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Sind GLP-1-Präparate wirklich Wundermittel?

Jen Weaver begann mit der Einnahme eines GLP-1-Medikaments, um ihr Gewicht zu reduzieren. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass das Präparat auch ihre Gelenkschmerzen linderte.
Weaver leidet seit Jahren an rheumatoider Arthritis. Zweimal pro Nacht wachte sie mit stechenden Schmerzen in Schultern und Hüften auf und benötigte oft eine halbe Stunde, um wieder einzuschlafen. Durch die eingeschränkte Beweglichkeit und die Nebenwirkungen ihrer bisherigen Medikamente hatte sie zudem rund 32 Kilogramm zugenommen.
Sie musste ihr Gewicht reduzieren, wollte aber vor allem schmerzfrei werden, um wieder auf dem Boden mit ihren Enkelkindern spielen zu können.
Daten einer Jahrestagung des American College of Rheumatology weckten schließlich ihr Interesse: Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass GLP-1-Medikamente nicht nur beim Abnehmen helfen, sondern auch entzündliche Rheumatoid-Schübe dämpfen können.
Dieser Zusatzeffekt sorgt seit zwei Jahren für Aufmerksamkeit in der Fachwelt. Studien deuten darauf hin, dass GLP-1-Präparate gegen eine wachsende Zahl von Erkrankungen wirken könnten: darunter chronische Entzündungen, Herzkrankheiten, Demenz und sogar Krebs. Die bekannten Abnehmpräparate stoßen dadurch auf zunehmendes Interesse. Bleibt die Frage: Ist die damit verknüpfte Erwartung realistisch?

GLP-1-Medikamente ahmen ein körpereigenes Hormon nach

GLP-1-Medikamente ahmen ein Peptidhormon nach, das nach dem Essen auf natürliche Weise von Darmzellen ausgeschüttet wird und dabei hilft, den Blutzuckerspiegel zu senken.
Da es natürlich vorkommt, wirken GLP-1 und die entsprechenden Medikamente auf denselben Rezeptor, sagte Dr. Jens Juul Holst, einer der Wissenschaftler hinter der Entdeckung und Entwicklung von GLP-1-Medikamenten, im „Healthy Dialogue“-Podcast der JAMA. Die Rezeptoren sind im gesamten Körper weitverbreitet – im Gehirn und in verschiedenen Organen –, sodass die Wirkungen von GLP-1 über die Gewichtsabnahme hinausgehen.
GLP-1-Medikamente scheinen Entzündungen auf mindestens zwei Wegen zu lindern. Der erste ist indirekt – über die Gewichtsabnahme selbst. Denn Übergewicht führt zu chronischen, schwach ausgeprägten Entzündungen, sodass eine Gewichtsabnahme diese tendenziell lindert. Der zweite ist direkt, da Immunzellen Rezeptoren tragen, an die GLP-1-Medikamente binden können. Einfach ausgedrückt: Das Medikament könnte den Immunzellen, die Entzündungsmoleküle produzieren, signalisieren, sich zurückzuhalten.

Mehr als nur Gewichtsverlust

Diese direkte entzündungshemmende Wirkung ist es, die Patienten wie Sarah Landstrom unabhängig von der Erkrankung, wegen der sie behandelt wurden, bemerkten.
Landstrom nahm Wegovy zur Gewichtsreduktion ein, doch im Laufe von neun Monaten im Jahr 2022 traten die schmerzhaften, geschwollenen Furunkel und Abszesse einer Erkrankung namens Hidradenitis suppurativa, die seit Jahren immer wieder aufflammte, nicht mehr auf. Zuvor hatte sie bereits allein durch Ernährung und Bewegung abgenommen, ohne dass sich ihr Hautzustand verändert hatte. Sie berichtete der Epoch Times, dass ihr Hautarzt nun vermutet, dass etwas anderes als die Gewichtsabnahme eine Rolle gespielt habe. Als ihre Hidradenitis suppurativa erneut aufflammte, schlug er ihr vor, wieder ein GLP-1-Medikament einzunehmen.
Eine in „JAMA Dermatology“ veröffentlichte Studie ergab, dass GLP-1-Medikamente bei übergewichtigen oder fettleibigen Patienten Krankheitsschübe um die Hälfte reduzierten. Die Autoren fanden heraus, dass dieser Effekt ebenso sehr auf die entzündungshemmende Wirkung wie auf die Gewichtsabnahme zurückzuführen sein könnte.

Schlüsselfaktor Stoffwechsel

Die entzündungshemmende Wirkung neuer GLP-1-Medikamente liegt in ihrem direkten Einfluss auf den Stoffwechsel. Während ältere Präparate nur den Appetit zügelten, regulieren GLP-1-Wirkstoffe die zentralen Hormone für Blutzucker und Insulin.

Das ist relevant, da Stoffwechselstörungen als Schlüsselfaktor für zahlreiche Volkskrankheiten gelten, von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Demenz und Krebs.

Laut der US-Medizinerin Dr. Florence Comite liegt der eigentliche Wert der Therapie darin, die gesunde Lebensspanne zu verlängern und chronischen Spätfolgen vorzubeugen. „Viele leiden an zwei oder mehr Krankheiten. … Wir leben vielleicht länger, aber wir haben in diesen letzten Jahren oder sogar Jahrzehnten nicht unbedingt eine hohe Lebensqualität“, sagte sie gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times.

Ursache der weitverbreiteten Stoffwechselprobleme seien vor allem die ständige Verfügbarkeit hochkalorischer, zuckerreicher Nahrung und das Fehlen natürlicher Fastenphasen.

Krebsrisiken senken

Übergewicht und Adipositas sind laut Untersuchungen mit einem höheren Risiko für 13 Krebsarten verbunden, die zusammen etwa 40 Prozent aller Krebsdiagnosen in den USA ausmachen. Über diesen bekannten Zusammenhang hinaus untersuchen Forscher, ob GLP-1-Medikamente direkt gegen Krebs wirken.
Forscher fanden heraus, dass die Ausbreitung von Krebs bei sechs Krebsarten bei Patienten, die GLP-1-Medikamente einnahmen, geringer war. Insbesondere bei nicht kleinzelligem Lungenkrebs, Brustkrebs, Darmkrebs und Leberkrebs gab es eine statistisch signifikante Verringerung, wie eine groß angelegte Studie mit mehr als 10.000 Krebspatienten ergab.
Eine weitere große Studie mit mehr als 110.000 übergewichtigen oder adipösen Frauen ergab, dass die Brustkrebsinzidenz über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren bei Frauen, die GLP-1-Medikamente einnahmen, um 30 Prozent geringer war als bei denen, die keine einnahmen.
Kleinere Studien an Versuchstieren zeigen, dass GLP-1-Präparate den Tumorstoffwechsel und die Immunantwort des Körpers verändern, das Wachstum einiger Tumorzellen bei bestimmten Krebsarten hemmen und Entzündungen direkt reduzieren können.

Psychische Gesundheit, Demenz und darüber hinaus

Aufgrund der weit verbreiteten Rezeptoren im Körper, wobei sich einige der Bereiche mit der höchsten Konzentration im Gehirn befinden, kann das Medikament gewisse Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und Erkrankungen des Gehirns haben.
Eine in „The Lancet Psychiatry“ veröffentlichte Studie ergab, dass die Einnahme von Semaglutid mit einem geringeren Risiko einer Verschlechterung psychischer Erkrankungen einherging. Zuvor waren die Ergebnisse gemischt gewesen, was sich nach Ansicht der Autoren durch die Art des Medikaments erklären ließe. In ihrer Studie wiesen Personen, die zwei andere Arten von GLP-1-Medikamenten einnahmen, kein verringertes Risiko für eine Verschlechterung psychischer Erkrankungen auf, während diejenigen, die Liraglutid einnahmen, ein mäßig geringeres Risiko aufwiesen.
Dass diese Mechanismen relevant sind, zeigt auch eine Studie im Fachjournal „Alzheimer’s & Dementia“: Demnach senken GLP-1-Wirkstoffe das Alzheimer-Risiko im Vergleich zu herkömmlichen Diabetes-Präparaten deutlich. Vermutlich vermindern sie vor allem schädliche Entzündungsprozesse im Gehirn (Neuroentzündungen).

Darüber hinaus gibt es Hinweise auf weitere therapeutische Effekte: GLP-1-Wirkstoffe können die Nierengesundheit fördern, die Darmbarriere bei Entzündungen stärken und den Verlauf von Atemwegserkrankungen wie Asthma, Schlafapnoe oder COPD (chronisch-obstruktive Lungenerkrankung) positiv beeinflussen.

Nicht der einzige Akteur

GLP-1-Präparate sind nicht die einzigen Medikamente mit dem Potenzial für weitreichende, unerwartete Wirkungen.
Natrium-Glukose-Cotransporter-2-Hemmer, Medikamente gegen Typ-2-Diabetes wie Dapagliflozin oder Empagliflozin, wirken, indem sie dafür sorgen, dass überschüssiger Zucker über die Nieren ausgeschieden wird. Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass sie zudem die Zellenergie verbessern, Entzündungen reduzieren, Gene an- und ausschalten und die Zellreinigung fördern, was potenzielle Vorteile für Nieren, Leber und Herz mit sich bringt. Es hat sich gezeigt, dass sie bei der Verringerung von Schüben der rheumatoiden Arthritis sogar wirksamer sind als GLP-1-Medikamente.
Trotz dieser vielversprechenden Ansätze gilt: Ein Selbstläufer ist die Ausweitung der GLP-1-Therapie nicht. Experten sagen, dass erst groß angelegte, doppelblinde und placebokontrollierte Studien endgültig bestätigen müssen, ob die Wirkstoffe bei dieser Vielfalt an Erkrankungen gleichermaßen sicher und wirksam sind.
Dr. Amar Rewari, Leiter der Strahlentherapie bei Luminis Health und außerordentlicher Assistenzprofessor an der Johns Hopkins University School of Medicine, sagte gegenüber der englischsprachigen Ausgabe der Epoch Times, er sei „vorsichtig optimistisch“.
Er sagte, keine der neueren Erkenntnisse zum Thema Krebs reiche aus, um die medizinische Praxis der Ärzte zu verändern.
Andere Medikamente, etwa das entzündungshemmende Colchicin, dienen als warnende Beispiele. Einige Colchicin-Studien zeigten vielversprechende Ergebnisse bei der Senkung von Entzündungsmarkern, doch eine große klinische Studie mit 7.062 Teilnehmern, die im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde, ergab, dass Colchicin keine kardiovaskulären Ereignisse verhindern konnte. Es gab keinen Rückgang der Todesfälle aufgrund kardiovaskulärer Ursachen oder wiederkehrender Herzinfarkte und Schlaganfälle.
Ärzte sind zudem besorgt über weitere Probleme im Zusammenhang mit GLP-1-Präparaten.

Die Risiken

Der entscheidende Unterschied zum körpereigenen Hormon liegt in der Halbwertszeit: Während natürliches GLP-1 nach wenigen Minuten abgebaut wird, sind die Wirkstoffe synthetisch so modifiziert, dass sie über Tage oder Wochen im Körper zirkulieren. Damit stehen die Medikamente gewissermaßen für eine Antwort auf einen Lebensstil, der von permanentem Kalorienangebot und ständigen Zwischenmahlzeiten geprägt ist.
Trotz des therapeutischen Potenzials sind GLP-1-Wirkstoffe nicht ohne Risiken. Mediziner warnen davor, dass die derzeitige Euphorie der gesicherten Studienlage vorauseilt. Folgende Aspekte verlangen besondere Aufmerksamkeit:
  • Bekannte Nebenwirkungen: Dazu gehören Erkrankungen der Gallenblase, Pankreatitis und Magen-Darm-Probleme.
  • Langzeitwirkungen: Diese Medikamente würden noch nicht lange genug in großem Umfang eingesetzt, um zu wissen, was nach Jahren der kontinuierlichen Einnahme passiert, so Dr. Craig Backs, Internist und Gründer des CureCenter for Chronic Disease.
  • Dauer: Mehr als die Hälfte der Amerikaner, die mit einem GLP-1-Medikament beginnen, bricht die Behandlung innerhalb eines Jahres ab.
  • Nachahmerprodukte und Betrug: Aufgrund der Beliebtheit von GLP-1-Präparaten hätten selbst hergestellte und auf dem Graumarkt erhältliche Versionen unseriösen Anbietern eine Lücke eröffnet, sodass Patienten infolgedessen minderwertige oder unwirksame Produkte erhalten hätten, so Comite.

Vor einer Selbstmedikation warnen Mediziner nachdrücklich. Für einen breiten Off-Label-Einsatz der GLP-1-Präparate sei es derzeit noch zu früh, sagte auch der Facharzt Dr. Rewari.

„Wenn man ansonsten gesund ist und keine hohen Risikofaktoren aufweist, ist es besser, den Lebensstil anzupassen, anstatt einfach nur eine Tablette einzunehmen oder sich grundlos eine Spritze zu verabreichen“, sagte Rewari.

Warum Gewohnheiten nach wie vor wichtig sind

Dass Medikamente allein nicht ausreichen, zeigt eine Studie in der Fachzeitschrift „Food Quality and Preference“: Unter GLP-1-Einfluss sinkt zwar das gegessene Volumen, nicht aber das Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln. Tief sitzende Gewohnheiten bleiben bestehen.
Zudem wirken Präparate nur so lange, wie sie eingenommen werden. Eine Untersuchung in BMJ Medicine mit rund 132.000 Teilnehmenden, die GLP-1-Medikamente anwendeten, verdeutlicht dies: Nach dem Absetzen verflogen die Vorteile für die Herzgesundheit (zuvor minus 18 Prozent Risikoreduktion) binnen zwölf Monaten fast vollständig; nach zwei Jahren stieg das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar wieder über das Ausgangsniveau.
Eine nährstoffreiche Ernährung mit Ballaststoffen, Proteinen und gesunden Fetten, die ebenfalls die körpereigene GLP-1-Ausschüttung anregt, bleibt daher unverzichtbar. Lotte Bjerre Knudsen, Mitentwicklerin der GLP-1-Therapie, warnt davor, die Präparate als Freifahrtschein für ungesundes Essen zu verstehen: Sie seien nur eine Übergangshilfe. Die eigentliche Aufgabe liege in einer nachhaltigen Lebensstiländerung und der Prävention.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „Are GLP-1s Really Miracle Drugs?“. (deutsche Bearbeitung: kr)