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Verstaubt, versteigert, verloren: Naturerbe unter den Hammer


In Kürze:

  • Fossilien von Dinosauriern und anderen Lebewesen gehören zum sogenannten Naturerbe, das immer häufiger in Auktionshäusern versteigert wird.
  • Gelangen diese Objekte in Privatsammlungen, kann Laien und Forschern der Zugang zu den Relikten verwehrt werden.
  • Damit geht der Gesellschaft ein Stück Geschichte verloren und steht nicht mehr zur wissenschaftlichen Untersuchung zur Verfügung.
  • Fachleute befürchten dadurch massive Wissensverluste und die Bewerbung einer neuen Kategorie von Luxusgütern.

 
Am 14. Juli 2026 ging „Gus“, eines der vollständigsten Skelette eines Tyrannosaurus rex, für 50,1 Millionen US-Dollar (rund 44 Millionen Euro) an einen anonymen Käufer. Diese Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s stellte einen Rekord für das wertvollste jemals verkaufte Fossil auf.
Damit hat ein weiterer Dinosaurier Einzug in den Markt für Luxus-Sammlerstücke gehalten. Der Fall zeigt, dass selbst die tiefste Geschichte der Erde an den Meistbietenden verkauft werden kann.

Naturerbe als Trophäe verkannt

Für Paläontologen wie mich ist ein Fossil wie „Gus“ – das von 2021 bis 2023 von dem kommerziellen Sammler Thomas Heitkamp und sein Team ausgegraben wurde – jedoch keine Trophäe und kein Kunstwerk. Das Skelett aus der Hell-Creek-Formation in South Dakota, USA, ist ein wissenschaftliches Archiv.
Versteigertes Naturerbe: der Tyrannosaurus rex namens Gus

„Gus“ gehört zu den vollständigsten jemals gefundenen Tyrannosaurus-rex-Skeletten.

Foto: Timothy A. Clary/AFP via Getty Images

Fossilien bewahren Zeugnisse von Entstehung, Wachstum, Krankheit, Verletzungen, Aussterben und urzeitlichen Ökosystemen. Sie sind endliche, unersetzbare Aufzeichnungen der Lebensgeschichte auf der Erde.
Die Wissenschaft ist auf die unabhängige Überprüfung von Behauptungen und eine lebhafte Debatte angewiesen. Forscher müssen in der Lage sein, wichtige Artefakte und Exemplare erneut zu untersuchen, frühere Schlussfolgerungen zu überprüfen und neue Fragen zu stellen.
Sobald jedoch ein wissenschaftlich bedeutendes Fossil in eine Privatsammlung gelangt, ist der Zugang für Forscher nicht mehr gewährleistet. Sammler bewahren ihre Fossilien in der Regel zu Hause auf. Wenngleich Exemplare aus Privatbesitz an Museen ausgeliehen werden, können die Eigentümer ihre Meinung ändern und den Zugang jederzeit verwehren.
Dieses Problem ist besonders im Zusammenhang mit dem Tyrannosaurus rex von Bedeutung. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2025, dass sich zu diesem Zeitpunkt zwar 61 T.-rex-Fossilien in öffentlicher Obhut befanden, 71 jedoch in Privatbesitz waren.
Daher vertritt die Society of Vertebrate Paleontology, eine US-amerikanische Fachgesellschaft für Wirbeltierpaläontologie, deren langjähriges Mitglied und designierte Präsidentin ich bin, seit Langem die Auffassung, dass wissenschaftlich bedeutende Fossilien in öffentliche Obhut gehören. Dieses Naturerbe sollte im Besitz von Museen und Universitäten sein, die es dauerhaft bewahren und für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich machen.

Dinosaurier im Museum für Naturkunde Berlin.

Foto: Yasemin Ozdemir/iStock

Ein Fossil, immer neue Entdeckungen

Befürworter des kommerziellen Fossilienhandels argumentieren oft, dass Exemplare wie „Gus“ ohne den Verkauf an private Sammler vergraben bleiben und verwittern würden. In einem Punkt haben sie recht: Die Entdeckung ist entscheidend. Viele außergewöhnliche Fossilien wurden von Viehzüchtern, Wanderern, Hobbysammlern und kommerziellen Ausgräbern gefunden. Die Paläontologie steht jedem offen, der ein Auge für die Natur hat – man muss kein Experte mit akademischen Qualifikationen sein, um eine wichtige Entdeckung zu machen.
Doch die Entdeckung ist nur der Anfang. Der wissenschaftliche Wert eines Fossils hängt von der sorgfältigen Dokumentation seines Fundorts, der umgebenden Gesteinsschichten sowie der neben ihm erhaltenen Pflanzen und Tiere ab.

Heute ist bekannt, dass ein höherer Kohlenstoffdioxid- und Sauerstoffgehalt zum Aufstieg der Dinosaurier beigetragen hat.

Foto: Warpaintcobra/iStock

Diese Details ermöglichen es Wissenschaftlern, alte Ökosysteme zu rekonstruieren, zu verstehen, wie ein Tier lebte und starb, und zu interpretieren, wie seine Überreste versteinert wurden. Wenn diese Begleitinformationen unvollständig sind oder verloren gehen, geht auch ein Großteil des wissenschaftlichen Werts des Fossils verloren.
Aber selbst Entdeckung, Ausgrabung und Veröffentlichung kratzen kaum an der Oberfläche der wissenschaftlichen Bedeutung eines Fossils. Der größte wissenschaftliche Wert zeigt sich oft erst Jahrzehnte später, wenn Forscher neue Fragen stellen und neue Technologien anwenden, die früheren Generationen nicht zur Verfügung standen. Ein Exemplar, das heute vollständig erforscht erscheint, kann morgen überraschende neue Erkenntnisse liefern – aber nur, wenn es noch für Untersuchungen zur Verfügung steht.

Nachträgliche Entdeckungen

Man denke an die legendären Dinosaurier wie T. rex, Triceratops, Brachiosaurus oder Stegosaurus, die wir vor über einem Jahrhundert entdeckten. Frühe Paläontologen konnten zwar ihre Formen beschreiben, hatten aber keine Möglichkeit, tiefer zu blicken. Da diese Exemplare in Museumssammlungen aufbewahrt wurden, konnten spätere Generationen sie mit Technologien erneut untersuchen, die zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung noch nicht existierten.
Der Paläontologe Larry Witmer und seine Kollegen an der Ohio University begannen vor 20 Jahren, mittels CT-Aufnahmen zerstörungsfrei die innere Anatomie von Dinosaurierfossilien zu rekonstruieren. Hirnhöhlen, Innenohren, Lufträume, Nerven und Blutgefäße wurden zum ersten Mal sichtbar. Sie enthüllten, wie Dinosaurier ihr Gleichgewicht hielten, hörten, rochen und ihre Welt wahrnahmen.
Geochemiker wie Henry Fricke und Thomas Cullen haben anhand von Isotopensignaturen in fossilen Zähnen und Eierschalen die Ernährung, die Wanderungsmuster und die Körpertemperaturen von Dinosauriern rekonstruiert. Diese Forschung hat aufgezeigt, wie Dinosaurier lebten: was sie aßen, wie sie sich durch urzeitliche Landschaften bewegten und sogar, wie warm ihre Körper waren.
Jüngst haben die Molekularpaläontologin Jasmina Wiemann und ihr Team chemische Spuren in Knochen, Eierschalen und Haut identifiziert, die Aspekte der Dinosaurierbiologie offenbaren, die noch vor einer Generation unvorstellbar waren. Bis dato hatten Paläontologen keine Möglichkeit, Details über Stoffwechselraten und Fortpflanzung oder die Farben von Haut, Federn und Eiern zu erfahren.

Mit einer Isotopenanalyse kann der Herkunftsort eines Menschen oder Tieres nachgewiesen werden.

Foto: kms/Epoch TImes

In meiner eigenen Forschung nutze ich Mikroskope, um die verborgenen Geschichten in Dinosaurierknochen und -zähnen aufzudecken. So zeigen Dünnschnitte der Knochen, dass Dinosaurier eher wie Säugetiere und Vögel wuchsen als wie Reptilien. Die winzigen Veränderungen bewahren zudem Spuren längst vergangener Ernährungsgewohnheiten sowie des Moments des Schlüpfens auf. Keine dieser Entdeckungen wäre möglich gewesen, wären die Originalfossilien in unzugänglichen Privatsammlungen verschwunden.

Gemeinsames Naturerbe – unter dem Hammer

Fossilien sind keine statischen Objekte, deren wissenschaftlicher Wert erschöpft ist, sobald sie beschrieben wurden. Ihr Wert wächst mit dem wissenschaftlichen Fortschritt, jedoch nur, wenn zukünftige Forscher die Originalexemplare weiterhin untersuchen können.
Natürlich werden Dinosaurierfossilien manchmal durch den Kauf und die sofortige Übergabe oder Schenkung an Naturkundemuseen vor dem Vergessen bewahrt. Einige der weltweit bedeutendsten Dinosaurierfossilien sind heute zugänglich, weil Privatpersonen, Unternehmen oder Organisationen, die über die Mittel zum Erwerb außergewöhnlicher Exemplare verfügten, erkannt haben, dass diese dort hingehören, wo Wissenschaftler sie weiterhin erforschen und künftige Generationen von ihnen lernen können.
Der Kauf eines Fossils, um es dauerhaft in öffentlicher Obhut zu sichern, unterscheidet sich grundlegend vom Erwerb als privates Sammlerstück: Im ersten Fall wird der Zugang erweitert, im anderen bleibt er ungewiss.
Doch da die Preise für Fossilien in die Millionen steigen, können Museen zunehmend nicht mehr mithalten. Die bedeutendsten Fossilien gelangen nicht mehr zuverlässig in öffentliche Sammlungen. Stattdessen werden sie zu Luxusgütern, deren Marktwert ihren unermesslichen wissenschaftlichen Wert überwiegt.
Dinosaurier gehören zu unserem gemeinsamen Naturerbe. Sie wecken Staunen, weil sie uns alle mit einer Welt verbinden, die unvorstellbar älter ist als unsere eigene. Für mich ist die Frage, die Auktionen wie die Versteigerung von „Gus“ am 14. Juli aufwerfen, nicht, wer es sich leisten kann, diese Relikte der Vergangenheit zu besitzen. Es geht darum, ob künftige Generationen die Chance haben, sie zu erforschen und von ihnen zu lernen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theconversation.com unter dem Titel „What science loses when T. rex becomes a trophy“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)The Conversation