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Das Kloster Memleben und seine Geheimnisse

Auch in diesem Sommer waren sie wieder hier: die Mönche aus dem fränkischen Kloster Münsterschwarzach. Für eine Woche im August wandelten sie – wie schon seit 15 Jahren – im ehemaligen Kloster Memleben auf den Spuren ihrer benediktinischen Vorgänger.
Durch das Stundengebet des Heiligen Benedikt, geistliche Gesänge und die Gespräche mit Besuchern und Gläubigen bringen sie etwas vom mönchischen Geist zurück, der hier für weit über 500 Jahre bis zum Jahr 1548 beheimatet war.

Mimelebo

Erstmals erwähnt wird die Abtei Memleben unter dem Namen Mimelebo im Jahr 979 in einer Urkunde ihres Stifters, Kaiser Otto II. Schon vorher war der Ort jedoch von großer Bedeutung für das Herrschergeschlecht der Ottonen.
Hierher, in die Königspfalz, reist bereits der Großvater des Klostergründers, der ostfränkische König Heinrich I., mit seinem höfischen Gefolge. So auch im Jahr 936, nachdem er, gesundheitlich sehr geschwächt, seine Thronfolge bei einem Hoftag in Erfurt geregelt hatte. Nur kurze Zeit nach seiner Ankunft stirbt er am 2. Juli im Alter von 60 Jahren und wird, so besagen es alte Chroniken, in einer Marienkirche aufgebahrt, die vermutlich der sakrale Mittelpunkt der Königspfalz war.
Zum Nachfolger ruft man – dem Wunsch des Verstorbenen getreu – seinen ältesten Sohn aus.

Otto I., genannt der Große, in der Kaiserchronik Heinrichs V. um 1112/14.

Foto: gemeinfrei

Als Otto I., auch Otto der Große genannt, wird er das Ostfrankenreich 37 Jahre lang regieren, entschlossen verteidigen, nachhaltig prägen und weiter vergrößern. 962 krönt ihn Papst Johannes XII. in Rom zum Kaiser. Ein historischer Moment, der als Geburtsstunde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gilt.

Herz des Kaisers

Doch auch Kaiser gehen den Weg aller Sterblichen. Im Jahr 973 hält Otto der Große in Quedlinburg, wohin der Leichnam seines Vaters vier Jahrzehnte zuvor aus der Pfalz in Memleben überführt worden war, einen erfolgreichen Hoftag ab. Otto befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht.
Bei guter Gesundheit reist er in seine 80 Kilometer entfernte Pfalz. Wahrscheinlich, um hier das Pfingstfest feierlich zu begehen. Aber es kommt anders als erwartet.
Während der abendlichen Vesper überfällt den 60-jährigen Kaiser ein plötzliches Fieber. Getreue können ihn gerade noch stützen und auf einen Stuhl setzen. Mit dem Trost des Sterbesakraments und der heiligen Kommunion versehen, stirbt er nur wenig später.
Im selben Ort und im gleichen Lebensalter wie sein Vater Jahrzehnte zuvor. Und auch er wird in der Marienkirche aufgebahrt. Bevor der Körper des Kaisers jedoch einbalsamiert und ins über 120 Kilometer entfernte Magdeburg, Ottos Machtzentrum und Lieblingsstadt, überführt werden kann, werden ihm Herz und Eingeweide entnommen und in Memleben bestattet.
Ob oder wo Herz und Eingeweide hier noch ruhen, wird vielleicht nie mehr mit Sicherheit zu klären sein. Archäologen haben die Fundamente der Marienkirche zutage gebracht. In ihr wiederum stießen sie auf ein ungewöhnliches steinernes Fundament, das als Basis eines Sanktuariums oder Schreins gedeutet werden könnte. Wurde hier das Herz des Kaisers verwahrt und seiner besonders gedacht?

Gebete für das Seelenheil

Die Kaiserpfalz Memleben verändert sich nach dem Tod Ottos des Großen jedenfalls nachhaltig. Vom Sterbeort des Großvaters und Vaters wird es vom Enkel, Sohn und Nachfolger, Otto II., zum klösterlichen Gedenk- und Gebetsort gewandelt.

Kaiser Otto II., Ausschnitt aus einem Einzelblatt aus dem Registrum Gregorii, entstanden in Trier nach 983.

Foto: gemeinfrei

Von nun an beten hier die Mönche des Benediktinerklosters, das Otto II. stiftet, für das Seelenheil der Verstorbenen und für die Herrscherdynastie der Ottonen.
Die Marienkirche wird abgetragen. Stattdessen lässt der neue Kaiser eine dreischiffige Klosterkirche im frühromanisch-ottonischen Stil errichten. Mit wahrhaft monumentalen, kaiserlichen Dimensionen.
Kloster Memleben entwickelt sich zur bedeutenden Reichsabtei.

Grundriss der monumentalen frühromanischen Klosterkirche aus dem 10. Jahrhundert.

Foto: GFreihalter, CC BY-SA 3.0

Bedeutung und Größe, die erst dann langsam verblassen, als der Enkel des Klostergründers, Heinrich I., das Bistum Bamberg gründet und sich von da an vor allem dessen Förderung widmet.
Vermutlich ist das auch einer der Gründe, warum die monumentale Klosterkirche verwaist und die Memlebener Mönche im 13. Jahrhundert in unmittelbarer Nachbarschaft dazu ein wesentlich kleineres, frühgotisches Gotteshaus errichten. Nur einzelne Bauteile der Vorgängerkirche überdauern. Das mönchische Leben im Kloster Memleben bleibt jedoch noch Jahrhunderte bestehen.

Ende einer Ära

1525 wird das Kloster jedoch von den Wirren des Bauernkrieges erreicht. Es wird geplündert und verwüstet. Schließlich wird es infolge der Reformation im Jahr 1548 endgültig aufgelöst. Bereits drei Jahre später überträgt Kurfürst Moritz von Sachsen Ländereien und Gebäude an die nur kurz zuvor gegründete Stiftung Landesschule Pforta.

Klosterkirche von Norden, links der Eingang zur Krypta.

Foto: Hoger | eigenes Werk | CC BY-SA 3.0 de

Fast 400 Jahre fließen die Pachterlöse des ehemaligen Klosterguts an die berühmte Landesschule. Die spirituelle Strahlkraft Memlebens ist und bleibt jedoch verloren.
Die spätromanische Krypta dient zeitweilig als Kartoffelkeller, die Klosterkirche des 13. Jahrhunderts steht leer und ungenutzt. Ein verheerender Blitzschlag im Jahr 1722 zerstört ihr Dach und gibt das frühere Gotteshaus der Mönche noch mehr dem Verfall preis.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der sowjetischen Bodenreform und ihren Enteignungen gehen Bauwerke und Landbesitz in einen sogenannten volkseigenen Landwirtschaftsbetrieb über, der das Gut in intensiver, fast industrieller Weise bewirtschaftet.

Hoffnung am Horizont

Erst mit der politischen Wende Anfang der 1990er-Jahre erscheint ein Hoffnungsschimmer für die vernachlässigte und verfallende Klosteranlage. Der Gemeinde Memleben und einigen engagierten Bürgern gelingt es, das Gelände aus der Verwaltung der Treuhand herauszulösen.
1999 wird der Verein Kloster und Kaiserpfalz Memleben gegründet. 2008 folgt die kommunale gemeinnützige Stiftung. Heute führen spannende Ausstellungen und Veranstaltungen die Besucher dieses ganz besonderen Ortes in die bewegte Geschichte von Kaiserpfalz und Kloster ein.
Am schönsten und bewegendsten ist es jedoch, durch Ruinen und Bauwerke sowie über Fundamente zu wandern und die Steine selbst von ihrer Vergangenheit sprechen zu lassen.

Blick in die Apsis der spätromanischen Krypta.

Foto: Hoger | eigenes Werk | CC BY-SA 3.0 de

In der Stille der Krypta, die alle Höhen und Tiefen des Klosters Memleben fast unbeschadet überdauert hat, meint man die Gebete und Gesänge aus vergangenen Jahrhunderten erahnen zu können.
Im nächsten Sommer werden sie wieder erklingen, wenn die Benediktiner aus Münsterschwarzach wiederkehren und das Stundengebet des Heiligen Benedikt anstimmen.
Informationen zur Klosteranlage Memleben und ihren Veranstaltungen finden Sie unter: kloster-memleben.de