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Nicht die Sünde, sondern die fehlende Reue

Oscar Wildes Klassiker „Das Bildnis des Dorian Gray“ aus dem Jahr 1891 wurde bereits mehrfach verfilmt. Mein dringender Ratschlag: Sehen Sie sich keine dieser Verfilmungen an. Die Geschichte ist brillant und entfaltet eine bemerkenswerte emotionale Wirkung. Dabei geht es nicht nur um die Haupthandlung, sondern auch um Exkursionen in die Geschichte von Edelsteinen, Religion, Stoffen, Stickereien und vielem mehr. All das sind Elemente der symbolischen Architektur des Romans.
Kein Film kann auch nur annähernd das eigentliche Geschehen einfangen, das sich vollständig im Inneren, auf seelischer und geistiger Ebene, abspielt. In dem Roman geht es nicht um ein Gemälde, das immer groteskere Züge annimmt, sondern um eine Seele, die zunehmend verdirbt. Um das zu verstehen, braucht man Vorstellungskraft.
Kein Filmemacher hat bislang der Versuchung widerstanden, das Gemälde zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen. Dabei ist es das gar nicht. Es ist nicht einmal klar, ob das Bild überhaupt mehr als eine Metapher darstellt. Wie bei vielen Romanen des viktorianischen Zeitalters liegt die eigentliche Geschichte auf einer allegorischen Ebene, und der Leser bleibt im Ungewissen darüber, was Wirklichkeit und was Einbildung ist. Genau so muss es sein. Deshalb lässt sich diese Geschichte nur in Buchform wirklich erleben und verstehen.
Der Roman von Wilde – der in wahrhaft viktorianischer Tradition als tief greifende moralische Lehre daherkommt – wirft zahlreiche Fragen auf: Wie beeinflusst die Sünde unsere Beziehung zu Gott und zu unserem wahren, von Gott geschaffenen Selbst? Was macht das Böse so verführerisch, und wie wirkt es in unserem Leben? Letztlich handelt die Geschichte sowohl von der Unausweichlichkeit moralischer Konsequenzen als auch von jenem Thema, dem wir lieber aus dem Weg gehen: unserer eigenen Verdammnis, die wir selbst herbeiführen.
Die Geschichte beginnt im Atelier des Malers Basil Hallward, der gerade etwas vollendet hat, das er als sein Meisterwerk sieht: ein Porträt des jungen Dorian. Das Gemälde ist großartig, sowohl weil Basil selbst sehr inspiriert war, als auch weil Dorian wunderschön ist – die Verkörperung jugendlicher Vollkommenheit schlechthin. Basil will es nicht ausstellen und sagt: „Da steckt zu viel von mir selbst drin.“ Darin zeigt sich bereits die erste Andeutung jener durchgehenden Metaphorik, in der Basil die Rolle des Schöpfers übernimmt – im höchsten Sinne, den dieses Wort haben kann.
Ebenfalls anwesend ist Lord Henry Wotton, ein Mann von blendendem Verstand, der den Hedonismus auf verführerische Weise als Lebenskunst zu verkaufen weiß. Seine Worte besitzen eine solche Überzeugungskraft, dass man sofort versteht, warum Dorian, als er schließlich den Raum betritt, seinem Bann erliegt. Lord Henry formuliert so geschmeidig, dass man kaum erkennen kann, was an seinen Aussagen falsch ist. Er schmeichelt dem Leser.
Mit Witz und Weltgewandtheit widersetzt sich Lord Henry dem bürgerlichen Moralempfinden. Er bringt jene Gedanken auf den Punkt, mit denen wir bisher nur flüchtig gespielt haben, und ermutigt uns, noch einen Schritt weiterzugehen. Er ist der Verführer.
„Der einzige Weg, eine Versuchung zu bestehen, ist, sich ihr hinzugeben“, sagt er. „Widerstehen Sie ihr, und Ihre Seele erkrankt vor Sehnsucht nach der Erfüllung, die sie sich selber verweigert hat, erkrankt vor dem Verlangen nach dem, was ihre ungeheuerlichen Gesetze ungeheuerlich und ungesetzmäßig gemacht haben.“
Lord Henry führt Dorian vor Augen, welch ein Geschenk seine Jugend ist – und welch ein Schrecken das Altern bedeutet:
„Jugend ist das einzige, dessen Besitz einen Wert hat.“ Schönheit, so erklärt er, sei „aller Wunder Wunder“. Nur oberflächliche Menschen würden nicht nach dem Äußeren urteilen; das wahre Geheimnis der Welt sei das Sichtbare, nicht das Unsichtbare. „Ja, Herr Gray, die Götter haben es gut mit Ihnen gemeint. Aber was die Götter schenken, rauben sie bald wieder. Sie haben nur ein paar Jahre, wo Sie wahrhaftig vollkommen, restlos leben können. Indem Ihre Jugend verrauscht ist, nimmt sie die Schönheit mit“, und plötzlich werde Dorian feststellen, dass keine Triumphe mehr auf ihn warteten. Er müsse sich dann mit jenen armseligen Erfolgen begnügen, die durch die Erinnerung an die Vergangenheit bitterer würden als Niederlagen. „Jeder Monat, der dahingeht, bringt Sie näher einem schrecklichen Ziele. Die Zeit ist eifersüchtig auf Sie und kämpft gegen Ihre Lilien und Rosen. Sie werden fahl und hohlwangig, und Ihre Augen werden sich trüben. Sie werden unsäglich leiden.“
Als Reaktion auf Lord Henrys Rede fasst Dorian einen Entschluss, der sein Verhängnis besiegeln wird: „Ich werde alt werden und häßlich und widerlich. Aber dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird nie über den heutigen Junitag hinaus altern … Wenn es nur umgekehrt sein könnte! Wenn ich ewig jung bliebe und dafür das Bild altern könnte! Dafür — dafür — gäbe ich alles! Ja, nichts in aller Welt wäre mir dafür zuviel! Ich gäbe meine Seele dafür!“
Und genau so kommt es. Dorian nimmt das Gemälde an sich und schließt es weg, sobald es beginnt, sich zu verändern. Dabei spiegelt es nicht so sehr sein körperliches Altern wider als vielmehr seine Sünden. Das ist entscheidend: Die Geschichte beschäftigt sich weniger mit der Sterblichkeit des Körpers und der Unvermeidlichkeit des Alterns als mit der Unsterblichkeit der Seele.

Lippincott’s Monthly Magazine mit der Erstfassung des Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“, 1890.

Foto: gemeinfrei

Dabei hat Dorian keineswegs einfach einen faustischen Pakt geschlossen. So einfach ist der Roman nicht. Das Bild verändert sich nach Dorians erster schwerwiegender Sünde: Er verführt eine Schauspielerin, deren Herz er grausam und ohne Zögern bricht, doch – und das ist entscheidend – er empfindet keine Reue für das, was er ihr angetan hat. An diesem Punkt verändert sich das Bild: „ein Hauch von Grausamkeit um seinen Mund“. Es ist weniger die Sünde als das Fehlen von Reue, das sein Verderben besiegelt.
Dorian selbst verändert sich äußerlich nicht; nur das Gemälde verändert sich. Und darin erkennt er, was ihm bevorsteht.
„Es barg das Geheimnis seines Lebens in sich und erzählte seine Geschichte. Es hatte ihn die Liebe zur eigenen Schönheit gelehrt. Sollte es ihn lehren, seine eigene Seele zu verabscheuen? Könnte er es je wieder anblicken?“
Für einen kurzen Moment besinnt er sich und beschließt, diesen Weg nicht weiterzugehen. Er will die Sünde zurückweisen und sein Leben ändern. Doch bereits am nächsten Tag, noch bevor er seine guten Vorsätze in die Tat umgesetzt hat, erhält er die niederschmetternde Nachricht: Das junge Mädchen hat sich das Leben genommen. Erneut steht Dorian vor der Wahl, Buße zu tun oder sich dem Bösen hinzugeben. Unter dem Einfluss Lord Henrys, der keineswegs offensichtlich dämonisch wirkt, sondern sich lediglich auf sehr geschickte Weise bemüht, ihn zu trösten, entscheidet er sich gegen die Reue.
„Ein sonderbares Verhängnis schwebe über guten Vorsätzen – daß man sie nämlich immer zu spät fasse.“
Im Laufe der Zeit altert Dorian nicht; er behält sein Gesicht und seine Figur, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Seine Sünden nehmen unterdessen kein Ende und werden immer schwerwiegender. Er verfällt einer Obsession nach der anderen, stets im Zusammenhang mit den Sinnen: Edelsteine, Parfüm, Opium. Seine Ausschweifungen hinterlassen zahlreiche Opfer. Das größte davon ist er selbst. Vieles davon wird glücklicherweise der Vorstellungskraft des Lesers überlassen. Das Gemälde, das verkörpert, was sich in jener rätselhaften Region befindet, die wir Seele nennen, nimmt eine immer abscheulichere Gestalt an.
Eines Tages, nach langer Abwesenheit, stattet Basil ihm einen Besuch ab. Schließlich gibt Dorian der Versuchung nach, ihm das Gemälde zu zeigen. Basil ist entsetzt über das, was er sieht, über den Zustand, in den sein eigenes Werk geraten ist.
Er fleht Dorian an, zu beten:
„Führe uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere Sünden! Nimm unsere Missetat von uns!“
Er erinnert Dorian daran:
„Es ist nie zu spät, Dorian. Wir wollen niederknien und versuchen, ob wir uns nicht an ein Gebet erinnern können. Steht nicht irgendwo ein Vers: ‚Und wären deine Sünden wie Scharlach, ich will sie weiß machen wie Schnee?‘“
Doch Dorian bleibt gleichgültig. Plötzlich wird er von Hass auf Basil überwältigt. Er greift nach einem Messer und stößt es ihm tief in die Schlagader hinter dem Ohr. Was hat er getan? Er hat den Schöpfer getötet, der ihn aufgesucht und zur Reue aufgerufen hat. Mit diesem Mord wird Dorians Verderbnis vollends entfesselt.
Und was ist mit Lord Henry, dem eigentlichen Drahtzieher dieses Bösen? Er verschwindet weitgehend aus dem Bild und bleibt, wenn er wieder auftaucht, vollkommen unberührt von den Geschehnissen. Er zieht von einer Gesellschaft zur nächsten, verbreitet seine Weisheiten und fasziniert die Gäste mit seinem brillanten Geist. Mit leicht anstößigen Bemerkungen bezaubert er alle, ohne jemals an seiner eigenen Philosophie zugrunde zu gehen. Dorian hingegen lebt nach diesen Grundsätzen – und bezahlt den Preis dafür.
Bisher habe ich lediglich den zentralen Auftakt des Buches behandelt. Der Rest ist ebenso fesselnd, wenn nicht sogar noch fesselnder, zugleich aber zunehmend schmerzhaft: Er gleicht dem Tagebuch eines Abstiegs in die Tiefen der Hölle. Das Ende ist selbstverständlich zutiefst verstörend. Dorian tut endlich das, was man sich die ganze Zeit von ihm gewünscht hat: Er zerstört das Gemälde. Doch zu diesem Zeitpunkt ist er selbst bereits geistig und seelisch tot – eine Tatsache, die sich nun erstmals auch im körperlichen Erscheinungsbild seiner Leiche widerspiegelt.
Es ist keine angenehme Geschichte. Oder vielmehr: Sie ist auf eine ganz bestimmte Weise viel zu angenehm. Denn der Leser ertappt sich dabei, Dorian gleichzeitig zu verabscheuen und doch nicht zu wollen, dass seine Sünden ans Licht kommen. Lord Henry hingegen behält seine betörende Anziehungskraft noch lange, nachdem man das Buch zu Ende gelesen hat.
Mit anderen Worten: Es ist eine Geschichte über Gut und Böse. Doch das Gute erscheint nie lohnend genug und das Böse nie abstoßend genug, als dass man sich eindeutig für eine Seite entscheiden könnte. In dieser Hinsicht ist das Buch trotz seiner fantastischen Grundidee ein treffendes Abbild des Lebens selbst. Der Autor erreicht sein Ziel.
Wildes Roman offenbart ein äußerst differenziertes Verständnis für das Drama von Sünde und Erlösung. Sein dekadenter Stil ist weithin bekannt; weniger bekannt ist jedoch seine lebenslange Faszination für die christliche Glaubenslehre und sein Verständnis dafür, wie sie sich im katholischen Glauben ausdrückt. Diesem Glauben, so berichtet die Überlieferung, wurde er bereits als Kind heimlich anvertraut. Man gewinnt den Eindruck, dass Wilde die Wahrheit dieses Glaubens erkannte und ihn gerade deshalb umso mehr fürchtete. Ihm wurde das Geschenk des Glaubens zuteil, doch es fehlte ihm der Mut, diesen Weg konsequent zu Ende zu gehen. In gewisser Weise war er in seinem eigenen Leben Basil: Er verkündete die Lehre Lord Henrys, fürchtete aber, am Ende dasselbe Schicksal wie Dorian zu erleiden. Das tat er jedoch nicht: Wildes letzte Worte waren das Reuegebet.
Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel „A Halloween Classic One Must Read“. (redaktionelle Bearbeitung: ee)

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