Bundesdigitalminister Karsten Wildberger hat zu einem stärkeren Einsatz von Künstlicher Intelligenz aufgerufen, um Sicherheitslücken bei Webseiten zu schließen. „Wir stehen am Beginn eines neuen Zeitalters der Cybersicherheit“, sagte Wildberger dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.
KI-basierte Tools könnten helfen, Schwachstellen schneller und präziser aufzuspüren als je zuvor. „Im digitalen Raum geht es jetzt um Geschwindigkeit, um Sicherheitslücken rechtzeitig zu identifizieren und zu schließen“, so der CDU-Politiker weiter.
Neues KI-Sicherheitsinstitut in Berlin
Er verwies darauf, dass die Bundesregierung gezielt in die digitale Souveränität investiere und eigene Kompetenzen aufbaue, etwa mit dem neuen KI-Sicherheitsinstitut in Berlin.
„Indem wir führende Modelle unabhängig prüfen und Künstliche Intelligenz konsequent für den Schutz unserer Netze einsetzen, können wir diesen Wettlauf gewinnen“, sagte Wildberger.

Dank KI können Angreifer eine veröffentlichte Sicherheitslücke heute in Minuten oder Stunden für Attacken nutzen. Die Entwicklung werde noch eine Weile andauern, glaubt ein Experte der Cyberagentur des Bundes.
Foto: Jens Büttner/dpa
Warnung vor PHP-Lücke
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und Behörden weltweit hatten in der vergangenen Woche vor einer hochkritischen Schwachstelle in der Programmiersprache PHP gewarnt.
PHP ist eine der weltweit am häufigsten genutzten Technologien für den Betrieb von Webseiten und Online-Diensten. Zahlreiche Webseiten – auch von Bundesregierung und Bundesverwaltung – wurden vorübergehend vom Netz genommen.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik stuft das Risiko der Lücke als außerordentlich hoch ein.
Sicherheitswarnung zu PHP weiterhin gültig
„Die Bundesregierung nimmt den Vorfall und die aktuellen Warnungen sehr ernst. Unsere Cybersicherheitsbehörden haben vorausschauend, schnell und klar reagiert“, bilanzierte Wildberger. Zum aktuellen Zeitpunkt sehe man „keine Hinweise auf eine erfolgreiche Kompromittierung von Systemen der Bundesverwaltung“, so der Digitalminister weiter.
Ein Sprecher des Digitalministeriums wies darauf hin, dass die Sicherheitswarnung vom Mittwoch noch gültig sei. „Das BSI sieht weiterhin akuten Handlungsbedarf und ruft alle Nutzer von PHP auf, zügig die bereit gestellten Patches aufzuspielen“, so der Sprecher.
IT-Experte: Angreifer haben derzeit einen Vorteil
Die PHP-Sicherheitslücke ist nach Ansicht eines Fachmanns der Cyberagentur des Bundes ein Beispiel für eine Entwicklung, die noch länger andauern dürfte. „Wir befinden uns wahrscheinlich gerade schon momentan in einem kleinen Tal der Tränen“, sagte Daniel Gille, Abteilungsleiter für Schlüsseltechnologien, dpa.
Derzeit hätten Angreifer einen klaren Vorteil: Sie können eine veröffentlichte Sicherheitslücke innerhalb von Minuten oder Stunden auswerten und einen Angriff entwickeln. Früher habe das oft Wochen oder Monate gedauert. Das Beheben solcher Sicherheitslücken geschehe dagegen dezentral, und das dauere deutlich länger.
Das zeigt sich aktuell bei der PHP-Lücke. Viele Betreiber haben ihre Webseiten erst nach Stunden oder mehr als einem Tag wieder ans Netz genommen, nachdem sie Updates installiert hatten.
Viel mehr bekannte Sicherheitslücken als früher
Eine Auswertung des IBM-Sicherheitsteams X-Force beobachtete bei zahlreichen großen Softwareanbietern wie Microsoft, Oracle oder auch dem Browser Google Chrome einen dramatischen Anstieg bekanntgewordener Sicherheitslücken.
Von Januar bis September dieses Jahres waren es demnach mindestens 10.124, ein Plus von rund 578 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Mehr als die Hälfte dieser mittels KI entdeckten Schwachstellen wurden gemäß einem in der Branche verwendeten Punktesystem in ihrem Risiko als hoch oder kritisch eingestuft.
Forschung beschäftigt sich mit KI als Betriebssystem
Cyberagentur-Experte Daniel Gille glaubt, KI werde künftig noch stärker dabei helfen, einen Programmcode so zu schreiben, dass er weniger angreifbar ist. Die Cyberagentur bereite dazu ein Forschungsprogramm vor, das demnächst ausgeschrieben werden soll. Noch weiter gehen Überlegungen, Künstliche Intelligenz selbst als Grundlage eines Betriebssystems zu nutzen.
Die Cyberagentur hat dazu nach Gilles Angaben den Auftrag, experimentell zu forschen. Demnach sei es denkbar, dass ein solches System eine grundsätzlich andere Architektur und nicht mehr den einen festen Code hätte. Schwachstellen einer Software würden dann nicht mehr flächendeckend sämtliche Systeme betreffen, die sie verwenden.
Unter Betriebssystem-Experten sei die Idee umstritten. „Das ist tatsächlich eine komplett offene Forschungsfrage. Das kann wahrscheinlich kein Mensch zum heutigen Zeitpunkt beantworten“, sagte Gille. (dpa/dts/red)




