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Die Gefahr der falschen Diagnose: Wenn Zuhören Leben retten kann


In Kürze:

  • Der Ankereffekt: Eine erste Diagnose beeinflusst, wie später dazugekommene Informationen bewertet werden.
  • Zeitdruck, Personalmangel, festgefahrene Denkmuster und fehlende Informationen zählen zu den Ursachen für Fehldiagnosen.
  • Aktives Zuhören und eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte bilden die wichtigsten Grundlagen für erfolgreiche Diagnosen.
  • Was Patienten tun können: dem Arzt vollständige Informationen geben, gezielt nachfragen, eine Zweitmeinung einholen und die Patientenakte zur Einsicht anfordern.

 
Stephanie Schüler ist heute Triathletin und engagierte sich im September 2026 bei einer Expertenkonferenz für Zelltherapie an der Universitätsmedizin Magdeburg. Doch bevor sie 2017 ihren ersten Triathlon absolvierte, verbrachte sie eine lange Zeit im Krankenhaus. Was war mit ihr passiert? Ihr Leidensweg begann mit Kopfschmerzen und Übelkeit im Jahr 2012. Dann kamen Veränderungen ihres Verhaltens dazu, sie wurde vergesslich, entwickelte Wahnvorstellungen und bekam Wutausbrüche.
Für die gelernte Krankenschwester wurde immer klarer, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Doch die Ärzte gingen von psychischen Ursachen aus, obwohl gefundene Antikörper auf eine Entzündung des Gehirns hindeuteten. Zunächst gab es keine klare Ursachendiagnose. Stephanie jedoch wollte nicht aufgeben und suchte weiter nach einer Erklärung.
In der Reha traf Stephanie die Mutter einer Patientin, die aus ihrer Erfahrung heraus erkannte, dass es sich bei Stephanie um eine autoimmune Hirnentzündung handeln könnte. Bei dieser Krankheit stört das eigene Immunsystem die Nervenzellen im Gehirn, teils weil es diese mit Krebszellen verwechselt. Später erhielt Stephanie Gewissheit durch die Diagnose, Anti-mGluR5-Autoimmunenzephalitis, eine außergewöhnliche Krankheit, weltweit sind nur mehrere Dutzend Fälle bekannt.
Unbehandelt kann sich diese Krankheit innerhalb kürzester Zeit, von anfänglicher Verwirrtheit bis zu lebensbedrohlichen neurologischen Schäden, entwickeln und schwerwiegende Komplikationen auftreten. Betroffene können anhaltende Krampfanfälle entwickeln, ins Koma. Im schlimmsten Fall endet die Erkrankung tödlich.
Wie kam es, dass die Diagnose bei Stephanie nicht klar gestellt werden konnte und die Ärzte stattdessen von psychischen Ursachen ausgingen?

Wenn der Anker die Diagnose fesselt

Ärzte müssen in ihrem Alltag viele Entscheidungen treffen und oft bleibt kaum Zeit. Kommt nun ein Patient mit bestimmten Beschwerden und eine Untersuchung bringt die ersten Resultate, entsteht im Kopf des Arztes ein erstes Bild, eine Vermutung. Dies ist auch notwendig, denn ohne den ersten Hinweis ist eine medizinische Behandlung kaum möglich. Schwierigkeiten im Behandlungsverlauf können entstehen, wenn aus der Vermutung eine Festlegung wird – und bleibt, auch wenn neue Erkenntnisse dagegensprechen.
In der Medizin ist dieses Phänomen bekannt und Fachleute sprechen vom „Ankereffekt“: Die ersten Einschätzungen prägen, wie später dazugekommene Informationen bewertet werden. Was zur ersten Diagnose passt, erhält mehr Gewicht. Was nicht dazu passt, wird übersehen, als Ausnahme betrachtet oder ignoriert.
Dies kann besonders in der Neurologie und Psychiatrie sehr folgenreich sein. Bestimmte Erkrankungen im Gehirn beginnen mit Symptomen, die auf eine psychische Ursache hindeuten – etwa Schlaflosigkeit, Angst, Verwirrtheit oder  Halluzinationen.Solche Beschwerden können jedoch sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Die Krankengeschichte – der Patient als Informationsquelle

Doch welche Gründe kann es noch geben, dass Ärzte die erste Diagnose nicht mehr infrage stellen? Einer der Gründe könnte sein, dass Ärzte auch Menschen sind, die in Mustern denken. Besonders die Fachärzte sehen jeden Tag ähnliche Krankheitsbilder und entwickeln daraus ihre Erfahrungen. Genau diese Erfahrungen helfen meistens auch dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Aber wenn der Druck, besonders der Zeitdruck, hinzukommt kann es schwer sein, die erste Entscheidung wieder infrage zu stellen. Hinzu kommen Personalmangel, volle Wartezimmer und die Tatsache, dass, wie im Fall von Stefanie Schüler, manche Krankheiten schwer zu erkennen sind.
Doch ein Patient ist kein passiver Empfänger einer Diagnose, sondern eine Informationsquelle. Deshalb können Fragen manchmal wichtiger sein als die nächsten Untersuchungen. Fragen wie: Wann und wie hat das angefangen? Was haben die Angehörigen bemerkt?
Die Informationen aus den Schilderungen des Patienten und der Angehörigen sind, neben Laborwerten, ein wichtiger Teil der Diagnose, denn sie liefern oft entscheidende Hinweise.

Ärzte müssen oft unter Zeitdruck Entscheidungen treffen. Der sogenannte Ankereffekt kann dabei dazu führen, dass spätere Informationen unbewusst stärker im Licht der ersten Diagnose bewertet werden. (Symbolbild)

Foto: metamorworks/iStock

Ein anderer Grund, der die Kommunikationskultur zwischen Arzt und Patient stark beeinflusst, ist der fehlende finanzielle Anreiz. „Solange ein Arzt mehr für Ultraschall oder Röntgen bekommt als für das Gespräch, wird er auch weiter schallen und röntgen“, erklärte der Berliner Internist Dr. Carsten Schwarz in einem Beitrag über ärztliche Gesprächsführung.
Dennoch ist die Kommunikation zwischen Arzt und Patient der wichtigste Weg, um zur richtigen Diagnose und damit zum Therapieerfolg zu gelangen. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass auch der Patient aktiv wird.

Was Patienten tun können

Es gibt vieles, was getan werden kann, um Fehldiagnosen möglichst zu vermeiden. Die folgende Liste kann dazu dienen, sich bewusster zu machen, worauf es bei erfolgreichen Arztbesuchen ankommt. Hier sind die wichtigsten Tipps:
1. Vollständige Informationen liefern und Transparenz herstellen
  • Alle Angaben machen: Dazu zählen verschreibungspflichtige Medikamente, rezeptfreie Präparate, Vitamine sowie Nahrungsergänzungsmittel, aber auch Symptome.
  • Die persönliche Medikamentenliste sollte bei jeder Änderung auf den neuesten Stand gebracht werden.
2. Klärung bei Neuverschreibungen
  • Bei jedem neuen Rezept aufklären lassen und gezielt nachfragen:
    • Wofür ist das Medikament genau und wie wird es richtig eingenommen?
    • Wann muss die Einnahme wieder beendet werden?
    • Welche Nebenwirkungen können auftreten?
    • Gibt es Wechselwirkungen mit bisherigen Medikamenten oder bestimmten Nahrungsmitteln?
3. Verhalten im Ernstfall
  • Handlungsanweisungen erfragen: Es sollte vorab abgeklärt werden, was zu tun ist, wenn Neben- oder Wechselwirkungen auftreten. Das stellt sicher, dass man im Notfall richtig reagieren kann.
4. Zweitmeinung einholen
5. Kopie der Patientenakte anfordern
  • Der Patient hat das Recht, Einsicht in seine Patientenakte zu nehmen und Kopien seiner Unterlagen anzufordern. Dies ist hilfreich, wenn mehrere Ärzte an Therapien beteiligt sind. Die erste Abschrift ist nach § 630g BGB unentgeltlich zur Verfügung zu stellen.

Welche Rolle spielt die ePA?

Seit Oktober 2025 sind Arztpraxen, Apotheken und Kliniken verpflichtet, eine vorhandene elektronische Patientenakte (ePA) zu befüllen. Als ein zentraler Speicher bündelt sie medizinische Unterlagen und wird stetig erweitert. Da fast alle jüngeren Befunde digital vorliegen, liegt die Vermutung nahe, dass diese Datenfülle bereits für eine exakte Diagnose ausreicht.
Die Kehrseite der Medaille ist, dass die erste Diagnose in der ePA auch beim Einholen einer Zweitmeinung zum Anker werden kann. So betrachtet, sind das Zuhören und der Datenspeicher außerhalb der ePA – der Patient – umso relevanter.

Wenn der Arzt dem Patienten zuhört, ist es nicht nur Freundlichkeit

Das Zuhören gehört  zur Diagnostik und ist mehr als bloße Freundlichkeit des Arztes. Aktives Zuhören ist für die Diagnosefindung bedeutsam, weil Patienten dadurch ihre Beschwerden umfassend schildern können. Werden sie hingegen frühzeitig unterbrochen, können dem Arzt wertvolle Informationen über mögliche Ursachen der Erkrankung entgehen.
Für Stephanie Schüler hat es sich gelohnt, weiter nach den Ursachen ihrer Erkrankung zu forschen und sich Gehör bei Experten zu verschaffen. Sie hat inzwischen gelernt, mit ihrer Krankheit umzugehen und dadurch ein Stück Lebensqualität zurückgewonnen.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.