In Kürze:
- Kanada hat am 8. September neue Gegenzölle auf US-Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar in Kraft gesetzt.
- US-Präsident Donald Trump droht bereits mit weiteren Zöllen auf kanadische Autos, Autoteile und Stahl ab 2027.
- Besonders brisant sind die engen Lieferketten zwischen den USA und Kanada.
Im Zollkonflikt zwischen Kanada und den USA droht eine weitere Eskalation. Am Dienstag, 8. September, sind um Mitternacht die von Kanada angekündigten Vergeltungszölle auf US-Waren in Kraft getreten. Sie betreffen Waren im Wert von rund 20 Milliarden US-Dollar oder 27,6 Milliarden kanadischen Dollar. Je nach Warengruppe handelt es sich um Zölle von 15, 25 oder 50 Prozent.
Die Regierung in Ottawa spricht von „Dollar für Dollar“-Maßnahmen. Sie sollen eine unmittelbare Gegenreaktion auf jüngst verkündete US-Zölle darstellen. Betroffen von den kanadischen Zöllen sind Stahl und Aluminium, Holz, Papier, Haushaltsgeräte, Möbel, Textilien, Landmaschinen und bestimmte Elektronikprodukte. Ursprünglich hatte man auch einige Meeresfrüchte in die Liste aufgenommen. Diese hat Kanada aber wieder aus der Liste entfernt.
Handelsgespräche zwischen USA und Kanada gescheitert
Am 21. August waren Handelsgespräche zwischen den beiden nordamerikanischen Nachbarstaaten gescheitert. US-Präsident Donald Trump hatte daraufhin ab 22. August zusätzliche Zölle auf kanadische Waren im Wert von etwa 20 Milliarden US-Dollar verhängt. Das Weiße Haus begründete die Maßnahmen mit einer aus seiner Sicht diskriminierenden Behandlung von US-Produkten in Kanada.
Die USA nehmen dem Nachbarn vor allem Beschränkungen bei Alkohol und Milchprodukten übel. Mehrere kanadische Provinzen hatten im Vorfeld den Verkauf alkoholischer Produkte aus den USA eingeschränkt oder verboten. Zudem schützt Kanada seine eigene Milchwirtschaft durch Quoten und hohe Zölle.
Die USA kritisieren auch kanadische Regelungen, die sich ungünstig auf die Marktposition der US-Autoindustrie auswirkten. Washington hat seinerseits bereits seit längerem Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus Kanada verhängt. Die letzte Regelung in diesem Bereich datiert auf April 2026.
Zollstreit reicht ins Jahr 2025 zurück
Der nunmehrige Handelskonflikt reicht bereits ins Jahr 2025 zurück. Bereits kurz nach Amtsantritt der Regierung Trump hatten die USA umfangreiche Sonderzölle gegenüber Kanada verhängt. Begründet wurde dies unter anderem mit dem Vorwurf einer unzureichenden Eindämmung der Einfuhr von Fentanyl in die Vereinigten Staaten.
Kanada berief einen Sonderbeauftragten zur Bekämpfung des Fentanylschmuggels. Gleichzeitig kündigte die Regierung in Ottawa Vergeltungszölle im Umfang von rund 155 Milliarden kanadischen Dollar an. Einen Teil der Maßnahmen nahmen die Regierungen in weiterer Folge wieder zurück oder passten diese an. Zusätzlich zu verhängten und teils wieder zurückgenommenen Zöllen kam es auch zu Streitigkeiten im Rahmen des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA/CUSMA.
Für 2027 hatte Trump nun Zölle von 50 Prozent auf kanadische Fahrzeuge, Autoteile und Stahl in Aussicht gestellt. Dieser Schritt gilt für beide Seiten als potenziell besonders unangenehm. Immerhin bestehen seit Jahrzehnten grenzüberschreitende Lieferketten. Bis ein Auto beim Händler steht, kann es im Laufe der Produktion mehrfach zwischen Kanada, den USA und Mexiko pendeln. Hohe Zölle könnten entsprechend die Produktionskosten erhöhen, die Lieferketten verteuern, Investitionen abwandern lassen und am Ende die Autopreise auf beiden Seiten der Grenze nach oben treiben.
Alkoholprodukte aus den USA in mehreren Provinzen Restriktionen unterworfen
Kanada zielt mit seinen Vergeltungsmaßnahmen teilweise gezielt auf Branchen und Regionen, die politisch Gewicht haben. Dazu zählen die US-Stahlindustrie, die Landwirtschaft, Milchprodukte, die Holzindustrie, Konsumgüter und Alkohol. Dies soll den US-Produzenten signalisieren, dass Handelskonflikte auch Unternehmen aus den USA selbst treffen.
In acht von zehn kanadischen Provinzen gelten Einschränkungen oder Verbote des Verkaufs von US-Alkoholprodukten. Saskatchewan erhebt eine 50-prozentige Sonderabgabe. Angaben des Distilled Spirits Council zufolge sind die US-Exporte von Spirituosen nach Kanada gegenüber dem Vorjahr um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Premierminister Mark Carney rief zusätzlich eine „Buy Canadian“-Politik aus.
Mittlerweile ist der Zollstreit teilweise eines politischen Machtkampfs geworden. Carney verwies auf deutliche Erfolge seiner Liberalen Partei in drei Nachwahlen am 31. August – und interpretierte diese als Bestätigung seiner Linie in der Zollpolitik. Donald Trump wiederum äußerte am 3. September auf Truth Social, Kanada werde durch seine Position im Handelskonflikt erhebliche Nachteile erleiden.
Kanada geht aufgrund verflochtener Lieferketten Risiko ein
Am Montag drohte Trump dem kanadischen Flugzeughersteller Bombardier mit einem Exportverbot in die USA, sollte das Unternehmen nicht wie zuvor angedeutet dort auch eine Produktion aufnehmen. Ein solcher Schritt käme einer möglichen nächsten Eskalationsstufe gleich.
Die neuen kanadischen Gegenzölle betreffen etwa 6 Prozent der US-Exporte nach Kanada. Im vergangenen Jahr summierten sich diese auf einen Gesamtwert von rund 333,6 Milliarden US-Dollar. Die Forschungsabteilung der Royal Bank of Canada, RBC Economics, schätzt, dass die kanadischen Gegenzölle einzelne Unternehmen und Branchen in den USA erheblich treffen könnten. Sie reichten jedoch nicht aus, um das gesamte US-Wirtschaftswachstum wesentlich zu beeinträchtigen. Kanada müsse aufgrund der wechselseitigen Verflechtungen auch potenzielle Auswirkungen auf die eigene Wirtschaft bedenken.
In vielen Bereichen bilden beide Länder einen gemeinsamen Wirtschaftsraum. Nicht nur in der Autoindustrie überschreiten die Lieferketten häufig mehrfach die Grenzen. Auch in Sektoren wie Energie, Stahl, Holz, Landwirtschaft, Maschinenbau und Konsumgütern können Zölle auf jeder Stufe der Lieferkette wirken.
Freihandelsabkommen bleibt trotz Zollkonflikt in Kraft
Das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA/CUSMA ist trotz der Eskalationen im Handelskonflikt weiterhin in Kraft. Beide Seiten stützen ihre zusätzlichen Maßnahmen auf unterschiedliche nationale Rechtsgrundlagen. Parallel laufen im Rahmen des Abkommens Streitbeilegungsverfahren mit dem Ziel, den Konflikt und dessen Folgen zu entschärfen.
Mit Material der englischsprachigen Epoch Times



