Categories
etplus ticker vital

Kann ein Darmbakterium den Cholesterinspiegel senken?

Könnten mikroskopisch kleine Darmbakterien unser Herz vor Gefäßverkalkung schützen? Eine aktuelle Studie im renommierten Fachmagazin „Nature“ liefert dafür erstaunliche Hinweise. Ein Forschungsteam hat darin das Darm-Mikrobiom von 189 gesunden Personen mit dem von 223 Herzkranken verglichen und nach auffälligen Unterschieden in der Bakterienflora gesucht.

Eine Bakterienart stach dabei besonders hervor: Bacteroides uniformis (kurz: B. uniformis). Wer herzgesund war, trug das Bakterium in großer Zahl in sich; bei Herzkranken hingegen war es Mangelware.

Allerdings bedeutet der beobachtete Zusammenhang noch keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Um herauszufinden, ob die Mikrobe das Herz tatsächlich schützt, brauchte es Folgeexperimente. Die medizinische Königsdisziplin dafür wäre eine klinische Langzeitstudie, bei der man Jugendlichen über 30 Jahre hinweg das Bakterium oder ein Scheinpräparat verabreichen würde. Das ist jedoch aus praktischen und ethischen Gründen unmöglich. Die Wissenschaftler wichen deshalb auf ein Tiermodell aus.

Zum Einsatz kamen Mäuse mit einer genetischen Neigung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Über zwölf Wochen erhielten sie fettreiches Futter, um die Entstehung von Atherosklerose, also die gefährliche Plaque-Bildung in den Gefäßen, gezielt zu beschleunigen.

Das Ergebnis: Wurden die Tiere zusätzlich mit B. uniformis gefüttert, bildeten sich deutlich weniger Ablagerungen in den Arterien. Der Schutzeffekt war vergleichbar mit dem etablierten Cholesterinsenker Atorvastatin. Zudem drangen messbar weniger entzündliche Immunzellen in die Gefäßwände ein.

Wie ein Darmbakterium den Cholesterinspiegel senkt

Neben der entzündungshemmenden Wirkung schraubte B. uniformis auch die Blutfettwerte herunter, insbesondere die Triglyceride und das umgangssprachlich oft als „schlecht“ bezeichnete LDL-Cholesterin. Aber wie macht das Bakterium das?

Die Lösung des Rätsels liegt laut den Forschern in der Leber, wo unser Körper den Großteil des Cholesterins herstellt. Unter dem Einfluss von B. uniformis passten die Leberzellen ihre Genaktivität an: Die Gene für die körpereigene Cholesterinherstellung wurden gedrosselt, während jene für den Abbau und Abtransport des Cholesterins aus dem Blut hochgefahren wurden.

Eine besondere Rolle spielte dabei der LDL-Rezeptor. Man kann sich diese Rezeptoren wie kleine Greifarme auf den Leberzellen vorstellen, die das schädliche Cholesterin aus dem Blut fischen. Mehr Greifarme bedeuten einen besseren Fang. B. uniformis nutzt damit einen ähnlichen Wirkmechanismus wie gängige Cholesterinsenker.

Der Bote ist eine gesättigte Fettsäure

Doch wie schafft es ein Bakterium im Darm, die Leber wie ein Kapitän sein Schiff zu steuern? Die Antwort: Es reist nicht selbst dorthin, sondern verschickt chemische Botenstoffe.

Als dieser molekulare Briefträger entpuppte sich eine spezielle Fettsäure: die Pentadecansäure, in der Fachwelt kurz als C15 bezeichnet – eine gesättigte Fettsäure mit einer Kette aus 15 Kohlenstoffatomen. Über die Blutbahn gelangt C15 direkt vom Darm in die Leber.

Rekonstruiert man die biologische Kettenreaktion, ergibt sich ein faszinierendes Bild:

  • Die Quelle: Das bei herzgesunden Menschen reichlich vorhandene Bakterium B. uniformis produziert im Darm die Fettsäure C15.
  • Der Transport: C15 gelangt über den Blutkreislauf zielgenau zur Leber.
  • Die Blockade: In den Leberzellen bremst die Fettsäure ein Schlüsselenzym der Cholesterinsynthese aus, nämlich die HMG-CoA-Reduktase – exakt dasselbe Enzym, an dem auch moderne Statine ansetzen.
  • Der Schutzreflex: Als Reaktion auf diesen Mangel bildet die Leber vermehrt LDL-Rezeptoren und fischt das schädliche Cholesterin im Eiltempo aus dem Blut.
  • Das Ergebnis: Bei den Versuchsmäusen führte diese Kaskade zu deutlich weniger Gefäßablagerungen und bremste die Arterienverkalkung spürbar aus.

LDL: ein Teil eines größeren Systems

Laut dem traditionellen Erklärungsmodell der Atherosklerose dringen LDL-Partikel in die Arterienwand ein, verfangen sich dort wie Fliegen im Spinnennetz und locken Entzündungszellen an. Daraus entstehen schließlich gefährliche Plaques.

Doch LDL-Partikel agieren nicht im luftleeren Raum. Wie sie sich verhalten, hängt entscheidend vom Zustand der Gefäßwand ab, und dieser wird maßgeblich von Blutdruck, Entzündungsprozessen, Insulinresistenz (einer Vorstufe von Typ-2-Diabetes) sowie der allgemeinen Stoffwechselgesundheit geprägt. In einem chronisch kranken Stoffwechselumfeld wirken diese Faktoren wie ein Brandbeschleuniger für das schädliche Potenzial von LDL. Bei stoffwechselgesunden Menschen hingegen fehlen diese Beschleuniger weitgehend.

Kurzum: LDL schlicht als „schlechtes“ Cholesterin abzustempeln, greift zu kurz. In einer Gesellschaft jedoch, in der Übergewicht, stille Entzündungen und ein gestörter Zuckerstoffwechsel weit verbreitet sind, trifft LDL auf einen Nährboden, der Gefäßerkrankungen massiv begünstigt.

Daher ist es von medizinischer Bedeutung, das Gesamtbild zu betrachten und stets mehrere Risikofaktoren gleichzeitig anzupacken, statt den Fokus starr auf LDL und verwandte Marker wie ApoB zu verengen.

Hinzu kommt, dass medikamentöse Cholesterinsenker, allen voran Statine, keineswegs frei von Kehrseiten sind.

Klinische Studien am Menschen verknüpfen die Einnahme von Statinen mit einer erhöhten Insulinresistenz und in manchen Fällen mit einem Rückgang des wichtigen Stoffwechselhormons GLP-1. Auch Hinweise auf eine Beeinträchtigung der Funktion der Mitochondrien, der Kraftwerke unserer Zellen, werden diskutiert, wenngleich deren finale klinische Tragweite noch erforscht wird.

Was uns diese Studie sagen kann und was nicht

Nun zu den Vorbehalten. Die Beweise für einen echten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang stammen bislang rein aus dem Tierversuch an Mäusen. Beim Menschen belegen die Daten vorerst nur folgenden Zusammenhang: Wer herzgesund ist, hat viel B. uniformis im Darm; wer herzkrank ist, hat wenig davon.
Es gibt zwar gute Gründe für die Annahme, dass dieser Mechanismus beim Menschen ganz ähnlich funktioniert. Dennoch steht der Beweis beim Menschen vorerst aus.
Auch die Annahme, man habe hier eine Art „natürliches Statin“ entdeckt, greift zu kurz. Zwar steuern die Fettsäure C15 und klassische Statine dasselbe Zielmolekül an, es handelt sich aber um grundverschiedene Substanzen. Unterschiedliche Moleküle bringen naturgemäß auch unterschiedliche Nebenwirkungsprofile mit sich.
Zudem ist das Darmbakterium keineswegs die einzige Quelle für den schützenden Botenstoff: C15 wird nicht nur von Mikroben im Verdauungstrakt gebildet, sondern gelangt schon lange über unsere Nahrung in den Körper, vor allem über vollfette Milchprodukte und fettreichen Fisch.

Ein Nährstoff ist kein Lebensmittel

Uns wird oft gesagt, dass gesättigtes Fett grundsätzlich schlecht für das Herz sei, eine Ansicht, die sich weitgehend aus Beobachtungsstudien an Bevölkerungsgruppen ableitet, deren Ergebnisse durch die enorme Vielfalt der Ernährungsgewohnheiten und Stoffwechselprozesse der Menschen verfälscht sein können. Stellen Sie sich jemanden vor, der Burger und Pommes isst und darüber hinaus eine Vielzahl anderer ungesunder Gewohnheiten pflegt. Das Fleisch enthält „gesättigtes Fett“, und gesättigtes Fett wird in einer vereinfachten Überlegung zum Sündenbock.
Allerdings ist gesättigtes Fett nicht gleich gesättigtes Fett: Der Begriff steht für eine riesige Familie von Molekülen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften, die in verschiedensten Lebensmitteln stecken. Sardinen etwa liefern C15 zusammen mit wertvollen Omega-3-Fettsäuren und hochwertigem Eiweiß. Käse wiederum bringt die Fettsäure im Verbund mit Proteinen, Kalzium, Salz und weiteren Fetten mit. In der ernährungsmedizinischen Forschung werden vollfette Milchprodukte überwiegend mit neutralen oder sogar positiven Effekten auf Herz und Stoffwechsel in Verbindung gebracht.

Die praktische Erkenntnis daraus ist jedoch nicht, sich nun ganze Käselaibe einverleiben zu müssen, um an ein angebliches „Wundermolekül“ zu gelangen: Wir sollten aufhören, uns auf einzelne Nährstoffe zu versteifen und dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Genau das ist der Kardinalfehler moderner Ernährungsratschläge. Menschen entwickeln plötzlich Angst vor isolierten Stoffen wie gesättigten Fettsäuren oder Salz – und meiden am Ende völlig wertvolle, naturbelassene Lebensmittel. Nicht selten greifen sie stattdessen zu hochverarbeiteten Ersatzprodukten. Und all das nur, weil sie einen einzelnen Nährstoff mit einem vollwertigen Lebensmittel gleichsetzen.

Ja, Lebensmittel, die bei mir fast täglich auf dem Teller landen, enthalten gesättigte Fette, die womöglich unser Herz schützen. Aber ich esse Sardinen und Pecorino nicht, um Jagd auf ein bestimmtes Molekül zu machen. Ich esse sie, weil sie nährstoffreich sind und mir schmecken. Manchmal ist genau das Grund genug.

Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Gesundheitsfragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Apotheker.
Zuerst erschienen auf theepochtimes.com unter dem Titel „This Saturated Fat Slows Heart Disease“. (deutsche Bearbeitung kr)

Leave a Reply

Your email address will not be published.