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„Wir lieben unsere Kunden“: Wie ein Apotheker gegen Lieferengpässe kämpft


In Kürze:

  • 2025 gingen beim BfArM 1.514 Meldungen zu 1.041 Lieferengpässen ein; besonders betroffen waren Psychopharmaka.
  • Hauptursache ist laut Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung die Konzentration der Arznei- und Hilfsstoffproduktion auf wenige Hersteller in China und Indien.
  • Apotheker Heinz Nießen aus Heinsberg hat täglich rund 200 Arzneimittel auf der Defektenliste und setzt auf Reservierungslisten bei Herstellern und Großhändlern.

 
Arzneimittel, die in der Apotheke nicht lieferbar sind, gehören in Deutschland seit Jahren zum Alltag. Im Jahr 2025 gingen beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 1.514 Meldungen zu insgesamt 1.041 Lieferengpässen ein. Das zeigt eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Besonders betroffen waren Psychopharmaka: Bei Antipsychotika dauerte ein Engpass im Schnitt 230 Tage. Engpässe bei Lipidsenkern und Antibiotika betrafen potenziell mehr als vier Millionen Patienten.
Von einem Lieferengpass spricht das BfArM, wenn ein Medikament länger als zwei Wochen nicht oder nur eingeschränkt verfügbar ist. Oft lässt sich dann auf ein wirkstoffgleiches Präparat eines anderen Herstellers ausweichen. Ist das nicht möglich, wird aus dem Lieferengpass ein Versorgungsengpass.
In besonders kritischen Fällen stellt das Bundesgesundheitsministerium offiziell einen Versorgungsmangel fest. Das erlaubt befristet Ausnahmen, etwa um leichter auf importierte Präparate ausweichen zu können. 2025 galt das unter anderem für intravenös verabreichte Acetylsalicylsäure und für Antibiotikasäfte für Kinder mit mehreren Wirkstoffen, Anfang 2026 für Benzylpenicillin-Benzathin und das Krebsmedikament Ifosfamid.

Die Ursachen liegen oft weit entfernt

Einen zentralen Grund für die immer wieder auftretenden Engpässe sieht das Zi in der starken Konzentration der Arznei- und Hilfsstoffproduktion auf wenige Hersteller, vorwiegend in China und Indien. Komme es dort zu Produktionsproblemen, Qualitätsmängeln oder Störungen in den Lieferketten, mache sich das schnell auch in Apotheken in Deutschland bemerkbar, erklärte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dominik von Stillfried.
Für die Apotheken bedeutet das erheblichen Mehraufwand. Laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) verbringt jede Apotheke im Schnitt mehr als 20 Stunden pro Woche mit dem Management von Lieferengpässen. Im Apothekenklima-Index 2025, einer Umfrage unter 500 Apothekeninhabern, zählten 66 Prozent die Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Berufsalltag. Im Vorjahr waren es noch 82,8 Prozent.

Reservierungslisten und tägliche Telefonate

Wie sich das im Alltag anfühlt, schildert Apotheker Heinz Nießen, Inhaber der St. Gangolfs-Apotheke in Heinsberg. „Die Lieferengpässe haben sich zwar leicht verbessert, unterliegen aber immer noch starken Schwankungen“, sagt er der Epoch Times.

Apotheker Heinz Nießen: „Ich liebe unsere Kunden – und unsere Kunden lieben uns.“

Foto: Marina Simone Vossen

Ein Blick auf die „Defektenliste“ seiner Apotheke zeigt, dass tagesaktuell etwa 200 Arzneimittel von Lieferengpässen betroffen sind. In den vergangenen Jahren seien es nach seinen Angaben circa 500 bis 1.000 Artikel gewesen. Bei jedem zweiten Rezept gab es demnach ein Problem.
Inzwischen hätten noch etwa drei bis vier Patienten pro Tag Probleme, ihre Medikamente zu bekommen, so Nießen. Der Aufwand dafür sei dennoch erheblich.
Nießen setzt auf Reservierungslisten bei Herstellern und Großhändlern: Sobald ein Arzneimittel wieder vorrätig sei, werde seine Apotheke mit „Prio“ beliefert, sagt der Apothekeninhaber.
Täglich prüft und pflegt eine Mitarbeiterin diese Listen. So jongliert das Team zwischen Disposition, Reservierung, unzähligen E-Mails und Telefonaten, damit die beste und schnellste Lösung für die Kunden gefunden werden kann. Nießen leitet seine Apotheke seit über 40 Jahren und hat bereits viele Hürden nehmen müssen.

Konkurrenz durch Versandapotheken

Die täglichen Herausforderungen sind erheblich. Zudem stehen die Apotheken vor Ort im Wettbewerb mit großen Online-Apotheken. Diese haben den Vorteil, große Mengen an Arzneimitteln lagern zu können. Eine im Januar 2025 veröffentlichte IEGUS-Studie im Auftrag der European Association of E-Pharmacies stuft zudem die automatisierten logistischen Abläufe als Wettbewerbsvorteil ein.
Trotz dieser Wettbewerbsvorteile hat der Online-Handel mittlerweile aber auch Probleme, bestimmte Medikamente zu bekommen.
Apotheker Nießen sagt dazu: „Diesen Online-Apotheken ist es schlichtweg egal, ob sie ein Medikament liefern können oder nicht. Sie setzen kein Engagement ein, ein Medikament mit Aufwand für den Patienten zu beschaffen, das nicht leicht lieferbar ist“. Auch eine Beratung finde dort oftmals nicht statt. Genau darin sieht er den Vorteil der Apotheke vor Ort.
„Durch unsere Reservierungslisten können wir mittlerweile die Präparate schneller beziehen als der Online-Handel“, sagte Nießen. So würden bereits jetzt immer mehr Kunden aus weiteren Einzugsgebieten wie Düsseldorf zu ihm in die Heinsberger Apotheke.
In der Vergangenheit sei es immer ein starkes Privileg gewesen, zu netzwerken, sagte Nießen. Darauf setzt er auch heute noch und so manches Mal könne dadurch ein Problem schnell und unbürokratisch gelöst werden.

Probleme beginnen in der Produktion

Eine Mitarbeiterin der Apotheke erklärt, wo viele Engpässe ihren Ursprung noch haben: Ortsansässige Apotheken bestellen gängige Medikamente auf Vorrat. Allerdings können hochpreisige Präparate nicht in unbegrenzter Stückzahl auf Lager gehalten werden. Lieferengpässe entstünden dann, wenn es zu Verunreinigungen bei der Herstellung der Präparate kommt.
Viele Medikamente werden aus Kostengründen in China und Indien produziert. Lägen Verunreinigungen vor, würden die betroffenen Chargen zurückgerufen oder die Produktion werde zeitweise eingestellt, erklärte die Mitarbeiterin. Dann fehle das Medikament in den deutschen Regalen.
Das 2023 in Kraft getretene Lieferengpassgesetz sollte gegensteuern. Nach Einschätzung der ABDA hat es in der Praxis jedoch keine spürbaren Verbesserungen für die Apotheken gebracht, weder bei der Häufigkeit der Engpässe noch bei deren Handhabung.

Was Patienten wissen sollten

Es kommt vor, dass Patienten beim Einlösen eines Rezeptes ein alternatives Medikament anstelle des verordneten und auf dem Rezept dokumentierten erhalten. Dabei handelt es sich um preisgünstigere Medikamente. Sie enthalten den gleichen Wirkstoff in gleicher Wirkstärke, haben dieselbe Packungsgröße, die gleiche oder eine austauschbare Darreichungsform. Dies kommt zu Stande, wenn die Krankenkassen Preisrabatte mit den Herstellern festgelegt haben.
Liegt ein solcher Rabattvertrag vor, sind die Apotheken verpflichtet, diese Medikamente an die Patienten auszuhändigen.
Der Arzt kann den Austausch aus medizinischen Gründen, wie einer Unverträglichkeit, ausschließen. Auf jedem Kassenrezept befindet sich dafür ein Feld mit dem Vermerk „aut idem“ („oder das Gleiche“). Setzt der Arzt hier ein Kreuz, ist „aut idem“ ausgeschlossen. Die Apotheke ist dann verpflichtet, das verordnete Präparat abzugeben.
Wer aus persönlichen, nicht-medizinischen Gründen  auf einem bestimmten Präparat besteht, kann es als sogenanntes Wunscharzneimittel erhalten. Dann zahlt der Patient zunächst den vollen Preis und beantragt anschließend eine anteilige Erstattung bei seiner Krankenkasse. Bei Fragen zu Arzneimitteln und Kassenleistungen hilft die Stiftung Unabhängige Patientenberatung Deutschland kostenfrei.

Aufgeben ist für Nießen keine Option

Für den Apotheker Heinz Nießen ist Resignation oder gar Aufgeben trotz aller Schwierigkeiten keine Option: „Wir lieben unsere Kunden – und unsere Kunden lieben uns. Dafür setzen wir uns jeden Tag ein und stellen uns den Herausforderungen“.