Categories
deutschland

Elterngeld, Bürgergeld, Rente: Wo Schwarz-Rot sparen will


In Kürze:

  • Milliardenloch im Haushalt erhöht Reformdruck.
  • Klare Sparvorgabe von Lars Klingbeil an alle Ministerien
  • Elterngeld gerät erneut ins Visier der Sparpolitiker.
  • Ehegattensplitting entwickelt sich zum Konfliktthema.
  • Bürgergeld-Debatte: große politische Wirkung, kleiner Spareffekt

 
Die bevorstehende parlamentarische Sommerpause und die Landtagswahlen im Herbst setzen die Bundesregierung zunehmend unter Zeitdruck. Der Reformbedarf ist groß, die Reformbereitschaft der Bevölkerung jedoch nicht in allen Bereichen gleichermaßen ausgeprägt – und von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil kommen klare Vorgaben für die Haushaltsaufstellung 2027. Nun geht es an die Details.
Alle Ressorts sollen ihre bisherigen Ausgaben um mindestens ein Prozent senken. Das schwarz-rote Bündnis will zugleich umfangreiche Investitionen in Bereichen wie Verteidigung, Klimaschutz und Infrastruktur auf den Weg bringen. Gleichzeitig muss eine milliardenschwere Haushaltslücke geschlossen werden: Für das Jahr 2027 wird sie auf rund 30 Milliarden Euro geschätzt, bis zum Jahr 2029 sogar auf 172 Milliarden Euro. Hinzu kommen Belastungen für Wirtschaft und private Haushalte infolge des Irankrieges. Zudem droht langfristig eine Überforderung der Sozialsysteme.

Nach beitragsfreier Mitversicherung gerät auch Elterngeld ins Sparvisier

Dem jüngsten ZDF-„Politbarometer“ zufolge sind 89 Prozent der Bevölkerung der Überzeugung, dass grundlegende Reformen in Bereichen wie Gesundheit, Rente oder Arbeitsmarkt erforderlich sind. Allerdings sehen nur 23 Prozent eine hohe Bereitschaft dafür in der Bevölkerung – 75 Prozent gehen vom Gegenteil aus.
Wie bereits die Debatte um kurzfristige Maßnahmen zur Sanierung der gesetzlichen Krankenversicherung gezeigt hat, ist die Reformbereitschaft dort besonders gering, wo es die eigene Familie betrifft. Die FinanzKommission Gesundheit (FGK) hatte unter anderem empfohlen, die kostenfreie Mitversicherung von Ehepartnern zu beenden. Die starke öffentliche Kritik führte dazu, dass stattdessen lediglich ein Beitragszuschlag vorgesehen ist.
Als weiterer Bereich, in dem mit Kürzungen und Einschränkungen zu rechnen ist, gilt das Elterngeld. Das Bundesfamilienministerium unter Karin Prien muss gemäß den Vorgaben von Lars Klingbeil in ihrem Ressort Einsparungen von 500 Millionen Euro umsetzen. Bereits zu Monatsbeginn hatte das „Handelsblatt“ berichtet, dass das Elterngeld davon betroffen sein soll.

Einkommensgrenzen bereits zweimal nach unten angepasst

Es wäre nicht das erste Mal, dass es im Bereich dieser im Jahr 2006 beschlossenen Leistung Einschränkungen gäbe – und das, obwohl die Summen noch nie an die Preisentwicklung angepasst wurden. Bereits in den Jahren 2024 und 2025 hatte das Ministerium unter Prien-Vorgängerin Lisa Paus die Einkommensgrenzen modifiziert. Diese stehen auch jetzt zur Debatte.
Derzeit liegt die Einkommensgrenze für den Bezug von Elterngeld bei einer Summe von 175.000 Euro pro Ehepaar. Wer mehr verdient, kann die Leistung nicht mehr in Anspruch nehmen. Künftig könnte diese Obergrenze noch weiter gesenkt werden. Aber auch die Bezugsdauer könnte schrittweise verringert werden.
Je nach Ausgestaltung kann das Elterngeld insgesamt für 12 bis 14 oder für 28 bis 32 Monate in Anspruch genommen werden. Dies hängt zum einen davon ab, ob ein Elternteil in dieser Zeit nicht oder in Teilzeit erwerbstätig ist. Zum anderen lässt sich die Bezugsdauer verlängern, wenn sich beide Elternteile die Betreuung aufteilen. Beim Elterngeld handelt es sich um eine staatliche Einkommensersatzleistung.

Sozialverbände üben scharfe Kritik an möglicher Elterngeld-Kürzung

Das Basiselterngeld beträgt derzeit zwischen 300 und 1.800 Euro pro Monat. Übernimmt ein Elternteil vollständig die Kinderbetreuung und verzichtet auf Erwerbseinkommen, werden rund 65 Prozent des zuvor erzielten Nettoeinkommens ersetzt. Beim Elterngeld Plus für Teilzeitbeschäftigte mit bis zu 32 Wochenstunden liegt der Betrag zwischen 150 und 900 Euro. Das Bundesfamilienministerium geht davon aus, rund 350 der 500 Millionen Euro Einsparvorgabe über eine Reform des Elterngelds erreichen zu können.
Sozialverbände wie der VdK üben Kritik an dem Vorhaben. Dessen Präsidentin Verena Bentele verweist der dpa zufolge auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten. De facto hätten Beziehende bereits jetzt stetige Verschlechterungen in Kauf nehmen müssen: „Dass das Elterngeld seit fast 20 Jahren nicht an die Inflation angepasst wurde und nun auch noch Kürzungen diskutiert werden, ist das falsche Signal zur falschen Zeit.“
Darüber hinaus missachte Schwarz-Rot damit den eigenen Koalitionsvertrag. Dort heißt es, man wolle beim Elterngeld „die Einkommensgrenze sowie den Mindest- und Höchstbetrag spürbar anheben“. Die Anzahl der Elterngeldbeziehenden betrug im Jahr 2025 rund 1,61 Millionen Menschen.

Klingbeil will Aus für Ehegattensplitting bei künftigen Ehen

Ein weiterer politisch heikler Punkt ist vom Bundesfinanzminister Lars Klingbeil selbst angestoßen worden: die Infragestellung des Ehegattensplittings. Wie Bettina Kohlrausch von der Hans-Böckler-Stiftung gegenüber der SPD-Zeitung „Vorwärts“ erklärte, entlaste dieses keine Familien mit Kindern, sondern vor allem Ehepaare: „Das Ehegattensplitting kostet uns mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr und wird zu 90 Prozent in den alten Bundesländern in Anspruch genommen.“
Allerdings steht eine vollständige Abschaffung auch für Klingbeil nicht zur Debatte – nicht zuletzt, weil sie für bestehende Ehen verfassungsrechtlich problematisch wäre. Ein abrupter Wegfall würde in bestehende Lebensplanungen eingreifen und könnte dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes widersprechen. Zudem stellt sich die Union gegen weitreichende Eingriffe beim Ehegattensplitting, das politisch ähnlich umstritten wäre, wie die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung.
Der Vorschlag, das Splitting nur für künftige Ehen abzuschaffen, hätte entsprechend keinen unmittelbaren Effekt auf den Bundeshaushalt. Langfristig könnte er jedoch Wirkung entfalten, da in Deutschland jährlich rund 400.000 Ehen geschlossen werden.

Union setzt auf Bürgergeld-Einschränkungen – Einsparpotenzial wohl überschätzt

Die Union drängt auf weitere Einschränkungen und Verschärfungen beim Bürgergeld. Strengere Mitwirkungspflichten sowie schnellere und härtere Sanktionen sollen mehr Menschen in Arbeit bringen und den Haushalt entlasten. Im Wahlkampf hatte Bundeskanzler Friedrich Merz noch ein Einsparpotenzial von rund 10 Milliarden Euro in Aussicht gestellt, nach der Wahl sprach er von etwa fünf Milliarden Euro. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann nannte zuletzt lediglich „einige“ Milliarden.
Demgegenüber steht der im Herbst des Vorjahres vorgelegte Gesetzentwurf von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas, der deutlich geringere Effekte erwarten lässt. Dem ZDF zufolge sollen sich die Einsparungen im Jahr 2026 auf 86 Millionen Euro belaufen und im Jahr 2027 auf 69 Millionen Euro sinken.
Ab 2028 könnte die Bürgergeldreform sogar mehr kosten, als sie einbringt, rechnete Bas vor. Zudem würden strengere Sanktionen voraussichtlich nur begrenzt zusätzliche Erwerbstätigkeit erzeugen. Ein erheblicher Anteil der Leistungsbeziehenden ist minderjährig, gesundheitlich eingeschränkt oder als sogenannte Aufstocker im Erwerbsleben. Insgesamt erwarte Bas einen Spareffekt von etwa 0,2 Prozent der zuletzt rund 52 Milliarden Euro umfassenden Ausgaben.

Einsparungen bei Verwaltung und Entwicklungshilfe – populär, aber wenig wirksam

Kurzfristig könnten Einschnitte bei Verwaltung und Personal den Haushalt entlasten. Bereits im Jahr 2025 soll der Personalbestand sinken, für das Jahr 2026 ist zusätzlich eine Einsparquote von zwei Prozent vorgesehen – Sicherheitsbehörden ausgenommen. Zudem sollen allgemeine Verwaltungsausgaben reduziert werden. Politisch gilt dieser Bereich als leicht durchsetzbar und vergleichsweise populär, der finanzielle Effekt dürfte jedoch nur im niedrigen Milliardenbereich liegen.
Weitere Einsparpotenziale bestehen bei Förderprogrammen und Subventionen. Auch das Entwicklungsministerium muss sich auf Kürzungen einstellen – der Etat wurde bereits im laufenden Jahr von rund 10,28 auf 9,94 Milliarden Euro reduziert. Zudem ist die vollständige Senkung der Stromsteuer noch nicht umgesetzt. Gleichzeitig könnten die Folgen des Irankrieges den politischen Druck dahingehend erhöhen, die Entlastungen für Bürger stärker zu priorisieren.
Categories
deutschland

„Keine Einwanderung in Sozialsysteme“ – Bas-Aussage sorgt für heftige Debatte


In Kürze:

  • Bundesarbeitsministerin Bas löst mit Aussage über „Einwanderung in Sozialsysteme“ heftige Reaktionen aus
  • Kritiker verweisen auf hohen Anteil von Ausländern an Bürgergeldempfängern
  • Migrationsforscher sehen die Angelegenheit differenzierter

 
Mit einer Aussage am Mittwoch, 6. Mai, im Deutschen Bundestag hat Bundesarbeitsministerin und SPD-Chefin Bärbel Bas eine heftige innenpolitische Kontroverse ausgelöst.
In einer Fragestunde nahm sie zu Themen wie Sozialpolitik und Einwanderung Stellung. Dabei widersprach sie der Einschätzung, die einer zuvor gestellten Frage des AfD-Abgeordneten René Springer zugrunde lag.
Wörtlich erklärte Bas dabei im Kontext des Hinweises auf hohe Anteile von Ausländern an Bürgergeldempfängern:
„Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein, sondern wir brauchen das. […] Wir haben einen Fachkräftemangel in diesem Land, der durch viele Unternehmen eben auch gedeckt wird, indem sie sagen: Wir brauchen jeden, der hier im Land ist und arbeiten kann.“
In weiterer Folge betonte die Ministerin, sie strebe eine schnelle Integration von Zuwanderern in den Arbeitsmarkt an – auch, um den Sozialstaat zu entlasten.
Dafür plant das Ministerium unter anderem eine sogenannte „Work-and-Stay-Agentur“. Diese IT-Plattform soll zur zentralen Anlaufstelle für Fachkräfteeinwanderung werden. Das Vorhaben, das bereits im November angekündigt wurde, fand im Anschluss an die Fragestunde kaum mediales Echo.

Landräte sehen Zusammenhang zwischen Sozialstaat und Einwanderung

Umso mehr Aufmerksamkeit fand die Aussage „Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein“. An dieser nahmen auch Politiker der CDU sowie der SPD Anstoß – insbesondere aus den Landkreisen.
Dort beklagt man seit Jahren finanzielle Herausforderungen, die ursächlich mit den Einwanderungswellen seit Mitte der 2010er-Jahre und seit Beginn des Ukrainekriegs zusammenhängen.
Der Landrat des Saale-Orla-Kreises in Thüringen, Christian Herrgott (CDU), kritisierte die Aussage der Ministerin gegenüber „BILD“: „Da spricht ideologischer Wunsch gegen Realität. Natürlich wird in unser Sozialsystem eingewandert. Und das nicht zu wenig.“
Die Menschen hätten, so fuhr er fort, ein „feines Gespür dafür, ob man ihnen Märchen erzählt oder die Dinge realistisch bewertet“. Aussagen wie jene von Ministerin Bas seien „ein Konjunkturprogramm für die AfD“.
Ähnlich äußerte sich SPD-Landrat Matthias Jendricke aus Nordhausen, ebenfalls in Thüringen. Er hält das hohe sozialstaatliche Niveau in Deutschland für einen „Pull-Faktor“, der das Land zum Zielland mache:
„Wenn ich weiß, in Deutschland bekomme ich das höchste Maß an sozialer Absicherung und die entsprechende Rechtsstaatlichkeit dazu, dann wirkt das.“

Union- und SPD-Politiker widersprechen Bas

Auch „WELT“-Herausgeber Ulf Poschardt griff die Ministerin an. Diese habe mit einer „wirklichkeitsfernen Aussage zu Migration und Sozialsystem der Sozialdemokratie einen Bärendienst erwiesen“.
„Wir haben es leider zugelassen, dass unser Sozialsystem einen echten Anreiz für irreguläre Zuwanderung bietet“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Günter Krings (CDU), der „BILD“. Deshalb reduziere man diese Anreize und setze durch Zurückweisungen die Asylzuständigkeiten in Europa konsequent durch.
Zudem gebe es zu viele Menschen aus anderen EU-Staaten, die nach Deutschland kämen, hier nur wenige Stunden pro Woche arbeiteten und im Übrigen Sozialhilfe bezögen. Dies sei ein Problem, das dringend gelöst werden müsse.
Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Joe Weingarten kommentierte die Worte der Ministerin gegenüber dem Podcast „The Pioneer“: „Das ist eine völlig weltfremde Einschätzung: „Das ist eine völlig weltfremde Einschätzung. Mit der steht sie auch in der SPD weitgehend alleine: Jeder verantwortliche Kommunalpolitiker könnte ihr aus seiner Stadt genügend Beispiele geben, die das Gegenteil belegen.“

Zahlen vermitteln gemischtes Bild

Das Narrativ von einer weit verbreiteten „Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ kann sich vorwiegend auf die Zahlen zum Bezug von Bürgergeld, das mittlerweile in Grundsicherung umbenannt wurde, stützen. Mitte 2025 bezogen etwa 2,4 Millionen Ausländer Leistungen zur Grundsicherung. Dies entsprach einem Anteil von knapp 48 Prozent an allen Bürgergeldbeziehern – deutlich mehr, als es der nichtdeutschen Wohnbevölkerung entspricht. Im Jahr 2005 waren es laut „Statista“ 18,8 Prozent, die Hartz IV erhielten.
Obwohl die Zahl der Leistungsbezieher ebenso wie die der Bezieher von Asylbewerberleistungen in absoluten Zahlen rückläufig ist, steigt die Gesamthöhe der Sozialausgaben weiter. Im Jahr 2024 beliefen sich sie auf 20,2 Milliarden Euro – ein Plus von 15 Prozent. Der Anteil von Ausländern bleibt hoch.
Gleichzeitig verbessert sich die Integration bestimmter Gruppen in den Arbeitsmarkt. Dies trifft insbesondere auf Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine zu. Wie eine Studie des IAB zeigt, waren rund dreieinhalb Jahre nach dem Zuzug rund 50 Prozent der ukrainischen Flüchtlinge beschäftigt.

Migrationsforscher bezweifelt Relevanz von „Pull-Faktoren“

Der These, wonach Einwanderer ihre Zielländer hauptsächlich nach dem Kriterium der Höhe der Sozialleistungen auswählten, widersprechen Migrationsforscher wie der Niederländer und Professor an der Universität Amsterdam Hein de Haas. Er betrachtet andere Faktoren als relevanter.
Dazu gehörten die Sprache – die im Fall der meisten nach Deutschland Geflüchteten erst zu erlernen ist – sowie die Arbeitsmarktchancen. In Deutschland gab es im April 2025 über 380.000 offene Fachkräftestellen.
Auch folgen Zuwanderungsbewegungen häufig bereits bestehenden Gemeinschaften und Familiennetzwerken.
In Deutschland bestehen zahlenmäßig bedeutsame türkische und arabische Gemeinschaften, was dazu führt, dass auch Neuankömmlinge aus dieser Region bevorzugt dorthin wandern. Einwanderung folge damit eher sozialen und ökonomischen Strukturen als dem Sozialleistungsniveau.
(Mit Material der Nachrichtenagenturen)