In Kürze:
- Eigenes EU-Satellitennetz: Mit IRIS² will die EU ihre Abhängigkeit von außereuropäischen Satellitendiensten verringern. Die Konstellation soll nach einer Erweiterung 348 Satelliten umfassen.
- Milliardeninvestitionen: Neben dem EU-Projekt plant Deutschland mit SATCOMBw 4 ein eigenes Satellitennetz für die Bundeswehr. Die Kosten werden auf 8 bis 10 Milliarden Euro geschätzt.
- Raketenstarts als Engpass: Erste Satelliten sollen 2029 starten. Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, ist angesichts begrenzter Startkapazitäten und gestiegener Kosten offen.
2021 kündigte die EU die Entwicklung eines eigenen Satellitenkommunikationssystems an. Unter dem Namen IRIS² – „Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite“ – soll ein europäisches Satellitennetz entstehen, das sichere Kommunikation für staatliche Stellen und kommerzielle Breitbanddienste ermöglicht.
Das Programm soll die digitale Souveränität und strategische Handlungsfähigkeit der EU stärken und dazu beitragen, Versorgungslücken bei der Internetanbindung zu schließen.
In einem ersten Schritt sollen sichere Verbindungen für Regierungen, Militär, Sicherheitsbehörden und kritische Infrastruktur entstehen. Später sollen auch Unternehmen und Privatpersonen die Infrastruktur nutzen können.
Vereinbarung vom 7. August als Meilenstein bei der Umsetzung von IRIS²
Ursprünglich waren 282 Satelliten unter dem Banner von IRIS² vorgesehen. Am 7. August 2026 unterzeichneten die Europäische Kommission und das SpaceRISE-Konsortium eine Vereinbarung zur Umsetzung von IRIS².
Durch diese wurde das Programm um 66 Satelliten in der niedrigen Erdumlaufbahn erweitert und damit in der Hauptkonstellation auf 348 Satelliten aufgestockt. Von diesen sollen nun insgesamt 330 in niedriger und 18 in mittlerer Erdumlaufbahn kreisen. Zum Vergleich: Starlink verfügt derzeit über mehr als 10.000 Satelliten.
Das Netz soll verschlüsselte Verbindungen ermöglichen. In diesem Kontext spielt dem Konzept zufolge auch die europäische Quantenkommunikationsinfrastruktur EuroQCI eine Rolle. Nach derzeitigem Stand sind die ersten Satellitenstarts für 2029 vorgesehen.
Erste Dienste sollen schrittweise ab 2029 verfügbar sein; der vollständige Betrieb ist für 2030 geplant. Ursprünglich war ein früherer Start angedacht.
Auch die voraussichtlichen Gesamtkosten sind gegenüber den ursprünglichen Kalkulationen deutlich angestiegen. Mittlerweile rechnet man mit einem finanziellen Rahmen von mindestens 15,6 Milliarden Euro. Anders als bei Starlink soll der Schwerpunkt von IRIS² zunächst nicht auf möglichst flächendeckendem Internet für Privatkunden liegen. Zunächst geht es um sichere Verbindungen für staatliche Akteure.
Bremer Unternehmen OHB übernimmt Bau von 18 Satellitenplattformen
Immerhin stellt die Vereinbarung zwischen EU-Kommission und dem Konsortium SpaceRISE vom August 2026 einen relevanten Schritt über die reine Planungsphase hinaus dar. Nun geht es darum, herauszufinden, ob sich die ehrgeizigen Vorgaben des Projekts tatsächlich einhalten lassen.
Deutschland ist im Rahmen des Projekts eine bedeutende Rolle zugedacht. So hat der Bremer Raumfahrtkonzern OHB mit dem Satellitenbetreiber SES einen Vertrag über die Entwicklung und den Bau von 18 Satellitenplattformen für die mittlere Erdumlaufbahn im Wert von knapp einer Milliarde Euro abgeschlossen. OHB-Chef Marco Fuchs erhofft sich von dem Vorhaben ebenfalls mehr europäische Unabhängigkeit.
Für IRIS² wurden bisher unterschiedliche Unternehmen mit der Fertigung von Satelliten beauftragt. So soll das belgische Unternehmen Aerospacelab 264 Satelliten für die niedrige Erdumlaufbahn bauen. Die Fertigung soll 2027 anlaufen. In Charleroi errichtet Aerospacelab dafür eine eigene Fabrik mit einer jährlichen Kapazität von bis zu 500 Satelliten.
Die Frage, wie stark die deutsche Industrie von dem Projekt profitieren würde, war jedoch von Beginn an offen. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte Ende 2023 eine Klärung der deutschen Beteiligung und der Wertschöpfungsanteile gefordert.
Derzeit bemühen sich EU-Mitgliedstaaten, IRIS² durch nationale Investitionen zur Deckung zusätzlicher Anforderungen zu stärken.
Spanien hat Investitionen zwischen 1,6 und 2 Milliarden Euro angekündigt, Polen und Ungarn haben jeweils dreistellige Millionenbeträge zugesagt. Weitere Beiträge von EU-Mitgliedstaaten werden derzeit geprüft und einige Vereinbarungen finalisiert.
Deutschland baut parallel zu IRIS² eigene militärische Satelliteninfrastruktur auf
Parallel zu IRIS² treibt Deutschland mit SATCOMBw 4 den Aufbau eines eigenen Satellitenkommunikationsnetzes voran. Dieses soll primär militärischen Zwecken dienen, unter nationaler Kontrolle stehen und insbesondere die NATO-Ostflanke abdecken.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius kündigte im September 2025 Investitionen von insgesamt 35 Milliarden Euro bis 2030 für militärische Weltraumprojekte an. Die Mittel sollen unter anderem die Kommunikations- und Aufklärungsfähigkeiten der Bundeswehr im Weltraum stärken.
SATCOMBw 4 soll letztlich aus einer dreistelligen Zahl von Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn bestehen. Die Kosten für das Projekt werden auf 8 bis 10 Milliarden Euro geschätzt. Um den bislang noch nicht vergebenen Auftrag hat sich das Gemeinschaftsunternehmen OHB Rheinmetall Space Networks beworben.
SATCOMBw 4 könnte dazu beitragen, Versorgungslücken zu schließen, falls sich das EU-Projekt weiter verzögert. Langfristig ist eine enge Abstimmung mit IRIS² vorgesehen.
Raketenstarts könnten zum Engpass werden
Die Finanzierung und technische Planung der Satelliten sind inzwischen weiter fortgeschritten. Allerdings ist noch nicht absehbar, ob sich die ehrgeizigen Zeitpläne einhalten lassen und alle Satelliten rechtzeitig gebaut und ins All gebracht werden können.
Als möglicher Engpass gelten die Raketenstarts. Europa setzt dabei unter anderem auf die Ariane 6, die bislang erst vergleichsweise wenige Flüge absolviert hat. Außerdem müssen die Startdienste für IRIS² noch organisiert werden.
Verzögerungen beim Transport ins All könnten den gesamten Zeitplan gefährden. Weitere Herausforderungen sind die gestiegenen Kosten, der Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten und die Abstimmung zwischen den beteiligten Staaten.
Zudem muss geklärt werden, welche Behörden und Dienste in Krisen bevorzugt auf die geschützten Kapazitäten zugreifen dürfen.


