Vor 20 Jahren seien Polen auf der Suche nach neuen Chancen nach Deutschland gezogen. Heute zögen Deutsche nach Polen – auf der Suche nach beruflichen Chancen, bezahlbarem Lebensraum und Sicherheit. Dies stellte das Washington Institute for Poland (WIP), fest – ein Thinktank, der sich normalerweise eher um die polnisch-amerikanischen Beziehungen kümmert.
Polen wirtschaftlich attraktiv
Anfang dieses Jahrhunderts machten sich Hunderttausende polnischer Staatsbürger nach dem Beitritt ihres Landes zur EU auf den Weg in den Westen, in der Hoffnung auf besser bezahlte Arbeit und einen höheren Lebensstandard. „Für eine ganze Generation polnischer Arbeitskräfte wurde Deutschland zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt“, schreibt das Institut in einem Facebook-Beitrag.
Die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) bestätigen, dass im Jahr 2025 rund 5.000 deutsche Staatsbürger nach Polen umgezogen sind. Damit liegt das östliche Nachbarland an siebter Stelle der beliebtesten Ziele für deutsche Auswanderer.
Als Grund für die Abwanderung nennt das WIP, Polen habe sich „zu einer der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas entwickelt; die Arbeitslosigkeit ist weiterhin niedrig, die Städte sind modern und sicher, und die Lebenshaltungskosten liegen oft deutlich unter dem Niveau in Deutschland“.
Politikerin: Deutsche in Masuren nicht willkommen
Inzwischen hat dieses Thema auch die polnischen Medien und die Politik erreicht. Am 18. September titelte etwa die Nachrichtenplattform „WP Wiadomości“: „Deutsche fliehen nach Polen: Medien berichten von Rekordzahl an Umsiedlungen“.
Und Krzysztof Bosak, einer der Vizepräsidenten des Sejm, der ersten Kammer des polnischen Parlaments, sowie einer der führenden Politiker des nationalkonservativen Parteienbündnisses Konfederacja, postete am 27. Oktober auf X: „Ich kann bestätigen, dass es diesen Trend gibt. Am Samstag [24. Oktober] wurde ich in Krakau zum ersten Mal von einem deutschen Journalisten gebeten, Fragen zu beantworten – allerdings nicht zur Politik, sondern zum Umzug von Deutschen nach Polen. Etwa dazu, wie die Polen das wahrnehmen und so weiter. Offenbar stößt das Thema in Deutschland auf Interesse.“
Anna Maria Żukowska, eine führende Politikerin der linksgerichteten Partei Nowa Lewica (Neue Linke) und langjährige Abgeordnete aus Warschau im Sejm, ist hingegen von diesem neuen Trend nicht rundum begeistert.
Laut dem Nachrichtenportal „wPolityce“ habe die Politikerin betont, dass sie keine Deutschen in Masuren haben wolle. Sie wird mir der in Richtung deutsche Zuwanderer gerichteten Aussage zitiert: „Wählt klug. Nur nicht nach Masuren.“ Masuren war bis Mai 1945 der südliche Teil der preußischen Provinz Ostpreußen. Es fiel nach dem Zweiten Weltkrieg an Polen.

Die Straße Krakowskie Przedmiescie in Warschau.
Foto: alexmak72427/iStock
Antideutsche Rhetorik
Dass ohnehin nicht alle Polen glücklich über Deutsche im Allgemeinen sind, ist nicht neu. Doch derzeit scheinen sich die Gemüter in der Politik und Gesellschaft gegen Deutschland besonders zu erhitzen.
„In Polen ist eine antideutsche Kampagne im Gange“, schreibt „Gazeta Wyborcza“, eine der größten und einflussreichsten überregionalen Tageszeitungen, am 19. Oktober.
In Polen finden im kommenden Jahr Parlamentswahlen statt. Einige Politiker würden bereits im Vorwahlkampf nicht davor zurückschrecken, mit Stimmung gegen Deutschland Wähler zu gewinnen, schrieb am 26. Oktober ein Kommentator in der polnischen Zeitung der deutschen Minderheit, „Neues Wochenblatt“ . Ihr „Hauptinstrument im Kampf“ sei es erneut, „den Polen vor den Deutschen Angst zu machen“. Teile der polnischen Rechten würden in den Medien „ein immer schärferes antideutsches Narrativ“ verbreiten und sich dabei unter anderem auf die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs berufen.
Auf einer Versammlung habe der ehemalige Ministerpräsident und langjährige Vorsitzende der Partei Recht und Gerechtigkeit, Jarosław Kaczyński, seine Landsleute vor der nach zunehmenden Versuchen einer schleichenden Re-Germanisierung der ehemals deutschen Westgebiete Polens gewarnt. Er habe zudem betont, dass seit vielen Jahren Initiativen in der Öffentlichkeit entstünden, die seiner Ansicht nach auf eine Kontinuität der deutschen Geschichte in diesen Gebieten hindeuten.
Diese Dämonisierung sei „instrumentell nützlich“, wird Cezary Obracht-Prondzyński von dem Blatt zitiert. Er ist Soziologe und Professor an der Universität Danzig. „Wir haben so einen klar definierten Feind.“ Dieser Feind sei nicht nur Deutschland, „sondern auch jeder in Polen, den wir der Bevorzugung, des Verrats, der übertriebenen Freundlichkeit oder einfach nur seiner deutschen Herkunft bezichtigen können. Das genügt, um jemanden zu delegitimieren“, wird Obracht-Prondzyński zitiert.
Kein neuer Trend
Die Wanderungsbewegung von Deutschen nach Polen ist jedoch nicht so neu, wie es scheint.
Bereits im Jahr 2012 berichtete die mehrsprachige Medienplattform „Voxeurop“, damals „Presseurop“, dass Polen zu einem jener Länder zähle, in denen Deutsche bevorzugt dauerhaft leben wollten.
Laut Destatis zogen im Jahr 2000 sogar rund 11.00 Deutsche nach Polen. Damals war Polen das zweitbeliebteste Ziel für Deutsche, die ins Ausland ziehen. Nach einem Rückgang haben die Zahlen seit 2020 wieder leicht zugenommen.
Es geht aus den Daten jedoch nicht hervor, wie viele von diesen Auswanderern auch einen polnischen Pass haben.
Schweiz am beliebtesten
Nach Angaben von Destatis liegt auf der Beliebtheitsskala der Zielländer für deutsche Abwanderer derzeit die Schweiz mit Abstand an der Spitze. Dorthin zogen im vergangenen Jahr rund 23.000 Deutsche, gefolgt von Österreich mit etwa 14.000. Auch Spanien war im vergangenen Jahr für rund 10.000 Deutsche ein attraktives Zielland, gefolgt von den USA mit etwa 8.900 Auswanderern.
Auswanderung heißt in diesem Fall nicht zwingend, dass die abgewanderten Deutschen in ihren neuen Heimatländern die dortige Staatsbürgerschaft annehmen und dort dauerhaft leben, sondern, dass lediglich, dass sie ihren Wohnsitz in Deutschland abgemeldet und ins Ausland
verlegt haben.
verlegt haben.
Nach Aussage des Vereins Deutsche im Ausland leben derzeit etwa 3,8 Millionen Deutsche ab 15 Jahren dauerhaft außerhalb der Bundesrepublik. „Neun der zehn beliebtesten Zielländer liegen in Europa. Die USA sind das einzige Zielland außerhalb Europas in den Top 10“, so der Verein weiter.
Laut dem Verein besitzen 75 Prozent der deutschen Auswanderer einen Hochschulabschluss. Das nennt man „akademische Migration“ oder Braindrain, also eine Talentabwanderung hoch qualifizierter Fachkräfte wie Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieuren oder Techniker. Deren monatliches Nettoeinkommen steige durch eine Auswanderung im Schnitt um 1.200 Euro.






