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Treibholzkunst: Die atemberaubenden Kreaturen des James Doran-Webb

James Doran-Webb durchsucht Berge von knorrigem Treibholz nach ein paar bestimmten Formen. Sie sollen die pralle Schulter oder vielleicht die geweiteten Nüstern eines galoppierenden Pferdes ergeben. Die Passform muss makellos sein, ohne auch nur ein paar Zentimeter davon abzuweichen.
Der 58-jährige Bildhauer aus Devon in Südwestengland sucht nach der perfekt geschwungenen Holzmaserung, für eine lebensgroße Skulptur. Gefertigt wird sie aus angespültem Treibholz. Wir befinden uns auf der Insel Cebu auf den Philippinen. Hier steht sein weitläufiges Studio mit mehreren Gebäuden.
Ein wildes Treibholz-Pferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Ein wildes Pferd aus Treibholz.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

„Das könnte funktionieren“, sagt Doran-Webb und hält ein in sich verdrehtes Stück Holz empor, damit sein Assistent es prüfen möge. Um ihn herum wuselt sein Team aus sieben örtlichen Handwerkern und sechs Schweißern.
Es sind mannigfache Treibholzprojekte, die Doran-Webb hier erschafft. Seit über zwei Jahrzehnten formt er nun schon totes Holz in anatomisch korrekte Wildtierkunst um. Dabei hat er durch Ausprobieren einen Prozess des „Holzschweißens“ entwickelt.
Jede Kreation ist an einem filigranen Stahlgerüst befestigt, das alle Einzelteile miteinander verbindet. Doran-Webb verwendet ausschließlich einheimisches Hartholz, das sogenannte Tugas-Holz, auch Molave genannt (Vitex parviflora). Dieses äußerst dichte Nutzholz weist eine außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Fäulnis auf.

Das Studio des Treibholzkünstlers

Sein Studio ist jener Ort, an dem die knorrigen Titanen des Künstlers entstehen. Wenn man durch die Tore schreitet, begrüßt den Besucher ein von links nach rechts verlaufender, immens großer Haufen herrlich gemaserten Holzes.
James Doran-Webb posiert mit einer aus Treibholz gefertigten, lebensgroßen Pferdebüste. Foto: James Doran-Webb

James Doran-Webb posiert mit einer aus Treibholz gefertigten, lebensgroßen Pferdebüste.

Foto: James Doran-Webb

In der Mitte wird der Haufen von einem geschwungenen Pfad durchzogen. An einem über neun Meter hohen Portalkransystem baumeln Kettenzüge herab. Bandsägen, Kettensägen in allen Größen und Schweißbrenner prägen das Bild der Werkstatt. Jedes Werkzeug hat man speziell für die anspruchsvolle Bearbeitung des geborgenen Hartholzes angepasst.
„Wenn ich in meine Werkstatt komme, bin ich im siebten Himmel“, schwärmt James Doran-Webb gegenüber der Epoch Times.
Während sein Team an konkreten einzelnen Skulpturen arbeitet, scheint Doran-Webb zwischen den Projekten umherzuschweben und seine Crew zu betreuen, während er selbst sich hauptsächlich auf seine Herzstücke konzentriert.
Einmal ging es um einen über drei Tonnen schweren asiatischen Drachen. Dieser fand seinen Platz als Willkommensattraktion beim Chinesischen Neujahrsfest in Singapurs berühmten Gardens by the Bay. In diesem Jahr steckte er seine Energie in eine Menagerie von Wildtieren für die renommierte Londoner Chelsea Flower Show.
Da er bereits im Alter von 22 Jahren auf die Philippinen zog, ist Doran-Webb Teil der lokalen Gemeinschaft geworden. Er spricht fließend Visayan, eine der Hauptsprachen auf den Philippinen.
Die Leute in seiner Crew sind für ihn mehr als nur Angestellte. Sie sind eine Art zweite Familie. „Jeder meiner Mitarbeiter ist ein ganz besonderer Handwerker“, sagt er. „Sie haben mich bei der Entwicklung meines Handwerks begleitet. Ich arbeite im Grunde mit ihnen zusammen, um mein Wissen an sie zu vermitteln – und sie sind Meister ihres Fachs.“
Als Sohn von Antiquitätenhändlern sammelte Doran-Webb seine ersten Erfahrungen im Umgang mit alten Möbeln bereits als Teenager, als er alte englische Stühle verkaufte und von seinem Vater das Geschäft erlernte. Dann zog er in seinen frühen 20ern auf die Philippinen, um bei einem Rattanmöbelmeister in die Lehre zu gehen.
„Ich habe großen Respekt vor Handwerkern, also wenn Sie mich fragen, wofür ich mich halte, würde ich sagen, zuallererst für einen Handwerker“, erklärt er. „Aber ich betrachte mich auch als Künstler, weil ich im Wesentlichen Kunst erschaffe.“
Sich aufbäumendes Treibholzpferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Sich aufbäumendes Treibholzpferd.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Die Weiterentwicklung zu besserem Rohmaterial

Doran-Webbs Gespür für die Patina von Antiquitäten führte ihn zur Entdeckung des schönsten, ursprünglichsten Materials der Natur: Treibholz. Beim Spazieren an den taifungepeitschten Stränden des Ostpazifiks in den frühen 2000ern gab es wunderbare Formen und Texturen zu entdecken.
„Es sieht bereits wie ein Pferdekopf aus oder wie ein Körperteil eines anderen Tiers“, erinnert er sich, damals gedacht zu haben. Bald schon wurde sein erstes Treibholzpferd geboren. Doch es hielt nicht lange.
Rasch lernte er, dass Treibholz ein notorisches Problem mit Fäulnis hat.
Also musste sich Doran-Webbs Kunst weiterentwickeln. Und so wandte er sich ab von den Stränden auf der Suche nach einem haltbareren Medium und fand es in lang abgelagertem Tugas-Totholz. Dieses wird traditionell von den Einheimischen in Cebu zum Hausbau bevorzugt.
Es widersteht Fäulnis weitaus besser als Treibholz und darf legal gesammelt werden. In Abstimmung mit den Dorfältesten und der Behörde für natürliche Ressourcen organisierte Doran-Webb den Transport des schweren Holzes per Lkw von den Hügeln herab in sein Atelier – und verwandelte so die Rohstoffe einer Gemeinde in internationale Kunst.
„Aber ich kann mich nicht als ,Bildhauer für abgelagertes Totholz‘ bezeichnen, denn das ist nicht gerade eine sehr gefällige Bezeichnung“, konstatiert er. „Ich nenne mich immer noch einen ,Treibholz‘-Bildhauer.“
Für das ungeübte Auge ist der Unterschied unsichtbar. Jahrzehntelang den tropischen Regengüssen und der glühenden Bergsonne ausgesetzt, reift das Holz in den Hügeln, bis es genau der gebleichten, skelettartigen Qualität des vom Meer angeschwemmten Holzes entspricht.
Dieser Kreislauf aus Widrigkeiten und Widerstandsfähigkeit spiegelt die Karriere des Künstlers selbst wider. In seiner Kindheit schwankte seine Familie zwischen dem, was er als „herrliche Armut“ und „außergewöhnlichen Reichtum“ bezeichnet – eine Unbeständigkeit, die ihn auf seinem künstlerischen Weg begleitete und dazu führte, dass er mehrfach kurz vor dem Bankrott stand, bevor er seine Nische fand.
Der Durchbruch gelang ihm im Jahr 2012. Während einer früheren Ausstellung auf der Animal Art Fair im Vereinigten Königreich übernachteten Doran-Webb und seine Familie in „den allerbilligsten Hotels“, die sie finden konnten, erzählt er. Nachdem er während der gesamten Zeit der Ausstellung „absolut nichts“ verkauft und seine Kreditkarten bis zum Limit belastet hatte, bat seine Frau um Geld für das Mittagessen. Doran-Webb überprüfte seine Taschen.
Sich aufbäumendes Treibholzpferd. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Sich aufbäumendes Treibholzpferd.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Der Durchbruch kam am Tiefpunkt

„Buchstäblich hatte ich so etwas um acht Pfund“, sagt er. Doch trotz seiner aufgebrauchten Ersparnisse bereitete sich der Künstler auf ein neues Wagnis in einem noch größeren Rahmen vor, bei dem er schließlich seinen Durchbruch schaffen sollte.
„Ich musste meine unverkauften Stücke zur Chelsea Flower Show transportieren, die am folgenden Tag begann“, erzählt er.

Innerhalb der ersten Stunde nach der Eröffnung blieb ein Käufer vor einem riesigen zentralen Ausstellungsstück stehen. Der Preis lag bei rund 90.000 US-Dollar. Es wurde sofort verkauft.

Ein Werk des Treibholz-Bildhauers James Doran-Webb. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Ein Werk des Treibholzbildhauers James Doran-Webb.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

„Das war der Moment, in dem meine professionelle Karriere besiegelt wurde, in dem ich wirklich aufatmen konnte“, sagt er. „Ich war während der folgenden vier Tage in absoluter Ekstase.“
Seit diesem Geldsegen hat sich Doran-Webb von einem mittellosen Handwerker zu einem international gefeierten Meisterbildhauer entwickelt. Bedeutende öffentliche Gärten in Singapur stellen seine Treibholzkreationen seit über einem Jahrzehnt aus.
Im vergangenen Februar debütierte er mit seiner ersten US-Einzelausstellung in Scottsdale, Arizona. Nun, als regelmäßiger Headliner auf der Chelsea Flower Show, wird Doran-Webbs Arbeit in einer Veranstaltung ausgestellt, die von Mitgliedern der Königsfamilie besucht wird. Der Junge, der einst mit alten englischen Stühlen feilschte, wurde so in die Kreise des britischen Königshauses katapultiert.
„Es ist ein echtes Spektakel“, sagt er und merkt an, dass die Chelsea Flower Show „ohne Zweifel die prestigeträchtigste“ Gartenschau der Welt ist. „Ich bin wahrscheinlich einer der unvergesslichsten Messestände in der Ausstellung. Vergangenes Jahr habe ich den Preis für den besten Messestand erhalten.“
Doran-Webb schnitt 2026 noch besser ab, indem er die höchste Auszeichnung, fünf Sterne, bekam, wobei die Preisrichter nur ein einziges Wort verwendeten, um seine Arbeit zu beschreiben: „episch“.
Treibholzpferd in der Blumenwiese. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Treibholzpferd in der Blumenwiese.

Foto: Mit freundlicher Genehmigung von James Doran-Webb

Hin- und hergerissen zwischen den Welten

Doch der Aufenthalt unter königlichen Hoheiten und manikürten Rasenflächen Londons schärft nur den Kontrast zu dem Leben, das er sich auf der anderen Seite des Globus aufgebaut hat. Nachdem er mehr als drei Jahrzehnte lang die Kunstszene in Cebu geprägt hat, sagt der 58-jährige Bildhauer, dass er allmählich ein wenig Heimweh verspüre.
„Je älter man wird, desto mehr wird einem bewusst, dass es kulturelle Unterschiede gibt, aber ich liebe es trotzdem nach wie vor“, stellt er fest und vergleicht dabei seine strenge britische Erziehung mit der entspannteren philippinischen Gemeinschaft.
„Ich pflegte früher mit einem lieben Freund durch die Hügel von Nord-Cebu zu wandern, um nach Antiquitäten zu suchen“, sagt er und fügt hinzu, dass sie Wochen am Stück in Bambushäusern lebten, vollkommen abhängig von der Gastfreundschaft fremder Menschen.
Heute, während Container mit Kunstwerken für prestigeträchtige Londoner Gärten verpackt werden, sucht der Meisterhandwerker noch immer. Er könnte die perfekte Länge von knorrigem Holz für ein neues Pferd finden. Oder er könnte seinen Weg nach Hause finden.
Während heute Schiffscontainer mit Kunstwerken für prestigeträchtige Londoner Gärten verpackt werden, sucht der Meisterhandwerker noch immer. Vielleicht findet er die perfekte Länge von knorrigem Holz für ein neues Pferd. Oder er findet seinen Weg nach Hause.
Der Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „PHOTOS: Artist Crafts Life-Size Horses, Wild Creatures From Driftwood—And They’re Stunning“. Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: (sm)