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Russlands Anwerbenetz in Afrika: Tausende landen im Krieg gegen die Ukraine


In Kürze:

  • Beim dritten Russland-Afrika-Gipfel in Moskau stehen afrikanische Staats- und Regierungschefs unter Druck, die Anwerbung ihrer Bürger für Russlands Krieg gegen die Ukraine anzusprechen.
  • Laut ukrainischem Außenministerium kämpften im August mindestens 2.982 Afrikaner aus 37 Ländern auf russischer Seite.
  • Russland soll die Anwerbung zuletzt in Ländern wie Burundi und Simbabwe stark ausgeweitet haben, um hohe Verluste an der Front auszugleichen.

 
Am 28. und 29. Oktober treffen sich zahlreiche afrikanische Staats- und Regierungschefs mit Wladimir Putin in Moskau. Dabei steht ein heikles Thema im Raum: Russland wirbt zunehmend Afrikaner für den Krieg gegen die Ukraine an – offenbar vielfach mit falschen Versprechen. Für die afrikanischen Gäste bietet der Gipfel eine Gelegenheit, die Rekrutierung und das Schicksal ihrer Staatsangehörigen direkt anzusprechen.
„Täuschung, Tod und Menschenhandel – diese Themen verlangen von den afrikanischen Staats- und Regierungschefs in Moskau Antworten“, fordert die südafrikanische Wochenzeitung „Mail & Guardian“.
Der dritte Afrika-Russland-Gipfel biete dafür eine passende Gelegenheit. Mindestens 23 afrikanische Staats- und Regierungschefs würden zu dem Treffen reisen. Insgesamt seien mindestens 30 afrikanische Staaten vertreten.
Über dem Gipfel liege jedoch „ein schwerer Schatten“. Nach Angaben des ukrainischen Außenministeriums waren im August mindestens 2.982 Menschen aus 37 afrikanischen Ländern auf russischer Seite an der Front im Einsatz, berichtet das Blatt. Zudem befänden sich 35 Menschen aus 17 afrikanischen Ländern in ukrainischer Kriegsgefangenschaft.

Getäuscht: Afrikaner plötzlich an der Front

Bereits im Mai warnte das Africa Center for Strategic Studies (ACSS) in einer Analyse:
„Russlands täuschendes Rekrutierungsprogramm für den Krieg lockt Tausende junge Afrikaner in die Falle.“
Das ACSS wird seit 1999 vom US-Kriegsministerium (Pentagon) betrieben. Über ein Schattennetzwerk, das Onlineanwerbung betreibe, habe Russland Afrikaner aus nahezu jedem Land des Kontinents angelockt. Sie würden an der ukrainischen Front sowie in der Rüstungsindustrie eingesetzt.
„Dies waren nicht die Ziele, auf die sich die jungen Afrikaner bei ihrer Anwerbung eingestellt hatten“, stellt das ACSS in seiner Analyse fest. Viele hätten vielmehr nach Arbeit, Ausbildung oder neuen Lebensperspektiven in Russland gesucht.
Derart getäuscht, seien einige sogar „unter Waffengewalt in den Militärdienst gezwungen“ und „an die Front getrieben“ worden, „wo die Verlustraten außergewöhnlich hoch sind“, stellt das ACSS weiter fest.

Parlament in Kenia debattiert über Anwerbung

Kimani Ichung’wah, Mehrheitsführer der kenianischen Nationalversammlung, berichtete am 18. Februar in einer Rede im kenianischen Parlament, dass die Rekrutierten nach ihrer Ankunft in Russland „im Grunde nur eine Waffe in die Hand gedrückt bekommen, um in den Tod zu gehen“.
Andere seien in gefährlichen Drohnenfabriken gefangen, wo sie chemische Verbrennungen und andere Verletzungen erleiden, ohne eine Möglichkeit zu haben, in ihre Heimat zurückzukehren.
Die Anwerber würden vorzugsweise ehemalige Soldaten oder Polizisten ansprechen, sowie Zivilpersonen im Alter zwischen Mitte zwanzig und fünfzig Jahren, „die händeringend nach Arbeitsmöglichkeiten im Ausland suchen“, so der kenianische Politiker.
Für Russland würden Agenturen „vor Ort“ arbeiten. In Kenia sei dies etwa die Global Face Human Resources Limited mit Sitz in Nairobi, die Festus Arasa Omwamba gehöre.
„Einige Betroffene sind nach Kenia zurückgekehrt – entweder verstümmelt oder nachdem es ihnen gelungen war, mithilfe der kenianischen Botschaft in Moskau aus dem Kriegsgebiet zu entkommen“, so Ichung’wah weiter.
Er beklagte am Ende seiner Rede ferner:
„Vielen dieser jungen Menschen wurden Stellen im Sicherheitsbereich versprochen. Man sagt ihnen, sie würden als Wachleute arbeiten. Dass sie beim Militär eingesetzt werden, verschweigt man ihnen. Sie gehen davon aus, dass sie als Wachleute lediglich einen Schlagstock bei sich tragen oder den Eingang eines Gebäudes bewachen werden.“
Doch sobald sie ankämen, würden sie in Militärlager gebracht. „Sie erhalten eine Ausbildung von nur drei Wochen. Nirgendwo auf der Welt bildet das Militär Menschen in nur drei Wochen aus. Es gibt sogar Fälle, in denen die Ausbildung nur neun Tage dauerte“, beklagte der Abgeordnete Ichung’wah und forderte seine Regierung zu Gegenmaßnahmen auf.
Einem Bericht der Nachrichtenagentur „Reuters“ zufolge würden Afrikaner für besonders verlustreiche Aufgaben an der Front eingesetzt. Überlebende und Ermittler hätten berichtet, dass sie bei hochriskanten Angriffen zum Einsatz gekommen seien.
Sie würden an die vorderste Front geschickt, um Schützengräben auszuheben, Drohnenangriffen auszuweichen und an aussichtslosen Offensivaktionen teilzunehmen. Manchmal habe es eine ganze Woche lang kein Essen gegeben, manchmal auch kein Wasser, berichtete der Vater eines Südafrikaners der Nachrichtenagentur unter Berufung auf seinen Sohn.
Nach Ländern betrachtet, stammen laut ACSS die meisten afrikanischen Kämpfer aus Kenia, Ägypten, Kamerun und Côte d’Ivoire, in leicht schwächerem Maße gefolgt von Algerien, Mali, Südsudan, Südafrika und Nigeria, wie eine Karte des ACSS zeigt.

Anwerbung in armen Ländern verstärkt?

Ungeachtet der Kritik aus mehreren afrikanischen Ländern soll Russland seine Rekrutierungsbemühungen auf dem Kontinent zuletzt ausgeweitet haben. Das berichtete „Bloomberg“ am 26. Oktober unter Berufung auf eine Präsentation aus ukrainischen Geheimdienstkreisen.
Demnach rekrutierte Russland von Januar bis September 2026 insgesamt 699 Männer aus Burundi und 530 aus Simbabwe. Im gesamten Vorjahr waren es 30 beziehungsweise 65 gewesen. Auch in der Demokratischen Republik Kongo, Sierra Leone, Sudan und Kamerun sei die Zahl der Rekrutierten deutlich gestiegen.
Laut der Präsentation richtet Russland seine Suche verstärkt auf Länder mit schwachen demokratischen Institutionen, eingeschränkter Pressefreiheit und einer schwachen Justiz. Die Entwicklung erfolgte demnach, nachdem Kenia und Südafrika versucht hatten, die Abwerbung ihrer Staatsangehörigen einzudämmen.
Als Ziel der Rekrutierung nennt die Präsentation den Ausgleich hoher Verluste und des Mangels an mobilisierbarem Personal. „Bloomberg“ zufolge steht die verstärkte Suche nach neuen Kämpfern im Zusammenhang mit dem Bedarf der russischen Armee, Verluste und Personalengpässe auszugleichen.
Laut einer Analyse des Washingtoner Thinktanks Institute for the Study of War (ISW) vom 1. Oktober würden die russischen monatlichen Verluste an der ukrainischen Front die Zahl der monatlich neu Rekrutierten übersteigen.
Allein im September hätten die russischen Streitkräfte in der Ukraine mehr als 46.000 Verluste zu verzeichnen gehabt, „die bislang höchste monatliche Verlustrate auf russischer Seite im Jahr 2026“, schrieb das ISW.

Was der Russland-Afrika-Gipfel bringen soll

In Kenia leitet Peter Kamau eine Gruppe, die Präsident William Ruto um Hilfe bittet, ihre von Russland für den Krieg angeworbenen Angehörigen nach Hause zu holen. Nach Angaben der Gruppe sind 841 Kenianer in den Krieg verwickelt, die Regierung hat 354 Fälle bestätigt.
Kamau forderte in dem südafrikanischen Wochenblatt „Mail & Guardian“: Der kenianische Präsident „hat die besten Chancen, uns zu helfen. Er sollte noch in dieser Woche direkt mit Putin sprechen.“
Da der burundische Präsident Évariste Ndayishimiye derzeit auch den Vorsitz der Afrikanischen Union innehat und den Russland-Afrika-Gipfel mitleitet, könne Afrika in dieser Frage mit einer Stimme sprechen, hofft Kamau.