Categories
china ticker

Massiver Solar-Ausbau reduziert die Vogelvielfalt in China?


In Kürze:

  • Kein anderes Land hat bisher so viele Solaranlagen errichtet wie China.
  • Laut einer Studie vertreiben sie Vogelarten und reduzieren somit die lokale Biodiversität.
  • Kritik äußerte unter anderem die Chinesische Zoologische Gesellschaft bezüglich der Seriosität der Datensätze.

 
China hat einen unvergleichlichen Solarausbau an den Tag gelegt – vor allem in den vergangenen Jahren. Laut neuesten Daten betrug Chinas installierte Photovoltaikleistung Ende August 1.299 Gigawatt (GW). Das ist in etwa so viel wie alle anderen Länder der Welt zusammen besitzen.
Die meisten der Solarmodule in dem fernöstlichen Land sind in riesigen Freiflächenanlagen in ländlichen Regionen montiert. Hier nutzt China seine weiten, zuvor ungenutzten Flächen. Viele große Solaranlagen sind bereits auf Hügellandschaften errichtet.

Solarmodule an den Hängen von Xuanhua in der Stadt Zhangjiakou in der nordchinesischen Provinz Hebei. China ist der weltweit größte Hersteller und Nutzer von Solarmodulen.

Foto: Greg Baker / AFP via Getty Images

Allerdings dürfte dieser massive Vorstoß der chinesischen Photovoltaik (PV) versteckte Folgen für die Artenvielfalt nach sich ziehen. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine landeseigene Studie, die einige Entwicklungen der Fauna um die photovoltaischen Platten unter die Lupe genommen hat. Im Fokus standen mehr als 2.300 chinesische Landkreise. Die Studie ist peer-reviewed, also geprüft durch unbeteiligte Wissenschaftler aus demselben Fachbereich.

Mehr Pro-Solar-Politik, weniger Vögel

Mehrere Forscher der Universität für Informationswissenschaft und Technologie in Nanjing und der Zentralen Finanz- und Wirtschaftsuniversität haben mit weiteren Wissenschaftlern untersucht, wie stark dieser Konflikt beim chinesischen PV-Ausbau ausfällt.
Den Ergebnissen zufolge gehen strengere Maßnahmen zur Förderung des Solarausbaus mit einem Rückgang der Vogelvielfalt einher. Oder einfach ausgedrückt: Intensivere politische Maßnahmen zum Solarausbau in einer Region haben dort Vogelarten vertrieben. Laut der Studie entsprach ein Anstieg der politischen Intensität um eine Standardabweichung einem Rückgang des Vogelbiodiversitätsindex um 2,1 Prozent.
Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass ökologisch vielfältige Acker- und Weideflächen in bebaute Flächen umgewandelt wurden. Großflächige Solarprojekte können demnach einen neuen ökologischen Konflikt schaffen, indem sie Lebensräume der Tierwelt umwandeln. Das kann somit zum Verlust der Artenvielfalt beitragen.
Die Wissenschaftler überwachten Vögel über große Gebiete hinweg. Diese Tiere reagieren empfindlich auf Veränderungen der Vegetation, der Brutlebensräume und der Nahrungsverfügbarkeit. Verschiebungen in ihrer Artenvielfalt können somit ökologische Auswirkungen aufzeigen, die bei herkömmlichen Messungen möglicherweise übersehen werden.
Das ist insofern relevant, da in China die installierte PV-Leistung mit zunehmender Anzahl an Anlagen immer weiter ansteigt. Diese haben sich dort bereits auf einer Gesamtfläche von mehreren Tausend Quadratkilometern ausgebreitet. Sie können Vogelpopulationen und deren Lebensräume zunehmend beeinträchtigen. Zudem haben staatliche Maßnahmen die PV-Standorte und deren Umfang maßgeblich bestimmt und Chinas Solarenergie-Infrastruktur erheblich geprägt.

In China stehen auch Solarfelder, die ihre Solarmodule in vertikaler Richtung dem Sonnenstand angleichen können.

Foto: Pedro Pardo/AFP via Getty Images

Besonderheiten bei den Ergebnissen

Die geschilderten Effekte bei der Biodiversität ereigneten sich am markantesten in wohlhabenderen und nicht-wüstenartigen Regionen. Geografisch weit verbreitete Arten betrafen sie überproportional. Dies war größtenteils auf eine rasche Landumwandlung zurückzuführen, insbesondere auf die Umwandlung von Acker- und Grünland in bebaute Flächen. Dadurch nahm letztlich die Vegetationsvielfalt ab.
Ebenso identifizierten die Forscher ein paradoxes Muster, das sie als „inferior greening“ (minderwertige Begrünung) bezeichnen. Das bedeutet, dass Landschaften aufgrund eines höheren Blattflächenindexes grüner wirken, jedoch insgesamt ökologisch ärmer wurden.
Auf Deutschland ist diese Studie kaum bis nicht übertragbar. Hierzulande gibt es viel kleinere Freiflächen-Solarparks. Zudem herrschen hier andere klimatische Bedingungen als in China und auch die Vogelarten sind andere. Dass die Vogelwelt bei uns durch Solaranlagen unbeeinträchtigt bleibt, kann daraus aber ebenfalls nicht abgeleitet werden.

Vorgehensweise der Forscher

Die chinesischen Wissenschaftler stellten im Rahmen der Studie einen umfangreichen Datensatz zusammen. Dieser hat 2.344 von insgesamt 2.842 Landkreisen in ganz China im Zeitraum von 2014 bis 2023 umfasst.
In den gesammelten Daten sind kombinierte Vogelbeobachtungen, Solarenergiepolitik, Umweltbedingungen und sozioökonomische Informationen enthalten. Das ermöglichte es den Autoren, den Zusammenhang zwischen Maßnahmen zur Förderung der Solarenergie und der lokalen Vogelvielfalt zu bewerten. Zudem haben sie die Auswirkungen von Veränderungen in der Landnutzung, der Vegetation und der landwirtschaftlichen Produktivität untersucht.
Yuanning Liang, Wirtschafts-Assistenzprofessorin an der Peking-Universität, schrieb dazu: „Der nächste Schritt ist, von der Messung der Biodiversität zur Bewertung überzugehen, indem Veränderungen der Vogelvielfalt mit Ökosystemleistungen und Naturschutzwerten verknüpft werden.“
Ihrer Aussage nach wird die politische Analyse dem Naturschutz nicht genügend Gewicht beigemessen, wenn eine solche Bewertung fehlt. Gleichzeitig können dann auch in der Kosten-Nutzen-Analyse die gesellschaftlichen Kosten der Entwicklung zu niedrig angesetzt werden.
„Genauso wie die Klimapolitik glaubwürdige Schätzungen zu Klimaschäden benötigt, um die gesellschaftlichen Kosten von Kohlenstoff zu ermitteln, sind glaubwürdige Schätzungen der Biodiversitätswerte erforderlich, wenn Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung Ökosysteme verändern“, sagte sie.

Scharfe Kritik von der Zoologischen Gesellschaft

Am 25. August, nur fünf Tage nach Veröffentlichung der Studie, äußerte unter anderem die Vogelkunde-Sektion der Chinesischen Zoologischen Gesellschaft Kritik über die Ausarbeitung.
Die Zoologische Gesellschaft bemängelte, dass die Vogelbeobachtungsaktivitäten, die die Grundlage für die Studie bildeten, nicht auf einer systematischen Überprüfung strenger wissenschaftlicher Gestaltung basieren. Demnach besteht „ein gewisses Maß an Unzuverlässigkeit“. Ebenso wiesen sie darauf hin, dass in 40 Prozent der Vogelbeobachtungsberichte genaue Angaben zur Anzahl der Vogelarten fehlen.
Überdies haben sie insgesamt drei fehlerhafte Aufzeichnungen festgestellt. Eine davon betrifft einen Datensatz zu 2.147.483.647 Seidenreihern, die am 21. März 2015 beobachtet worden sein sollen. Die Zahl ist eine typische Grenze von Computersystemen. Die Vogelkundler kritisieren ihrerseits: „Die Anzahl der Vögel, die in diesen drei Aufzeichnungen aufgezeichnet werden, liegt eindeutig über einem vernünftigen Bereich, aber die Autoren haben die Analyse berücksichtigt, was zu einer Anomalie in den Daten führt“. Sie warf den Studienautoren vor, keine effektive Datenqualitätskontrolle durchgeführt zu haben. Sollte die Zahl der Vögel trotz Milliarden Seidenreihern dennoch sinken, müssten an anderer umso mehr Vögel verschwinden.

Worauf die Studie nicht eingeht

Unabhängig davon erklärt die Studie nicht, ob die Vogelarten, die im Bereich eines Solarparks „abgewandert“ sind, sich nicht wenige Hundert Meter oder wenige Kilometer daneben womöglich problemlos neu angesiedelt haben.
Eine Unterscheidung zwischen Bau- und Betriebsphase der Solaranlagen findet ebenso wenig statt. Fragwürdig bleibt zudem, ob Kollisionen von Vögeln mit dem Modulfeld sowie Anlockung durch polarisiertes Licht einen Effekt auf die Veränderung der Artenvielfalt hatte.
Gleichzeitig fehlt der Vergleich mit der ursprünglichen Nutzung der Fläche. Wenn das bebaute Gelände vorher ein Intensivacker war, kann er bereits vorher für Feldvögel eine ungünstigere Bedingung geboten haben als später ein nicht gepflegter Solarpark.
Die Studie erschien am 20. August 2026 im Fachmagazin „Science“.