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Hochwasser in China: Bewohner im Katastrophengebiet zweifeln an offizieller Opferzahl


In Kürze:

  • Xinhua meldete am 9. Juli 39 Tote und 9 Vermisste durch die Überschwemmungen in Guangxi, darunter 26 nach dem Bruch des Liulan-Staudamms.
  • Bewohner berichten von weit größeren Schäden, zerstörten Dörfern und deutlich mehr Opfern als offiziell angegeben.
  • Betroffene machen neben der Naturkatastrophe auch menschliches Versagen und mögliche Sicherheitsmängel verantwortlich.

 
Es war der 6. Juli, als die Wassermassen kamen. Nach tagelangen, sintflutartigen Regenfällen brach die Staumauer des Liulan-Reservoirs in der kreisfreien Stadt Hengzhou im Süden Chinas.
Augenzeugen berichteten der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, die Behörden hätten die Schleusen bereits um sechs Uhr morgens geöffnet, die Bevölkerung im tiefer gelegenen Umland jedoch erst zwei Stunden später gewarnt. Für viele Menschen sei es da bereits zu spät gewesen. Eine meterhohe Flutwelle zerstörte ganze Dörfer und erreichte angrenzende Städte.
Eine Woche später liegen viele Straßen noch immer unter einer dicken Schlammschicht. In einigen Orten sind Strom- und Trinkwasserversorgung weiterhin unterbrochen. Bewohner berichten von zerstörten Häusern, verschütteten Straßen und vermissten Angehörigen.
Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete am 9. Juli 39 Tote und neun Vermisste bei den Überschwemmungen in Guangxi. Davon standen 26 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Einsturz des Liulan-Stausees. Seitdem wurden die offiziellen Opferzahlen nicht mehr aktualisiert.
In den besonders schwer betroffenen Gebieten zweifeln viele Bewohner jedoch an diesen Angaben. Sie berichten von zerstörten Dörfern und deutlich mehr Todesopfern als offiziell bekannt.
Die Bewohner sprachen mit der Epoch Times unter der Bedingung der Anonymität, da sie Vergeltungsmaßnahmen befürchten.

Eine Region im Ausnahmezustand

Besonders schwer getroffen wurde nach Angaben mehrerer Bewohner die Gemeinde Yunbiao, die mit ihren umliegenden Dörfern direkt unterhalb des Stausees liegt. Rund 86.000 Menschen leben in dieser Region.
Ein Dorfbewohner aus Longzi berichtete der Epoch Times, die Flut habe nahezu alles mitgerissen, was sich in ihrem Weg befand. „Die Opferzahl liegt definitiv im vierstelligen Bereich – mindestens tausend Menschen sind gestorben“, sagte der Mann. „In einer einzigen Produktionsgruppe des Nachbardorfs Yapi wurden mehr als ein Dutzend Menschen weggeschwemmt.“
Er selbst habe mit seiner Familie überlebt, sein Wohnhaus sei jedoch schwer beschädigt worden. „In den ersten Tagen gab es kaum etwas zu essen. Erst nach drei oder vier Tagen wurden Hilfsgüter mit Drohnen gebracht. Bis heute haben wir weder Strom noch fließendes Wasser. Überall liegt Müll, und der Schlamm beginnt zu stinken.“
Wer heute nach Yunbiao gelangen wolle, stoße nach Angaben mehrerer Bewohner auf zahlreiche Straßensperren. Große Teile des Katastrophengebiets seien weiterhin nur eingeschränkt zugänglich.
Ein weiterer Einwohner berichtete der Epoch Times, viele Freiwillige würden vor allem zum Räumen des Schlamms benötigt. „Die Stadt ist praktisch abgesperrt“, sagte er. „Man kommt nicht einfach hinein.“
Auf die Frage, ob die Anzahl der Todesopfer tatsächlich höher liegen könnte als offiziell angegeben, antwortete er: „Viele Menschen werden noch vermisst. Diejenigen, die unmittelbar unterhalb des Stausees lebten, hatten kaum eine Chance, zu fliehen.“
Nach seinen Angaben lägen noch immer zahlreiche Opfer unter meterdicken Schlammmassen begraben. Bagger müssten deshalb äußerst vorsichtig arbeiten. Immer wieder würden Leichen zwischen Trümmern und angeschwemmtem Holz gefunden.

„Ein Dorf existiert nicht mehr“

Ein Bewohner der benachbarten Gemeinde Zhenlong beschreibt die Lage ebenfalls als verheerend. Von den insgesamt acht Dörfern seiner Gemeinde sei eines praktisch vollständig verschwunden.
„Ich weiß nicht, wie es anderswo aussieht“, sagte er. „Aber bei uns gibt es ein Dorf nicht mehr. Viele Menschen liegen dort unter den Schlammmassen begraben. Allein in unserer Gemeinde sind mindestens 500 Menschen gestorben.“

Ein Mann sammelt Regenwasser vor einer Häuserreihe, die bis zum zweiten Stock überflutet wurde, als am 9. Juli 2026 in der Nähe von Gantang in der südwestchinesischen Region Guangxi ein Stausee brach.

Foto: Greg Baker/AFP via Getty Images

Hinweise auf das mögliche Ausmaß der Katastrophe liefern auch im Internet verbreitete Dokumente. Ein Lieferschein für Katastrophenschutzgüter vom 12. Juli listet für die Polizeistation von Yunbiao neben Zelten und Stiefeln auch Leichensäcke auf. Die handschriftlich korrigierte Zahl wurde dabei von 200 auf 250 angehoben.
Die Echtheit des Dokuments konnte bislang nicht unabhängig verifiziert werden. Mehrere Bewohner berichten jedoch übereinstimmend, Bergungsteams hätten Leichen in Leichensäcke gelegt und anschließend zu örtlichen Bestattungsinstituten gebracht. Fotos der Verstorbenen seien danach in Dorfgruppen geteilt worden, damit Angehörige sie identifizieren könnten.
Unterdessen sind die am schwersten betroffenen Gebiete nach Angaben von Bewohnern weiterhin stark abgeriegelt. Drohnenaufnahmen und Videos von Betroffenen werden Berichten zufolge im chinesischen Intranet entfernt, während Accounts von Nutzern, die entsprechendes Bildmaterial veröffentlichen, gesperrt werden. Internationale Hilfsorganisationen haben bislang keinen umfassenden Zugang zu den betroffenen Gebieten erhalten.

Mehr als eine Naturkatastrophe

Hinter den wiederkehrenden Naturkatastrophen im Süden Chinas stehen auch strukturelle Herausforderungen der Infrastruktur. Das Land verfügt über rund 100.000 Talsperren, von denen viele zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren errichtet wurden. Experten weisen seit Jahren auf den zunehmenden Sanierungsbedarf zahlreicher Anlagen hin.
Seit Jahrzehnten beobachten Hydrologen im Jangtse-Becken Veränderungen im Hochwasserverhalten. Ein historischer Vergleich verdeutlicht die Entwicklung: Während der schweren Flutkatastrophe von 1998 war die tatsächliche Wassermenge geringer als beim Hochwasser von 1954, dennoch wurden deutlich höhere Pegelstände erreicht.
Als ein Grund gilt der Verlust natürlicher Überschwemmungs- und Rückhalteflächen. Durch die seit der Mao-Ära vorangetriebene Landgewinnung aus Seen („Wei hu zao tian“) schrumpften große natürliche Speicherflächen entlang des Jangtsekiang, darunter der Dongting- und der Poyang-See. Zahlreiche kleinere Seen gingen vollständig verloren.
Zudem wurden Flussläufe verändert, Überschwemmungsgebiete bebaut und natürliche Wasseraufnahmeflächen reduziert. Dadurch kann Starkregen schneller abfließen und höhere Belastungen für Flüsse, Deiche und Stauseen verursachen.
Der in Deutschland lebende chinesische Hydrologe Wang Weiluo verweist auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu zählen aus seiner Sicht großangelegte Infrastrukturprojekte, Veränderungen der regionalen Hydrologie sowie mögliche Risiken durch die langfristige Belastung großer künstlicher Wasserspeicher.
Hinzu kommt ein Zielkonflikt bei der Nutzung von Staudämmen. Diese sollen sowohl dem Hochwasserschutz als auch der wirtschaftlichen Nutzung durch Energieerzeugung oder andere Projekte dienen.
Um wirtschaftliche Verluste zu vermeiden, werden Wasserstände in manchen Anlagen möglichst hoch gehalten. Ein frühzeitiges Ablassen vor erwarteten Starkregenereignissen kann wirtschaftliche Einbußen bedeuten. Kritiker sehen darin einen möglichen Grund, warum Entlastungsmaßnahmen teilweise spät erfolgen.
Tang Bing und Gu Xiaohua haben zu diesem Bericht beigetragen.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „Guangxi Flood Survivors Question China’s Official Death Toll After Reservoir Collapse“. (Deutsche Bearbeitung: hw)