Als ich die Ray-Ban Meta zum ersten Mal aufsetze – probeweise beim Optiker im Einkaufszentrum meiner Heimatstadt –, sehe ich zunächst keinen Unterschied zu einer herkömmlichen Sonnenbrille. Das Gestell sitzt wie gewohnt auf der Nase und die Gläser erfüllen ihren Zweck. Nur in den Bügeln steckt deutlich mehr Technik als in einer gewöhnlichen Brille.
Die Kamera steckt im Brillenrahmen
Ich drücke auf einen Knopf und mache ein Foto. Nicht mit dem Smartphone, sondern mit der Brille. Ein kleines weißes Licht an der Vorderseite leuchtet auf. Kurz darauf landet das Bild auf meinem Handy.
Dann probiere ich die Sprachsteuerung aus. „Hey Meta“, sage ich und frage nach dem heutigen Datum. Die Antwort kommt direkt in meine Ohren – aus den kleinen Lautsprechern in den Brillenbügeln und nicht von einem Bildschirm. Denn die Ray-Ban Meta hat kein Display im Brillenglas, anders als die inzwischen ebenfalls angebotene Meta Ray-Ban Display.
Die Ray-Ban Meta ist inzwischen kein Nischenprodukt mehr. Der Technologiekonzern Meta und der Brillenkonzern EssilorLuxottica, zu dem Ray-Ban gehört, bauen das Angebot zunehmend aus. Neben Ray-Ban gibt es inzwischen auch eine gemeinsam mit Meta entwickelte Ausführung der Smart Glasses von Oakley.
„Die sieht etwas sportlicher aus“, sagt die Optikerin und zeigt auf einen anderen Ständer. Je nach Ausführung kosten die Brillen etwa 400 bis 500 Euro, die Gläser kommen noch hinzu. Der endgültige Preis hängt unter anderem von Schliff, Stärke und Qualität der Gläser ab.
Doch was kann die Brille tatsächlich? Wie funktioniert sie? Und ist sie den Preis wert?
Das kleine Licht ist mehr als eine Kontrollleuchte
Das auffälligste technische Bauteil sitzt an der Vorderseite: eine Kamera. Bei der Ray-Ban Meta Gen 2 handelt es sich um eine 12-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera. Fotos werden mit 3.024 x 4.032 Pixeln aufgenommen, Videos sind in 3K möglich. Die Aufnahmen werden auf dem Smartphone in der Meta-AI-App gespeichert.
Das Prinzip ist einfach: Ich sehe etwas, drücke den Auslöser an der Brille – und die Kamera nimmt auf, was vor mir liegt. Das kann praktisch sein, wenn es schnell gehen muss. Ein Vogel fliegt plötzlich auf, jemand springt ins Wasser oder auf einer Reise taucht ein interessantes Motiv auf. Bis das Smartphone aus der Tasche gezogen, entsperrt und die Kamera geöffnet ist, kann der Moment vorbei sein. Mit der Brille genügt ein Knopfdruck. Oder ein Satz: „Hey Meta, mach ein Foto.“
Auch Videos lassen sich per Sprachsteuerung starten. Dabei zeigt eine kleine LED an der Vorderseite nach außen, dass die Kamera aktiv ist.
Das kleine weiße Licht an der Vorderseite der Brille wirkt zunächst wie ein technisches Detail. Tatsächlich ist die LED für eine zentrale Frage entscheidend: Wie sollen Menschen in der Umgebung erkennen, dass sie gerade fotografiert oder gefilmt werden?
Schon beim Marktstart der ersten Ray-Ban-Kamerabrille, der Ray-Ban Stories im Jahr 2021, beschäftigten sich europäische Datenschützer mit dieser Frage. Die irische Datenschutzbehörde DPC äußerte damals Zweifel, ob die Kontrollleuchte ausreichend sichtbar sei, bezeichnete sie als „very small“. Meta und Ray-Ban hätten nicht nachgewiesen, dass die LED unter realen Bedingungen tatsächlich geeignet sei, Betroffene auf eine Aufnahme aufmerksam zu machen.
Bei der 2023 vorgestellten Nachfolgegeneration Ray-Ban Meta hatte Meta auf diese Bedenken bereits reagiert: Die nach außen gerichtete LED wurde mehr als verdoppelt und um ein Blinksignal während der Aufnahme ergänzt. Diese Änderungen sollten die Aufnahme für Betroffene besser erkennbar machen und das Risiko „inconspicuous media capture“ – also unauffälliger Aufnahmen – verringern.
Als Alltagsgegenstand getarnt?
Die Bundesnetzagentur sieht in Deutschland keine Notwendigkeit für ein Verbot von Metas Kamerabrillen, weil die Aufnahme-LED durch ihr Leuchten Umstehende warne. Demnach reicht die Ausgestaltung der Aufnahme-LED grundsätzlich aus, damit Dritte erkennen können, dass die Kamera aktiv ist. Nach dieser Lesart fällt die Brille nicht unter das Verbot sogenannter verdeckter Aufnahmegeräte.
Seit dem 12. August liegt bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) eine Strafanzeige gegen die Geschäftsführungen von Meta Platforms Technologies Ireland Limited, Ray-Ban und Oakley sowie gegen die Optikhandelsketten Fielmann, Apollo-Optik, Mister Spex und MediaMarkt vor. Eingereicht hat sie die Organisation HateAid. Nach Auffassung von HateAid verstößt der Verkauf der Ray-Ban Meta in Deutschland gegen das Telekommunikation-Digitale-Dienste-Datenschutz-Gesetz (TDDDG).
Die Organisation sieht darin einen Straftatbestand. Nach § 8 Abs. 1 und § 27 Abs. 1 Nr. 3 ist es verboten, Geräte auf den Markt zu bringen, die als Alltagsgegenstände getarnt und dazu bestimmt sind, andere Personen unbemerkt abzuhören oder zu filmen. HateAid hält die Smart Glasses von Meta und Ray-Ban insbesondere deshalb für problematisch, weil sie äußerlich kaum von herkömmlichen Ray-Ban-Brillen zu unterscheiden sind. Das Design orientiert sich unter anderem am klassischen Ray-Ban-Modell Wayfarer. Sollte es zu einer Verurteilung kommen, drohen den Beschuldigten nach Darstellung von HateAid Geld- oder Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren.
LED-Kamera als Zünglein an der Waage
Doch die LED wirft noch eine andere Frage auf. Meta bezeichnet sie ausdrücklich als „capture LED“. Sie signalisiert nach Angaben des Unternehmens, wenn Fotos, Videos oder Livestreams aufgenommen werden, die in der Galerie landen.
Die Kamera kann jedoch auch für KI-Funktionen eingesetzt werden. Mit „Look and Ask“ kann der Träger etwa fragen, welches Gebäude oder welche Pflanze er gerade vor sich sieht. Dafür muss die Kamera die Umgebung erfassen und Bildinformationen an die KI übermitteln. Bei neueren Ray-Ban-Meta-Modellen bleibt die LED bei bestimmten KI-Funktionen ausgeschaltet. Ray-Ban erklärt dies damit, dass die Kamera dabei keine Inhalte für die Galerie aufnimmt. Die LED signalisiere vor allem dann, wenn Fotos, Videos oder Livestreams aufgenommen werden, die mit anderen geteilt oder in der Galerie gespeichert werden können. Damit leuchtet die LED also nicht bei jeder Nutzung der Kamera.
Für den Datenschutz stellt sich deshalb eine andere Frage: Muss ein Gegenüber auch dann erkennen können, dass seine Umgebung gerade von einer Kamera erfasst und von einer KI analysiert wird, wenn dabei kein Foto oder Video für die Galerie entsteht?
Diese offenen Fragen scheinen die Erfolgsgeschichte nicht aufzuhalten: 2025 wurden weltweit mehr als 7 Millionen KI-Brillen von EssilorLuxottica und Meta verkauft. Darin enthalten sind Ray-Ban Meta und Oakley Meta. Im zweiten Quartal 2026 hat sich der Absatz der gemeinsam mit Meta entwickelten KI-Brillen gegenüber dem Vorjahresquartal nahezu verdoppelt, teilte EssilorLuxottica im Juli mit.
Praktisch und bequem
Für Karola aus Norddeutschland war allerdings nicht die Technik der Grund, eine Ray-Ban Meta zu kaufen. Die Reittrainerin besitzt die Brille seit etwa einem halben Jahr. Auf das Modell aufmerksam geworden war sie durch den Fußballer Thomas Müller. „Ich habe das Modell bei Thomas Müller gesehen und fand das Gestell toll.“
Viele der smarten Funktionen nutzt sie bislang kaum. Praktisch findet sie dagegen, dass sie beim Telefonieren das Smartphone nicht mehr in die Hand nehmen muss. Auch Musik hört sie über die Brille – etwa wenn sie im Urlaub am Strand ein Buch liest.
Sie hört mit – und antwortet. In den Bügeln befinden sich mehrere Mikrofone. Sie nehmen Sprachbefehle auf und ermöglichen Telefonate. Dazu kommen offene Lautsprecher. Musik und die Antworten des Sprachassistenten werden direkt über die Bügel ausgegeben, ohne dass die Ohren durch Ohrhörer verschlossen sind. „Das war schon beim ersten Ausprobieren überraschend angenehm. Ich höre Musik und bekomme gleichzeitig mit, was um mich herum passiert“, so Karola.
Die Brille selbst ist dabei nicht das eigentliche Rechenzentrum. Sie arbeitet mit dem Smartphone und der Meta-AI-App zusammen; für viele Funktionen ist zudem eine Internetverbindung erforderlich. Geladen wird sie über das Etui, je nach Gebrauch hält sie bis zu 8 Stunden.
Übersetzen, ohne das Smartphone herauszuholen
Die für sie interessanteste Funktion hat Karola bislang noch nicht in der Praxis genutzt, will sie aber auf ihrer nächsten Reise ausprobieren: Mit dem Sprachbefehl „Hey Meta, Liveübersetzung starten“ kann man sich in Echtzeit eine Unterhaltung übersetzen lassen. Inzwischen unterstützen die smarten Brillen 20 Sprachen. Die Übersetzung erfolgt über offene Lautsprecher als Audio sowie als Text in der App. Der Unterschied zu einer Übersetzungs-App auf dem Smartphone liegt vor allem in der Bedienung. Das Telefon muss nicht zwischen zwei Gesprächspartnern gehalten, weitergereicht oder ständig auf den Bildschirm geschaut werden. Der Blick kann beim Gegenüber bleiben.
Bei einem Gespräch auf Spanisch etwa nimmt die Brille die Worte des Gegenübers über ihre Mikrofone auf. Meta AI verarbeitet die Sprache und gibt die Übersetzung anschließend über die Lautsprecher in den Brillenbügeln aus.
Als ich die Brille beim Optiker wieder absetzte, fühlt sie sich nicht wie ein technisches Gerät an, das ich zusätzlich mit mir herumtrage. Sie fühlt sich zunächst tatsächlich wie eine Brille an. Nur dass diese Brille hören, sprechen, fotografieren, telefonieren und Fragen beantworten kann.


