Obwohl Alzheimer gemeinhin als reine Hirnerkrankung gilt, verläuft der Krankheitsbeginn womöglich komplexer. Wie ein Forschungsteam der Universität Kopenhagen um den Wissenschaftler César Cunha in einer computergestützten
Analyse von Gen- und Zelldaten darlegt, zeigt sich die charakteristische Pathologie zwar letztlich im Gehirn, ihren Ursprung könnte sie bei manchen Patienten jedoch in anderen Körperregionen haben.
Andere Forscher stimmen darin überein, dass das Thema aus einer breiteren Perspektive betrachtet werden muss.
Laut Donna Wilcock, Professorin für Neurologie an der Indiana University und Chefredakteurin der Fachzeitschrift „Alzheimer’s and Dementia“, können auch körperliche Veränderungen außerhalb des zentralen Nervensystems die Hirnfunktion maßgeblich beeinflussen. Um die Entstehung von Alzheimer vollständig zu verstehen, müsse die Forschung daher den gesamten Körper in den Blick nehmen. „Auch wenn Alzheimer eine Erkrankung des Gehirns ist, müssen wir den gesamten Körper im Blick haben, wenn wir darüber nachdenken, wie sie entsteht“, sagte sie.
Auf der Suche nach dem Ursprung von Alzheimer
Die Alzheimer-Krankheit ist eine fortschreitende Erkrankung, die nach und nach die Nervenzellen im Gehirn schädigt, und sie ist die häufigste Ursache für Demenz. In ihren frühen Stadien beeinträchtigt sie vor allem das Gedächtnis, doch im weiteren Verlauf kann sie die Orientierungsfähigkeit, die Sprache, das Urteilsvermögen und die Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Aufgaben beeinträchtigen.
Die Gehirne von Alzheimer-Patienten weisen typischerweise zwei wesentliche Merkmale auf:
- Beta-Amyloid, also klebrige Proteinfragmente, die sich zusammenklumpen und Ablagerungen zwischen den Nervenzellen bilden, und
- Bündel bestehend aus fadenförmigen Tau-Proteinen, im Inneren der Zellen.
Da diese Veränderungen im Gehirn auftreten, zielt der Großteil der Bemühungen zur Entwicklung von Medikamenten gegen Alzheimer auf die Entfernung von Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn ab. Doch selbst wenn diese Medikamente die Plaques wirksam reduzieren, bleibt die klinische Besserung bei den Patienten sehr begrenzt. Im besten Fall verlangsamen sie lediglich das Tempo des Verfalls, sie stoppen das Fortschreiten der Krankheit nicht.
Aus diesem Grund blicken immer mehr Forscher über das Gehirn hinaus und fragen sich, was diese schädlichen Proteinablagerungen überhaupt erst in Gang setzt.
Was die neue Studie ergab
Wenn das bloße Beseitigen der Proteine im Gehirn den Verfall kaum stoppen kann, drängt sich die Frage auf: Wo nimmt die Kaskade ihren eigentlichen Anfang?
Die Wissenschaftler liefern für diese Spur nun ein weiteres Argument. Ihre Ergebnisse stützen die Annahme, dass wesentliche Weichenstellungen für Alzheimer nicht primär im Gehirn selbst stattfinden könnten, sondern an den Außengrenzen unseres Körpers. Grundlage dafür ist eine große Datenmenge der European Alzheimer and Dementia Biobank, die Gen-, Zell- und Gewebeproben von fast 86.000 Alzheimer-Patienten umfasst. Diese vorhandenen Datensätze analysierten die Forscher mittels computergestützter statistischer Verfahren.
Da Gewebeveränderungen im Gehirn Verstorbener immer nur das schwer geschädigte Endstadium einer jahrzehntelangen Entwicklung abbilden, setzten die Forscher bewusst auf den Blick auf Gewebe und Zellen außerhalb des Gehirns. Ihre Forschung deutet darauf hin, dass der Ursprung von Alzheimer in den sogenannten Barrieregeweben liegen könnte. Organe wie Lunge oder Darm stehen in ständigem Kontakt mit der Umwelt und filtern Erreger, Schadstoffe und Nahrung. Sie bilden die erste Verteidigungslinie des Körpers, weshalb das Immunsystem dort dauerhaft gefordert ist. Eine mögliche Erklärung der Forscher lautet daher: Chronische Störungen dieser peripheren Immun- und Entzündungsreaktionen könnten der eigentliche Startpunkt des Alzheimer-Prozesses sein, bevor die Schädigung auf das Gehirn übergreift.
Wie der Körper mit dem Gehirn „kommuniziert“
Doch wie genau führt eine Entzündung in der Lunge, im Darm oder im Blut letztendlich zu Gedächtnisschäden im Gehirn? Hier zeigte sich Cunha zurückhaltender und merkte an, dass dies genau der Teil ist, den die Wissenschaft noch nicht vollständig versteht.
Seine zentrale Hypothese betrifft die Blut-Hirn-Schranke – einen Schutzmechanismus, der filtert, was aus dem Blutkreislauf in das Hirngewebe gelangt. Diese Schranke macht es Immunzellen, Krankheitserregern und anderen großen Partikeln sehr schwer, ins Gehirn einzudringen.
Mit zunehmendem Alter neigt die Schranke jedoch dazu, schwächer und durchlässiger zu werden. Wenn das geschieht, sind chronische Entzündungen oder eine Überaktivität der Immunzellen möglicherweise nicht mehr nur ein Problem des „Körpers“ und können beginnen, auch das Gehirn zu beeinträchtigen.
„Normalerweise besteht die Aufgabe der Immunzellen darin, nur dann zu reagieren, wenn ein Virus oder ein Bakterium vorhanden ist, das beseitigt werden muss“, sagte Cunha. „Aber vielleicht führen die Gene, die das Alzheimer-Risiko erhöhen, dazu, dass diese Immunzellen auch dann aktiv werden, wenn sie es eigentlich nicht sollten. Und wenn solche Immunzellen das Gehirn erreichen, nachdem die Blut-Hirn-Schranke geschwächt ist, könnte dies ein Mechanismus sein, durch den das Immunsystem des Körpers eine Verschlechterung im Gehirn verursacht.“
Er verwendete eine einfache Analogie, um diese Idee zu veranschaulichen: Eine gut funktionierende Alarmanlage sollte in der Lage sein, zwischen einem Einbrecher und einer vorbeistreunenden Katze zu unterscheiden, während eine fehlerhafte Alarmanlage bei jeder kleinen Bewegung Alarm auslöst. Einige der mit Alzheimer in Verbindung stehenden Gene könnten auf ähnliche Weise wirken, vermutete er. Sie „verursachen“ die Krankheit nicht direkt, aber sie machen das Immunsystem überempfindlich, überaktiv und stark entzündungsfördernd. Wenn dieser Zustand über Jahre anhält und die Blut-Hirn-Schranke mit zunehmendem Alter schwächer wird, könnte das Gehirn letztendlich den Preis dafür zahlen.
Das bedeutet nicht, dass Alzheimer eine Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das körpereigene Gewebe angreift. Cunha stand dieser Definition skeptisch gegenüber. Seiner Ansicht nach spielt das Immunsystem zweifellos eine wichtige Rolle bei der Entstehung der Krankheit, doch derzeit gibt es keine ausreichenden Belege dafür, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung wie Multiple Sklerose handelt, bei der der Immunangriff typischerweise schneller und aggressiver verläuft.
Nicht der erste Hinweis
Die Vorstellung, dass die Alzheimer-Krankheit möglicherweise nicht ausschließlich im Gehirn ihren Ursprung hat, geht nicht auf Cunha zurück. Bereits 2002 ergab eine 25-jährige
Follow-up-Studie mit mehr als 1.000 japanisch-amerikanischen Männern in Hawaii, dass Teilnehmer mit niedrigeren Werten des hochsensitiven C-reaktiven Proteins – eines Blutproteins, das Entzündungen signalisiert – in der Lebensmitte ein geringeres Risiko hatten, später an Demenz zu erkranken.
Einfach ausgedrückt: Entzündungswerte, die viele Jahre vor dem Auftreten von Symptomen gemessen wurden, standen in Zusammenhang mit dem zukünftigen Demenzrisiko.
Nachfolgende Studien haben ähnliche Zusammenhänge aufgezeigt, konnten jedoch keinen direkten Kausalzusammenhang nachweisen. So stellte beispielsweise eine
Studie aus dem Jahr 2020 einen Zusammenhang zwischen bakteriellen Markern für Parodontitis und einem höheren Alzheimer-Risiko her, insbesondere im höheren Alter. Parodontitis ist eine weit verbreitete Erkrankung, die Mundgeruch, Zahnfleischbluten, Zahnfleischrückgang und in schweren Fällen Zahnverlust verursachen kann.
Eine weitere
Studie aus dem Jahr 2023 untersuchte den Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Alzheimer. Die Forscher identifizierten 10 Bakterienarten, die mit dem Erkrankungsrisiko in Verbindung stehen, wobei einige mit einem erhöhten und andere mit einem geringeren Risiko assoziiert waren. Eine umfassende
Übersichtsarbeit zu rund 200 Studien kam zu dem Schluss, dass 16 verschiedene Erkrankungen – darunter Parodontitis, Lebererkrankungen, Nierenerkrankungen und Typ-2-Diabetes – zusammen etwa ein Drittel der weltweiten Demenzlast ausmachen.
Ruth Itzhaki, eine renommierte molekulare Neurobiologin und emeritierte Professorin an der Universität Manchester, erforscht seit Jahrzehnten die mögliche Rolle von
Herpesviren bei Alzheimer. Itzhaki fand heraus, dass das Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1) – der Erreger von Lippenherpes – nach der Erstinfektion nicht aus dem Körper verschwindet und oft jahrelang, manchmal sogar jahrzehntelang, in einem Ruhezustand verbleibt. Im späteren Leben kann es ins Gehirn gelangen oder dort reaktiviert werden, was Entzündungen und im Laufe der Zeit kumulative Schäden auslöst.
Unterstützende Belege stammen auch von Rudolph Tanzi, einem wegweisenden Neurowissenschaftler an der Harvard Medical School. In einer
Studie aus dem Jahr 2018 zeigten er und seine Kollegen, dass die Infektion kultivierter menschlicher Neuronen mit Herpesviren ausreichte, um eine rasche Anreicherung von Beta-Amyloid auszulösen.
Diese Erkenntnisse stehen im Einklang mit der „Hypothese des mikrobiellen Schutzes“, die im Laufe des letzten Jahrzehnts vorgebracht wurde. Sie besagt, dass Beta-Amyloid ursprünglich möglicherweise gebildet wurde, um Eindringlinge wie Viren und Bakterien einzufangen, dass es jedoch problematisch wird, wenn die Reaktion außer Kontrolle gerät und zu einer übermäßigen Anreicherung führt.
Frühzeitige Intervention neu überdenken
Sollte dies – auch nur teilweise – zutreffen, könnten die therapeutischen Auswirkungen weitreichend sein. Seit Jahrzehnten ist eine der größten Herausforderungen in der Hirnmedizin die Blut-Hirn-Schranke selbst: die Schwierigkeit, Medikamente in das Hirngewebe zu bringen. Wenn ein Teil des Prozesses, der Alzheimer vorantreibt, „vorgeschaltet“ stattfindet, also im Immunsystem, im Blut und in den Barrieregeweben, müssen wir möglicherweise nicht immer direkt auf das Gehirn abzielen, um einzugreifen.
Nach Cunhas Ansicht stellt dies eine der wichtigsten Erkenntnisse aus seiner Forschung dar. Anstatt sich ausschließlich auf Versuche zu konzentrieren, die Endprodukte der Krankheit aus dem Gehirn zu entfernen, könnte es möglich sein, in einem früheren Stadium einzugreifen: durch die Verringerung unnötiger entzündlicher Aktivierung des Immunsystems, den besseren Schutz der Blut-Hirn-Schranke und die Identifizierung von Personen, die in das Zeitfenster der Anfälligkeit eintreten, bevor sichtbare Hirnschäden auftreten.
Diese Idee gewinnt angesichts neuerer
Impfstoffstudien zusätzlich an Bedeutung. Im Februar 2026 berichteten Forscher von Kaiser Permanente Southern California, dass bei Personen ab 65 Jahren, die zwei Dosen eines Impfstoffs zur Vorbeugung von Gürtelrose – einer schmerzhaften Erkrankung, die durch die Reaktivierung des Windpockenvirus ausgelöst wird – erhalten hatten, das kumulative Demenzrisiko deutlich geringer war als bei ungeimpften Patienten. Während des Nachbeobachtungszeitraums lag das Demenzrisiko in der geimpften Gruppe bei 5,67 Prozent, verglichen mit 10,64 Prozent in der Kontrollgruppe.
Cunha mahnte hier zur Vorsicht – der Impfstoff ist kein Mittel zur Behandlung von Alzheimer, und die Studie beweist nicht, dass ein einzelnes Virus die alleinige Ursache der Krankheit ist. Auch wenn Impfstoffstudien, Infektionsforschung und genetische Erkenntnisse zunehmend in dieselbe Richtung weisen, bedeutet dies nicht, dass wir alle bisherigen Erkenntnisse über Alzheimer über Bord werfen sollten.
Das Gehirn spielt bei der Erkrankung nach wie vor eine zentrale Rolle. Die endgültigen Schäden – Gedächtnisverlust, Sprachstörungen und der Verlust der Selbstständigkeit – treten alle im Gehirn auf. Cunhas Forschung stellt weder einen direkten Kausalzusammenhang her, noch identifiziert sie bislang den pathologischen Verlauf, beispielsweise welche Zellen die Blut-Hirn-Schranke überwinden oder welche Hirnregionen zuerst betroffen sind.
Dennoch erfüllt sie eine entscheidende Funktion: Sie hat das Potenzial, die Perspektive zu verändern, aus der wir die Krankheit betrachten.
„Es gibt noch vieles, was wir über die Prozesse, die zu dieser Krankheit führen, nicht verstehen, aber ich betrachte unsere Arbeit als Grundlage, die andere Forscher dazu anregen kann, diese Mechanismen zu untersuchen und zu verstehen, wie sie wirklich funktionieren“, sagte er.