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Genies Geheimnis: Johann Sebastian Bachs musikalischer „Symbolismus“

Bachs Genie ist zugleich sein größtes Geheimnis. Johann Sebastian Bach hinterließ keine persönlichen Briefe, die Einblick in sein Privatleben gewähren, und kein Tagebuch, das seinen Kompositionsprozess erklärt.
Historiker suchen bis heute in seinen Werken nach verborgenen Botschaften. Manche vermuten numerische Muster, andere erkennen darin theologische Hinweise. Doch offenbaren diese Entdeckungen tatsächlich eine tiefere Bedeutung – oder sind sie lediglich das Produkt allzu fantasievoller Interpretationen?

Porträt von Johann Sebastian Bach, deutschem Organisten und Barockkomponisten, (1685–1750). Stich und Druck von Weger aus Leipzig, Mitte 19. Jahrhundert, nach einem Gemälde von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1746.

Foto: FierceAbin/iStock

Ein Geburtstagslied für den Herzog

Als junger Mann war Bach Hoforganist von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar. Zu dessen 52. Geburtstag im Jahr 1713 komponierte Bach eine Arie. Dieses Werk, BWV 1127, enthält zu Ehren seines Gönners ein wiederkehrendes Grundthema mit 52 Tönen.
Als weitere versteckte Anspielung ergeben die Anfangsbuchstaben des dritten Wortes in der zweiten Zeile jeder Strophe zusammengenommen den Namen des Herzogs.
Diese raffinierte Komposition blieb bis 2005 unbekannt. Ein Forscher entdeckte sie in einer Kiste mit Dokumenten aus der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar.

Zehn Gebote, zehn Melodien

Im Eingangschor der Kantate 77 integriert Bach ein Werk von Martin Luther, „Dies sind die heil’gen zehn Gebot“, auf eine Weise, die viele als theologisch-symbolisch interpretiert haben.
Hier setzt zehnmal eine Trompete ein und spielt zehn verschiedene musikalische Phrasen aus dem Hymnus, die jeweils ein Gebot symbolisieren. Der Titel des Chors, „Du sollst Gott, deinen Herren, lieben“, stammt, wie auch der Text, den der Chor singt, aus dem Lukasevangelium.
Die Trompete symbolisiert das Gesetz des Alten Testaments und rahmt das neutestamentliche Gebot des Chors ein, Gott und den Nächsten zu lieben.

Moses bei der Verkündung der Zehn Gebote. Stich, Ende 16. Jahrhundert.

Die Dreifaltigkeit

Viele heben die besondere Symbolik in Bachs Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV 552) hervor, die den Anfangs- und Schlusssatz seiner „Clavier-Übung III“ oder Deutschen Orgelmesse bilden.
Laut dem Organisten und Nobelpreisträger Albert Schweitzer sei die Tripelfuge des Werkes „ein Symbol der Dreifaltigkeit“. Schweitzer bemerkte, dass die erste Fuge „ruhig und majestätisch“ sei und die „gleichförmige“ Bewegung den Vater darstelle.
Die zweite Fuge verschleiere das Thema, das „nur gelegentlich in seiner wahren Gestalt erkennbar ist, als wolle man andeuten, dass das Göttliche eine irdische Form annimmt“ – den Sohn.
In der dritten Fuge werde das Thema durch raschen Kontrapunkt transformiert. Die Themen überlagern sich im Verlauf des Werkes und deuten so die Vereinigung von Vater und Sohn im Heiligen Geist an.

Tafelbild „Heilige Dreifaltigkeit“ in der Wegkapelle bei Irlahüll, Oberbayern.

Foto: Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication

Symbol des Kreuzes

Das Wohltemperierte Klavier (BWV 849) enthält unter anderem die fünfstimmige Fuge in cis-Moll. Sie zeichnet sich durch zwei entgegengesetzte Melodielinien aus, die sich schließlich zu einem Kreuz vereinen.
Die visuelle Kontur dieses Kreuzmotivs im Notensystem korrespondiert mit seinem dissonanten Klang und vermittelt so einen Zustand der Qual. Dieses musikalische Motiv findet sich auch in der Matthäus-Passion, genauer im Chor „Er soll gekreuzigt werden“.

Name von mystischer Bedeutung

Unsere letzte numerische Erscheinungsform ist die außergewöhnlichste von allen. Wenn die Buchstaben BACH in Zahlen umgewandelt werden, die dem Alphabet entsprechen (A=1, B=2, C=3, H=8), ergibt die Summe 14. „JS BACH“ hat den Zahlenwert 41.
Diese Zahlen tauchen in Bachs Werken immer wieder als Kryptogramm auf. In mehreren Stücken, wie dem Brandenburgischen Konzert Nr. 2 (BWV 1047) und der Sinfonia in f-Moll (BWV 795), erscheint sein Name als musikalische Signatur, wobei die Note b für den Buchstaben B und h für H steht.
Im Jahr 1726 begann er mit der Veröffentlichung der sechs Partiten, die den ersten Teil seiner „Clavier-Übung“ bilden. Er war 41 Jahre alt, und das Werk umfasst 41 Sätze.

Titelseite der „Goldberg-Variationen“ von Johann Sebastian Bach.

Die Numerologie erscheint in „Die Kunst der Fuge“ mit schwindelerregender Komplexität.
In seinem Buch „Rethinking JS Bach’s ‚The Art of Fugue’“ (auf deutsch etwa: „,Die Kunst der Fuge“‘ von J. S. Bach neu betrachtet“) stellte Anatoly Milka, Professor für Musikwissenschaft am Staatlichen Rimski-Korsakow-Konservatorium in Sankt Petersburg und an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, etwas Bemerkenswertes fest: Die beiden Originalmanuskriptseiten der Fuge IV erzeugen, wenn sie zusammengelegt werden, einen visuellen Effekt, der einem Ambigramm ähnelt, eine Art Rätsel, das aus verschiedenen Perspektiven betrachtet eine jeweils andere Bedeutung annimmt.
Zunächst einmal besteht das Hauptthema der Sammlung, das hier erstmals als Melodie erscheint, aus 14 Noten. Milka entdeckte außerdem, dass, wenn man die beiden Seiten im Querformat liest, der üblicherweise als Takt 41 gelesene Takt zu Takt 14 wird. Darüber hinaus enthält dieser Takt 14 Noten, und die Buchstaben der ersten Noten im oberen Teil des Taktes ergeben das Alphabet BACH.
Ist das alles Zufall? Milka räumt diese Möglichkeit ein, sagt aber dennoch, dass es einfach zu viele Zeichen konzentriert auf einer Stelle gebe, als dass man von einem Zufall ausgehen könne.
Obwohl die Bedeutung dieser Zahlen für Bach unbestritten ist, bleiben Fragen nach ihrer genauen Bedeutung offen. Für manche sind sie lediglich ein spielerisches kleines Rätsel, das er in seine Werke einfließen ließ.
Für den Musikhistoriker Hans Heinrich Eggebrecht besitzt Bachs Selbstbezug in seiner eigenen Musik jedoch kosmische Bedeutung. Eggebrecht hebt den Zusammenhang zwischen dem Bach-Thema, das im letzten Satz der „Kunst der Fuge“ wiederkehrt, und dem unvollendeten Charakter des Werkes hervor, da es kurz vor dem Tod des Komponisten entstand.
So wollte Bach, laut Eggebrecht, mit der Verwendung seines Namens nicht hervorheben, dass er dies komponiert habe, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass er mit der Tonika – dem Grundton der Tonart – verbunden sei. Denn die Tonart d-Moll vereine das Werk mit Gott (Deo).
Er sah in Bach jemanden, der nach Vereinigung mit seinem Schöpfer strebte.

Auftritt der Skeptiker

Abgesehen von Beispielen mit einem konkreten musikalischen Zweck, wie etwa dem Geburtstag des Herzogs von Weimar, werden Behauptungen über eine tiefere Symbolik in den Werken des Komponisten von Kritikern oft zurückgewiesen.
Für den Musikwissenschaftler und Bach-Spezialisten Peter Williams ist das Kreuzmotiv lediglich ein Zufall, der eine gängige Kombination von Noten darstellt, und die Melodien der Zehn Gebote in der Kantate Nr. 77  sind für ihn eine einfache Anspielung, jedoch kein subtiler theologischer Hinweis.

Das autographe Manuskript des Eröffnungschors der Kantate „Du sollt Gott, deinen Herren, lieben“ (BWV 77) von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1723.

Fehlende Beweise sind jedoch kein Beweis für die Abwesenheit. Die vielleicht gewagteste Vermutung von allen ist, dass Bach – ein tief religiöser Mensch, der sich offensichtlich an Zahlenspielen und Rätseln erfreute – seine Musik niemals symbolisch strukturierte.
Was die Bedeutung sein könnte, erscheint ziemlich offensichtlich: Bach wollte Gott durch seine Musik preisen und um dies zu erreichen, strukturierte er seine Kompositionen auf tiefgründige Weise. Mehr noch – statt Bedeutung in der Musik zu verbergen, verlieh er der Musik Bedeutung.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Bach’s Musical Symbolism“. (redaktionelle Bearbeitung: so)
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KI-Fakebücher in Bibliotheken: Wissenschaftler schlagen Alarm


In Kürze:

  • Universitätsbibliothek Leipzig warnt vor KI-generierten Fake-Sachbüchern
  • Werke enthalten erfundene Quellen, sachliche Fehler und teils falsche Autoren
  • Bibliotheken in mehreren Städten kauften die Titel als scheinbare Fachliteratur
  • Wissenschaftler warnen vor Schäden für Forschung und Vertrauen in Wissenschaft
  • Self-Publishing-Plattform „tredition“ kündigt schärfere Kontrollen an
  • SPD-nahe ddvg hält Beteiligung an „tredition“

 
Wissenschaftliche Scherze wie die „Sokal-Affäre“ oder Wikipedia-Pannen wie jene um erfundene Personen der Zeitgeschichte waren gestern. Heute stellen KI-generierte Sachbücher mit fehlerhaften Inhalten und erfundenen Quellen ein zunehmendes Problem der Wissensgesellschaft dar. Ein Referent für „Open Science“ hat darob jüngst einen Hilferuf veröffentlicht.
Ende April veröffentlichte Stephan Wünsche, ein Fachreferent für Musik an der Universitätsbibliothek Leipzig, einen Beitrag mit dem Titel „How to Sell Bullshit Online (Fast)”. Darin klagt er über eine immer größere Zahl an Büchern in Bibliotheksbeständen, die äußerlich den Eindruck erwecken, es würde sich bei ihnen um seriöse Fachwerke handeln.

KI-generierte „Fachliteratur“ mit haarsträubenden inhaltlichen Mängeln

Tatsächlich stellten sie sich als KI-generierte Publikationen mit gravierenden inhaltlichen Unzulänglichkeiten und teilweise erfundenen Autoren heraus. Häufig stammten sie aus Self-Publishing-Verlagen – wie dem „Flip-Flop-Verlag“ aus München oder der Plattform „tredition“ aus Ahrensburg. Bücher dieser Art seien unter anderem in Bibliotheken in Leipzig, Dresden, Weimar und Hannover aufgetaucht.
Anhand mehrerer Beispiele illustriert Wünsche, wofür in einzelnen Fällen öffentliche Gelder ausgegeben wurden und was Bibliotheken als scheinbare Fachliteratur erwarben. In einem vermeintlich wissenschaftlichen Werk über Johann Sebastian Bach wurde dessen Sohn Johann Christian als dessen Vater deklariert. Der Text bringt auch weitere familiäre Zusammenhänge der Bach-Familie durcheinander.
Ein Buch über den Komponisten Salomon Jadassohn nennt die Leipziger Städtischen Bibliotheken als Projekt zur Sammlung von dessen Gesamtwerk. Außerdem heißt es darin, dort würde ein großer Teil des Nachlasses Jadassohns verwaltet. Beide Informationen sind jedoch unzutreffend. Zudem nimmt der – vermeintliche – Autor auch hier Bezug auf Quellen, die es nicht gibt. Mehrere Fachzeitschriften hatten bei einzelnen Titeln bereits Alarm geschlagen.

Mögliche Gefahr für das Ansehen des Wissenschaftssystems

Wünsche geht davon aus, dass KI die scheinbar wissenschaftlichen Bücher im Schnellverfahren erzeugt. Später erfolgt die Veröffentlichung über eine Self-Publishing-Plattform. Als Autorennamen kommen Pseudonyme wie „Valentin Fuchs“, „Robert H. Hummel“ oder „Sophia Weller“ zum Einsatz.
Die Urheber beziehen ihr Wissen über die Erstellung und Vermarktung der Bücher über einschlägige Onlinekurse. Sie verkaufen die Publikationen über Onlineplattformen und Bibliothekskataloge. Einnahmen generieren sie durch die Beteiligung am Verkaufspreis.
Stephan Wünsche sieht nicht nur die Verschwendung öffentlicher Mittel für den Ankauf qualitativ minderwertiger Wissenschaftsliteratur als Problem. Er befürchtet, dass viele Studierende die sachlichen Fehler in den Büchern nicht erkennen und damit Falschinformationen in Hausarbeiten und Forschung gelangen. Dies könnte perspektivisch das Vertrauen in das Wissenschaftssystem untergraben.

„tredition“ kündigt Säuberung und strengere Kontrollen auf KI an

Aber auch für seriöse Wissenschaftler sei die Flut an KI-generierten Fake-Titeln ein Risiko. Anbieter wie „tredition“ werden auch von echten Forschern genutzt, weil die Publikation von Büchern selbst keine hohen Kosten verursacht. Diese fielen meist für Zusatzleistungen an. Immerhin seien auch diese auf günstige Publikationswege angewiesen.
Unvorteilhafte Berichte über Plattformen wie „tredition“ können nun zur Folge haben, dass Bibliotheken sie unter Generalverdacht stellen und Bücher bestimmter Anbieter pauschal meiden. Dadurch kann ebenfalls Schaden für seriöse Autoren und Wissenschaftler entstehen.
Derzeit listet die Deutsche Nationalbibliothek mehr als 112.000 Medien der Self-Publishing-Plattform, wobei die meisten der Belletristik oder Ratgeberliteratur zuzuordnen sind. Gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) kündigte „tredition“-Geschäftsführerin Sandra Latußeck an, ein neues Prüfungstool einführen zu wollen. Dieses solle Publikationen auf KI-Muster, inkonsistente Quellen und inhaltliche Auffälligkeiten prüfen.
Die von Wünsche genannten Bücher hätten „in dieser Form nicht veröffentlicht werden dürfen“, erklärte Latußeck weiter. Der dahinterstehende Autor sei mittlerweile gesperrt, die Werke nicht mehr im Vertrieb. Außerdem werde es künftig eine verpflichtende Selbstauskunft für Autoren geben. Die Veröffentlichungen der vergangenen beiden Jahre überprüfe man rückwirkend.

Geschäftsführer von ddvg: Kein Einfluss auf Strategie und Inhalte

Dass KI-Fakebücher „kein gewünschter Bestandteil des Geschäftsmodells“ seien, betonte auch ddvg-Geschäftsführer Matthias Linnekugel. Die Medienbeteiligungsgesellschaft der SPD hält laut FAZ 9,9 Prozent der Anteile an „tredition“.
Bei der FAZ hielt man dies für erwähnenswert: Immerhin gehören die Sozialdemokraten zu den vehementesten Verfechtern einer engmaschigen Regulierung von KI inklusive Kennzeichnungspflichten und der Bekämpfung von „Desinformation“. Indirekt würde die SPD zudem vom Verkauf der Fake-Titel profitieren.
Linnekugel erklärte jedoch, dass es sich beim Anteil der ddvg an „tredition“ um eine reine Finanzbeteiligung handele. Auf die Strategie oder Geschäftsführung habe die Unternehmensgruppe keinen Einfluss.