Wer seinen Blutzucker senken möchte, streicht meist als Erstes die Kohlenhydrate vom Speiseplan. Das geliebte Brot fliegt aus der Küche, die Reisportion schrumpft auf ein Minimum und Obst gilt fast schon als Tabu.
Doch radikaler Verzicht oder teure Nahrungsergänzungsmittel sind gar nicht nötig. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtpaket: Welche Art von Kohlenhydraten liegt auf dem Teller? Womit werden sie kombiniert? Wie groß ist die Portion? Und nicht zuletzt die richtige Reihenfolge beim Essen.
Die erste Blutzucker-Falle des Tages
Deutlich lässt sich dieses Prinzip beim Frühstück beobachten.
Viele beliebte Frühstücksspeisen und -getränke wie Frühstücksflocken, Pfannkuchen, Toast mit Marmelade, gesüßter Kaffee, Fruchtsäfte oder manche Pflanzenmilch lassen den Blutzucker schnell steigen. Der Grund: Sie enthalten Kohlenhydrate, die der Körper rasch verdaut und aufnimmt.
Hafer veranschaulicht, wie die Verarbeitung ein Lebensmittel verändern kann. Vollkornhafer enthält Beta-Glucan, einen löslichen Ballaststoff, der die Verdauung und die Glukoseaufnahme verlangsamen kann. Hafergetränke werden jedoch anders verarbeitet, und ihr Kohlenhydrat- und Ballaststoffgehalt kann je nach Produkt erheblich variieren. Einige können daher eine andere Blutzuckerreaktion hervorrufen als ganze Haferkörner.
Das bedeutet nicht, dass Hafermilch grundsätzlich ungesund ist. Vielmehr unterstreicht es einen wichtigen Grundsatz: Die Stoffwechsel-Wirkung eines Lebensmittels hängt nicht nur von seinen Inhaltsstoffen ab, sondern auch davon, wie diese verarbeitet wurden und was sonst noch dazu verzehrt wird.
Bei zuckerhaltigen Getränken gewinnt diese Unterscheidung noch mehr an Bedeutung. Limonaden, gesüßte Kaffee- und Teegetränke, Fruchtgetränke, Sportgetränke und Energydrinks können erhebliche Mengen an Zucker liefern, ohne die intakten Ballaststoffe zu enthalten, die in unverarbeiteten Lebensmitteln vorkommen.
Da Kohlenhydrate in Getränken im Allgemeinen weniger Verdauungsaufwand erfordern als solche, die in intakten Pflanzenstrukturen gebunden sind, können sie schnell aufgenommen werden.
Für die Blutzuckerkontrolle ist es daher möglicherweise weniger hilfreich zu fragen ob ein Lebensmittel Kohlenhydrate enthält, als zu fragen: Wie stark ist es verarbeitet, wie schnell werde ich es verdauen und was esse ich dazu?
Gemüse als natürlicher Blutzuckerpuffer
Gemüse ist eine der einfachsten Möglichkeiten, eine Mahlzeit blutzuckerfreundlicher zu gestalten.
- Brokkoli, Grünkohl, Spinat, Zwiebeln und anderes nicht stärkehaltiges Gemüse liefern in der Regel Ballaststoffe bei relativ geringem Gehalt an verdaulichen Kohlenhydraten. Ballaststoffe können die Verdauung verlangsamen, das Sättigungsgefühl steigern und dazu beitragen, die Glukosereaktion auf eine Mahlzeit zu mildern.
Kreuzblütler wie Brokkoli und Grünkohl enthalten zudem zahlreiche antioxidative und entzündungshemmende sekundäre Pflanzenstoffe. - Rote Zwiebeln sind ein weiteres Beispiel. Ihre äußeren Schichten sind besonders reich an Quercetin, einem Flavonoid, das derzeit auf mögliche Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel und die Insulinsensitivität untersucht wird.
- Spinat und andere Blattgemüse liefern hingegen Magnesium, Kalium, Folat und andere Mikronährstoffe, während sie relativ wenig Kohlenhydrate enthalten.
- Pilze sind kalorienarm und liefern Ballaststoffe sowie bioaktive Verbindungen, darunter verschiedene Polysaccharide. Durch ihre Konsistenz und ihr Volumen können sie eine Mahlzeit zudem deutlich aufpeppen, ohne große Mengen an Kohlenhydraten hinzuzufügen.
Jonathan Liu, Leiter des Liu’s Wisdom Healing Centre in Kanada, empfiehlt Pilze, da sie eine einfache Möglichkeit darstellen, einige kalorienreichere oder raffinierte Lebensmittel zu ersetzen und gleichzeitig die Vielfalt und das Volumen einer Mahlzeit zu erhöhen.
Anstatt jedoch nach einem einzigen „blutzuckersenkenden“ Gemüse zu suchen, ist es eine praktischere Strategie, nicht stärkehaltiges Gemüse zu einem wesentlichen Bestandteil der meisten Mahlzeiten zu machen.
Sie müssen nicht auf Obst verzichten
Obst ist ein weiteres Lebensmittel, auf das Menschen manchmal unnötigerweise verzichten, wenn sie versuchen, ihren Blutzucker zu kontrollieren.
Ganze Früchte enthalten zwar natürlich vorkommenden Zucker, liefern aber auch Ballaststoffe, Wasser, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Daher wirkt sich der Verzehr einer ganzen Frucht anders auf den Stoffwechsel aus als ein gesüßtes Getränk oder sogar Fruchtsaft.
Die Ernährungsberaterin Tsai Yi-Fang von Koii Nutrition Taiwan empfiehlt, ganze Früchte in vernünftigen Portionen zu wählen, anstatt sie gänzlich zu meiden. Einige Sorten können dabei besonders nützlich sein:
- Guave ist reich an Vitamin C und Ballaststoffen und im Vergleich zu vielen häufig verzehrten Früchten relativ zuckerarm.
- Kiwi liefert Ballaststoffe und Vitamin C und enthält Actinidin, ein Enzym, das an der Proteinverdauung beteiligt ist. In einer kleinen Studie mit 20 Teilnehmern wurde zudem nachgewiesen, dass der Verzehr von Kiwis als Teil einer Mahlzeit die Blutzuckerreaktion nach dem Essen abmildern kann.
- Die Avocado, botanisch gesehen eine Frucht, ist insofern ungewöhnlich, als der Großteil ihrer Kalorien aus Fett statt aus Zucker stammt. Sie ist reich an Ballaststoffen und ungesättigten Fetten und hat, wenn sie allein verzehrt wird, nur einen geringen Einfluss auf den Blutzuckerspiegel.
Die Portionsgröße spielt eine Rolle
Die Wahl unverarbeiteter Lebensmittel macht die Portionsgröße nicht irrelevant. Eine große Portion brauner Reis kann beispielsweise immer noch eine beträchtliche Kohlenhydratzufuhr darstellen, auch wenn er im Allgemeinen eine nährstoffreichere Wahl ist als hochverarbeitete Alternativen.
Liu empfiehlt, auf die allgemeine Ausgewogenheit des Tellers zu achten, anstatt auf Stärke zu verzichten. Eine praktische Mahlzeit könnte reichlich nicht stärkehaltiges Gemüse, eine handtellergroße Portion Eiweiß und eine moderate Portion minimal verarbeiteter Kohlenhydrate enthalten.
- Zu den Kohlenhydratquellen zählen brauner Reis, Mais, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Quinoa, Bohnen sowie anderes Getreide und weitere stärkehaltige Lebensmittel, sofern sie unverarbeitet oder nur minimal verarbeitet sind.
- Bei den Eiweißquellen empfiehlt Tsai, den Schwerpunkt auf Hülsenfrüchte, Fisch, Meeresfrüchte, Eier und Geflügel zu legen, während verarbeitetes Fleisch eingeschränkt und der Verzehr von rotem Fleisch moderat gehalten werden sollte.
Nüsse und Samen können ungesättigte Fette, Eiweiß, Ballaststoffe und Mineralstoffe liefern. Eine kleine Handvoll eignet sich als Snack oder als Ergänzung zu einer Mahlzeit, insbesondere wenn sie raffinierte Snacks ersetzt.
Das Ziel ist nicht, bei jeder Mahlzeit einen mathematisch perfekten Teller zusammenzustellen. Es geht vielmehr darum, zu verhindern, dass ein schnell verdauliches Kohlenhydrat die Mahlzeit dominiert.
Versuchen Sie, die Reihenfolge beim Essen anzupassen
Was Sie essen, ist wichtig, aber Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass es auch eine Rolle spielen kann, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Bestandteile einer Mahlzeit verzehrt werden.
Tsai empfiehlt, mit Gemüse oder Eiweiß zu beginnen und erst danach kohlenhydratreiche Grundnahrungsmittel zu essen. Dieser Ansatz kann dazu beitragen, den Blutzuckeranstieg nach dem Essen zu dämpfen, da Ballaststoffe, Eiweiß und Fett die Magenentleerung und die Kohlenhydrataufnahme verlangsamen können.
In der Praxis könnte das bedeuten, das Abendessen mit Gemüse und Fisch zu beginnen und erst danach den Reis zu essen, anstatt mit einer großen Schüssel Reis anzufangen.
Auch die Zubereitungsmethoden können dieses Prinzip unterstützen. Tsai empfiehlt relativ einfache Zubereitungsarten wie Dämpfen, Kochen, Schmoren, Braten, Grillen oder leichtes Anbraten in der Pfanne, während zuckerhaltige Soßen und Marinaden eingeschränkt werden sollten.
So könnte ein Tag mit ausgewogener Ernährung aussehen
Eine blutzuckerbewusste Ernährung muss nicht kompliziert sein. Hier ein Beispiel:
- Frühstück: eine faustgroße Süßkartoffel mit zwei Eiern, ein grüner Salat mit Olivenöl und Essig sowie eine Tasse Milch.
- Mittagessen: gebackenes oder geschmortes Hähnchen, Tofu und reichlich Gemüse, dazu eine halbe Tasse brauner Reis, gefolgt von einer kleinen Portion frischem Obst wie Beeren, Apfel oder Guave.
- Snack: ungesüßter griechischer Joghurt mit einer kleinen Handvoll ungesalzener Nüsse.
- Abendessen: eine moderate Portion Quinoa, brauner Reis oder ein anderes Vollkornprodukt; eine handtellergroße Portion Fisch; Pilze und Blattgemüse; sowie eine klare Gemüsesuppe. Anschließend kann eine Kiwi gegessen werden.
Die Blutzuckerkontrolle endet nicht am Esstisch
Schließlich ist die Ernährung nur eine Seite der Medaille. Eine ebenso zentrale Rolle spielt unsere Muskulatur: Sie nimmt einen großen Teil der Glukose aus dem Blut auf. Bei Bewegung nutzen die Muskeln den Zucker direkt zur Energiegewinnung. Wer zudem Muskelmasse aufbaut und erhält, kann langfristig dazu beitragen, dass die Zellen empfindlicher auf Insulin reagieren.
Das macht regelmäßige Bewegung und insbesondere Krafttraining zu einer wichtigen Ergänzung zu Ernährungsumstellungen. Selbst leichte Aktivität nach dem Essen kann hilfreich sein. Ein kurzer Spaziergang nach einer Mahlzeit bietet beispielsweise den arbeitenden Muskeln eine unmittelbare Gelegenheit, die im Blut zirkulierende Glukose zu verwerten.
Auch der Schlaf spielt eine Rolle. Experimentelle Studien haben gezeigt, dass unzureichender oder gestörter Schlaf die Insulinsensitivität beeinträchtigen kann – ein weiterer Grund, auf regelmäßigen und ausreichenden Schlaf zu achten.
Chronischer Stress kann sich hingegen negativ auswirken. Stresshormone wie Cortisol tragen zur Mobilisierung von Energie bei und können den Blutzuckerspiegel erhöhen; anhaltender Stress kann zudem den Appetit steigern und eine gesunde Ernährung erschweren.
Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „You Don’t Have to Give up Carbs to Control Blood Sugar—Change How You Eat Them“. (deutsche Bearbeitung: kr)
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „You Don’t Have to Give up Carbs to Control Blood Sugar—Change How You Eat Them“. (deutsche Bearbeitung: kr)
