Die Buddy-Action-Komödie erreichte Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre ihren Höhepunkt und brachte viele Varianten hervor. Ich dachte eigentlich, das Thema sei mittlerweile vollständig ausgeschöpft. Doch da habe ich mich wohl geirrt …
„Mayday“ – vom Feind gerettet?
Der Film bringt Ryan Reynolds und Kenneth Branagh als ungewöhnliches Duo zusammen und bedient sich der meisten üblichen Klischees des Genres: Gezänk, Kämpfe, Schießereien und Verfolgungsjagden. Doch hier und da weicht der Film von den vorhersehbaren und oft abgedroschenen Elementen ab. Er geht viele Risiken ein – und wird dafür reichlich belohnt.
Das erste Wagnis ist, dass es sich um einen Retrofilm handelt – etwas, das ich so noch nie zuvor gesehen habe. Wagnis Nr. 2: Der Film spielt im Jahr 1987 und nutzt den Kalten Krieg als Kulisse. Reynolds spielt Troy „Assassin“ Kelly, einen Marinepiloten, der ganz nach dem Vorbild von „Top Gun“ geformt ist. Dies ist eine von vielen Anspielungen, die der Film auf den bahnbrechenden Tom-Cruise-Film aus dem Jahr 1986 macht. Das hätte schnell schiefgehen können, tut es aber keineswegs.
Troy hält sich nicht für einen Erben von Pete „Maverick“ Mitchell. Das ist vielmehr der selbsternannte, besessene Fan alles Amerikanischen, Nikolai „Nick“ Ustinov (Kenneth Branagh).
Nick ist russischer Staatsbürger und, wie sich bald herausstellt, ein ehemaliger KGB-Agent. Als Troy nach einer gescheiterten Geheimmission mit dem Fallschirm in Nicks Garten landet, rettet dieser ihn und pflegt ihn wieder gesund.
Als Soldat, der über die Schrecken der Sowjetunion aufgeklärt worden war, kommt Troy das verdächtig vor. Dies wird noch verstärkt, als Nick anbietet, ihm dabei zu helfen, sicher zur finnischen Grenze zu gelangen.
Trotz Nicks lockerer Art und seiner harmlosen Ausstrahlung will Troy absolut nichts davon wissen. Er flieht, bereut es jedoch schon bald. Nachdem er sich damit abgefunden hat, dass Nick seine einzige Option ist, lässt Troy sein Misstrauen etwas fallen und erlaubt Nick, auf seinem eigenen Grundstück das zu tun, was er am besten kann.
Jonathan Goldstein, Ryan Reynolds, Kenneth Branagh und John Francis Daley am 1. September 2026 im AMC Lincoln Square Theater in New York City bei der Premiere des Apple Original Films „Mayday“.
Foto: Dimitrios Kambouris/Getty Images
Inspirationen
An dieser Stelle verwandelt sich der Film in einen Roadmovie mit vielen Anklängen an „Midnight Run“ (1988). Das Drehbuch- und Regieduo Jonathan Goldstein und John Francis Daley ist sichtlich begeistert von allem, was mit den 80er-Jahren zu tun hat. Sie verweisen auch auf die ersten Teile von „Nur 48 Stunden“ und „Lethal Weapon“, gepaart mit einem Hauch von John le Carré und Tom Clancy.
Ein Grund dafür, dass Nick sich voll und ganz dafür einsetzt, Troy zu helfen, könnte mit Troys Überzeugung zusammenhängen, dass er bei seiner Rückkehr als Nationalheld gefeiert werden wird. Er glaubt, dass er Nick auch problemlos eine Einreisegenehmigung für die Vereinigten Staaten beschaffen kann – was jedoch mit jeder Minute unwahrscheinlicher wird.
Filme dieser Art, sei es Action oder Spionage, sind nur so gut wie ihr Bösewicht, und Marcin Dorociński als Kreml-Agent Alexander Volkov erfüllt diese Rolle mehr als hervorragend. Mit seiner osteuropäischen Gelassenheit und seiner eisernen Entschlossenheit übertreibt Dorociński nie – wie die meisten Bond-Bösewichte –, wirkt aber stets imposant. Eine Szene, in der Volkov mitten im Winter beim Klettern auf eine Kiefer einen Hinweis auf Troys Identität entdeckt, deutet darauf hin, dass er – genau wie Nick – ein ehemaliger KGB-Agent ist.
Der Film macht einen kurzen, aber willkommenen Zwischenstopp in Moskau. Die Männer besuchen Nicks entfremdete Tochter Anna (Maria Bakalova). Teil der Abmachung zwischen Troy und Nick ist, dass auch Anna einbezogen wird, und ihre Reaktion auf diese Nachricht ist eine große Überraschung, denn sie hat Gründe, in Russland zu bleiben, die ihr Verlangen nach Freiheit überwiegen.
Die Geschichte zwischen Nick und Anna ist turbulent; eine Mutter oder Ehefrau wird nie erwähnt. Annas wenige ruhige Momente mit Troy gehören zu den vielen emotionalen Höhepunkten des Films.
Während „Mayday“ auf erstklassige Action und blitzschnelle Wortgefechte setzt, sind es die regelmäßigen Exkurse zu kleinen Alltagsweisheiten und allgemeinen Grundsätzen, die den Film zu einem echten Geheimtipp machen. Der Film ist auf raffinierte Weise tiefgründig.
Fans von Ryan Reynolds’ Arbeit in der „Deadpool“-Reihe, insbesondere im ersten Teil, werden seine trockenen Sprüche während des gesamten Films zu schätzen wissen. Sie mildern Troys kaum verhüllte Arroganz an anderen Stellen und verhindern, dass der Film zu ernst wird.
Das soll nicht heißen, dass Kenneth Branagh seinen Part nicht erfüllt. Um ehrlich zu sein, ist dies einer der seltenen Fälle, in denen Branagh sein komödiantisches Talent als zweiter „Straight Man“ unter Beweis stellt – was fast nie funktioniert.
Die Filmemacher verdienen Pluspunkte dafür, dass die russischen Nebenfiguren kein Englisch sprechen müssen. Das ist nämlich jene erzählerische Krücke, die die Glaubwürdigkeit einer Geschichte augenblicklich zunichte macht.
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Branagh etwa 20 Prozent seiner Dialoge auf Russisch mit müheloser Überzeugungskraft und einer akzentfreien Aussprache vorträgt.
Nach einer Handvoll kürzlich erschienener, weniger gut aufgenommener Flops („IF: Imaginäre Freunde“, „Bedtime Stories With Ryan“ [auf Deutsch etwa: „Gute-Nacht-Geschichten mit Ryan“], „Ghosted“, „Spirited“) ist Ryan mit einer der überzeugendsten Darbietungen seiner Karriere zurück.
Die Geschichte endet mit einem zufriedenstellenden Abschluss, lässt aber die Tür für eine mögliche Fortsetzung offen – von der ich inständig hoffe, dass sie niemals zustande kommt.
Der Film ist ab dem 4. September auf Apple TV zu sehen.
„Mayday“ Regie und Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley Darsteller: Ryan Reynolds, Kenneth Branagh, Marcin Dorociński, Maria Bakalova Laufzeit: 1 Stunde, 50 Minuten MPAA-Altersfreigabe: PG-13 Erscheinungsdatum: 4. September 2026 Bewertung: 5 von 5 Sternen
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