Anahita Pasdar debütierte bei den Bregenzer Festspielen gleich mehrfach. Nicht nur, dass sie zum ersten Mal mit einem renommierten Orchester, den Wiener Symphonikern, zusammenarbeiten konnte, auch im Genre Oper zu musizieren, war für sie Neuland. Obendrein an einer elektronischen Orgel, anstatt an dem ihr vertrauten Klavier oder an der Kirchenorgel.
Die gebürtige Vorarlbergerin studierte am Landeskonservatorium ebendort sowie am Mozarteum in Salzburg. Sie arbeitet freischaffend als Komponistin und Musikinterpretin und unterrichtet Klavier.
Entscheidend in ihrer musikalischen Laufbahn sei wohl die Unterstützung durch ihren Lehrer Michael Floredo gewesen. Der Komponist und Organist war ihr wie ein Mentor, erzählt sie rückblickend im Gespräch mit Epoch Times. Ohne seine und die elterliche Unterstützung wäre sie heute nicht dort, wo sie ist.
Ihr Lehrer am Konservatorium, der Organist Helmut Binder, öffnete ihr die Tür zu den Bregenzer Festspielen, bei denen sie in zwei Inszenierungen mitwirkte: in der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček sowie in der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ von Daníel Bjarnason. Und auch bei den kommenden Festspielen darf mit Pasdars Mitwirkung gerechnet werden.
Wie war es für Sie, Frau Pasdar, mit so einem bekannten Orchester wie den Wiener Symphonikern zu arbeiten?
Als Pianist und Organist hat man nicht oft die Möglichkeit, Teil eines Orchesters zu sein. Man ist meistens entweder Solist oder man begleitet grundsätzlich andere Solisten. Aber dass man als Teil eines Orchesters mitdirigiert wird, ist eine ganz neue Situation für Pianisten und Organisten.
Es war herausfordernd, dem Dirigat zu folgen. Denn die Wiener Symphoniker haben ihre ganz eigene Art, dem Dirigenten zu folgen. Sie interagieren sehr kammermusikalisch, achten und hören sehr aufeinander. Das fand ich sehr schön: zu sehen, wie eingespielt sie miteinander sind.
Was kann man anders ausdrücken mit der elektronischen Orgel als mit einem akustischen Klavier?
Meine Erwartungen an die elektronische Orgel waren deutlich niedriger. Ich war positiv überrascht über den Klang der Orgel, die Spielweise und auch die Möglichkeiten der Register. Das Herausforderndste ist die Akustik der elektronischen Orgel, da sie über Lautsprecher verstärkt werden muss.
An maßgebenden Stellen, an denen nur die Orgel begleitet, hat man sie gar nicht gehört. Das musste dann gut abgesprochen werden mit den Akustikern, wo und wie die Orgel stark verstärkt werden muss.
Dadurch, dass die Orgel keinen Klangkörper hat, kann sich der Klang nicht entfalten. Er bleibt einfach an der Stelle, wo er ist. Bei akustischen Instrumenten wird der Klang durch den Klangkörper, durch die Vibration – zum Beispiel vom Holz der Geige – nach außen getragen.
Es ist überhaupt eine ganz seltene Angelegenheit, eine Orgel oder auch ein Klavier in der Oper dabei zu haben.

Auch die Füße sind im Einsatz: Organistin Anahita Pasdar bei den Bregenzer Festspielen 2026.
Foto: Bregenzer Festspiele
War es speziell, bei einer Oper mitzuwirken, im Vergleich zu konzertanten Aufführungen?
Ja, das war wirklich spannend. Denn die Oper ist ein ganz anderes Genre in der klassischen Musik, eine ganz andere Abteilung. Musiker, die konzertant unterwegs sind, haben mit Opern nicht viel am Hut.
Das heißt, ich hatte dahingehend viele neue Situationen und viel zu lernen. Ich fand die Zusammenarbeit zwischen Musikern im Orchestergraben und den Sängern und Schauspielern auf der Bühne sehr spannend. Man ist eher der tragende Faktor im Hintergrund.
Auf der Bühne oder auch manchmal hinter der Bühne gab es den Chor, den wir [aus dem Orchestergraben heraus] begleiten mussten. Durch die Distanz der unterschiedlichen Locations (Orte), die dann aber zusammenarbeiten müssen, war es herausfordernd.
Denn es entsteht eine Latenzzeit (Verzögerung) der Akustik. Wir mussten alle sehr, sehr gut aufeinander hören und auf den Dirigenten achten. Es gab auch Bildschirme, die für den Chor einsehbar waren, wodurch der Dirigent auf die Bühne übertragen wurde.
Was hat Sie thematisch an der Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ angesprochen?
Ganz heruntergebrochen geht es in der Oper darum, dass Herr Brouček in neue Situationen geworfen wird. Er könnte theoretisch daraus lernen, tut es aber schlussendlich nicht und fällt wieder in seine alten Muster zurück.
Persönlich habe ich davon gelernt, dass man im Leben immer wieder Möglichkeiten bekommt, zu wachsen. Es ist ein ganz kleiner Moment, in dem man entscheiden kann, was man aus dieser Situation macht und ob man etwas Positives daraus nehmen möchte oder ob man sich wieder zurücklehnt und in die alten eigenen Muster verfällt.
Wir alle kennen das in unserem persönlichen Leben, dass wir Schwierigkeiten erleben und theoretisch schon wissen, dass wir mal neue Wege gehen könnten, die vielleicht Mut von uns brauchen. Im Nachhinein sind wir sehr froh, wenn wir diese neuen Wege gegangen sind.
Sie wirkten auch, dieses Mal mit Klavier, bei der Uraufführung des Musiktheaters „Passion of the Common Man“ mit.
Ja, ein Musiktheater, kann man sagen. Da waren wir Orchestermusiker auf der Bühne. Der Chor war hinter uns und es gab noch vier Solisten, die ganz vorn standen.
Würden Sie sagen, die Verbindung zu Bach, dessen Passionsstrukturen es aufgreift, war zu spüren?
Man kann das schon heraushören. Auch inhaltlich glaube ich, dass es etwas Transzendentales hat. Bei Bach ging es immer um religiöse Themen.
Auf der Website der Festspiele steht: „das Bedürfnis nach Empathie in einer futuristischen Welt“. Gab es etwas, das Sie für sich persönlich mitnehmen konnten?
Ja. Grundsätzlich ging es in dem Stück um Freuden und um Leiden im Leben. Und allein diese zwei Stichpunkte verweisen schon stark auf Bach, finde ich. Jeder beschäftigt sich irgendwann auf irgendeine Art und Weise mit dem Thema Leiden ertragen im Leben. Da kommt man einfach nicht drumherum.
Das Werk ist ein Anstoß dahingehend, dass es nicht möglich ist, dem Leiden im Leben zu entkommen. Also bleibt dir nichts anderes übrig, als den besten Weg zu finden, damit umgehen zu können. Und das kann man nur, indem man an sich selbst arbeitet. Denn man kann nichts und niemanden ändern. Nicht das Leben und nicht andere Menschen, außer sich selbst.
Also mache ich es mir einfacher und arbeite an mir selbst. Ich denke, das war schon immer ein Thema für die Menschheit und wird für immer ein Thema bleiben. Egal, wie gut sich die Wissenschaft und die Technik entwickeln.
Sie sprachen von Mut. Wo in Ihrem Leben brauchten Sie als Musikerin Mut?
Ganz oft. Bei Soloauftritten braucht es grundsätzlich Mut. Da wächst man oft über sich hinaus. Ich brauchte auch jetzt bei den Festspielen Mut. Denn bevor ich für „Passion of the Common Man“ engagiert wurde, bin ich eigentlich nur gefragt worden, ob ich bei den Proben für diese Aufführung am Klavier korrepetieren könnte – direkt am Morgen des nächsten Tages.
Das bedeutete, an dem Abend, an dem ich angefragt wurde, noch 100 Seiten – die Begleitung für ein einstündiges Werk – einzustudieren. Es benötigte sehr viel Mut, Ja zu sagen.
Ich dachte, wenn ich diese Möglichkeit bekomme, heißt das, dass ich sie auch nehmen soll. Ich habe dann an demselben Abend noch die 100 Seiten einstudiert und am nächsten Tag einfach in der Probe korrepetiert. Den Rest habe ich dem Schicksal überlassen. Das war dann auch sehr nett zu mir.
Es stellte sich heraus, dass der erste Korrepetitor terminlich doch frei war und den Rest der Proben übernehmen konnte.
Dadurch aber, dass ich präsent war und schon meine Verfügbarkeit gezeigt hatte, wurde ich gefragt, ob ich bei den Aufführungen am Orchesterklavier mitspielen könnte. Was mich sehr freute.
Die Zusammenarbeit mit dem Orchester, mit dem Dirigenten bzw. dem Komponisten und mit dem Chor war sehr schön und wirklich bereichernd. Schlussendlich war ich sehr froh, dass ich bei dem Projekt dabei war und meine eigene Scham oder meine Angst vor Gesichtsverlust beiseitegelegt und mich dieser Schwierigkeit gestellt hatte.
Sie komponieren auch. Welche Qualitäten mussten Sie entwickeln, um von der Musikerin zur Komponistin zu werden?
Es ist lustig. Da sind wir wieder beim gleichen Wort: Mut. Ich habe vorhin erwähnt, dass mein erster Klavier- und Orgellehrer mich wirklich stark unterstützte. Er führte mich auch zur Komposition.
Komposition beginnt zunächst mit Improvisation: den Mut zu haben, frei am Instrument zu spielen und kreativ zu musizieren, was man in sich trägt. Wenn man aber das ganze Leben lang nur nach Noten spielt, ist das wirklich eine Überwindung, ganz frei und ohne Vorlagen zu spielen.
Man weiß oft gar nicht, wozu man in der Lage ist oder wie man anfangen soll. Doch mein Lehrer hat mich sehr stark unterstützt, meine eigene Klangsprache zu entwickeln.
Sie arbeiten als Komponistin bei einem Fernsehsender. Wie kam es zu diesem Engagement?
Nach meinem Studium habe ich entschieden, ein Praktikum beim Fernsehsender NTD TV in New York zu machen. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Flug dorthin mir dachte: „Anahita, was machst du da eigentlich? Wieso gehst du da hin?“
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwartete, und eigentlich gar keine Intention. Das Praktikum machte ich im Music Department, als Sound Engineer und auch als Komponistin.
Und dort, in New York, habe ich meine Liebe zu Medien und Filmkompositionen entdeckt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich immer nur klassische Komposition gemacht und ganz traditionell mit Stift und Papier gearbeitet. Oder vielleicht mal in einem Notationsprogramm am Computer. Aber ich hatte davor noch nie für Bilder oder Videos komponiert.
Ich merkte, dass mir das wahnsinnig Spaß macht, und bin dabei geblieben. Jetzt komponiere ich im Homeoffice für den Fernsehsender NTD, für verschiedene Programme und Dokumentationen.
Am schönsten und bereicherndsten ist es, wenn man eine Weile an einem Stück gearbeitet hat und langsam sieht – genauer gesagt hört –, wie alle Bausteine zusammenkommen und zu einem größeren Ganzen werden.
Was genau schenkt Ihnen die Musik?
Zu wachsen. Wenn ich am Klavier oder an der Orgel übe, findet gedanklich sehr viel in mir statt.
Ich glaube, als Mensch tendiert man oft dazu, in schwierigen Situationen angespannt und gestresst zu werden. So passiert mir das auch in der Musik. Vor allem, wenn wenig Zeit ist und ich etwas schnell einstudieren muss, tendiere ich dazu, mich selbst nicht mehr wahrzunehmen und mich selbst zu hetzen.
Ich merke immer wieder, wie es deutlich effizienter, einfacher und schöner ist, einen Schritt zurückzugehen und mich bewusst zu entspannen, sowohl mental als auch körperlich. Ich entspanne sowohl meine Hände, Arme und Schultern physisch als auch mich gedanklich – ich lehne mich zurück. Ich lasse das, was passiert, einfach passieren. Ich kann nicht beeinflussen, wie langsam oder schnell die Zeit vergeht. Ich kann nur mein Bestes geben, und es funktioniert deutlich besser und leichter, wenn ich mit Leichtigkeit an die Sache herangehe.
Das Gleiche gilt auch sonst im Leben. Also wenn Schwierigkeiten auftauchen, sich zu trauen, loszulassen und keine Kontrolle haben zu wollen. Während des Übens erkenne ich immer wieder, dass dies der einzige Weg ist, der funktioniert.
So lehrt mich die Musik, ein mutiger, offener und besserer Mensch zu werden. Es klingt klischeehaft, aber es ist tatsächlich der Fall.
Sie finden auch Zeit, sich mit nichtprofessionellen Musikern zu treffen: Sie sind Musikkoordinatorin der Tian Guo Marching Band, des Himmelsreichorchesters. Was motiviert Sie dazu?
Für mich ist das ein Herzensprojekt. Es sind alles motivierte Musiker, die in ihrer Freizeit sich die Zeit nehmen, ein Instrument zu lernen, und gezielt zu Paraden in unterschiedliche Städte Europas fahren. Ohne etwas Materielles dafür zurückzubekommen.
Was uns alle zusammenbringt, ist, dass wir Falun Dafa praktizieren, ein buddhistischer Kultivierungsweg, bei dem es um drei Prinzipien geht, nämlich um Wahrhaftigkeit, um Güte und um Nachsicht.
Wir versuchen, diese Werte in unserem Alltag umzusetzen. Und wir teilen natürlich die Liebe zur Musik. Jedes Mal, wenn ich zu Proben oder zu Aufführungen gehe, komme ich immer sehr positiv und gestärkt zurück, obwohl es eigentlich sehr anstrengend ist. Aber mir gibt es mental unglaublich viel.
Ist es nicht so, als ob ein Rennradfahrer mit Leuten zusammenarbeitet, die gerade erst Fahrradfahren lernen? Welche Qualität braucht es, um mit ihnen zusammenzuarbeiten?
Es braucht auf jeden Fall Geduld. Ich bin Klavierlehrerin und unterrichte deshalb auch Anfänger, auch Fortgeschrittene. Also ich habe ganz viele unterschiedliche Schüler. Geduld ist einer der wichtigsten Faktoren.
Wenn ein Schüler sich wirklich anstrengt und sein Bestes gibt und versucht, Fortschritte zu machen, ist man als Lehrer schon sehr zufrieden. Dann geht es nicht mehr um Talent oder um Können und um Leistung. Ganz im Gegenteil. Es geht als Lehrer meistens darum, dass man sieht, dass der Schüler es versucht.
Gibt es Zukunftspläne oder Ziele, die Sie sich gesteckt haben?
Ziele weiß ich bisher nicht genau. Da muss ich noch etwas konkreter nachdenken. Aber ja, ein paar Pläne. Im Herbst werde ich ein Konzert geben, mit meinem erwähnten ersten Klavier- und Orgellehrer Michael Floredo, ein Orgelkonzert mit Lesung. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wenn Bach käme“ und spricht viele gesellschaftliche Entwicklungen an. Ich finde das Buch sehr, sehr spannend und kann es jedem nur empfehlen.
Im September werde ich im Musiktheater Vorarlberg auch bei einer Aufführung mitwirken und am Klavier begleiten.
Und ich bin wahnsinnig gespannt auf das Programm nächstes Jahr bei den Bregenzer Festspielen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Silke Ohlert.

Anahita Pasdar, Pianistin und Komponistin, bei den Bregenzer Festspielen, 2026.
Foto: Bregenzer Festspiele