„Gib mir ein Kind, bis es sieben ist“, so lautet ein altes Sprichwort, „und ich gebe dir den Mann.“ Dieser Ausspruch wird häufig fälschlicherweise Aristoteles oder Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, zugeschrieben. Doch unabhängig davon, von wem er tatsächlich stammt, enthält er eine zeitlos gültige und unmittelbar einleuchtende Weisheit.
Schon vor fast 3.000 Jahren empfahl das Alte Testament im Buch der Sprüche: „Gewöhne einen Knaben an seinen Weg, so lässt er auch nicht davon, wenn er alt wird.“ Seit jeher wissen die Menschen um den Zusammenhang zwischen früher Kindheit und moralischer Erziehung.
Psychologen des 21. Jahrhunderts stimmen mit den Philosophen der Antike darin überein, dass die ethischen Werte, die einem Kind vermittelt werden, das Fundament seines späteren Erwachsenenlebens bilden. Die wichtigsten Lehrer dieser Tugenden sind letztlich die Eltern und Großeltern, ältere Geschwister und andere Menschen, die einem Kind als Vorbilder und Mentoren zur Seite stehen. Von ihnen nehmen Mädchen und Jungen schon in jungen Jahren Lebenslektionen bezüglich Ehrlichkeit, Großzügigkeit, Respekt gegenüber anderen, Verantwortungsbewusstsein und anderer positiver Eigenschaften auf und verarbeiten sie.
Zahlreiche Artikel im Internet, die immer wieder die zentrale Rolle dieser prägenden Bezugspersonen hervorheben, haben Ratschläge parat und schlagen Aktivitäten vor, die dabei helfen sollen, solche Werte leichter und wirkungsvoller zu vermitteln.
Was in vielen dieser Aufzählungen jedoch fehlt, ist irgendein Hinweis auf Märchen und klassische Geschichten, die diese Lektionen vertiefen und festigen können.
Fabeln und Märchen
Liest man Kindern Äsops Fabeln vor, begegnet man beispielsweise einer Ameise, die einer Grille Verantwortungsbewusstsein beibringt, einer Schildkröte, die einem Hasen zeigt, dass Beharrlichkeit und ein gleichmäßiges Tempo zum Ziel führen, und einem Jungen, der so oft „Wolf!“ ruft, dass er schließlich lernt: Wer immer wieder lügt, dem glaubt niemand mehr – selbst dann nicht, wenn er die Wahrheit sagt.
Liest man Kindern die Märchen von Hans Christian Andersen, den Brüdern Grimm, Charles Perrault und anderen großen Märchenerzählern vor, erleben sie Tugend und Heldenmut ganz unmittelbar – etwa in der Tapferkeit und Beharrlichkeit von Hänsel und Gretel, die sich gegen eine böse Hexe behaupten. Liest man ihnen „Die Schöne und das Biest“ vor, erfahren sie, dass wahre Schönheit nicht im Spiegelbild liegt, sondern im Inneren eines Menschen.
Fabeln sind mit ihren klaren moralischen Lektionen, ihren einprägsamen Figuren und ihrer Kürze gewissermaßen Vitaminspritzen für den Charakter – kleine Dosen Weisheit, die sich tief einprägen und das Gute im Menschen stärken. Märchen dagegen sind in ihrer Handlung und Figurenzeichnung vielschichtiger. Doch auch sie vermitteln eine grundlegende Botschaft der Hoffnung: Am Ende wird das Gute über das Böse triumphieren.
Anders gesagt: Für Kinder bis zum Alter von sieben Jahren können Fabeln mit ihren deutlichen Warnungen und unmissverständlichen Wegweisern für Recht und Unrecht eine erste Landkarte für die Reise durchs Leben sein. Märchen hingegen erzählen von den Widrigkeiten und Gefahren, die uns auf dieser Reise begegnen können – vom platten Reifen über den stockenden Verkehr bis hin zu Unwettern und vereisten Straßen.
Manche zeitgenössischen Kommentatoren haben Märchen als überholt oder als zu beängstigend für Kinder abgetan. In seiner Essaysammlung „Tremendous Trifles“, die auf Deutsch unter dem Titel „Vom Wind und den Bäumen oder Gewichtige Kleinigkeiten: Betrachtungen und Skizzen“ erschienen ist, entgegnet G. K. Chesterton diesen Kritikern deutlich und schreibt:
„Märchen sind nicht dafür verantwortlich, Kindern Angst einzuflößen oder ihnen irgendeine Form der Angst einzureden. Auch vermitteln sie einem Kind nicht erst die Vorstellung vom Bösen oder vom Hässlichen – beides ist längst in ihm vorhanden, weil es in der Welt vorhanden ist. Das Kind kennt den Drachen von Anfang an ganz genau, sobald es nur über Vorstellungskraft verfügt. Was das Märchen ihm schenkt, ist ein heiliger Georg, der den Drachen erschlägt.“
Märchen lehren Kinder – sowohl Jungen als auch Mädchen –, dass sie selbst zu heiligen Georgs werden können und nicht zu Drachen. Wenn ein vierjähriger Junge mit einem Stock als Schwert in der Hand gegen das Böse zu Felde zieht, legt er damit bereits die Rüstung an, die er als Erwachsener benötigen wird. Und wenn ein fünfjähriges Kind sich nach der Geschichte von Aschenputtels märchenhaftem Aufstieg vom armen Mädchen zur Prinzessin selbst als Prinzessin verkleidet, hat es ein Werkzeug gewonnen, mit dem es spätere Widrigkeiten meistern kann.
Anspruchsvollere Geschichten für Kinder bauen auf diesem Fundament der moralischen Reife auf.

Märchen beflügeln die Fantasie und lehren zugleich, Recht von Unrecht zu unterscheiden.
Foto: Digitale Originalillustration von Rae Li, von Hand gemalt, ohne den Einsatz von KI.
Klassiker für die Vorlesestunde
Die Einleitung zu „Magic in the Air“, einem Band der alten Reihe „Collier’s Junior Classics“, die sich an Kindergartenkinder richtete, schildert ein bemerkenswertes Leitbild für die Charakterbildung:
„Was macht ein Buch für Kinder zu einem guten, ja zum besten Buch überhaupt? Die besten Bücher spiegeln universelle Wahrheiten mit Klarheit und künstlerischem Anspruch wider. Sie zeigen, dass der Mensch im Grunde gut ist und das Leben unendlich lebenswert. Sie leugnen die Existenz des Bösen nicht, sondern stellen vielmehr den spannenden Kampf des Menschen gegen das Böse in den Mittelpunkt – einen Kampf, der durch Glauben, Mut und Beharrlichkeit geführt wird. Sie wecken die Vorstellungskraft junger Leserinnen und Leser, entlocken ihnen Lachen und Tränen gleichermaßen und helfen ihnen, ihre Mitmenschen zu verstehen und zu lieben. Solche Bücher zu lesen bedeutet, einen reichen Erfahrungsschatz zu erwerben – ein Erbe, auf das jedes Kind von Geburt an Anspruch hat.“
Es ist eine traurige Binsenweisheit, dass die heutige Kultur mit ihrer Literatur, ihrer Musik und ihren Unterhaltungsangeboten jungen Menschen nur selten vermittelt, dass das Leben unendlich lebenswert ist. Doch diese Lektion können wir unseren Kindern durch unser Vorbild und die Geschichten, die wir ihnen erzählen, mit auf den Weg geben. In „Magic in the Air“ finden sich beispielsweise Auszüge aus „Die Abenteuer des Pinocchio“, „Winnie Puuh“ und „Die Borger“. In diesen Klassikern der Kinderliteratur – und in so vielen anderen – wird Tugend auf unterhaltsame Weise präsentiert.
Hier lernen die Kleinen, genau wie in Fabeln und Märchen, Tugenden nicht durch Belehrungen, sondern durch das Aufsaugen von Inhalten, quasi durch Osmose. Während die Kinder auf dem Sofa im Wohnzimmer zuhören, verinnerlichen sie Lektionen zur Charakterbildung. Gleichzeitig ist das für gestresste Eltern eine Auszeit von ihrem anstrengenden Alltag.
Eine oft vernachlässigte Tugend allerdings könnte besondere Aufmerksamkeit und das bewusste Bemühen der Eltern erfordern – jenseits der Seiten eines Buches.
Das ganzjährige Erntedankfest
Dankbarkeit mag auf den ersten Blick als unpassende Ergänzung zu „Rotkäppchen“ und „Der Wind in den Weiden“ erscheinen, doch sie ist der Schlüssel zu einem „unendlich lebenswerten“ Leben. Und genauso wie Märchen und Geschichten schafft es die Dankbarkeit manchmal nicht auf diese Onlinelisten zur Charakterbildung.
In seinem Essay „Why Gratitude Is Good“ (Warum Dankbarkeit gut ist) weist Robert Emmons, Professor für Psychologie und weltweit führender Dankbarkeitsforscher, darauf hin, dass Dankbarkeit eine Fülle körperlicher, psychischer und sozialer Vorteile mit sich bringt – darunter auch die Fähigkeit, stets das Gute im eigenen Leben wahrzunehmen und anzuerkennen. Kein Wunder also, dass der römische Philosoph und Politiker Cicero die Dankbarkeit als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnete.
Die von diesen beiden Männern gepriesene Dankbarkeit bezieht sich nicht nur auf unser vorübergehendes Vergnügen und unsere Freude über einen bestimmten Moment oder ein Geschenk, sondern auch auf die Wertschätzung des Daseins an sich, darauf, dass wir leben, Menschen sind und in dieser Welt existieren. Leider beschreiben Unzufriedenheit und Nörgeln die heutige Kultur treffender als Dankbarkeit, obwohl wir viel Luxus und unzählige Annehmlichkeiten genießen.
Genau deshalb müssen wir daran arbeiten, unseren Kindern die Tugend der Dankbarkeit schon von klein auf zu vermitteln.
Eine einfache Möglichkeit, bei Kindern ab drei Jahren Dankbarkeit zu fördern, ist, ihnen täglich die Frage zu stellen: „Wofür warst du heute am dankbarsten?“ Ich habe von Eltern gehört, die diese Frage ihren Kindern beim Zubettbringen stellen. Zwei Paare, die ich gut kenne, stellen ihren Kindern diese Frage regelmäßig am Esstisch. Die Antworten sind meist ganz einfach: Die Kinder sind beispielsweise dankbar, dass ein Freund zum Spielen gekommen ist oder dass die Mutter am Nachmittag Eis spendiert hat. Diese kleinen Momente der Wertschätzung summieren sich mit der Zeit, und Dankbarkeit wird zur Gewohnheit.
Ein zusätzlicher Gewinn
Viele Pädagogen wissen: Wer andere unterrichtet, lernt selbst dazu. Die Geschichten und Märchen, die wir unseren Kindern vorlesen, berühren uns ebenso wie sie, wenn auch auf unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Ebenen.
C.S. Lewis verstand das Bedürfnis von Erwachsenen nach Märchen und Geschichten über Unschuld. In „Überrascht von Freude“ schrieb er, dass George MacDonalds „Phantastes: Eine Feenromanze für Männer und Frauen“ seine Fantasie zum ersten Mal beflügelt habe. Später widmete er sein bekanntes Buch „Der König von Narnia“ seiner Patentochter Lucy Barfield. Hier ist der Anfang dieser Widmung: „Meine liebe Lucy, ich habe diese Geschichte für dich geschrieben, aber als ich damit begann, war mir noch nicht bewusst, dass Mädchen schneller wachsen als Bücher. Daher bist du bereits zu alt für Märchen, und bis das Buch gedruckt und gebunden ist, wirst du noch älter sein. Aber eines Tages wirst du alt genug sein, um wieder Märchen zu lesen.“
Märchen, gute Geschichten und bewusst gelebte Dankbarkeit tun uns allen gut. Lasst uns dafür sorgen, dass unsere Kinder diese Werkzeuge an die Hand bekommen, die für die Entwicklung von Tugend und Charakter unerlässlich sind.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „How Fables and Fairy Tales Shape Children’s Character“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)


