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Fieber ist keine Krankheit – es ist ein Symptom


In Kürze:

  • Eine Körpertemperatur von 37 Grad Celsius gilt als normal – ein Wert aus dem 19. Jahrhundert. Heute sind die Menschen meist „kühler“.
  • Fieber ist eine gesteuerte Reaktion des Immunsystems und damit zunächst keine Krankheit, sondern ein Heilmittel.
  • Wer nur auf die Temperatur schaut, läuft Gefahr, eine sinnvolle Körperreaktion zu unterdrücken.
  • Bei Säuglingen, Schwerkranken oder Fieber nach einer Fernreise gelten strengere Maßstäbe.

 
Früher bekam man Fieber und ging ins Bett. Heute bekommt man zuerst ein Thermometer, dann eine Tablette, mit dem Gedanken, möglichst schnell wieder zu funktionieren. Nächstes Problem: Kaum zeigt die Anzeige 38,5 Grad Celsius, beginnt im Kopf das Notfallprotokoll.
„Was senkt die Temperatur am schnellsten? Paracetamol, Ibuprofen oder ein Wadenwickel? Vielleicht gleich ein Antibiotikum?“ Dabei ist Fieber zunächst keine Krankheit. Es ist erst mal nur ein Symptom – und eigentlich auch ein Heilmittel.

Der Körper heizt nicht ohne Grund

Der Körper erhöht seine Temperatur nicht aus Willkür. Fieber ist eine gesteuerte Reaktion des Immunsystems. Bei einem Infekt melden Botenstoffe dem Gehirn: Es gibt etwas zu tun. Im Hypothalamus, der zentralen Schaltstelle für die Temperaturregulation, wird der Sollwert nach oben gesetzt.
Deshalb friert man am Anfang oft, obwohl die Temperatur bereits steigt. Die Gefäße ziehen sich zusammen, die Hände und Füße werden kalt, die Muskeln beginnen zu zittern. Damit will der Körper Wärme erzeugen.
Später, wenn die Abwehrarbeit nachlässt und der Sollwert wieder sinkt, beginnt der Körper zu schwitzen. Dann gibt er Wärme ab. Wer das versteht, behandelt Fieber ganz anders, nämlich nicht mit Panik, sondern mit genauer Beobachtung.

Sind wir heute „kühler“ als früher?

Die Sache mit der Körpertemperatur ist spannender, als viele denken. Lange galt 37 Grad Celsius als normale Körpertemperatur. Dieser Wert stammt aus dem 19. Jahrhundert und hat sich tief in die Köpfe eingebrannt. Inzwischen zeigen größere Untersuchungen jedoch, dass die durchschnittliche Körpertemperatur vieler Menschen heute niedriger liegt als früher. Der Mensch scheint im Mittel etwas „kühler“ geworden zu sein.
Natürlich ist nicht jeder mit 36,2 Grad Celsius krank. Die Körpertemperatur schwankt je nach Tageszeit, Messort, Alter, Bewegung, Zyklus, eingenommenen Medikamenten und persönlicher Konstitution. Trotzdem sehe ich in der Praxis häufig Menschen, die nicht nur auf dem Thermometer kühl wirken: kalte Füße, kalte Hände, wenig Schwitzen, geringe Wärmebildung, niedrige Energie.
Interessant ist dabei noch etwas anderes: Aus der Altersmedizin kennt man das Phänomen, dass vor allem ältere Menschen bei Infekten oft keine kräftige Fieberreaktion mehr entwickeln. Eine Lungenentzündung kann dann mit Verwirrtheit, Schwäche oder Appetitlosigkeit beginnen, aber ohne hohes Fieber. Das zeigt: Fieber ist nicht nur ein Symptom, sondern auch Ausdruck von Reaktionskraft.

Die Körpertemperatur einer Person kann je nach Tageszeit, Messort, Alter, Bewegung, Zyklus, Medikamenten und persönlicher Konstitution schwanken.

Foto: metamorworks/iStock

Nicht die Zahl behandeln, sondern den Menschen

Genau deshalb ist der erste Fehler bei Fieber oft dieser: Man schaut nur auf die Zahl. Ich schaue zuerst auf den Menschen. Ist er „klar“? Trinkt er? Friert er? Sind Hände und Füße kalt oder warm? Schwitzt er? Wie lange besteht das Fieber bereits? Gibt es Warnzeichen wie starke Benommenheit, Atemnot, Nackensteife, Austrocknung, sehr hohes oder lang anhaltendes Fieber?
Bei Säuglingen, Schwerkranken oder Fieber nach einer Fernreise gelten ohnehin strengere Maßstäbe. Naturheilkunde heißt nicht, Warnzeichen zu übersehen. Sie heißt aber auch nicht, jede sinnvolle Körperreaktion sofort zu unterdrücken.

Wenn der Infekt beginnt: Wärme geben

Besonders wichtig ist die Frühphase eines Infekts. Man spürt es oft, bevor man es wahrhaben will. Die Füße werden kalt, der Rücken fröstelt, der Hals kratzt und die Glieder werden schwer. Was der Körper dann benötigt, sind Wärme, Ruhe und Schlaf.
Eine der besten Anwendungen in dieser Situation ist das temperaturansteigende warme Fußbad, genauer gesagt ein Unterschenkelbad. Dazu stellt man eine Fußbadewanne in die Dusche oder Badewanne und füllt sie mit Wasser, das „indifferent temperiert“ ist.
„Indifferent“ bedeutet: Mit einer Hand fassen Sie den Fuß an, mit der anderen Hand prüfen Sie das Wasser. Beides sollte sich gleich warm anfühlen. Das Wasser ist also weder kühl noch heiß, sondern entspricht ungefähr dem Wärmeempfinden der Füße.
Über den Brauseschlauch lässt man dann sehr warmes bis heißes Wasser zufließen. Die Wassertemperatur soll innerhalb von etwa 20 Minuten langsam auf ungefähr 41 Grad Celsius ansteigen, also grob um 1 Grad alle 2 Minuten. Wichtig ist: langsam steigern, nicht überfordern, nicht verbrühen.
Fußbad

Bei einem Fußbad sollten Sie nicht sofort mit heißem Wasser starten, sondern die Temperatur langsam steigern.

Foto: Mukhina1/iStock

Nach dem Bad werden die Füße gut abgetrocknet. Nicht kalt abgießen. Danach warme Socken anziehen und mindestens eine halbe Stunde zugedeckt ruhen, am besten mit einem heißen Lindenblütentee und ohne Handy, Fernseher oder sonstige Dauerbeschallung.
Dieses temperaturansteigende Fußbad eignet sich besonders bei chronisch kalten Füßen und bei beginnenden Erkältungskrankheiten. Genau in dieser Phase sucht der Körper Wärme. Man gibt sie ihm, statt mit Fiebersenkern oder kalten Anwendungen dazwischenzufunken.
Nicht geeignet ist es bei deutlichen Durchblutungsstörungen, diabetischer Nervenschädigung, schweren Herz-Kreislauf-Problemen, offenen Hautstellen oder Thromboseverdacht. Vorsicht ist auch bei kleinen Kindern, gebrechlichen Menschen und gestörtem Wärmeempfinden geboten.

Lindenblüten, Holunder, Thymian und Salbei

Lindenblüten sind eine klassische Pflanze bei Fieber. Sie passen besonders bei beginnendem Infekt, Frösteln und fieberhafter Erkältung. Ein bis zwei Teelöffel Lindenblüten mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, etwa 10 Minuten ziehen lassen, heiß trinken und danach ruhen. Lindenblütentee wirkt nicht besonders überzeugend, wenn man ihn trinkt und anschließend weiter durch den Alltag rennt. Er braucht das Bett als Verstärker.
Holunderblüten sind ähnlich wertvoll. Sie unterstützen den Körper ebenfalls bei der Schwitzreaktion und passen gut zu Lindenblüten. Eine einfache Mischung aus beiden Pflanzen, zu gleichen Teilen, reicht oft völlig aus. Ein bis zwei Teelöffel pro Tasse, acht bis 10 Minuten ziehen lassen, warm bis heiß trinken.
Wenn Husten dazukommt, besonders zäher Schleim oder ein belegtes Bronchialgefühl, kommt Thymian ins Spiel. Thymian ist keine reine Fieberpflanze, sondern eine Atemwegspflanze. Ein Teelöffel Thymiankraut auf eine Tasse heißes Wasser, 10 Minuten ziehen lassen, zwei bis drei Tassen täglich. Auch eine vorsichtige Inhalation kann sinnvoll sein. Dabei gilt: nicht verbrühen und nicht bei kleinen Kindern unbeaufsichtigt anwenden.
Salbei passt vor allem bei Halsschmerzen, entzündeter Mundschleimhaut und gereiztem Rachen. Hier ist Gurgeln oft besser als literweises Trinken. Einen Teelöffel Salbeiblätter mit heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen, abkühlen lassen und mehrmals täglich gurgeln. Als Tee nur maßvoll verwenden, denn Salbei kann austrocknend wirken.

Salbeitee wirkt gesünder, wenn er gegurgelt statt getrunken wird.

Foto: iStock/soniabonet

Erst frösteln, dann schwitzen: Die Phase entscheidet

Ist das Fieber bereits da, entscheidet die Phase. Friert der Kranke noch? Sind Hände und Füße kalt? Gibt es Schüttelfrost? Dann steigt das Fieber. In dieser Phase sind kalte Anwendungen falsch. Der Körper will Wärme aufbauen. Also Wärme geben: Bett, Tee, warme Füße, Ruhe.
Ist der Körper dagegen heiß, sind Beine und Füße warm, schwitzt der Mensch oder empfindet die Hitze als belastend, dann kann man Wärme ableiten. Jetzt kommen die guten alten Wadenwickel ins Spiel. Aber bitte richtig.
Auf einen halben Liter Wasser gibt man einen Esslöffel Essig. Zwei Leinentücher oder Küchenhandtücher eintauchen, leicht auswringen und um die Waden legen. Ein dickes Badetuch unter die Beine, damit das Bett trocken bleibt. Die Wickel werden je nach Fieber recht rasch warm. Dann können sie ein bis dreimal erneuert werden. Dabei immer wieder die Temperatur kontrollieren. Die Beine dürfen nicht kalt werden. Merke: Wadenwickel sollen das Fieber senken, nicht den Kranken auskühlen.
Auch kalte Abreibungen mit einem feuchten Waschlappen können hilfreich sein, wenn der Körper heiß ist und Wärme abgeben kann. Bei Frösteln lässt man das bleiben. Kneipp war kein Vertreter von Kälte um jeden Preis. Seine Wasseranwendungen beruhen auf Reiz und Antwort. Die Anwendung muss zum Zustand des Menschen passen.

Essen nur, wenn Hunger da ist

Beim Essen gilt eine einfache Regel: Nur wenn Hunger da ist. Bei Fieber verschwindet der Appetit häufig nicht aus Laune, sondern weil der Körper Verdauungsenergie spart. Niemand wird schneller gesund, weil man ihm bei 39 Grad Celsius noch eine schwere Mahlzeit aufdrängt.
Sinnvoll sind Tee, Wasser bei Durst, etwas Gemüsebrühe, eine leichte Suppe, vielleicht Reis, Kartoffeln oder gedünsteter Apfel, wenn Appetit vorhanden ist. Weniger sinnvoll sind Alkohol, Süßigkeiten, schwere Milchprodukte und die berühmte, angeblich wieder zu Kräften bringende, kräftige Kost, während der Körper gerade alles andere als Verdauungsarbeit bestellt hat.

Unterstützung, aber keine Wunderwaffe: Vitamin C und Zink

Vitamin C und Zink können unterstützen. Vitamin C gehört zuerst auf den Teller: Hagebutte, Sanddorn, Beeren, Paprika, Zitrusfrüchte, Sauerkraut. Ergänzend kann man während eines Infekts versuchen, über den Tag verteilt 500 bis 1.000 Milligramm einzunehmen, sofern es gut vertragen wird. Manche nehmen deutlich mehr und schwören darauf.
Zink ist vor allem in der Frühphase interessant, möglichst in den ersten 24 Stunden. Kurzfristig kann es sinnvoll sein, dauerhaft hochdosiert dagegen nicht. Und: Zink-Nasensprays würde ich meiden.

Fazit

Fieber ist kein Feind, den man sofort niederringen muss. Es ist ein Zeichen, dass der Körper arbeitet, und es ist auch ein Heilmittel, mit dem sich der Körper selbst helfen will. Entscheidend ist nicht nur die Zahl auf dem Thermometer, sondern der Mensch, der vor einem liegt: frierend oder schwitzend, klar oder benommen, durstig oder erschöpft.
Die vergessene Kunst besteht heute darin, nicht jede Reaktion des Körpers sofort zu unterbrechen, sondern sie richtig zu begleiten. Gute Medizin beginnt nicht mit dem stärksten Mittel, sondern mit genauer Beobachtung und Beurteilung.

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