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Das Hörbuch-Paradoxon: Warum Audios bei schwerem Stoff oft versagen


In Kürze:

  • In einem Experiment schnitten Studenten, die ein Lehrbuch selbst lasen, bei einem anschließenden Test über das Gelernte besser ab als Studenten, die den gleichen Abschnitt hörten.
  • Laut einer anderen Untersuchung hilft die taktile Stimulation beim Medium Buch dabei, dass die Gedanken nicht so leicht abschweifen.
  • Doch auch die Art des Stoffs zählt: Hörbücher eignen sich gut für lockere Geschichten – bei schwerem Stoff hilft der gedruckte Text laut den Untersuchungen bei der Konzentration.
  • Wie viel man schließlich im Kopf behält, kommt aber nicht direkt auf das Format an, sondern auf die eigene Aufmerksamkeit.

 
Es war um das Jahr 2010 herum, als Lehrbuchverlage begannen, Professoren für Audioversionen ihrer Bücher zu gewinnen. Bevor seine Studenten das Hörbuch kaufen sollten, wollte David B. Daniel, emeritierter Professor für Psychologie an der James Madison University in Harrisonburg im US-Bundesstaat Virginia, einen Beweis dafür, dass das Format funktionierte.
Dafür führte er ein Experiment mit seinen Studenten durch. Er teilte sie in zwei Gruppen ein: Die erste Gruppe las ein Kapitel aus einem Lehrbuch für Psychologie; die andere hörte sich dasselbe Kapitel an.
Gleicher Stoff, 25 Minuten, dann ein Test. „Der Unterschied lag zwischen einer 1 und einer 4“, sagte Daniel gegenüber Epoch Times. „Das war kein schöner Anblick.“ Die Tests der Hörer fielen etwa 28 Prozent schlechter aus.

Die Studenten glaubten, dass sie lernten

Die Testergebnisse sprechen für sich. Doch was unmittelbar vor der Prüfung geschah, macht die Sache erst richtig interessant.
Vor die Wahl gestellt, entschied sich fast jeder Student für die Hörgruppe. „Wenn sie eine Wahl zwischen leicht und schwer haben, wählen die meisten Menschen die leichtere Variante, um das gleiche Ergebnis zu erzielen“, sagte Daniel. Die Studenten glaubten, dass sie lernten – das Gefühl war echt, das Lernen jedoch nicht so effektiv.
Als sie im Leistungsnachweis beweisen sollten, ob sie etwas gelernt hatten, tat sich die Kluft zwischen Gefühl und Wissen unter ihren Füßen auf. Am Ende des Tests schob Daniel noch die Frage ein, in welcher Gruppe die Studenten nun lieber gewesen wären. Die Hörbuch-Hörer änderten fast ausnahmslos ihre Antwort.
„Sie wussten nicht, dass sie es nicht wussten, bis sie es im Rahmen eines Tests abrufen mussten“, so Daniel über seine Interpretation der Studienergebnisse.
Hinter dieser Kluft steckt ein Mechanismus. Der gedruckte Text gibt dem Leser eine sogenannte taktile Orientierung. Eine wichtige Definition steht beispielsweise oben auf einer linken Seite und dient als räumlicher Anker, den ein Hörbuch nicht bieten kann. Außerdem springen die Augen beim Lesen ständig zurück und gleiten unbewusst erneut über einen komplizierten Satz.
Sicher, ein Hörbuch lässt sich zurückspulen, aber das wird selten genutzt. Die gedruckte Seite ist voller natürlicher Pausen, an denen man innehalten und eine Idee sacken lassen kann.
„[Im Hörbuch] gab es keine Seiten, es gab keine natürlichen Stellen zum Innehalten, um das Wissen aufzubauen“, so Daniel. „Es ging einfach immer weiter und weiter und weiter.“

Abschweifende Gedanken

Die Kosten dieses Vorwärtsdrangs sind messbar. Das zeigte eine separate Studie, die stilles Lesen, Vorlesen und Zuhören verglich. 
Bei der Hörbuch-Gruppe drifteten die Gedanken am meisten ab. Die Teilnehmer konnten sich am wenigsten an den Stoff erinnern und hatten das geringste Interesse daran.
Ohne ein Tempo, das man bewusst halten kann, oder eine Seite, an der man sich festhalten kann, schweift der Geist ab, so die Einschätzung der Studienautoren. Doch auch beim Hörbuch kann man sich fokussieren, es hängt nur davon ab, welchen Text man gerade hört.

Argumente für das Hörbuch

Beth Rogowsky, Professorin für Bildungsforschung an der Bloomsburg University of Pennsylvania, führte ebenfalls eine Studie durch, um die Wirksamkeit des Lernens mit Hörbüchern zu testen.
Sie teilte 91 Teilnehmer mit Hochschulabschluss in drei Gruppen ein. Eine Gruppe hörte sich Auszüge aus „Unbeugsam“ an, einem Buch von Laura Hillenbrand über das Überleben im Zweiten Weltkrieg. Die zweite Gruppe las dieselben Seiten, und die dritte tat beides gleichzeitig: Sie verfolgte den Text mit den Augen, während die Erzählung abgespielt wurde.
Anschließend mussten alle Teilnehmer 48 Fragen zum Verständnis beantworten; der Test wurde zwei Wochen später wiederholt. Das endgültige Ergebnis? „Wir konnten keinen Unterschied zwischen den drei Gruppen feststellen“, sagte Rogowsky gegenüber Epoch Times.
Daniels Experiment ergab eine deutliche Lernkluft. Rogowskys ebenso sorgfältige Studie ergab hingegen keine Unterschiede. Der Widerspruch löst sich in dem Moment auf, in dem man fragt, was die jeweilige Lesergruppe tatsächlich zu tun versuchte.

Leichte Kost oder schwerer Stoff?

Daniels Studenten beschäftigten sich mit hierarchisch aufgebautem Lehrbuchmaterial, bei dem, vereinfacht ausgedrückt, Seite sechs erst dann Sinn ergibt, wenn Seite zwei noch im Gedächtnis präsent ist. Rogowskys Teilnehmer folgten einer sich vorwärts entwickelnden Geschichte.
Erzählungen lassen sich leicht mündlich vermitteln, da sich die Zuhörer an der vertrauten Grammatik des Geschichtenerzählens orientieren, meinte Daniel Willingham zu Epoch Times. Dichte, vielschichtige Texte seien eine andere Sache, so der Kognitionspsychologe an der University of Virginia, der sich mit Lernprozessen befasst.
„Wenn ich auf Seite sechs bin, sollte ich das im Idealfall mit dem in Verbindung bringen, was ich auf Seite zwei gelesen habe“, sagte er. „Das ist sehr schwer. Bei Publikationen ist es einfacher, weil man dort leicht zurückblättern kann.“
Das gedruckte Wort überlässt das Tempo zudem dem Leser und nicht dem Erzähler. Das macht es möglich, langsamer zu werden und bei einzelnen Sätzen zu verweilen und sie näher zu betrachten.
Es ist erwähnenswert, dass Rogowskys Studie zwei Einschränkungen aufweist. 
1. Der Hörbuchanbieter Audible finanzierte die Untersuchung. Auf die Frage, ob dies das Ergebnis beeinflusst habe, erklärte Rogowsky, der Sponsor habe sich aus der Konzeption und der Analyse herausgehalten. Auch hätten die Ergebnisse keinem einzelnen Format den Vorzug gegeben.
2. Die Lesegruppe nutzte das elektronische Lesegerät Kindle. Das Lesen am Bildschirm schneidet tendenziell schlechter ab als das Lesen analoger Texte. Hätte man das Hörbuch mit einem gedruckten Buch verglichen, hätte das Hörbuch möglicherweise schlechter abgeschnitten.

Doppelte Reize – kaum Nutzen

Dennoch scheinen Hörbücher bei Büchern, die sich mehr auf die Erzählung und weniger auf visuelle und hierarchische Strukturen konzentrieren, gut zu funktionieren. Das gilt auch, wenn man den Text allgemein verstehen möchte und Schlussfolgerungen und ein tieferes Verständnis zweitrangig sind. Das war das Ergebnis einer großen Studie, die im Jahr 2021 im Fachmagazin „Review of Educational Research“ erschien.
Was ist, wenn man gleichzeitig liest und zuhört? Laut einer Metaanalyse mit 30 Studien und fast 2.000 Teilnehmern brachte der kombinierte Ansatz kaum bis gar keinen Nutzen. Als die Reize verdoppelt wurden, verdoppelte sich das Verständnis nicht; im Gegenteil, es stieg nicht nennenswert. Allerdings könnte es bei Personen mit Leseschwäche und bei Menschen, die eine Zweitsprache lernen, laut den Daten einen moderaten Nutzen durch die Kombination aus Lesen und Zuhören geben.

Eine letzte Variable

Auf die Frage nach ihren eigenen Gewohnheiten sind sich Wissenschaftler einig: Hörbücher für leichte Geschichten, analoge Texte für anspruchsvolle Inhalte.
„Ich beginne und ende mit gedruckten Texten“, sagte Kognitionspsychologe Willingham. „Hörbücher hebe ich mir ausschließlich für ziemlich leichte Kost auf.“
Alle Forscher sprachen auch unaufgefordert eine Warnung aus: Keine dieser Untersuchungen befasst sich mit Kindern, die gerade das Lesen lernen. Jede der hier genannten Studien untersuchte Erwachsene oder fast Erwachsene, die bereits flüssig lesen konnten. 
Das Textverständnis und die reine Lesefertigkeit beanspruchen unterschiedliche Fähigkeiten. Ein Kind, das immer nur hört, ist ein Kind, das nie dazu aufgefordert wird, die zweite Fähigkeit aufzubauen.
„Wir wollen nicht, dass dies falsch interpretiert wird als: ‚Lasst die Schüler einfach Hörbücher anhören und sich nicht mit dem Lesen beschäftigen‘“, meinte Rogowsky, die Professorin für Bildungsforschung.
Für alle anderen fällt das Urteil milder aus: Nutzen Sie Hörbücher bei alltäglichen Tätigkeiten: beim Pendeln, beim Abwasch und beim Wäschewaschen. Aber wenn Informationen klar verstanden und im Gehirn gespeichert werden sollen, lesen Sie sie.
Letztendlich kommt es nicht auf das Format an. Ein Hörbuch, das man mit voller Aufmerksamkeit hört, ist immer noch besser als das gedruckte Wort, das man halb abgelenkt liest. Die Botschaft ist also, dass nicht nur das gewählte Medium zählt, sondern die eigene Konzentration.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „How Audiobooks Affect Your Brain“ (redaktionelle Bearbeitung: as)