„Beim Blick in Richtung Zukunft kannst du die einzelnen Punkte noch nicht miteinander verbinden – erst im Rückblick zeigt sich der Zusammenhang. Deshalb musst du darauf vertrauen, dass sich die Punkte in deiner Zukunft auf irgendeine Weise miteinander verbinden werden.“ Das sind die Worte des ehemaligen Apple-Chefs Steve Jobs in seiner Abschlussrede an der Stanford University im Jahr 2005.
In seiner Rede schilderte Jobs, wie er nach seinem Studienabbruch auf dem Campus blieb und einen Kurs in Kalligrafie belegte. Jobs führte die außergewöhnlich schöne Typografie des Apple Mac auf genau diesen Kurs zurück und bezeichnete ihn als einen der Gründe für den unglaublichen Erfolg des Mac.
Jobs belegte diesen Kalligrafiekurs, weil es ihm Spaß machte. Er ahnte nicht, wie wichtig er für seinen späteren Erfolg sein würde.
Von Jobs’ aufschlussreichen Überlegungen inspiriert, begann ich die Punkte meiner Lebensgeschichte zu verbinden, allerdings auf ganz andere Weise: um zu schildern, in welcher Weise sich Kunst auf mein Wohlbefinden ausgewirkt hat. Viele von uns haben ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden wahrscheinlich schon einmal im Zusammenhang mit Ernährung betrachtet, aber vielleicht noch nicht darüber nachgedacht, inwiefern die Kunst, die wir konsumieren, unsere Lebensqualität beeinflusst.
Wenn Kunst zum Leben gehört
Kunst hatte schon immer einen festen Platz in meinem Leben, und ich hatte das Glück, viele der bedeutendsten Galerien und Museen der Welt besuchen zu können: darunter den Louvre in Paris, das Rijksmuseum in Amsterdam, die Eremitage in Sankt Petersburg, das Metropolitan Museum of Art in New York und viele mehr. Da ich den größten Teil meines Lebens nicht weit von den weltberühmten Londoner Kunstinstitutionen entfernt gelebt habe, liegt große Kunst für mich praktisch vor der Haustür.
Meine erste Begegnung mit einem Meisterwerk hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Ich war etwa elf Jahre alt und auf einem Schulausflug in einer Londoner Galerie. Dort sah ich eine mit roter Kreide zart ausgeführte Zeichnung von Raffael, Leonardo da Vinci oder einem anderen Meister dieser Epoche (man möge es meinem elfjährigen Ich verzeihen, dass es dieses wichtige Detail vergessen hat).

„The Burlington House Cartoon“, 1506–1508, von Leonardo da Vinci. Leonardos beeindruckende Zeichnung mit Kohle und roter Kreide in der Londoner National Gallery ähnelt jener, die mich im Alter von 11 Jahren inspiriert hat.
Foto: gemeinfrei
Ich war zutiefst beeindruckt von dieser zarten, filigranen Darstellung, ohne jedoch genau sagen zu können, warum. Ich glaube nicht einmal, dass ich damals verstand, was sie eigentlich zeigte. Doch die Zeichnung faszinierte mich so sehr, dass ich einfach stehen blieb und dieses geheimnisvolle Meisterwerk weiter betrachtete, während meine Klassenkameraden längst weiterzogen.
Etwa zehn Jahre nach dieser ersten Begegnung verbrachte ich so manche Mittagspause in der Galerie für Alte Meister der Londoner Tate Gallery, der heutigen Tate Britain, unweit meines Arbeitsplatzes. Zwischen diesen Meisterwerken fand ich stets eine gewisse Ruhe und Trost, ganz gleich, was gerade in meinem Leben vor sich ging.

Die Ausstellung „Walk through British Art“ in der Tate Britain, London, zeigt die nationale Sammlung britischer Kunst erstmals chronologisch vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart (2013).
Foto: Warrick Page/Getty Images
Diese Erfahrungen, die ich mit traditionellen Gemälden gemacht hatte, schienen die Kraft zu haben, mich in irgendeiner Weise aufzubauen. Ich dachte an andere Kunstwerke zurück, die einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen hatten, um mehr über diese Wirkung zu verstehen.
Monet und mehr
Eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde, war der Anblick von Monets „Seerosen“ während einer Schulaustauschreise nach Paris im Jahr 1991. Damals war ich von allem, was Monet geschaffen hatte, zutiefst beeindruckt.
Monet malte seine berühmte Seerosenserie eigens für zwei ovale Galerien im Musée de l’Orangerie, deren Wände sich auf einer Länge von mehr als 90 Metern erstrecken.
Ich schlenderte durch eine der ovalen Galerien, den Blick gebannt auf Monets pastellfarbene Seerosen in Blau, Rosa und Grün, die im Licht förmlich zu tanzen schienen. Während meine Schritte der Rundung der Galerie folgten, ließ ich mich immer mehr von dem sanften Spiel der Farben in den Bann ziehen – so sehr, dass ich die kleine Kante am Boden übersah, dort, wo der Fußboden auf die Wand traf. Im nächsten Moment verlor ich den Halt und rutschte aus. Instinktiv streckte ich den Arm aus, um mich abzufangen, und hätte dabei beinahe Monets Leinwand mit der Hand berührt. Natürlich war mir das unsäglich peinlich. Aus der unerträglichen, seltsamen Stille, die offenbar jeden Unfall begleitet, riss mich schließlich ein Museumsmitarbeiters, der mich auf Französisch anschrie. Es war nicht gerade meine glorreichste Begegnung mit der Kunst – aber ich habe viel daraus gelernt.
Monets „Seerosen“ haben mich so sehr in ihren Bann gezogen, dass ich buchstäblich den Halt verloren habe. Mir ist jetzt klar, dass viele moderne Kunstwerke genau das bewirken: Sie bringen uns eher aus der Fassung, als dass sie uns leiten.
Die Erinnerung an meine hautnahe, eher peinliche Begegnung mit Monets Kunst überraschte mich. Nur zwei weitere Werke der modernen Kunst haben einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das erste war „My Bed“, das 1998 von der britischen Künstlerin Tracey Emin geschaffen wurde.
Emins Installation bestand aus ihrem ungemachten Bett, wie es während einer psychischen Krise ausgesehen hatte. Auf dem Bett und darum herum lagen Zigarettenschachteln, Wodkaflaschen, benutzte Taschentücher und allerlei andere Dinge. Zugegeben, das Werk regte zum Nachdenken an: Ich fragte mich, ob ich an diesem Morgen eigentlich mein Bett gemacht hatte. Doch darüber hinaus regte es mich nicht dazu an, ein besserer Mensch zu werden – abgesehen davon, dass ich plötzlich den Drang hatte, meine Wohnung aufzuräumen. Es löste in mir vor allem Ekel und zugleich ein gewisses Mitgefühl für Emin aus.
Emins Kunst erinnerte mich zu sehr an das, was ich täglich in den Nachrichten sah: die schonungslose Darstellung eines Lebens, ohne jeden Anflug einer positiven Note.
Das zweite war eine Installation in der Tate Modern, die mich sogar dazu brachte, nie wieder dort hingehen zu wollen. Bei der fraglichen Installation handelte es sich um eine Sammlung farbenfroher, totemartiger Pfähle mit Parolen der Suffragetten und feministischen Protestrufen. Ich verließ die Tate Modern aus stillem Protest.
Mir wurde klar, dass Kunst von Monet, Emin und anderen Künstlern dieser Art einfach nicht das Richtige für mich war. Ich sehnte mich nach Kunst, die etwas Erlösendes in sich trug. Einfach gesagt: Ich suchte in der Kunst eine Art von Trost.
Altes Wissen
Als ich nun besser verstand, wie unterschiedliche Formen der Kunst auf mich wirkten, konnte ich einen weiteren Punkt mit den anderen verbinden.
Etwa zehn Jahre lang arbeitete ich als Ayurveda-Praktikerin. Ayurveda – ausgesprochen „Ai-ju-we-da“ und aus dem Sanskrit stammend, wo der Begriff so viel wie „Wissen vom Leben“ bedeutet – ist ein Jahrtausende altes Naturheilsystem, das ähnlich wie die traditionelle chinesische Medizin vor rund 5.000 Jahren in Indien entstand.
Ayurveda betrachtet Krankheit anders als die westliche Medizin. Krankheit – im englischen Original als „dis-ease“, also als ein Zustand des Unwohlseins, verstanden – bezeichnet dabei alles, was Unbehagen verursacht, unabhängig davon, ob die Ursache körperlicher oder seelischer Natur ist. Mithilfe der ayurvedischen Prinzipien können wir dafür ein Bewusstsein entwickeln, wie sehr die kleinen Dinge unseres Alltags unsere Gesundheit beeinflussen. Ein Grundprinzip des Ayurveda lautet beispielsweise: „Ähnliches verstärkt Ähnliches.“ Die meisten von uns wenden dieses Prinzip ganz intuitiv an: Wenn uns heiß ist, greifen wir vielleicht automatisch zu einem Eis oder einem eiskalten Glas Wasser, um uns abzukühlen. Etwas Heißes würden wir dagegen nicht wählen, denn es würde unsere Körpertemperatur noch weiter erhöhen. Genau darin zeigt sich das Prinzip „Ähnliches verstärkt Ähnliches“ in der Praxis.
Nach den Prinzipien des Ayurveda sollten wir daher, um Unwohlsein oder Beschwerden zu lindern, auf die jeweils entgegengesetzte Qualität dessen setzen, was wir gerade erfahren.
Ayurveda geht außerdem davon aus, dass alles, was wir in uns aufnehmen, sei es durch unsere Nahrung oder durch unsere Sinneseindrücke, eine Form von Nahrung ist. So leuchtet es ein, dass zu den Grundsätzen für Gesundheit und Glück im Ayurveda auch der bewusste und angemessene Gebrauch unserer fünf Sinne gehört – etwas, worüber wir vermutlich nicht unbedingt nachdenken. Und doch beeinflusst uns alles, was wir über unsere Sinne aufnehmen.
Im Ayurveda gibt es das Konzept „Asātmyendriyārtha Samyoga“, einen Sanskrit-Begriff, der den unangemessenen oder schädlichen Kontakt der Sinne mit ihren Objekten bezeichnet. Beim Sehsinn sind die Augen beispielsweise das Sinnesorgan, mit dem wir visuelle Eindrücke aufnehmen. Unzuträgliche Sinneserfahrungen werden dabei in drei Kategorien eingeteilt, die Unwohlsein oder Beschwerden hervorrufen können: übermäßiger, zu geringer oder unangemessener Gebrauch der Sinne.
Die meiste Zeit befinden wir uns wahrscheinlich in einem Zustand der Überbeanspruchung unserer Sinne – etwa, wenn wir auf dem täglichen Weg zur Arbeit von Werbeplakaten geradezu bombardiert werden und gleichzeitig durch die sozialen Medien scrollen.
Vor diesem Hintergrund begann ich zu verstehen, welchen Einfluss das Betrachten von Kunst auf meine Gesundheit haben könnte. Von den drei Formen des unzuträglichen Sinnesgebrauchs war insbesondere der „unangemessene Gebrauch der Sinne“ für mich relevant. Damit ist eine Handlung gemeint, die wir ausführen, obwohl wir wissen, dass sie uns nicht guttut. Ein Beispiel für einen unangemessenen Gebrauch des Sehsinns wäre, verzerrte Bilder oder abstoßende, beängstigende oder aggressive Darstellungen zu betrachten.
Der Anblick wunderschöner Kunstwerke wirkt sich positiv auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aus. Bronzestatuette eines Philosophen auf einem Lampenfuß, Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. Bronze; 27,3 cm hoch. Rogers Fund, 1910; Metropolitan Museum of Art, New York City. Gemeinfrei
Mit diesem Verständnis kann ich heute nachvollziehen, wie ich selbst Unwohlsein in mir hervorrief, indem ich entweder Kunst betrachtete, die unangenehm auf mich wirkte, oder solche, die zwar schön, aber nicht ganz lebensnah war. So ergab es auch Sinn, dass mich das Kunstwerk, das ich als Mädchen gesehen hatte, so tief berührte: Auch wenn ich damals nicht verstand, was es darstellte, verband es mich mit meiner Menschlichkeit. Ich erkannte es auf einer tiefen, beinahe seelischen Ebene. Diese Erfahrung nährte mich und gab mir Kraft.
Der englische Maler Sir Joshua Reynolds brachte es bereits 1784 treffend auf den Punkt: „Ein Raum, der mit Bildern behängt ist, ist ein Raum voller Gedanken.“ Es lohnt sich, darüber nachzudenken, welche Absicht hinter einem Bild steht, welche Gedanken der Künstler vermitteln möchte – und ob das Kunstwerk von einer Güte durchdrungen ist, die zu unserer Gesundheit beiträgt.
Was wir einmal angeschaut haben, können wir nicht wieder ungesehen machen. Doch oft können wir selbst entscheiden, was wir in uns aufnehmen. Die Frage ist also: Wollen wir Kunst konsumieren, die zu unserem Unwohlsein beiträgt, oder zu unserer inneren Harmonie?
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Why Ancient Medicine Values Wholesome Art and Beauty“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)