kommen würden.
Der Mont-Saint-Michel muss sich nicht nur den Schwierigkeiten seines Baus stellen: Er durchlebt auch die Prüfungen der Geschichte.
Während des Hundertjährigen Krieges, zwischen 1423 und 1434, belagerten ihn englische Truppen, ohne ihn einnehmen zu können. Die Befestigungsanlagen, die Entschlossenheit ihrer Verteidiger und die besondere Lage des Ortes trugen zu diesem Widerstand bei, der den Mont-Saint-Michel zu einem Symbol für das Königreich Frankreich machte.
Nach dem Mittelalter erlebte die Abtei jedoch ein anderes Schicksal.
Während der Französischen Revolution wurde die Klostergemeinschaft aufgelöst. Die Gebäude wurden in ein Gefängnis umgewandelt, eine Nutzung, die mehrere Jahrzehnte andauerte. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Bauwerk restauriert und fand zu seiner Bestimmung als Kulturerbe zurück.
Am Mont-Saint-Michel hat jede Epoche ihre Spuren hinterlassen. Mönche, Soldaten, Gefangene, Restauratoren und die Millionen von Besuchern heute – sie alle haben auf ihre Weise zur Geschichte dieses Ortes beigetragen.
Trotz dieser Veränderungen bewahrt die Abtei eine tiefe Einheit. Die Jahrhunderte haben sie verändert, ohne dass sie jemals ihre Identität verloren hätte.
Blick auf den Klostergarten der Abtei Mont-Saint-Michel durch den Kreuzgang.
Foto: Elenathewise/iStock
Ein Werk, das aus einer Vision entstanden ist
Der Mont-Saint-Michel beeindruckt durch die Kühnheit seiner Architektur. Seine Gewölbe, das „Merveille“ und sein Mauerwerk scheinen ganz natürlich aus dem Felsen zu entspringen.
Seit fast tausend Jahren umspülen die Gezeiten den Felsen noch immer wie zu Zeiten der ersten Mönche. Generationen folgen aufeinander, doch die Abtei bleibt bestehen – ein sichtbares Zeugnis dessen, was Frauen und Männer gemeinsam geglaubt, erträumt und erbaut haben.
Der Mont-Saint-Michel ist kein architektonisches Wunder, weil er den Gesetzen des Bauwesens trotzt. Er ist es, weil er zeigt, was Generationen von Menschen vollbringen können, wenn ein gemeinsames Ideal ihnen die Geduld gibt, ein Werk zu errichten, weiterzugeben und fortzuführen, das größer ist als sie selbst.
Die Steine erzählen, wie die Abtei erbaut wurde. Der Glaube erklärt, warum sie erbaut wurde.