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Vater von Asterix und Co.: „Das Lachen ist der wahre Zaubertrank“

„Ich wurde am 14. August 1926 in Paris geboren und entschloss mich anschließend, zu wachsen“ – mit diesem Satz pflegte René Goscinny gerne, mit verschmitztem Augenzwinkern, auf die Frage nach seinem Geburtsdatum zu antworten. Im Herbst 1959 hob er gemeinsam mit Albert Uderzo das Jugendmagazin „Pilote“ aus der Taufe.
Die Freude daran, sein Publikum mit überraschenden Pointen zum Schmunzeln und Lachen zu bringen, zeigt sich jedoch schon weit früher.
„Ich war der Spaßvogel der Klasse“, schreibt er über seine Zeit am französischen Gymnasium in Buenos Aires, wohin seine Eltern 1928, zwei Jahre nach seiner Geburt, gezogen waren, „aber weil ich brav büffelte, ließ man mich machen“.
Gewitzt und fleißig bleibt Goscinny sein Leben lang. Nach der Schule studiert er Literaturwissenschaften und Kunst, muss aber nach dem frühen Tod des Vaters schon bald seinen Lebensunterhalt selbst verdienen.
Zusammen mit seiner Mutter siedelt der 19-Jährige 1945 auf Einladung eines Onkels nach New York über und versucht dort, als Zeichner Fuß zu fassen. Seine Bewerbungen beim Manhattaner Büro der Disney-Studios und dem renommierten Magazin „The New Yorker“ bleiben jedoch unbeantwortet.
Mit Gelegenheitsarbeiten hält sich der junge Mann einige Zeit finanziell über Wasser, geht nach Frankreich, um dort einen einjährigen Militärdienst zu absolvieren, kehrt dann aber wieder nach New York zurück.

Weichenstellung

Endlich stellen sich hier nun für ihn entscheidende Weichen. Ende 1948 bewirbt sich Goscinny mit einer Mappe voller Zeichnungen bei einem kleinen Illustrations- und Werbestudio am Broadway und lernt dort Charlie Stern, Will Elder und Harvey Kurtzman kennen.
Nur wenige Jahre später werden diese drei das berühmte Satiremagazin MAD gründen. Doch schon jetzt fasziniert und inspiriert den jungen, neuen Mitarbeiter ihr satirisch pointierter New Yorker Humor. Aus Kollegen werden Freunde.
Zu ihnen gesellt sich kurz darauf einer der Pioniere des belgischen Comicmagazins „Spirou“, Maurice de Bévère, genannt Morris. Er ist nach Amerika gereist, um hier frische Ideen für den Helden seiner Bildgeschichten, den Cowboy Lucky Luke, zu finden, und entdeckt wie nebenbei René Goscinny.

Maurice de Bévère, genannt Morris, mit einem Album aus der Reihe „Lucky Luke“.

Foto: gemeinfrei, Hans Peters for Anefo – Nationaal Archief Fotocollectie Anefo

Er bewegt das junge Talent, nach Brüssel, ins damalige Zentrum der europäischen Comicszene, zu kommen. Mit weitreichenden Folgen.
In Brüssel taucht der Neuankömmling aus New York nicht nur in die überaus vitale belgische Comicwelt ein, sondern lernt 1951 bei einer Reise nach Paris auch den genialen Zeichner Albert Uderzo (1927–2020) kennen, der dort für die belgische Presseagentur Tandem World Press arbeitet.

Wichtige Entscheidung

Nicht zuletzt dieses Treffen bewegt Goscinny, einen mutigen Entschluss zu fassen. Seine eigenen Ambitionen als Zeichner gibt er auf und überlässt das Zeichnen fortan „denen, die ich für besser hielt als mich selbst“, erinnert er sich einige Jahre später.
Zusätzlichen Rückenwind gibt ihm der Spott eines älteren Bekannten. „Comicszenarist?! Das kriegt doch der letzte Trottel hin!“ habe dieser zu ihm gesagt. „Da verstand ich“, erzählt Goscinny rückblickend verschmitzt, „dass ich meine Berufung gefunden hatte.“
Eine unvergleichliche Laufbahn als Comicautor nimmt ihren Lauf. Bei der Agentur Tandem World Press arbeiten Albert Uderzo und er in Paris arbeitsteilig und symbiotisch zusammen. Und auch für seinen guten Freund Morris schreibt Goscinny schon bald neue Szenarien für den „Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten“. Die frischen Ideen des Szenaristen machen Lucky Luke zum Welterfolg.

Bild von Lucky Luke in einer Metrostation in Charleroi, Belgien.

Foto: Jmh2o, CC BY-SA 4.0

Goscinny erfindet die tollpatschigen Schurkenbrüder, die Daltons, und den ewig schläfrigen und hungrigen, sympathischen, aber auch außergewöhnlich einfältigen Hund Rataplan. Nicht weniger als 656 Figuren entspringen Goscinnys Imagination allein für die „bande dessinée“ von Lucky Luke.
Das 1.248 Seiten starke „Dictionnaire Goscinny“ aus dem Jahr 2003 listet sie und alle anderen Schöpfungen des nimmermüden und überaus kreativen Texters akribisch auf.
Für den Zeichner Jean Tabary entwickelt er die Geschichten des intriganten, karrieresüchtigen, aber immer erfolglosen Großwesirs Iznogoud. Scharfsinnig und liebevoll erwecken Goscinnys Szenarien im Zusammenspiel mit den Zeichnungen Jean-Jacques Sempés die Abenteuer des kleinen Nick zum Leben.
So erfolgreich und berühmt diese und viele weitere Comicprojekte sind, sein größtes Meisterstück gelingt René Goscinny in kongenialer Zusammenarbeit mit Albert Uderzo.
Im Sommer 1959 sitzen die beiden Freunde auf dem Balkon von Uderzos Sozialwohnung in einem Vorort von Paris zusammen, erinnert sich der Zeichner in seiner Autobiografie „Uderzo se raconte“:
„[…] Es war unerträglich heiß. René und ich suchten fieberhaft nach einer Idee für das neue Magazin ,Pilote‘, das in wenigen Wochen starten sollte. Wir tranken Pastis, rauchten eine Zigarette nach der anderen und durchstöberten die französische Geschichte. Bei den Galliern riefen wir plötzlich beide: ‚Stopp! Das ist es!‘ und brachen in einen […] Lachanfall aus. Asterix wurde buchstäblich aus diesem kolossalen Lachen geboren.“

Ausschnitt aus einem Wandgemälde in Brüssel.

Foto: Ferran Cornellà, CC BY-SA 3.0

Von nun an schreibt Goscinny die humorvollen Abenteuer des Galliers Asterix und seiner Freunde und würzt die intelligenten Szenarien ausgiebig mit Wortwitz. Schelmische Freude bereitet es ihm, sich über kulturelle Eigenheiten und menschliche Schwächen seiner Protagonisten lustig zu machen, ohne sie aber jemals zu verunglimpfen.
Uderzo entwirft hingegen die überaus dynamischen und detailreichen Zeichnungen und Layouts in geradezu unglaublicher Qualität und Geschwindigkeit.

Uderzo zeichnet Asterix. Fotograf: unbekannt, CC0

Gigantischer Erfolg

Das Ergebnis schlägt ein wie eine Bombe. Schon bald entwachsen die Abenteuer des kleinen gallischen Widerständlers und seiner wehrhaften Dorfgenossen dem Magazin „Pilote“. Über die Jahre entstehen 24 Alben aus der kreativen und vertrauensvollen Zusammenarbeit von Szenarist und Zeichner.
Wer kennt sie nicht, die Redewendungen des Originals, die, in über 200 Sprachen und Dialekte übersetzt, sich nahezu weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert haben?

Die gesamte Comicwand in Brüssel, 33 rue de la Buanderie.

Foto: Lin Mei, CC BY 2.0

„Ils sont fous, ces Romains!“, „Die spinnen, die Römer!“, variiert Goscinny munter für alle Völker und Volksgruppen, zu denen Asterix und sein bester Freund Obelix reisen. Alle sind sie auf ihre eigene sympathisch schrullige Weise ein bisschen „fou“.
Der beleibte Hinkelsteinproduzent Obelix wiederum macht immer wieder mit Nachdruck deutlich, dass er keinesfalls „dick“ sei, „nur etwas kräftig gebaut“.
Die einzige wirkliche Sorge des Dorfchefs Majestix ist dagegen, dass „der Himmel uns auf den Kopf fällt“. Die Übermacht des römischen Imperiums und ihrer bis an die Zähne bewaffneten Militärmaschinerie lässt ihn und seine Dorfgenossen dagegen völlig ungerührt.
Schon die ikonischen Zeilen auf der ersten Seite eines jeden Bandes klären zum Vergnügen von Generationen über die unverrückbare Ausgangslage auf: „Wir schreiben das Jahr 50 vor Christus“, steht dort unter der Landkarte Galliens geschrieben, auf der eine große Lupe das winzige gallische Dorf und die Römerlager hervorhebt, die es umzingeln. „Ganz Gallien ist besetzt … Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“
Doch was ist es, das diesem Dorf und seinen eigenwilligen Bewohnern die Zuversicht schenkt, sich unverdrossen gegen seine Gegner zu stellen? Es ist das wundersame Wissen des Dorfdruiden Miraculix um ein geheimnisvolles Gebräu, das ungeahnte Zauberkräfte verleiht.
Oder ist es vielleicht so, wie es Anne Goscinny, die Tochter des Szenaristen, in einem Interview aus dem Jahr 2019 beschreibt? „Das Lachen ist der wahre Zaubertrank. Ich meine damit die Fähigkeit, die schlimmsten Bedrohungen ins Lächerliche zu ziehen und diese so zu überstehen.“

Hommage an einen Freund

Am 6. November des Jahres 1977 ist sie gerade neun Jahre alt, als ihr Vater völlig unerwartet bei einem medizinischen Belastungstest kollabiert und stirbt. Die abendliche Hauptnachrichtensendung des staatlichen französischen Fernsehens beginnt mit dieser erschütternden Nachricht. Frankreich trauert um Goscinny, wie um einen guten Freund.
Albert Uderzo, mit dem René Goscinny gerade intensiv am 24. Abenteuer des kleinen Galliers gearbeitet hatte, reagiert auf ganz eigene, berührende Weise. Nach dem Tod seines Freundes zeichnet er für dieses letzte Gemeinschaftsprojekt nur noch Bilder, auf denen es aus grauen Wolken regnet.
Beim traditionellen Festbankett der Dorfbewohner, das dieses wie jedes Abenteuer der Gallier beschließt, geht ein kleines Kaninchen, in Anspielung auf einen Kosenamen des Freundes, aus dem Bild und blickt traurig auf Goscinnys Signatur zurück.