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Wer war der berüchtigte Dracula?


In Kürze:

  • Bram Stoker schuf mit Dracula den berühmtesten Vampir der Welt und ließ sich dabei von einem Namen in einem alten Geschichtsbuch inspirieren.
  • Historiker und Literaturwissenschaftler diskutieren bis heute, ob der rumänische Fürst Vlad III. als Vorbild diente.
  • Zahlreiche Überlieferungen deuten auf eine brutale, sadistische Terrorherrschaft des Woiwoden vor fast 600 Jahren hin.
  • Moderne Untersuchungen konnten einige Legenden rund um den rumänischen Nationalhelden belegen, aber auch widerlegen.

 
Das Bild des blutsaugenden Vampirs und Fürsten der Dunkelheit erlangte mit dem Erscheinen des Romans „Dracula“ (1897) des irischen Schriftstellers Bram Stoker schaurige Berühmtheit. Seither streiten sich Forscher, ob dieser Geschichte eine reale Person zugrunde liegt.
1972 sorgte die Theorie zweier Historiker international für Aufsehen, weil sie die Romanfigur Dracula mit dem rumänischen Adligen Vlad III. (1431–1476/77) in Verbindung brachte¹.
US-amerikanische Ausgabe des Romans „Dracula“ von Bram Stoker

Umschlag des Romans „Dracula“ von Bram Stoker.

Dracula: Teufel oder Sohn des Drachen?

Vlad III., auch Vlad Drăculea oder Vlad Țepeș (deutsch: Vlad der Pfähler) genannt, war ein fürstenähnlicher Herrscher aus der Dynastie der Basarab, deren genetische Herkunft bis heute nicht eindeutig geklärt ist². Der Name der Linie leitet sich von ihrem ersten Herrscher, Basarab I. († 1352), ab. Dieser rebellierte erfolgreich gegen Karl I. (1288–1342) und machte die Walachei vom Königreich Ungarn unabhängig.
Fast 100 Jahre später soll Vlad im heutigen Rumänien zur Welt gekommen sein. Der genaue Geburtsort ist jedoch umstritten. Diskutiert werden Sighișoara (deutsch: Schäßburg) in Siebenbürgen und Târgoviște, die Hauptstadt der Walachei. Letztere war der Sitz seines Vaters Vlad II., der vor seinem Sohn der Woiwode des Fürstentums war.
Neben seiner Geburt gab es im Jahr 1431 ein weiteres Familienereignis: Der ungarische König Sigismund (1368–1437), später Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, nahm Vlad II. in den sogenannten Drachenorden auf. Dieser Ritterorden wurde gegründet, um den Vormarsch der muslimischen Osmanen nach Europa aufzuhalten und das Christentum zu schützen.
Jene Ordensmitgliedschaft brachte Vlad II. den Namen „Dracul“ („drac“ ist altrumänisch für „Drache“) ein. Sein Sohn Vlad III. erhielt somit den Namen „Drăculea“, was „Sohn des Drachen“ bedeutet. Doch im heutigen Rumänischen wird „drac“ auch mit „Teufel“ übersetzt, was in Bezug auf die überlieferte, grausame Herrschaftsweise eine weitere Bedeutungsebene bekommt.
Die Regentschaft des Hauses Drăculești fällt in eine für Europa von Krankheiten und Kriegen turbulente Zeit. Als besonders prägend sollte sich der Kampf mit den Osmanen erweisen.

Blut weinende, grüne Augen

Bereits mit zwölf Jahren sollen Vlad III. und sein Bruder Radu von den Osmanen auf der Burg Tokat als Geiseln festgehalten worden sein. 2014 haben Archäologen dort geheime Tunnel und Verliese aus dieser Zeit entdeckt.
Jene Gefangennahme geschah infolge eines diplomatischen Treffens zwischen Vlads Vater und dem osmanischen Sultan. Dieses stellte sich jedoch als Hinterhalt heraus. Vlads Vater musste dem Sultan Treue schwören und seine Söhne als „Pfand“ zurücklassen. In dieser Zeit entwickelte sich vermutlich Vlads feindliche Haltung gegenüber den Osmanen, während sich sein Bruder mit der Kultur und dem Volk der Osmanen anfreundete – was die Brüder spaltete.
Durch den päpstlichen Legaten Nicholas of Modruš (1427–1480) ist zudem bis heute eine Beschreibung des Fürsten erhalten geblieben. „[Er] war nicht sehr groß, aber sehr stämmig und kräftig, mit einem grausamen und furchterregenden Aussehen, einer langen, geraden Nase, geweiteten Nasenflügeln, einem dünnen und rötlichen Gesicht, in dem die großen, weit aufgerissenen grünen Augen von buschigen schwarzen Augenbrauen eingerahmt wurden, was sie bedrohlich erscheinen ließ.“
Einer Erzählung zufolge sollen die grünen Augen zudem manchmal blutige Tränen hervorgebracht haben – ein Phänomen, das medizinisch als Hämolakrie bekannt ist. Eine Studie aus dem Jahr 2023 scheint dies zu bestätigen. An Rückständen auf drei Briefen von Vlad III. aus den Jahren 1457 bis 1475 haben Forscher tatsächlich Proteine nachgewiesen, die auf diese Erkrankung hindeuten. Außerdem ergab die Analyse, dass der Fürst kurz vor seinem Tod an einer entzündlichen Krankheit der Atemwege und/oder der Haut litt³.

Kämpfe um Macht und Thron

1447, als Vlad 16 Jahre alt war, wurde sein Vater von rivalisierenden Adligen entmachtet und getötet. Die Osmanen schenkten dessen Söhnen schließlich die Freiheit, woraufhin sich Vlad III. auf einen Feldzug begab, um den Thron seines Vaters zurückzuerobern. Dies gelang ihm für wenige Monate – bis er selbst gestürzt wurde.
Aus den folgenden neun Jahren gibt es kaum Aufzeichnungen, die etwas über den Verbleib von Vlad III. verraten. Erst 1456 erscheint er wieder in den Schriftquellen, als er mit Unterstützung des Königs von Ungarn erneut zum Herrscher über die Walachei wurde.
Fortan kam es häufig zu Schlachten mit den Osmanen, vor allem im heutigen Rumänien. Die Region war damals die Schnittstelle zwischen dem christlichen Europa und den muslimischen Gebieten. 1462 verlor Vlad III. gegen die Osmanen, und der Fürst musste erneut ins Exil gehen.
Stattdessen übernahm sein proosmanischer Bruder Radu bis zu seinem Tod im Jahr 1475 die Regentschaft über die Walachei. Laut Überlieferungen soll das Volk schließlich die Rückkehr von Vlad III. gefordert haben. Bereits 1476 schaffte es der Fürst kurzzeitig zurück auf den Thron – starb jedoch noch im selben Jahr⁴.
Vlad III. hinterließ mindestens vier Kinder, davon eine Tochter und drei Söhne. Während seine Tochter Maria bis zu ihrem Tod nachweislich bei Verbündeten in Neapel, Italien, lebte, verliert sich die Spur seines Sohnes Mircea ab 1483, als er zuletzt einem katholischen Bischof gedient haben soll. Ein weiterer Sohn soll nach dem Tod seines Vaters ebenfalls um den Thron gekämpft haben. Am bekanntesten ist aber sein wahrscheinlich unehelicher Sohn Mihnea cel Rău, auch der Böse genannt, der ebenso grausam gewesen sein soll wie Vlad III.

Beliebter Herrscher trotz Folter

Heute ist Vlad III. für seine brutale, sadistische Terrorherrschaft bekannt. So soll er seine Feinde und untreue Gefolgsleute als Warnung für andere aufgespießt und zur Schau gestellt haben, woher der Beiname „der Pfähler“ kommt. Außerdem soll er diverse Foltermethoden wie Kochen bei lebendigem Leib, Häuten und Verstümmeln angewendet haben.
Die Praxis des Pfählens als Hinrichtungsmethode war nicht seine Erfindung. Schon die Osmanen und die skythischen Reitervölker nutzten dies als Machtdemonstration⁵. Unabhängig davon soll Vlad III. während seiner Herrschaft geschätzt 80.000 Menschen auf diese Weise getötet haben. Laut Aussage des Historikers Dénes Harai sei diese Zahl jedoch durch die Erfindung des Buchdrucks und die vermehrte Verbreitung sensationslustiger Geschichten stark übertrieben⁶.
„Das spielt die Brutalität von Vlads Herrschaft sicherlich nicht herunter, aber entgegen den Legenden und Behauptungen zeitgenössischer Chronisten war die Pfählung kein Hauptinstrument für Massenmorde“, glaubt Harai.
Dagegen wird der Fürst von vielen positiv gesehen: „Heute gilt Vlad III. jedoch in Rumänien gewissermaßen als Nationalheld, wo man ihn dafür in Erinnerung behält, dass er sein Volk vor ausländischen Invasionen verteidigt hat, seien es türkische Soldaten oder deutsche Kaufleute“, schreiben die Forscher um Maria Pittalà in ihrer Studie.
Wie die rumänischen Bürger noch heute dazu stehen, zeigt eine Umfrage aus dem Jahr 2016. Bei einer hypothetischen Präsidentschaftswahl mit historischen Kandidaten wählten die meisten Befragten (35 Prozent) Vlad III.
Der rumänische Verteidigungsminister Ioan Mircea Pașcu äußerte sich dagegen kritisch, dass Vlad III. nach heutigem Maßstab rechtmäßig für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt⁷. Auch der Historiker Ioan Bogdan sprach sich deutlich entgegen vielen seiner Kollegen gegen eine verherrlichende Haltung und das Bild von Vlad III. als Volkshelden aus⁸.

Vermächtnis von Dracula

Obwohl Vlad III. eine umstrittene Persönlichkeit ist, versuchen viele, eine Verbindung zu dem Fürsten und Dracula herzustellen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei der Suche nach seiner letzten Ruhestätte.
Aufgrund einer einheimischen Chronik glauben viele rumänische Historiker, dass er im Kloster Snagov begraben liegt, dessen Bau er in Auftrag gab. Allerdings wurde bei Ausgrabungen kein Grab entdeckt, und das Kloster ist deutlich älter⁹.
Einer anderen Theorie zufolge wurde Vlad auf dem Weg in eine Schlacht irgendwo zwischen Bukarest und Giurgiu getötet. Sein Kopf soll zum osmanischen Sultan nach Konstantinopel geschickt und sein Körper in der nächstgelegenen Kirche – womöglich vom Kloster Comana – begraben worden sein.
2014 sorgten Forscher der Universität Tallinn mit einer ganz anderen Theorie für Aufsehen. Laut Aussage der Forscher könnte Vlad 1476 nicht getötet, sondern gefangen genommen worden sein. Später sei er gegen Lösegeld freigekommen und zu seiner Tochter nach Italien gereist. Diese Vermutung basiert auf dem Fund eines mit Drachen und Sphingen verzierten Grabsteins in einer Kirche in Neapel – jener, in der auch seine Tochter Maria bestattet ist.
In den Augen von Historikern und Literaturwissenschaftlern haben der Vampir Dracula und Vlad III. nicht viel gemeinsam. Wie viel Bram Stoker über Vlad III. wusste und seine Romanfigur danach ausrichtete, ist nicht bekannt. Sicher ist nur, dass Stoker in einem alten Geschichtsbuch den Namen Dracula und seine wörtliche Bedeutung als „Teufel“ gelesen haben soll, was ihn dazu inspirierte, seine Hauptfigur so zu nennen.
Bram Stoker und zahlreiche Legenden machten den rumänischen Fürsten ungewollt auf ihre Art tatsächlich unsterblich.
Quellen und Literatur:
[1] Radu Florescu und Raymond T. McNally (1994), In search of Dracula: the history of Dracula and vampires.
[2] Martinez-Cruz et al. (2012), doi.org/10.1371/journal.pone.0041803
[3] Pittalà et al. (2023), doi.org/10.1021/acs.analchem.3c01461
[4] Thomas M. Bohn et al. (2013–2018), Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Band 1–3.
[5] G. Caspari, Die Geisterreiter der eurasischen Steppe. Antike Welt, Heft 5/2026.
[6] D. Harai (2025), doi.org/10.1017/S008044012510042X
[7] Henry F. Carey (2004), Romania Since 1989: Politics, Economics, and Society.
[8] Lucian Boia (1997), History and Myth in Romanian Consciousness.
[9] Constantin Rezachevici (2001), The Tomb of Vlad Tepes. The most probable hypothesis.