Vor der Einführung von Klimaanlagen boten große, schattige Veranden Familien einen kühlen Treffpunkt, um die Abendbrise zu genießen. - Foto: Renelibrary, CC BY-SA 4.0
Aktuell besitzen 90 Prozent der amerikanischen Haushalte eine zentrale Klimaanlage oder Fensterklimageräte.
Dabei wird leicht vergessen, dass die weitverbreitete Klimatisierung von Haushalten in den USA ein vergleichsweise neues Phänomen ist. Im Jahr 1955 waren weniger als 2 Prozent der Haushalte klimatisiert. Die meisten Babyboomer, die heute gekühlte Häuser und klimatisierte Autos genießen, wuchsen ohne Temperaturregulierung im Sommer auf, selbst in Gegenden wie Florida, Louisiana und Texas. Ihre im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geborenen Großeltern und Urgroßeltern betrachteten eine flächendeckende Klimatisierung – sofern sie überhaupt daran dachten – wahrscheinlich als Science-Fiction, ähnlich wie die Jules-Verne-Romane, die sie als Kinder gelesen hatten.
Wie gingen diese sonnengeplagten Unglücklichen also mit der Hitze und Feuchtigkeit des Sommers um, da ihnen ja die Möglichkeit fehlte, die Temperatur im Haus mit Thermostaten zu senken? Werfen wir einen Blick zurück ins vergangene Jahrhundert.
Heutige Häuser in den USA werden unter Berücksichtigung eines künstlichen Innenklimasystems entworfen und gebaut. Vor 150 Jahren war das noch anders. Je nachdem, wo man lebte, spielte das Wetter eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung eines Hauses.
In weiten Teilen der Vereinigten Staaten war die Luftzirkulation entscheidend, um die sommerlichen Temperaturen zu regulieren. Der Architekt John Cluver merkt dazu an: „Während Fenster heute in erster Linie als etwas angesehen werden, durch das man hinausschauen kann, waren sie vor der Erfindung der Klimaanlage ein entscheidendes Mittel, um die Hitze im Haus zu reduzieren.“ Doppelschiebefenster, die sich oben und unten öffnen ließen, ließen kühlere Luft ins Haus und drückten die wärmere Luft nach draußen.
Die Luftzirkulation wurde zusätzlich durch Flure verbessert, die die Luft von der Vorderseite des Hauses zur Rückseite leiteten. Selbst die sogenannten kleinen Shotgun-Häuser für die wachsende Bevölkerung in südlichen Städten wie New Orleans fungierten als hervorragende Luftkanäle. Sie wurden so genannt, weil man angeblich mit einer Schrotflinte durch die Vordertür bis zur Hintertür hätte schießen können, ohne etwas zu treffen.
Der lange, gerade Flur eines typischen Shotgun-Hauses ließ die Brise direkt von der Haustür bis nach hinten strömen.
Weitere architektonische Anpassungen zum Schutz vor hohen Temperaturen waren große Veranden, hohe Decken und Sommerküchen. Die Veranden spendeten den Häusern zusätzlichen Schatten und dienten abends als Treffpunkt für Familie und Freunde. Die Häuser verfügten oft über 3 Meter hohe Decken. Diese verliehen den Räumen nicht nur einen Hauch von Eleganz, sondern hielten sie auch kühler. Einige wohlhabendere Hausbesitzer bauten Sommerküchen – das waren entweder Räume, die sich leicht abschotten ließen, oder kleine, vom Haus völlig getrennte Gebäude –, um in den heißen Monaten separat backen und kochen zu können.
Not macht erfinderisch
Um der lähmenden Schwüle drückend heißer Nächte zu entkommen, hielten sich die Bewohner von Mietshäusern oft auf Feuerleitertreppen oder in Parks auf. Einige Hausbesitzer legten Schlafveranden an. Dabei konnte es sich um mit Fliegengittern versehene Anbauten oder um eine offene Seitenveranda handeln, die gleichzeitig als Sommerschlafzimmer diente.
Auch Präsident William Howard Taft ließ eine mit Fliegengittern versehene Schlafveranda auf dem Dach des Weißen Hauses errichten, um sich vor den drückenden Sommern in Washington zu schützen. Eine Zeit lang arbeitete Woodrow Wilson im Rosengarten in einem mit elektrischem Licht und einem Telefon ausgestatteten Zelt.
Feuerleiter an einem Wohnhaus in Georgetown, Washington, D.C.
Foto: Phillip Nelson/iStock
Frische Brise dank Fliegengitter
Auch wenn wir es heute kaum noch wahrnehmen: Das gewöhnliche Fliegengitter löste eine Revolution bei der Senkung der Innentemperaturen und der Eindämmung von Krankheiten aus.
Der Amerikanische Bürgerkrieg gab den Anstoß für den flächendeckenden Einsatz von Drahtgittern. Ein Unternehmen aus Connecticut namens Gilbert and Bennett stellte ursprünglich Siebe her, doch mit dem Krieg war die südliche Hälfte seines Geschäfts weggebrochen. Ein Mitarbeiter des Unternehmens schlug vor, zusätzlich zu den Sieben auch Drahtfliegengitter herzustellen und zu vermarkten. Obwohl diese Idee nicht neu war, schlug der Plan diesmal ein.
Die zunächst rahmenlosen Gitter ermöglichten es Hausbesitzern, die kühle Brise am frühen Morgen und in der Abenddämmerung zu genießen, ohne dass Insekten wie Mücken und Fliegen ins Haus gelangten. Im Laufe der Zeit sanken die Krankheitsraten, insbesondere die von Malaria, drastisch.
Markisen spenden Schatten
Markisen erfreuten sich vor und nach der Jahrhundertwende großer Beliebtheit.
Da Segelschiffe zunehmend von Dampfschiffen abgelöst wurden und mittlerweile mechanische Vorrichtungen das Verstellen der Markisen erleichterten, konnten die Segeltuchhersteller die neue Nachfrage nach Markisen bedienen.
Fortan verliehen dekorative Markisen den Häusern einen Hauch von Farbe und senkten gleichzeitig die Innentemperaturen. Michael Duffy, der Besitzer eines Hauses aus der viktorianischen Zeit, berechnete, dass seine Markisen die Innentemperatur um 10 bis 15 Grad Celcius senken konnten.
Egal, ob einfarbig, gestreift oder mit Blümchenmuster – Markisen schützen zuverlässig vor direkter Sonneneinstrahlung.
Foto: Ratchat/iStock
Es gab jedoch noch eine andere Möglichkeit, die Hitze erträglicher zu machen. Schließlich war die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von der „Great American Ice Age“ geprägt. Die Gewinnung von natürlichem Eis hatte bereits vor dem Bürgerkrieg stattgefunden. Mit dem Bau spezieller, isolierter Eisenbahnwaggons, dem langsamen Aufstieg der künstlichen Eisproduktion und der steigenden Nachfrage nach Eis erlebte die Branche jedoch einen Boom. Bald transportierten mehr als 1.500 Wagen Eis zu den Kunden in New York City.
Eislieferung an die Stände, Nationales Reisfest, Crowley, Louisiana, 1938.
Um die Jahrhundertwende verfügten auch andere Städte und Gemeinden im ganzen Land über eigene Eishäuser und lieferten Eis an unzählige Haushalte. Dort dienten Eisboxen als frühe Kühlschränke und zerstoßenes Eis stillte das Verlangen nach gekühlten Getränken.
Infolge der Hitzewelle während der Weltausstellung 1904 in St. Louis kam eine weitere wesentliche Veränderung auf. Eis spielte zunehmend eine Rolle in der Esskultur. Ein englischer Teehändler, der aufgrund der drückenden Hitze seine Ware nicht verkaufen konnte, fügte seinen Aufgüssen Eis hinzu. Und somit wurde Eistee landesweit zum Hit.
Ein kühler Eistee gefällig?
Foto: chas53/iStock
Eine Frage der Kleidung
In einem Onlineartikel mit dem Titel „Don’t You Get Hot?“ (zu Deutsch: Wird euch nicht heiß?) weist der Autor auf Folgendes hin: Die meisten historischen Darsteller, die Kleidung aus dem 18. und 19. Jahrhundert tragen, verneinen diese häufig gestellte Frage. Dabei wirken die Kostüme dieser Epochen im Vergleich zu unserer heutigen Sommerkleidung doch formell und steif – und für heißes Wetter völlig ungeeignet.
Der große Unterschied zwischen der damaligen und der heutigen Kleidung liegt jedoch im Material. Unsere Sommerkleidung besteht aus synthetischen Stoffen, die Körperwärme und Schweiß eher einschließen. Unsere Vorfahren trugen hingegen locker gewebte Stoffe aus Baumwolle und Leinen, die es dem Körper ermöglichten, Wärme leichter abzuleiten. Eine Frau in voller Kleidung, wie wir sie von Gemälden oder Fotos aus den Jahren 1880 bis 1920 kennen, fühlte sich in ihrer Kleidung wahrscheinlich kühler als viele Menschen heute in Jeans und Bluse oder Hemd.
Auch Männer kleideten sich damals formeller, trugen aber ebenfalls leichte Kleidung, die atmungsaktiver war als unsere heutige Kleidung.
„Am Meer“, 1878, von James Tissot. Natürliche, locker gewebte Fasern wie Baumwolle und Leinen ermöglichten es dem Körper, viel besser zu atmen und Wärme abzuleiten als moderne synthetische Stoffe.
Von meinen 75 Lebensjahren habe ich etwa 40 Jahre in Häusern und Wohnungen ohne Klimaanlage verbracht. Das reichte von einer kleinen Einzimmerwohnung im fünften Stock und ohne Aufzug in der Innenstadt von Boston bis zu dem Bed & Breakfast, das meine Frau und ich 20 Jahre lang in den Smoky Mountains besaßen – bis zu ihrem Tod.
Im vergangenen Winter kostete mich die Beheizung meiner Wohnung allein im Februar 340 US-Dollar (etwa 291 Euro). Angesichts dieser hohen Stromrechnung – und zur Überraschung und Belustigung meiner Freunde und Familie – beschloss ich, eine echte Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen und diesen Sommer auf den Kauf einer Klimaanlage zu verzichten.
Meine Wohnung ist eine von dreien in einem 1900 erbauten Haus in der Innenstadt von Front Royal, Virginia. Das bedeutet, dass das Gebäude so konzipiert wurde, dass es Wärme abweist und ableitet. Noch vor Tagesanbruch – ich stehe früher auf als die Vögel in der Nachbarschaft – habe ich in den letzten drei Monaten jeden Morgen bestimmte Fenster geöffnet. Sobald es im Laufe des Tages heißer wurde, schloss ich sie und ließ die Jalousien herunter, um die späte Nachmittagssonne abzuhalten. Im Laufe des Tages wechselte ich manchmal auch von meinen üblichen langen Khaki-Hosen zu Shorts. Zuhause trug ich im Allgemeinen keine Hausschuhe, da ich festgestellt habe, dass mich die „Nur-Socken-Taktik“ kühler hielt. Ich trank reichlich gekühlte Getränke und vermied es, den Herd zu benutzen. Stattdessen bereitete ich mir Sommergerichte zu wie Salate und Sandwiches.
Ventilatoren: Einfach und effektiv
Ein wesentlicher Unterschied zwischen meinem sommerlichen Lebensstil und dem eines Mannes, der vor 120 Jahren hier lebte, sind Ventilatoren – sozusagen mein „Schummeltipp“. Ihm und seiner Familie standen im Jahr 1900 wohl nur Handfächer zur Verfügung, während meine elektrisch waren und mich ohne jeglichen Aufwand herrlich kühl hielten.
Ohne Steuern belief sich meine Stromrechnung im Juli auf 42,31 Dollar (circa 36 Euro) – und ich bin immer noch hier, um davon zu berichten.
Die Leute früher hatten schon einige Tricks auf Lager.