Marcus Aurelius war im 2. Jahrhundert der mächtigste Mann der Welt.
Dennoch nutzte er seine Machtposition nicht, um sich selbst zu bereichern oder sich Vergnügungen zu gönnen. Vielmehr ging er seine Rolle als römischer Kaiser mit dem Bewusstsein der damit verbundenen Verantwortung an. Er war bestrebt, sich selbst zur Rechenschaft zu ziehen. Da er unangefochtene Macht über Leben und Tod ausübte, gab es niemanden außer ihm selbst, dem er Rechenschaft schuldig war.
Eine Möglichkeit, wie Marcus Aurelius sich selbst zur Rechenschaft zog, bestand darin, sich an einen disziplinierten Tagesablauf zu halten – eine Folge seiner Hingabe an den Stoizismus. Der Stoizismus war eine philosophische Strömung, die ihren Ursprung im antiken Griechenland hatte und von Zenon von Kition begründet wurde. Später wurde sie von vielen bedeutenden Römern übernommen – darunter auch von Marcus Aurelius. Stoiker glaubten an ein von der Vernunft regiertes Universum. Sie strebten danach, rational, selbstbeherrscht und tugendhaft zu leben, indem sie Verantwortung für das übernahmen, was sie kontrollieren konnten, und die Dinge, die sie nicht kontrollieren konnten, mit Gelassenheit akzeptierten.
Was über Marcus Aurelius’ Tagesablauf bekannt ist, stammt vor allem aus seinem Buch „Selbstbetrachtungen“ (Meditationen), das im Grunde eine Sammlung seiner Tagebucheinträge ist. Darin hielt er seinen Kampf fest, stoische Ideale und Ethik in seinem täglichen Leben umzusetzen. Aus diesem inneren Ringen, das er in seinen Tagebüchern festhielt, entstanden disziplinierte Gewohnheiten und eine strukturierte tägliche Routine, von denen wir noch heute profitieren können.
Den gewünschten Lebensstil wählen
Wie der US-amerikanische Autor und Stoizismus-Kenner Ryan Holiday feststellte, war Marcus Aurelius von Natur aus kein Morgenmensch, sondern wurde durch Willenskraft zu einem. Er erkannte, dass ein früher Start ein wichtiger Bestandteil eines erfolgreichen Tages war. Um sich diese Gewohnheit anzueignen, bedurfte es der richtigen Einstellung. In den „Selbstbetrachtungen“ schrieb Marcus Aurelius:
„Früh, wenn’s dir leid tut schon aufgewacht zu sein, sage dir gleich, du seist erwacht, dich menschlich zu betätigen. Um der Tätigkeit willen bist du geboren und in die Welt gekommen, und du wolltest verdrießlich sein, daß du ans Werk gehen mußt? Oder bist du dazu geschaffen, in den Federn liegend dich zu pflegen? Freilich ist dies angenehmer; aber bist du um des Vergnügens willen da, nicht vielmehr um etwas zu schaffen und dich anzustrengen? […] Da sieht man, daß du dich selbst nicht lieb hast, sonst würdest du die menschliche Natur und deren Willen lieb haben.“ (Buch 5, Kapitel 1)
Es ist ein Aufruf, persönlichen Komfort zugunsten einer höheren Berufung beiseitezulassen. Marcus Aurelius begann den Tag mit der bewussten Entscheidung, das zu tun, was am besten war, und nicht das, was am einfachsten war.
Danach nahm er sich Zeit für eine Phase der Stille und Besinnung. Er schrieb in den frühen Morgenstunden Tagebuch, noch bevor die Hektik des Tages einsetzte. Tatsächlich verfasste er seine „Selbstbetrachtungen“ in der Stille und Kühle, der klaren Frische und dem sanften, sich ausbreitenden blauen Licht der Stunden an der Schwelle zum Tag. Oft saß er dabei zusammengekauert in einem Zelt im Feldlager.
Neben dieser Praxis der Selbstbeobachtung begann Marcus Aurelius seinen Tag auch damit, sich mental auf das vorzubereiten, was vor ihm lag. „Man muß sich beizeiten sagen: ich werde einem vorwitzigen, einem undankbaren, einem schmähsüchtigen, einem verschlagenen oder neidischen oder unverträglichen Menschen begegnen“, schrieb er in Buch 1, Kapitel 18.
„Denn solche Eigenschaften liegen jedem nahe, der die wahren Güter und die wahren Übel nicht kennt.“ Marcus Aurelius war hier nicht düster gestimmt, sondern griff vielmehr die stoische Idee der „praemeditatio malorum“, der „Vorwegnahme der Übel“, auf. Der Gedanke dahinter war, dass unerwartete Schicksalsschläge am härtesten treffen. Indem er sich also im Voraus ein Bild machte, konnte er sich auf die Widrigkeiten des Tages vorbereiten, Widerstandsfähigkeit entwickeln und zudem mehr Geduld und Mitgefühl für andere aufbringen. So könnte ihm das Böse weniger Schaden zufügen, wenn es ihn gut vorbereitet vorfände.
Mit festem Pflichtbewusstsein machte er sich an die Arbeit des Tages. „Immer sei darauf bedacht, wie es einem Manne geziemt, bei allem, was es zu tun gibt, eine strenge und ungekünstelte Gewissenhaftigkeit, Liebe, Freimut und Gerechtigkeit zu üben“, schrieb er. (Buch 2, Kapitel 2)
„Und du wirst sie [Nebengedanken] dir fernhalten, sobald du jede deiner Handlungen als die letzte im Leben ansiehst: fern von jeder Unbesonnenheit und der Erregtheit, die dich taub macht gegen die Stimme der richtenden Vernunft, frei von Verstellung, von Selbstliebe und von Unwillen über das, was das Schicksal dir beschieden hat.“ (Buch 2, Kapitel 2)

Reiterstandbild des Marcus Aurelius.
Foto: Kupferstich von Marco Dente, Albertina Wien, gemeinfrei
Marcus Aurelius’ Ideal bestand darin, die Ablenkungen und Kleinlichkeiten des Alltags zu überwinden, um sich darauf zu konzentrieren, seine Pflichten so hervorragend wie möglich zu erfüllen. Was zählte, war, das Richtige zu tun – selbst wenn die natürlichen Begierden sich dagegen auflehnten.
In der heutigen Sprache entspricht dies dem Produktivitätstipp „Eat the Frog“ (auf Deutsch etwa: Iss den Frosch), bei dem die schwierigste und zugleich wichtigste Aufgabe zuerst erledigt wird, damit sie nicht aufgeschoben wird. Dies gewährleistet, dass die Pflichten erfüllt werden, und ebnet zudem den Weg für einen entspannten Rest des Tages.
Intensität und Entspannung in Einklang bringen
Der Stoiker Holiday merkte an, dass Marcus Aurelius seinen Adoptivvater Kaiser Antoninus Pius bewunderte, dessen Arbeitsmoral so ausgeprägt war, dass er sogar Toilettenpausen einplante, um über lange Zeiträume ununterbrochen arbeiten zu können. Selbst wenn die langen, unvorstellbar geschäftigen Tage der Herrschaft über ein Reich ermüdend wurden, bestand Marcus Aurelius darauf, sich keine Klagen zu erlauben. „Niemand höre hinfort von dir, daß du das Leben am Hofe überhaupt oder nur das deinige tadelst“, schrieb er.
Er fand jedoch Zeit, sich durch Reiten, Jagen, Ringen und den Besuch der öffentlichen Bäder, für die die Römer so berühmt waren, zu entspannen. Diese Bäder dürften dazu beigetragen haben, Körper und Geist zu reinigen und den Schmutz des Alltags wegzuwaschen. Hier erinnert uns Aurelius daran, wie wichtig es ist, Arbeit mit notwendiger Entspannung und Erholung in Einklang zu bringen. Holiday schrieb:
„Fast ein Dutzend Mal spricht Marcus Aurelius in den ‚Selbstbetrachtungen‘ davon, ‚Stille‘ zu suchen und zu erlangen. Auch diese Momente der Stille dürften von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Ohne Stille können wir nicht denken. Wir können unseren Geist nicht klären. Wir können den Überblick nicht gewinnen. Wir können nicht philosophisch sein.“
Obwohl Marcus Aurelius eindeutig ein strenger und disziplinierter Mann war, wusste er auch Stille, Besinnung und Schönheit zu schätzen. Eine wunderschöne Passage aus den „Selbstbetrachtungen“ lautet:
„Fehlt es uns also nur nicht an Empfänglichkeit und an Tiefe des Blicks in die Welt der Dinge, so werden wir kaum etwas von solchen Nebenumständen auffinden, was uns nicht angenehm deuchte. Ebenso werden wir dann aber auch z. B. wirkliche Tierkämpfe nicht weniger gern ansehen, als die Darstellungen, die uns Maler und Bildhauer davon geben; und unser keusches Auge wird mit gleichem Wohlgefallen auf der würdigen Gestalt des Greises wie auf der liebreizenden des Mädchens ruhen. Doch gehört dazu eben eine innige Vertrautheit mit der Natur und ihren Werken.“ (Buch 3, Kapitel 2)
Ebenso schätzte er seine Familie – er hatte mehr als ein Dutzend Kinder mit seiner Frau Faustina der Jüngeren, von denen jedoch nur fünf oder sechs das Erwachsenenalter erreichten – und achtete darauf, seinen Tagesablauf damit zu beenden, seine Kinder so achtsam wie möglich ins Bett zu bringen.
Wenn er ihnen einen Gutenachtkuss gab, ermahnte er sich selbst, diesen Moment nicht zu überstürzen, denn es könnte das letzte Mal sein, dass er dies tun durfte. Es gab keine Garantie, dass auch nur eines seiner Kinder die Nacht überleben würde. Dieses Bewusstsein der Sterblichkeit ermöglichte es ihm, sich seinen Idealen zu widmen und zugleich dankbar für die guten Dinge im Leben zu sein.
Marcus Aurelius’ achtsame tägliche Routine half ihm, über viele Millionen Menschen mit mehr Gerechtigkeit zu herrschen, als es vielen seiner Vorgänger oder Nachfolger gelang. Obwohl er sicherlich kein perfekter Mensch war, lebte er doch nach vielen edlen Prinzipien, wie Igor Zanetti für „TheCollector“ hervorhob:
„Im Gegensatz zu vielen Kaisern, die Macht für persönlichen Ruhm suchten, näherte sich Marcus seiner Position mit einem Gefühl von Pflicht und Verantwortung. Von klein auf wurde er für sein ruhiges Temperament und seine bedachtsame Natur anerkannt. […] Obwohl er immense Autorität ausübte, erinnerte er sich durch seine Schriften und Gewohnheiten konsequent daran, mit Demut und Zurückhaltung zu handeln.“
Aus der Tagesroutine von Marcus Aurelius und der Haltung, mit der er den Herausforderungen des Alltags begegnete, lässt sich viel lernen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „What We Can Learn From Marcus Aurelius’s Daily Routine“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sm)






