In der Ukraine sind vor Kurzem fünf Mitarbeiter des Rekrutierungsbüros der südwestlichen Region Bukowina festgenommen worden. Ihnen wird vorgeworfen, Männer im wehrfähigen Alter auf offener Straße gewaltsam entführt und im Wehrersatzamt geschlagen und gefoltert zu haben.
Die Verhaftungen wurden am Freitag, 30. Oktober, vom Staatlichen Ermittlungsbüro (SBI) bekannt gegeben. Das SBI ermittelt nach eigenen Angaben sonst zu Straftaten, „die von hochrangigen Amtsträgern, Richtern und Strafverfolgungsbeamten begangen wurden“.
Geld von Zwangsrekruten gefordert
Im vorliegenden Fall sollten die Zwangsrekrutierten unterschreiben, dass sie freiwillig ihrer Mobilisierung für die ukrainischen Streitkräfte zustimmen.
Außerdem stehen die Beschuldigten im Verdacht, Bestechungsgeld von 5.500 Euro erpresst zu haben. Im Gegenzug sei einem der Zwangsrekrutierten seine Freilassung in Aussicht gestellt worden, so das SBI in seiner Mitteilung. Dies ist ein aktuelles Beispiel für niedrigschwellige Korruption in der Ukraine.
Das unabhängige Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) führte auf ihrer Website jüngste Erfolge auf. Im Zeitraum 1. Januar bis 30. September dieses Jahres habe das NABU in 577 neuen Fällen mit Verdacht auf Korruption Untersuchungen eingeleitet. Gegen 180 neue Verdächtige seien Anklagen bei Gericht eingereicht worden. Es handle sich dabei um eine Schadenssumme von umgerechnet rund 230.000 Euro. 119 Personen seien im Laufe dieses Jahres rechtskräftig verurteilt worden. Das NABU hat das Mandat, ranghohe Politiker, Minister und ihre Stellvertreter, Parlamentsabgeordnete, Gouverneure sowie Leiter von Rechtsschutzorganen und Richter zu untersuchen.
Chef der Zentralbank im Fokus
Derzeit schlägt eine NABU-Untersuchung in der Nationalbank der Ukraine medial hohe Wellen. Am 21. Oktober berichtete die einflussreiche Nachrichtenplattform „Ukrainiska Pravda“, dass es sich um die Räumlichkeiten von Andrij Pyschnyj, dem Chef der Zentralbank, beträfen.
Die englischsprachige Nachrichtenplattform „Kyiv Independent” nennt am selben Tag ebenfalls Pyschnyj und beruft sich dabei auf eine nicht namentlich genannte Quelle aus dem Bereich der Strafverfolgungsbehörden.
NABU nahm über Telegram dazu Stellung: „Auf Medienanfragen teilen wir mit, dass Ermittler des NABU unter der verfahrensrechtlichen Leitung der SAPO Durchsuchungen in den Räumlichkeiten der Nationalbank der Ukraine sowie am Wohnsitz eines ihrer Mitarbeiter durchführen. Es wurden keine Personen festgenommen, und es wurden keine förmlichen Verdachtsmitteilungen zugestellt.“
Bei der Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) handelt es sich um eine Sonderstaatsanwaltschaft, die sich ausschließlich um Korruptionsfälle kümmert.
Pyschnyj selbst bestätigte am selben Tag Berichte darüber, dass Untersuchungen in der Zentralbank durchgeführt würden, wies aber in einem Facebook-Beitrag gleichzeitig darauf hin, dass er weiterhin Direktor der Bank bleiben und seine Geschäfte ausüben werde.
Es ist bisher unklar, in welchem Zusammenhang in den Büros der Zentralbank ermittelt wird. Nach Pyschnyjs Aussagen stünden die Ermittlungen in keinem Zusammenhang mit der Nationalbank oder seiner Tätigkeit als deren Chef. „Im Rahmen der Ermittlungen wurde nach Beweisen in einem Fall gesucht, der andere Umstände und Personen betrifft. Die Durchsuchungen brachten keinerlei Hinweise zutage, dass ich oder andere Vertreter der Zentralbank Straftaten begangen hätten“, schrieb er auf Facebook.
Nationalbank in der Kritik
Die Zentralbank steht seit geraumer Zeit in der Kritik, weil sie eine Zahlung in Höhe von umgerechnet rund 3 Millionen Euro über die staatseigene Sense Bank nicht verhindert hat. Laut Dominic Culverwell, einem Wirtschaftsreporter von „Kyiv Independent”, soll es sich bei dieser Summe um „gewaschenes Geld“ handeln. Sie sei als Kautionszahlung für den ehemaligen Energie- und Justizminister Herman Haluschtschenko verwendet worden.
Haluschtschenko hatte von 2020 bis 2021 den Posten des Vizepräsidenten des staatlichen Atomenergiekonzerns Energoatom inne. Im April 2021 wurde er Energieminister und wechselte im Juli 2025 in das Amt des Justizministers. Im November 2025 wurden gegen Haluschtschenko Korruptionsvorwürfe im Zusammenhang mit Energoatom erhoben und das NABU führte bei ihm Durchsuchungen durch. Haluschtschenko trat daraufhin zurück.
Die SAPO untersucht im Energoatom-Korruptionsfall, ob Schmiergelder in Höhe von umgerechnet rund 84 Millionen Euro veruntreut wurden. Der Fall gilt als einer der größten politischen Skandale seit dem Amtsantritt von Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Am 15. Februar 2026 versuchte Haluschtschenko, das Land zu verlassen. Er wurde an der Grenze von NABU-Mitarbeitern festgenommen und saß danach in
Untersuchungshaft, bis er im Juni 2026 gegen die oben genannte Kaution freikam.
Untersuchungshaft, bis er im Juni 2026 gegen die oben genannte Kaution freikam.
Selenskyj angeblich mit Bankchef unzufrieden
Die Zentralbank wird laut „Kyiv Independent“ auch dafür scharf kritisiert, dass sie das Problem mutmaßlicher krimineller Machenschaften im Zusammenhang mit der Sense Bank insgesamt nicht angegangen sei.
Allerdings hatte die Zentralbank im September beim Ministerkabinett die Entlassung von Oleksij Stupak, dem Vorstandsvorsitzenden der Bank, beantragt. Dies habe Nationalbankchef Pyschnyj laut ukrainischen Medien am 2. September mitgeteilt.
Neben Stupak wurden auch Iryna Mudra, ehemalige stellvertretende Stabschefin von Selenskyj, sowie der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende der Sense Bank, Mykola Hladyschtschenko, von den Behörden beschuldigt, dazu beigetragen zu haben, dass über die Sense Bank die Kaution für Ex-Minister Haluschtschenko transferiert wurde.
Die ukrainische Nachrichtenplattform „hromadske“ weist in einem Online-Beitrag zudem darauf hin, dass die Durchsuchungen in der Zentralbank „vor dem Hintergrund früherer Berichte über Spannungen zwischen Pyschnyj und Präsident Wolodymyr Selenskyj“ durchgeführt worden seien.
Unter Bezugnahme auf eine Veröffentlichung des US-Medienunternehmens „Bloomberg“ vom August sei Selenskyj „mit den engen Beziehungen des Zentralbankchefs zum Internationalen Währungsfonds sowie mit dessen Umgang mit der ukrainischen Kriegswirtschaft unzufrieden“ gewesen.

Der damalige ukrainische Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko hält am 23. Juli 2025 in Kiew eine Pressekonferenz ab.
Foto: Tetiana Dzhafarova/AFP via Getty Images
Operation „Karthago“
NABU teilte am 22. Oktober mit, es habe gemeinsam mit SAPO „eine Mitteilung über den Verdacht einer Straftat zugestellt. Bei der betreffenden Person handelt es sich um den ehemaligen Leiter einer Abteilung der Generalstaatsanwaltschaft“.
Die Ermittler kamen ihm im Rahmen ihrer groß angelegten Untersuchung, „Operation Karthago“ genannt, auf die Spur. Diese gemeinsame NABU- und SAPO-Operation wurde am 4. September der Öffentlichkeit vorgestellt.
Ziel von „Operation Karthago“ sei es, eine kriminelle Organisation aufzudecken, die den Ermittlern zufolge betrügerische Callcenter gechützt und illegal erlangte Gelder gewaschen habe. Ein Beamter der Generalstaatsanwaltschaft habe sich dabei als Schlüsselfigur erwiesen.
Es soll sich laut Medienberichten um Iwan Tymoschenko handeln, den
ehemaligen Leiter der Abteilung für Informationstechnologie bei der Generalstaatsanwaltschaft. Wie ukrainischen Online-Nachrichten-Zeitung „Ukrainska Pravda“ am 22. Oktober berichtete, habe das Oberste Antikorruptionsgericht gegen Tymoschenko Untersuchungshaft oder eine Kaution von umgerechnet 160.000 Euro verhängt.
ehemaligen Leiter der Abteilung für Informationstechnologie bei der Generalstaatsanwaltschaft. Wie ukrainischen Online-Nachrichten-Zeitung „Ukrainska Pravda“ am 22. Oktober berichtete, habe das Oberste Antikorruptionsgericht gegen Tymoschenko Untersuchungshaft oder eine Kaution von umgerechnet 160.000 Euro verhängt.
Serhij Kropywa, der stellvertretenden Leiter der Abteilung für internationale Zusammenarbeit bei der Generalstaatsanwaltschaft, wurde bereits Anfang September verhaftet. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, als „Vertrauensperson“ des damaligen Generalstaatsanwalts, Ruslan Krawtschenko, gehandelt zu haben.
Am 15. September stimmte das ukrainische Parlament mit großer Mehrheit für die Absetzung von Krawtschenko.
Dieser reiste zuvor ins Ausland. Laut „Interfax-Ukraine“ wurde ihm bisher keine Verdachtsmitteilung zugestellt. Er habe aber laut den Antikorruptionsbehörden ein Disziplinarvergehen begangen, indem er für sich selbst eine ungerechtfertigte Auslandsreise organisiert habe. Krawtschenko weist alle Vorwürfe gegen ihn zurück.



