Eine Kopie von Gu Kaizhis Werk „Die Nymphe des Luo-Flusses“ aus der Song-Dynastie. Die Malerei zeichnet sich durch eine blühende Fantasie und raffinierte Techniken aus und schafft eine Komposition, in der sich Realität und Illusion miteinander verflechten
Kunstsammler, Wissenschaftler, Antiquitätenhändler – Tony Dai hat eine besondere Affinität für antike Kunst. Kein Wunder, stammt er doch aus einer traditionsreichen Sammlerfamilie in Shanghai, deren Geschichte bis in die Qing-Dynastie zurückreicht. Seine Kindheit war geprägt von der traditionellen chinesischen Kunst und Kultur. Die Geschichten seiner Vorfahren begleiteten ihn somit von klein auf. Schon seit vier Generationen fließt die Leidenschaft für die Malerei durch seine Adern. Damit war der Grundstein für seine Karriere als engagierter Hüter chinesischer Antiquitäten gelegt.
Dais Weg in die Welt der bildenden Kunst begann im Alter von sechs Jahren, als er anfing, traditionelle chinesische Kalligrafie zu lernen. Zwei Jahre später belegte er bei einem nationalen Kalligrafie-Wettbewerb für Kinder einen bemerkenswerten zweiten Platz. Doch als er vor der Wahl stand, Künstler oder Kunstsammler zu werden, entschied er sich trotz seines Talents ohne Zögern für Letzteres.
Sein erstes Kunstwerk finanzierte er im Alter von zwölf Jahren mit seinem Taschengeld. Rückblickend erinnert sich Dai an dessen sentimentalen Wert: „Auch wenn es keine lukrative Investition war, übte die Malerei eine ganz persönliche Faszination auf mich aus“, sagt er.
Von seiner Familie ermutigt, widmete sich der junge Mann in seinen prägenden Jahren dem Studium und der Wertbestimmung von Antiquitäten und Malerei. Schnell erregte Dai damit die Aufmerksamkeit der Kunstsammler in Shanghai und zog Mentoren an, die ihm mit Begeisterung ihr Wissen vermittelten und seltene Schätze zeigten. Dank seiner vortrefflichen Kenntnisse präsentierte er als 19-Jähriger seine erste Ausstellung in Australien, eine Sammlung renommierter Kunstwerke aus der Ming- und Qing-Dynastie sowie Meisterwerke des 20. Jahrhunderts.
Im Laufe der Jahre hat nicht nur Dais persönliche Sammlung an Wert gewonnen, sondern auch sein Fachwissen und seine Leidenschaft für traditionelle chinesische Kunstwerke.
Eine Kopie von Gu Kaizhis Werk „Die Nymphe des Luo-Flusses“ aus der Song-Dynastie. Die Malerei zeichnet sich durch eine blühende Fantasie und raffinierte Techniken aus und schafft eine Komposition, in der sich Realität und Illusion miteinander verflechten.
Durch das Studium der Werke großer Künstler wie der berühmten „Vier Mönche“ der Qing-Dynastie sowie des Kalligrafie-Virtuosen Wang Xizhi erkannte Dai, dass jene Werke nicht nur künstlerische Meisterleistungen waren, sondern auch ein Spiegelbild der inneren Gesinnung ihrer Schöpfer.
Im Bestreben nach spirituellem Wachstum gewann Dai durch die Meditationsschule Falun Gong, auch Falun Dafa genannt, neues Wissen und vertiefte sein künstlerisches Verständnis.
„Durch meine Kultivierung fühle ich mich stärker mit der spirituellen Substanz verbunden, die jene Meistermaler vor Tausenden Jahren zum Ausdruck bringen wollten“, sagt er.
Einer der Künstler, die Dai besonders verehrt, ist Xie He, eine bedeutende Persönlichkeit der chinesischen Kunstgeschichte des 6. Jahrhunderts, welcher das Werk „Sechs Normen der Malerei“ verfasste. Diese wegweisende Schrift identifiziert sechs grundlegende Prinzipien der chinesischen Malerei: die „geistige Resonanz“ – die vom Werk ausgehende Energie –, die Pinselführung, die getreue Wiedergabe des Motivs, die angemessene Farbgebung, Komposition und Raumgestaltung sowie das Kopieren der alten Meister, wobei für He die „geistige Resonanz“ den wichtigsten Aspekt der künstlerischen Vortrefflichkeit darstellt.
Laut Dai sind grundlegende Kenntnisse von entscheidender Bedeutung, um in einer Malerei nahtlose Übergänge zu schaffen.
„Der Künstler muss das Wesen des Motivs – seine ‚geistige Resonanz‘ – unverfälscht wiedergeben, indem er Pinsel und Tinte gekonnt einsetzt, um dessen lebhafte Realität widerzuspiegeln“, erklärt er.
Es sei diese geistige Verbindung, die der Malerei Leben einhaucht und das dem Motiv innewohnende Wesen durch seine physische Form zum Ausdruck bringt. Diese Fähigkeit dient gleichzeitig als Maßstab:
„Bei der Beurteilung der Echtheit einer Malerei ist häufig deren fehlende Seele ein entscheidender Faktor. Bei gefälschter Malerei mangelt es der Seele an Kohärenz, wodurch dem Werk die Lebendigkeit genommen wird“, sagt Dai.
Ein Ausschnitt aus Mi Yourens Malerei „Bewölkte Berge“, Südliche Song-Dynastie, mit der für die Mi-Familie typischen Technik der Landschaftsmalerei: Die Berghänge werden zunächst leicht mit Tusche schattiert, woraufhin wiederholt horizontal angeordnete Tuschepunkte unterschiedlicher Größe aufgetragen werden, um Berggipfel und Bergrücken darzustellen. Das Kunstwerk zeigt die üppige und nebelverhangene Landschaft von Jiangnan. Metropolitan Museum of Art (New York), Inventarnummer 1973.121.1.
Foto: gemeinfrei
Die Schönheit des leeren Raums
Ein charakteristisches Merkmal traditioneller chinesischer Malerei ist der bewusst geschaffene, sich ausdehnende leere Raum. Das Konzept des „Liubai“, das Freilassen einer Fläche, beschreibt die Nutzung des leeren Raums in der Kunst – eine Technik, die nicht nur dem Werk insgesamt mehr Tiefe verleiht, sondern auch ein sanftes Gleichgewicht zu den ausgefüllten Bereichen herstellt. Liubai hat seinen Ursprung in der daoistischen Philosophie, die den Zustand der Leere und das Nicht-Handeln wertschätzt. Wie Laotse im „Tao Te King“ schreibt: „Alle Wesen entstehen aus dem Sein, Das Sein entsteht aus dem Nichtsein.“ (Übersetzung von Victor von Strauss, 1870)
Das Werk „Einsamer Angler am kalten Fluss“ von Ma Yuan aus der Südlichen Song-Dynastie ist ein hervorragendes Beispiel für die Ästhetik des leeren Raums in der chinesischen Tuschemalerei. Die großzügige Nutzung von freien Flächen rund um das Boot stellt den weiten und nebelverhangenen Fluss dar und lässt dem Betrachter Raum für Fantasie.
Während der Song-Dynastie (960–1279), einer für ihr Streben nach Schlichtheit und Eleganz in der Kunst bekannten Epoche, gewann Liubai an Bedeutung und wurde künstlerisch weiterentwickelt. Laut Dai ist das Kunstwerk mit dem Angler am winterlichen Fluss von Ma Yuan ein Musterbeispiel für diese Technik.
Dai erklärt: „Das Kunstwerk ist von einem Gedicht aus der Tang-Dynastie inspiriert: ‚In einem einsamen Boot angelt ein alter Mann mit Stroh-Regenhut und Stroh-Regenmantel einsam auf dem eisigen Fluss im Schnee.‘ Abgesehen von subtilen Linien, welche die Wellen um das Boot herum andeuten, bleibt der Rest schlicht gehalten. Doch gerade diese weitläufige Leere verkörpert den Kern der Einsamkeit und weckt grenzenlose Fantasie in der weitläufigen Atmosphäre, die Ma anstrebte.“
Laut Dai erfordert die Beherrschung der Liubai-Technik nicht nur Weisheit, sondern auch innere Ruhe. Inmitten der Hektik des modernen Lebens sei es ebenso wichtig, Momente des Liubai für die erschöpfte Seele zu schaffen – eine Zeit der Leere, um die Reinheit zu bewahren, eine Atempause von der Rastlosigkeit, um Gelassenheit zu erlangen, sowie Entspannung, um das Leben mit Leichtigkeit zu meistern.
„Zwei Fische“ von Zhu Da, auch bekannt als Bada Shanren. Er drückte seine Enttäuschung über den Untergang der Ming-Dynastie durch Blumen- und Vogelbilder aus. In dieser speziellen Malerei spiegeln sich seine Gefühle in den Augen der beiden Fische wider, die beide mit einem verächtlichen „weißäugigen“ Ausdruck dargestellt sind.
Das innere Wesen der Malerei
Das oft als „Freihandmalerei“ bezeichnete Konzept „Xieyi“ lässt sich mit „Ideen aufschreiben“ übersetzen. Es stellt ein eigenständiges Genre innerhalb der traditionellen chinesischen Malerei dar. Um ein weitverbreitetes Missverständnis auszuräumen, erklärt Dai, dass Xieyi zwar eine gewisse Ungenauigkeit bei der Darstellung von Landschaften und Figuren vorsieht, das Motiv dennoch auf den ersten Blick erkennbar sein muss.
„[Der alte chinesische Maler] Gu Kaizhi führte das Konzept ‚den Geist durch Form ausdrücken‘ ein, wonach die Darstellung der äußeren Erscheinung eines Motivs dazu dienen sollte, sein inneres Wesen und seine Lebendigkeit zu offenbaren“, sagt Dai.
Die alten chinesischen Gelehrten nutzten Xieyi, um ihre Gedanken und Ziele auszudrücken. „Die meisten alten chinesischen Maler gehörten zur Schicht der Literaten. Sie waren nicht nur versierte Künstler, sondern auch begabte Dichter, Essayisten und Politiker. Ihre Zeichnungen waren visueller Ausdruck ihrer Intelligenz und ihrer geistigen Welt“, so Dai.
„Eine Xieyi-Malerei sollte ein Gefühl der inneren Ruhe erzeugen und Erleuchtung schenken. Dies sind Erfahrungen, die sich von der abstrakten Kunst unterscheiden, die eine starke visuelle Wirkung entfaltet“, erklärt Dai.
Menschliches und Göttliches
Laut Dai schrieb man in der alten chinesischen Kultur außergewöhnlichen Kunstwerken oft heilende Kräfte zu.
„Eine großartige Malerei ist nicht nur ästhetisch ansprechend. Ihre positive Energie birgt das Potenzial, den Betrachtern auf tiefgreifende Weise zu nützen“, sagt Dai.
Er erzählte eine Anekdote aus der chinesischen Geschichte über Wang Hui, einen renommierten Landschaftsmaler aus der frühen Qing-Dynastie. Als Wang das Werk „Berge, Bäche und Herbstbäume“ vollendete, war sein Künstlerfreund Wang Shimin davon derart berührt, dass er es kaufen wollte. Doch Wang lehnte sein Angebot ab. Daraufhin widmete Wang dem Kunstwerk ein Gedicht, in dem er das wundersame Verschwinden seines Hustens beschrieb, nachdem er es betrachtet hatte.
„Berge, Bäche und Herbstbäume“ von Wang Hui, Qing-Dynastie, mit einer bezaubernden Berglandschaft im Herbst. Zum Teil lässt sich diese Episode auf die daoistische Lehre von der „Einheit von Himmel und Mensch“ zurückführen, die in der chinesischen Kultur einen zentralen Platz einnimmt. Alles – Himmel, Erde und Menschheit – wurde als Teil eines einheitlichen Ganzen und miteinander verbunden betrachtet.
Foto: gemeinfrei via Wikimedia Commons
Diese Einheit hat die chinesische Ästhetik tiefgreifend geprägt, sodass Künstler stets nach einem Gleichgewicht zwischen Natur und Mensch suchten und natürliche Elemente mit menschlichen Emotionen und Werten verwoben. Aus diesem Grund trägt in der traditionellen chinesischen Malerei jeder Pinselstrich nicht nur die Essenz des Motivs, sondern auch die Seele des Künstlers in sich.
Dieses Erbe versteht Dai zu entschlüsseln und zeichnet sich damit als Wegweiser durch das komplexe Geflecht aus Kunst, Spiritualität und kulturellem Vermächtnis aus. Seine Erforschung verschiedener Schichten aus Tusche und Leinwand offenbart nicht nur die schiere Schönheit der Pinselstriche, sondern auch die Philosophie, die jedem Meisterwerk innewohnt.
Indem sich Dai für die Erhaltung dieser unschätzbaren Kunststücke einsetzt, fördert er nicht nur die Wertschätzung für die überragende Kunstfertigkeit, die durch die Jahrhunderte hindurch nachhallt. Er bietet uns auch einen Einblick in die Seele des alten Chinas, um Zusammenhänge zu erkennen, die über alle Grenzen und die Zeit selbst hinausreichen.
Dieser Artikel erschien zuerst auf magnifissance.com unter dem Titel „A Steward of Chinese Artistry“. (deutsche Bearbeitung: sua)