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„Das ist das Gold“ – preisgekrönter Solotänzer des Staatsballetts Berlin über die Magie des Tanzes

Sein Terminkalender ist voll, die Tage lang. Als ich mich mit Kalle Wigle unterhalte, macht er gerade Pause zwischen den Proben für die Premiere des Ballettklassikers „Giselle“ beim Staatsballett Berlin. Erst vor kurzem hat er in dem Ensemble, in dem er nun seine vierte Saison verbringt, den Sprung zum Ersten Solotänzer geschafft.
Am 5. September durfte der Künstler zudem in Italien den „Positano Premia La Danza Léonide Massine“, den ältesten Tanzpreis der Welt, entgegennehmen. „Großartig, aber unwirklich“, sagt er und lacht. Nach der Anerkennung innerhalb des Ensembles seit dieser Preis eine „Bestätigung von außen“.
„Das ist ein Ansporn, weiterhin hart in dieselbe Richtung zu arbeiten“, so Wigle.
Der Léonide-Massine-Preis gehört zu den begehrtesten Preisen der Ballettszene weltweit. Zu den früheren Preisträgern zählen unter anderem Rudolf Nurejew und Michail Baryshnikov. Auch schwedische Tanzikonen wie Mats Ek, Ana Laguna und Mariko Kida wurden im Laufe der Jahre im Rahmen des Premio Positano ausgezeichnet.
„Viele meiner Idole, zu denen ich aufblickte, als ich die Königliche Schwedische Ballettschule oder die Royal Ballet School in London besuchte, haben diesen Preis erhalten. Allein schon in diesen Kreisen erwähnt zu werden, bedeutet mir viel.“
Als Kind hatte Wigle viele „Hummeln im Hintern“. Sein Interesse am Tanzen zeigte sich schon früh.
„Ich habe zu Hause Vorstellungen gegeben und meine Eltern gezwungen, mir zuzusehen, während ich im Wohnzimmer zu verschiedenen Musikrichtungen hin und her gerannt bin“, erinnert er sich mit einem Lachen.
Die Tanzschule von Lasse Kühler gab ihm dann den entscheidenden Anstoß. Das könnte er den Rest seines Lebens machen, dachte er. Seine Mutter fand eine Anzeige für die Königliche Schwedische Ballettschule. Wigle ging zum Vortanzen, ohne wirklich zu verstehen, worauf er sich einließ. Er kam in weiten Hosen und einer Mütze, so wie er es gewohnt war.
„Alle anderen trugen Strumpfhosen und Ballettschuhe. Ich erinnere mich, dass ich sagte: ‚Strumpfhosen – nur über meine Leiche. Das ziehe ich nicht an!‘“
Doch schon bald entdeckte er, dass das Ballett alles umfasste, was ihm gefiel.
„Die Technik, der Tanz und die Schauspielerei, all das verschmolz auf magische Weise.“
Seine Fortschritte motivierten ihn, noch besser zu werden. Sein Traum war, es den ganz großen Tänzern gleichzutun – etwa im Pas de deux, dem Duett, in dem zwei Tänzer aufeinandertreffen.
„Sie waren einfach magisch. Das war es, worauf ich hinarbeitete – und darauf, etwas zu hinterlassen, auf das ich und meine Lehrer stolz sein können.“

Kalle Wigle ist Erster Tänzer beim Staatsballett Berlin.

Foto: Anastasia Muna

Als Albrecht in „Giselle“ kehrt Wigle auf der Bühne zu einer Rolle zurück, die er schon zwei Spielzeiten lang getanzt hat. Doch eine vertraute Rolle bedeutet nicht, dass die Interpretation bereits feststeht.
„Man kann immer mit einer neuen Perspektive an die Rolle herangehen. Ich versuche, die Figur aus mir selbst heraus zu entwickeln, anstatt einfach etwas darzustellen, von dem man denkt, dass es so sein sollte. Dann wirkt es echter“, sagt er.
Für ihn ist Authentizität auch eine Voraussetzung für die Begegnung mit dem Publikum. Denn die Tänzer befinden sich ständig im Dialog mit dem Publikum, erklärt er:
„Je echter es wirkt, desto wahrhaftiger die Kommunikation. Die Menschen können das, was von der Bühne kommt, leichter aufnehmen und reagieren auch besser darauf.“
Wigle beschreibt Albrecht als einen ziemlich unsympathischen Kerl.
„Ich würde niemals so mit einem anderen Menschen umgehen wollen, aber in der Rolle muss ich mich trotzdem auf eine Weise gemein verhalten, die sich für mich echt anfühlt. Wie würde ich mich verhalten, wenn ich diese Gefühle für jemanden hätte? Ich mag es, tief zu graben und Gefühle hervorzubringen.“
Besonders die Schauspielerei und die starke Präsenz faszinieren ihn.
„Unschlagbar sind die Momente auf der Bühne, wenn es am authentischsten wirkt, wenn man wirklich in sich selbst verschwindet. Das ist das Gold. Solche Momente gibt es in ‚Giselle‘ und ich hoffe, dass das Publikum sie wahrnimmt.“
Zwar setzt das Ballett den Tänzern einen klaren Rahmen, aber Wigle sieht gerade darin eine Freiheit:
„Innerhalb des Rahmens malt man ein Bild, und dort gibt es die Freiheit, seine eigene Interpretation zu entwickeln, welche die eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Wenn man technisch sicher ist, schafft das Raum für freie künstlerische Ausdruckskraft.“
Für ihn ist Ballett eine Sprache mit einem eigenen Vokabular.
„Fast jeder Schritt und jede Geste haben eine Bedeutung“, sagt er.
„Dann feilt man an den Details, um zu sehen, wie das Publikum die Gesten am besten lesen kann. Je nachdem, welche Reaktion man erzielen möchte, kann man den Kopf auf eine bestimmte Weise drehen. Das Kinn nach oben oder unten zu richten, kann zwei völlig unterschiedliche Dinge darstellen.“

Kalle Wigle und Haruka Sassa in Balanchines „Symphony in C“.

Foto: Carlos Quezada

Professionelles Tanzen ist intensiv und auf Dauer belastend. Die Ballettpositionen sind für den Körper unnatürlich. Wigle trainiert sowohl modern als auch klassisch. Er vollführt viele Hebefiguren, Sprünge und Drehungen. Die Tage sind lang und die Proben oft anstrengend.
„Es kommt darauf an, dass der Körper durchhält“, macht er klar.
Langfristig möchte er gern weiterhin Teil des schwedischen Balletts bleiben und junge Männer unterstützen. Vorbilder waren und sind für ihn noch immer wichtig.
„Manchmal, wenn es schwierig wird, schaue ich mir die Videos an, die ich in der Schule gesehen habe, und erinnere mich daran, warum ich das mache und warum ich so hart kämpfe.“
Vor allem aber ist er für den Augenblick dankbar. „Ich liebe es, mich in dem zu verlieren, was ich gerade tue“, so Wigle.
Dieser Artikel erschien im Original in der schwedischen Ausgabe der Epoch Times unter dem Titel „Han söker det äkta på scenen“. (Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: sua)