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Wie Cassiodor und sein Kloster den Westen bewahrten


In Kürze:

  • Der Staatsmann Cassiodor lebte in der Zeit, als das große Römische Reich und damit die antike Hochkultur am Zerfallen war.
  • Im betagten Alter hat sich der begabte Mann von der Politik abgewandt, um ein christliches Kloster zu gründen.
  • Sein Ziel war es zusammen mit seinen Glaubensbrüdern antike Werke aufzuspüren, zu kopieren oder zu übersetzen und so für die Nachwelt zu erhalten.
  • Für Cassiodor war ein fundiertes Denken durch sorgfältiges Studium eines der Mittel gegen kulturellen Verfall und Krieg.

 
Im 6. Jahrhundert, als das Römische Reich endgültig niederging, strebten rivalisierende Könige nach der absoluten Herrschaft über Italien. Ihre Intrigen brachten Verwüstung über das Land, das Dichter, Redner und Förderer hervorgebracht hatte. Der Krieg zerstörte Denkmäler, Lehreinrichtungen und Bibliotheken, gefährdete die Schriftkultur und bedrohte das Fortbestehen des kulturellen Erbe Roms.
Doch die Hoffnung blieb. Inmitten der Ruinen seiner von Konflikten heimgesuchten Heimat zog sich ein frommer Politiker aufs Land zurück und gründete ein Kloster. Das religiöse Zentrum sollte Bücher bewahren und Weisheit schützen. Doch warum wandte sich der Mann namens Cassiodor (um 490–580) in Zeiten des Krieges den Ideen zu?

Ein Reich in Trümmern

Historiker führen den Zusammenbruch des Römischen Reiches oft auf die Einfälle der „Goten“ zurück, einen Sammelbegriff für germanische Stämme aus Nord- und Osteuropa. Die Goten wanderten teilweise wegen des Hunnenkönigs Attila (um 406–453) nach Westen aus – einem wilden, blutrünstigen Eroberer, dessen Feldzüge ihm den Ruf als „Geißel Gottes“ einbrachten.
Attilas Angriffe zwangen die Westgoten, Ostgoten und andere Völker dazu, unter anderem in die römisch besetzten Gebiete im heutigen Deutschland und Österreich einzufallen. Auch wenn sie nicht immer erfolgreich waren, schädigten ihre regelmäßigen Überfälle die Infrastruktur Roms und beschleunigten dessen Niedergang.
Der Zusammenbruch des Römischen Reiches, das sich bereits im Jahr 395 in ein östliches und ein westliches Reich teilte, vollzog sich schrittweise. Wissenschaftler legen jedoch meist das Jahr 476 als Zerfallsdatum fest.
Odoaker (um 433–493), ein gotischer Feldherr und ehemaliger römischer Soldat, setzte mit dem jungen Romulus Augustulus (460–530) den letzten weströmischen Kaiser ab. Anschließend gründete er ein neues Königreich und annektierte den Großteil der römischen Gebiete in und um Italien. Romulus war der mythische Gründer Roms, und Augustus war Roms erster Kaiser. Dass der letzte Herrscher des vereinten Großreiches beide Namen trug, birgt eine gewisse Ironie.
Ein Teil von Roms Glanz lebte im Oströmischen Reich weiter. Seit dem frühen 4. Jahrhundert wurde es von Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, aus regiert. Kaiser Konstantin der Große (272–337) machte die antike Metropole per Dekret zur neuen Hauptstadt. Zudem erklärte der römische Kaiser das Christentum zur offiziellen Staatsreligion des Reiches, was zur Spaltung des Reiches in Ost und West maßgeblich beitrug.
Während die Goten die westlichen Gebiete Roms einnahmen, blieb Konstantinopel der formelle Sitz des Oströmischen Reiches. Sein Fortbestehen sicherte einen Großteil des kulturellen Erbes, das durch die gotischen Einfälle bedroht war.

Der Niedergang der Goten

Odoakers Königreich hielt jedoch nicht lange. Der oströmische Kaiser Zenon (um 425–491) beauftragte einen ostgotischen Stamm unter der Führung von Théoderich dem Großen (um 451–526) in Italien einzufallen. Théoderich eroberte Odoakers Ländereien, zwang ihn in Ravenna zur Kapitulation und ermordete ihn bei einem Bankett, das als Versöhnungszeremonie ausgegeben wurde.
Danach beanspruchte Théoderich den Thron für sich und wurde Herrscher des Ostgotenreichs. Obwohl er zunächst unter dem Befehl des oströmischen Kaisers stand, galt seine Loyalität seinem eigenen Volk, weshalb er häufig in oströmische Gebiete einfiel.
Als Théoderich 526 starb, folgte ihm sein Enkel auf den Thron. Wie Romulus Augustulus war auch Athalarich (516–534) noch sehr jung. Er führte ein ausschweifendes Leben und starb im Alter von nur 18 Jahren.
Athalarichs Tod stürzte das Ostgotenreich ins Chaos. Der oströmische Kaiser Justinian I. (482–565) nutzte diese Instabilität aus und startete einen großangelegten Feldzug, um die italienischen Gebiete zurückzuerobern und Roms früheren Glanz wiederherzustellen. Als einer von vielen „Gotenkriegen“ dauerte der Konflikt fast zwei Jahrzehnte.
Unzählige Kriege gingen Justinians Feldzug voraus. Doch fast keiner von ihnen weckte das gleiche Verlangen nach Bewahrung der Kultur. Während die kämpfenden Heere im gesamten Mittelmeerraum Orte des Lebens und des Lernens zerstörten, traten einige wenige Verfechter der Bildung in Erscheinung. Der bemerkenswerteste unter ihnen war Cassiodor, ein Politiker, der sein späteres Leben der Förderung der Literatur widmete.

Cassiodor: Ein kluger Staatsmann mit scharfsinnigem Geist

Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator (um 490–580) wurde in der Nähe von Catanzaro in Süditalien als Spross einer langen Reihe angesehener Politiker und Feldherren geboren. Er begann eine politische Laufbahn neben seinem Vater, der der wichtigste Berater von Théoderich dem Großen war. Als fähiger Diplomat und kluger Stratege stieg Cassiodor schnell auf.
Seine erfolgreiche Karriere lässt auf eine gründliche juristische Ausbildung schließen. Cassiodor studierte zudem griechische und lateinische Literatur, wahrscheinlich mit Unterstützung privater Lehrer. Diese umfassende Bildung machte ihn zu einem überzeugenden Redner. Oft soll er damit beauftragt worden sein, offizielle Briefe für die gotischen Herrscher zu verfassen.
Künstlerische Darstellung von Cassiodor

Künstlerische Darstellung von Cassiodor aus dem Jahr 1177.

Gegen Ende seiner politischen Laufbahn veröffentlichte Cassiodor eine Auswahl seiner Korrespondenz unter dem lateinischen Titel „Variae“ (zu Deutsch: „Sammelwerk“). Die Briefe zeugen von einem neugierigen, scharfsinnigen Geist.
Zwischen formellen Sätzen an Herrscher und Gesandte schweifte Cassiodor oft zu Themen wie Musik, Mathematik und Philosophie ab. In einer Nachricht an einen Verwaltungsbeamten in Süditalien sprach er liebevoll von seiner Heimatstadt, wo „das Leben ohne Kummer vergeht, da niemand die widrigen Jahreszeiten fürchtet“.

Langsame Abkehr von der Politik

Kurz nach Justinians Gotenkrieg brach Cassiodor nach Konstantinopel auf, wo er sieben Jahre lang Theologie studierte und seinen christlichen Glauben vertiefte. Die Zeit fernab der Politik ermöglichte es ihm, zahlreiche historische Darstellungen, philosophische Abhandlungen und theologische Kommentare zu verfassen.
Viele seiner längeren Werke stützten sich auf griechische Quellen. Griechisch war die Sprache von Platon (um 428–347 v. Chr.) und Aristoteles (384–322 v. Chr.), deren Schulen die wichtigsten Bildungszentren des Mittelmeerraums waren.
Später studierten und übersetzten römische Persönlichkeiten wie der begabte Redner Cicero (106–43 v. Chr.) die Lehren der beiden griechischen Philosophen. Zudem war Griechisch die Sprache des Neuen Testaments und der frühen Bibelkommentare, die für Christen wie Cassiodor von großer Bedeutung waren.
Cassiodor, dargestellt in der Schedel’schen Weltchronik von 1493

Cassiodor, dargestellt in der Schedel’schen Weltchronik von 1493.

Mit dem Schwinden der Verbindungen zum griechisch- und lateinischsprachigen Oströmischen Reich schwand auch die Kenntnis der antiken Sprache und ihrer Texte. Wie sein Kollege Boethius (um 480–526) sah Cassiodor diese zunehmende Entfernung von Griechenland als große Gefahr an.
Sein langer Aufenthalt in Konstantinopel verschaffte ihm eine einzigartige Position, um eine Brücke zwischen der lateinischen und der griechischen Welt zu schlagen. Er unterrichtete privat Griechisch und übersetzte griechische Texte ins Lateinische. In seinen späteren Lebensjahren wandte er sich von der Politik ab und kehrte nach Italien zurück, wo er seine bedeutendsten Spuren hinterließ.

Cassiodor gründet das Vivarium

Die Familie von Cassiodor besaß ein großes Anwesen in der Nähe seines Geburtsortes in Catanzaro. Dort, an den Ufern des Ionischen Meeres, das das östliche und westliche Mittelmeer miteinander verband, gründete er ein Kloster.
Wie Cassiodor im Gründungstext des Vivariums zugab, war sein ursprünglicher Plan, eine christliche Schule in Rom zu errichten. Er sicherte sich Geld und Unterstützung von Papst Agapetus I. (489–536), doch das Projekt scheiterte „aufgrund der andauernden Kriege und tobenden Schlachten in Italien“. Da dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, wählte der ehemalige Politiker seine Heimatstadt als Alternative.
Das Vivarium umfasste einen gemeinschaftlichen Wohnbereich für Mönche sowie abgeschiedene Gebäude für Einsiedler, die in Einsamkeit leben wollten. Der Komplex verfügte über eine große Bibliothek und einen Lesesaal für Besucher. Gemäß dem christlichen Prinzip der Nächstenliebe bot er zudem den Bedürftigen Unterkunft und den Kranken medizinische Versorgung.
Mögliche Darstellung vom Kloster Vivarium, das Cassiodor gründete

Mögliche Darstellung des heute nicht mehr erhaltenen Klosters Vivarium.

Das Kloster hatte keine zentrale Autorität. Obwohl ältere Mönche den jüngeren Mitgliedern Griechisch und andere Fächer beibrachten, hatte jeder viel Zeit für das Selbststudium. Cassiodor schrieb an seine Glaubensbrüder:
„Von göttlicher Liebe bewegt, habe ich mit Gottes Hilfe diese Einführungsbücher für euch verfasst, die an die Stelle eines Lehrers treten sollen. Ich glaube, dass sich durch sie, so Gott will, der Aufbau der Heiligen Schrift und ein kompakter Überblick über die weltliche Literatur erschließen lassen.“
Durch Cassiodor gehörte das Selbststudium zum Alltag von Mönchen

Selbststudium und das Lesen großer Werke aus aller Welt gehörte zum Alltag von Mönchen und hohen Geistlichen.

Ein Ort voller schöner und guter Dinge

Das Spektrum des Vivariums umfasste Werke früherer Schriftsteller, „die wir zu Recht preisen und den späteren Generationen in aller Herrlichkeit verkünden“, so Cassiodor. Die Werke sollten von großem Nutzen für jeden sein, „der die Quelle sowohl des weltlichen Wissens als auch des Heils der Seele ergründen möchte“.
Obwohl es sich formal um eine christliche Einrichtung handelte, bestand der Hauptzweck des Vivariums darin, Handschriften zu bewahren. Die Mönche hatten die Aufgabe, griechische und lateinische Werke aufzuspüren, zu kopieren, zu übersetzen und mit Anmerkungen zu versehen, in der Hoffnung, sie für die Nachwelt zu erhalten.
Die meisten Bücher in ihrer Bibliothek behandelten christliche Themen, seien es Abschriften der Heiligen Schrift oder Bibelkommentare. Doch die umfangreichen Sammlungen des Vivariums umfassten praktisch jeden Autor und jedes Genre, das zu jener Zeit verfügbar war.
Entgegen der Kritik anderer Christen ermutigte Cassiodor seine Kollegen offen dazu, nichtchristliche Autoren wie Cicero und Aristoteles zu studieren und zu bewahren, deren Lehren in Rhetorik und Ethik er als unverzichtbar erachtete, um ein vielseitig gebildeter Mensch zu werden.
Das Vivarium und seine Werke stießen bei Gelehrten schnell auf Interesse, nicht zuletzt wegen ihrer würdevollen Gestaltung. Bewegt von Platons Vorstellung, dass schöne Dinge auch gut sind, betonte Cassiodor die Notwendigkeit, elegante, kunstvoll verzierte Handschriften anzufertigen. Er ging sogar so weit zu behaupten, dass die Anfertigung einer schönen Handschrift heiliger Texte für einen Christen ein „heiliges Werk“ sei.
In den Augen von Cassiodor war es eine Notwendigkeit, kunstvoll verzierte Handschriften anzufertigen

Abschriften, die von Mönchen in Klöstern angefertigt wurden, waren oft kunstvoll verziert.

Das Vermächtnis von Cassiodor

Nur wenige Klöster im 5. Jahrhundert hatten sich solch anspruchsvollen intellektuellen Aufgaben gewidmet. Ihr Interesse an Handschriften war sporadisch, und ihre Bemühungen waren unkoordiniert. Cassiodor etablierte mit dem sorgfältigen Anfertigen von Abschriften und Übersetzungen einen Standard für künftige Klostertätigkeiten.
Entgegen seinen Hoffnungen brachte das lange Mittelalter mehr Krieg und Instabilität mit sich. Oftmals unberührt von politischen Wechselfällen wurden Klöster wie das Vivarium zu Bastionen der Kultur und Zentren des Lernens.
Es ist Cassiodor zu verdanken, dass zahlreiche antike Werke von christlichen Mönchen kopiert und so erhalten geblieben sind

Ein Mönch bei seiner täglichen Arbeit im Scriptorium eines Klosters.

Dass die Werke von Platon und Aristoteles, Abschriften der Bibel und andere grundlegende Texte Jahrhunderte voller Konflikte und Vernachlässigung im Westen überstanden haben, ist fast ausschließlich den Mönchen zu verdanken, die sich in ganz Europa als Schreiber betätigten.
Cassiodors weltprägendes Engagement für das Wissen entsprang der Überzeugung, dass eine blühende Zivilisation von guten Ideen lebt. In seinen Augen fußte eine funktionierende Gesellschaft auf fundiertem Denken. Ein sorgfältiges Studium sei demnach eines der Mittel gegen Krieg und kulturellen Verfall. Letztlich war das Ziel also nicht der eigennützige Zeitvertreib, sondern die Bewahrung von Wissen, die Entdeckung von Weisheiten und die Gestaltung einer besseren Zukunft.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „How a Monastery Helped Preserve the West“. (redaktionelle Bearbeitung: kms)

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